weather-image
28°

Hochalpine Trails in einer atemberaubenden Landschaft

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Auf dem Goldseetrail hat man einen wunderschönen Blick auf den Ortler. (Fotos: Till)
Bildtext einblenden
Am Goldseetrail ist eine gute Technik gefragt.
Bildtext einblenden
Am Bergpass Bocchetta di Forcola gibt's eine einzigartige Landschaft zu bestaunen.

Der Goldseeweg ist der wohl legendärste Supertrail in den Alpen und steht ganz oben auf der Wunschliste jedes ambitionierten Bergradlers. Er zieht sich von der Garibaldihütte unterhalb der Dreisprachenspitze aus 2850 Meter hinunter zur Furkelhütte. Da der, teilweise nicht einmal handtuchbreite Weg, ausgesetzt durch sehr steiles Schrofengelände führt, darf er mit dem Mountainbike nur bis 10 Uhr vormittags befahren werden, um Unfälle mit Bergsteigern zu vermeiden.


Sabine Sedlmayer, Markus Horner, Alois Raba und ich nutzten eine Schönwetterphase und fuhren zunächst auf das Stilfser Joch, um dort zu übernachten. Am nächsten Morgen strampelten wir bei frischen vier Grad los, um zu dem nur 100 Höhenmeter höher gelegenen Rifugio Garibaldi zu gelangen. Der sausteile Karrenweg und die dünne Luft raubten uns den Atem und so schoben wir unsere Radl hinauf.

Anzeige

Leider hatte der vorherige Kaltlufteinbruch auf den ersten 200 Tiefenmetern an der Hangseite des Weges noch teilweise gefrorenen Schnee hinterlassen. Also balancierten wir auf unseren Drahteseln am steilen Abhang entlang. Und es kam, wie es kommen musste. Mir stockte der Atem, als vor mir der durchfeuchtete und daher lose Wegrand unter dem Reifen von Markus nachgab und er mit seinem Rad ein Rad schlug.

»Ein Adrenalinschub am Tag reicht«

Dieses rutschte den Steilhang hinunter und Markus lief geistesgegenwärtig hinterher. Nach rund 30 Metern hat er es vor dem weiteren Absturz gerettet und schleppte es wieder hoch. Nachdem sich die Aufregung etwas gelegt hatte, fragte ich ihn boshafterweise, ob er den Stunt wiederholen könnte, da ich es filmen möchte. Er meinte trocken: »Ein Adrenalinschub am Tag reicht.«

Zwischenzeitlich hatte sich der Morgennebel gelichtet und ein traumhaftes Gletscherpanorama breitete sich vor unseren Augen und Fotolinsen aus. Besonders die majestätische Berggestalt des Ortlers zog alle Blicke auf sich.

Es war wärmer geworden und kein Schnee mehr vorhanden. Wie im Rausch surften wir über flowige Passagen, um dann aber unsere Räder auch wieder über unfahrbare Geröllfelder zu schieben. Durch die vielen technischen Abschnitte zirkelte unsere Amazone Sabine mit einer Leichtigkeit, dass wir ihr kaum oder gar nicht folgen konnten. An der Furkelhütte angekommen, brausten wir den folgenden Forstweg hinunter nach Stilfs, zu der bei guten Rennradfahrern beliebten Passstraße.

Nach 48 Kehren hat die Schinderei ein Ende

Während sich die sogenannten »Downhiller« bequem in Autos auf das Joch hinauf shutteln ließen, mussten wir uns den schweißtreibenden 1500 Höhenmeteranstieg mit schmerzenden Rücken hinaufquälen. Besonders lästig waren an diesem schönen Tag die vielen Sportwagen und Motorräder, die mit aufheulenden Motoren an uns vorbeirasten. Nach endlosen 48 Kehren hatte die Schinderei ein Ende und wir hatten uns eine Brotzeit im Albergo Folgore verdient. Als uns die italienische Wirtin die Minestrone brachte, deutete sie zum Himmel und rief ganz aufgeregt »gipeto«. Und tatsächlich, in geringer Höhe kreiste ein Bartgeier mit gut drei Metern Flügelspannweite majestätisch über dem Stilfser Joch und beäugte offensichtlich neugierig das rege Treiben.

Nach diesem beeindruckenden Schauspiel düsten wir auf Asphalt hinunter zum Umbrailpass. Von hier ging es auf einem ausgesprochen tollen Hochgebirgsweg hinauf zum 2760 Meter hohen Bergpass Bocchetta di Forcola. Hier beeindruckte uns eine ganz eigenartige Landschaft. Aus den grünen Hochalmen erheben sich 3000 Meter hohe Berge, die wie riesige graue Schutthalden aussehen. Der morbide Fels ist starker Erosion unterworfen und bröckelt ständig ab.

Wie fast überall in den Südalpen sind auch hier Schützengräben und Stellungen stumme Zeitzeugen vom Irrsinn des I. Weltkrieges. Während die Soldaten damals unvorstellbares Leid ertragen mussten, profitieren wir Mountainbiker von den alten Militärpisten, die hinunter zum Lago Cancano bei Bormio führen. Im Gegensatz zu den gut erhaltenen Militärstraßen am berühmten »Gardasee-Tremalzo« werden diese hier nicht gepflegt und stellten mit tiefen Wasserrinnen hohe Ansprüche an unser Fahrkönnen. Schuttreißen, die tiefe Schneisen in die Piste gerissen hatten, mussten wir überklettern, bis wir schließlich am milchig grünen See ankamen und zum Rifugio Fraele rollten. Nachdem wir über zehn Stunden unterwegs waren und mehr als 2000 Höhenmeter in den Beinen hatten, freuten wir uns auf eine heiße Dusche und ein Bier in der gemütlichen Hütte.

Am nächsten Morgen konnten wir uns entlang des nächsten Sees, dem Lago di San Giacomo, einfahren. Am Ende des Sees führt ein Karrenweg in angenehmer Steigung zum Passo di Valle Alpisella. In diesem lieblichen Hochtal säumen mehrere kleine Bergseen den Weg. Vom 2285 Meter hohen Sattel ging es in einer rauschenden Abfahrt hinunter zum Mountainbikeparadies Livigno mit seinem gleichnamigen See.

Mehrmals barfuß durch einen eiskalten Bach

Der Passo Trela war unser nächstes Ziel. Um eine Straßenauffahrt zu vermeiden, bogen wir gleich am Lago di Livigno in eine Schlucht ein und fuhren auf einer Wegspur entlang eines Bachs. Das Gelände wurde immer unwegsamer und wir mussten mehrmals barfuß den eiskalten Bach durchwaten. Alois versuchte sich als Brückenbauer und warf Steine und Schwemmholz in den Bach, um diesen trockenen Fußes überqueren zu können – aber er wurde trotzdem nass.

Schließlich erreichten wir den offiziellen Weg im Val di Trela und stellten zu unserer Überraschung fest, dass ein Trailbauer gerade dabei war, einen Mountainbikeweg fertigzustellen, der die Schlucht umgeht und den Bergradler auch schon nutzten. Toll, aber was soll es! Wir radelten auf einem sagenhaften Trail entlang des Bachs durch eine traumhafte Landschaft.

Je näher wir dem Bikerpass kamen, umso mehr steilte sich der Weg auf und wir dachten »der Berg schnappt auf«. Einige sausteile »Schnapper« zwangen uns aus dem Sattel. Schließlich kamen wir am Joch in 2300 Meter Höhe an und wurden wieder durch ein atemberaubendes Panorama mit Gletscher- und Felsbergen entschädigt. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht surften wir dann über einen absoluten Traumtrail hinunter zur Malga (Alm) Trela, um danach über einen Forstweg in eine tiefe Schlucht mit beeindruckender Felsszenerie einzutauchen. Diese spuckte uns am Lago San Giacomo wieder aus.

Nach einer Mittagspause im Ristoro San Giacomo ging es weiter in das bei »Transalpern« berühmte Val Mora. Hier kam uns der Siegsdorfer Bürgermeister Thomas Kamm auf seinem Bergradl entgegen, der ebenfalls auf einem Dreitages-cross unterwegs und durch die einzigartige Val-Uina-Schlucht gekommen war. Nach einem kurzen Gespräch radelten wir in jeweils entgegengesetzter Richtung weiter.

Wir genossen die Auffahrt über einen tollen und nie zu steilen Wanderweg in einer sagenhaft schönen Landschaft zum Übergang ins Val Vau der Schweiz. Auf einem Forstweg düsten wir an rauschenden Wasserfällen vorbei nach Santa Maria im Münstertal. Normalerweise hätten wir hier übernachtet, um am nächsten Tag über den Umbrailpass zurück zu unseren Autos zu fahren. Aber wegen der gesalzenen Preise in der Schweiz rollten wir auf der Straße hinunter nach Taufers in Südtirol. Hier feierten wir sehr ausgiebig die tollen Erlebnisse der vergangenen Tage.

Auf den letzten Kilometern zieht ein Gewitter auf

Laut Wetterbericht sollte die nächste Kaltfront dieses Sommers erst am Nachmittag des nächsten Tages eintreffen. Also starteten wir am nächsten Morgen auch bei Sonnenschein und dachten spätestens zu Mittag am Ausgangspunkt Stilfser Joch zu sein. Doch der Mensch denkt und Gott lenkt. Bereits kurz nach dem Start erblickten wir unheilvoll dunkle Wolken im Westen über den Engadiner Bergen. Entferntes Donnergrollen verhieß nichts Gutes und bald darauf fielen die ersten Regentropfen. Wir schafften es einigermaßen trocken bis zum letzten Hotel am Umbrailpass. Wir überlegten, ob wir abwarten oder weiterfahren sollten. Inzwischen schüttete es aus vollen Kübeln und wir waren froh, dass uns der Sohn des Hotels mit seinem Wagen gegen ein kleines Entgelt zu unseren Autos fuhr. Rudolf Till