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Es begann 1945 mit einer Kaserbesetzung

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Seit dem Jahr 2000 ist die Alpenvereinssektion Berchtesgaden auf Kühroint im Feggenkaser zu Hause. (Fotos: DAV-Archiv)
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Mit der Besetzung des Bartlerkasers nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Geschichte der Alpenvereinssektion Berchtesgaden auf Kühroint. Ein Jahr vor dem Umzug entstand dieses Bild (1999).
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Hans Hölzl (links) engagierte sich für den Alpenverein viele Jahre auf Kühroint.
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Eine Holzaktion im Jahr 1954: Hinten links ist Erhard Sommer, vorne rechts Hans Wimmer. Im Hintergrund ist der alte Feggenkaser zu sehen.

Seit 70 Jahren unterhält die Alpenvereinssektion Berchtesgaden eine Hütte am Fuße des Watzmanns. Das soll gefeiert werden, und zwar am Samstag, 24. Oktober, nachmittags auf Kühroint. Und das Jubiläum ist ein guter Anlass sich zu erinnern, wie alles angefangen hat.


Ursprünglich trieben überwiegend Bischofswieser Bauern ihr Vieh auf die Kührointalmen. Im 19. Jahrhundert gingen die Almrechte, mit Ausnahme Gattermann, auf Ramsauer Lehen über. 1937 baute dann die Wehrmacht den Hochgebirgsstützpunkt Kührointhaus, der Weidebetrieb störte. Die Almrechte der Bauern wurden abgelöst oder getauscht. Wer dazu nicht bereit war, der wurde enteignet.

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Im Sommer 1945, der Krieg war vorüber und die Wehrmacht abgezogen, »besetzte« der Kriegsheimkehrer Hermann Blaimberger mit Freunden aus der AV-Jungmannschaft den Bartlerkaser. Die jungen Leute waren zum Holzmachen auf Kühroint und fanden den leer stehenden, scheinbar herrenlosen Kaser ideal als Jungmannschaftshütte.

Sie richteten ihn wohnlich her in einer Zeit unvorstellbaren Mangels. Die illegale Hüttenbesetzung wurde im Frühjahr 1946 legalisiert – besser gesagt, offiziell geduldet. 1950 gab es dann eine Nutzungsvereinbarung mit dem bayerischen Landesamt für Vermögensverwaltung und Wiedergutmachung, später folgten Verträge mit Finanzamt und Forstverwaltung.

Seit 1972 gibt's die Watzmanngams

Jahrzehnte nutzten AV-Jungmannschaft und -Jugend den Kaser als Stützpunkt für alpine Ausbildung und zum Feiern. Zu Zeiten des Jugendleiters Walter Böhm brach ein regelrechtes Kühroint-Fieber aus und die Jugend beteiligte sich mit Begeisterung an Arbeits- und Holzaktionen.

1972 erfanden Carl de Temple und Helmut Erben die Watzmanngams, ein Skirennen mit Wertung von Aufstieg und Abfahrt. Start und Ziel war und ist die Kührointhütte. Die Teilnehmerzahl schwankte im Lauf der Jahre beträchtlich, die 25. Watzmanngams 1996 erzielte jedoch mit 106 Wettkämpfern ein Rekordergebnis.

Der Kührointkaser sah auch internationale Gäste und diente durchaus der Völkerverständigung. Schon 1951, sechs Jahre nach Kriegsende, nächtigte hier auf Vermittlung von Hellmut Schöner eine jugoslawische Bergsteigergruppe. Es gab den deutsch-polnischen Jugendaustausch, Gruppen aus Frankreich und der Tschechoslowakei kamen. Auch die Kurzschule Berchtesgaden (Outward Bound School der »Deutschen Gesellschaft für europäische Erziehung«) war Zeit ihres Bestehens immer wieder gern dort zu Gast.

1994 erhielt die Familie Wegscheider vom Bartlerlehen Ramsau den einst enteigneten Kaser zurück. Um den Stützpunkt Kühroint nicht zu verlieren, schloss die Sektion nun mit den Besitzern kurzfristige Mietverträge ab.

Ein Umzug mit Hindernissen

Als Ersatz für den Bartlerkaser bot die Nationalparkverwaltung im selben Jahr der Sektion einige Diensthütten zur Auswahl an. Jungmannschaft und Vorstand entschieden sich für den Feggenkaser, der einen Hälfte des gemauerten Doppelkasers gleich gegenüber der alten Hütte; die andere Hälfte gehört zum Anfanglehen in Ramsau. Außerdem erhielt die Sektion einen auf zehn Jahre befristeten Mietvertrag. Der nützte aber nichts, die Hütte war unbewohnbar, eine Baugenehmigung nicht in Sicht. Jahre langwieriger und mühsamer Verhandlungen mit dem Nationalpark, dem Landratsamt und dem Mitberechtigten am Kaser vergingen, bis man sich schließlich auf die Querteilung des Kasers einigte. Die Sektion erhielt den Ostteil und Josef Keilhofer vom Anfanglehen den Westteil und die gewünschte Anhebung des Dachstuhls um einen halben Meter. Strom und Wasser konnte der Alpenverein vom Bundesgrenzschutzhaus (Kührointhaus) beziehen.

Einziger Lichtblick in dieser »Leidensgeschichte« (so Vorstand Dr. Alfred Lang) war 1996 die völlig unerwartete Spende von Margarete Borchardt aus Berlin. Sie unterstützte mit 50 000 DM das Bauvorhaben, erwartete dafür regelmäßigen Bericht über Fortschritte, die sich so gar nicht einstellen wollten.

1997 kam endlich ein Mietvertrag, in dem die geplanten Bauvorhaben enthalten waren. Die Arbeiten konnten beginnen: Unter intensiver Beteiligung der Alpenvereinsjugend wurden 50 Meter Stromkabel, Wasserleitung und Abwasserrohre verlegt und eine Grube für die Trockentoilette ausgehoben. 1998 folgten die Dachhebung und die Querteilung des Gebäudes, im Jahr 1999 war das Äußere des Kasers dann fertig.

Seit dem Jahr 2000 im Feggenkaser

Nach letzten Ausbauarbeiten wurde am 22. September 2000 die neue Jungmannschaftshütte eingeweiht. Sie enthält zwei Stuben – eine ist nach der Spenderin Margarete Borchardt benannt –, 15 Lager und Nebenräume. Die Baukosten betrugen 254 000 DM.

Kleinere Korrekturen folgten in den nächsten Jahren: Der unbrauchbare Ofen wurde ausgetauscht, die Toilette entlüftet, eine Holzlege gebaut. Holzaktionen gehören nach wie vor zum Hüttenleben.

Ernst Burmester erinnerte sich 1992 an seine Jungmannschaftszeit, die damals bereits 40 Jahre zurücklag und untrennbar mit dem Kaser auf Kühroint verbunden war: »Der Jungmannschaftskaser war damals noch spartanisch eingerichtet. So war es ein besonderes Ereignis, als ein neuer Herd angeschafft wurde. Rolf Schmutzler und ich übernahmen die Aufgabe, ihn hinauf zu transportieren. Da es damals noch keine Fahrmöglichkeit gab, zogen, schleppten, zerrten wir ihn viele Stunden hin bis zum Kaser. Zum Saubermachen der Hütte gab es lange Zeit eine recht elegante Lösung. Zwischen den Dielenbrettern im Aufenthaltsraum klaffte ein breiter Spalt. Hier wurde alles hineingekehrt, bis der Tag kam, an dem nichts mehr hineinpasste. Dass sich dafür ein anderer Spalt im Boden auftat, glich einem Wunder.«

Kleiner Watzmann in Flammen

»Es gäbe noch viel von Kühroint zu erzählen. So von unserem Sonnwendfeuer am Gipfel des Kleinen Watzmanns, das einen besorgten Kurgast veranlasste, die Feuerwehr mit dem Anruf zu überraschen, der Kleine Watzmann stünde in Flammen. Oder … an die verrückte Wette um ein Tragerl Bier, die Watzmannüberschreitung mit einem Fahrrad zu machen. Die Wette wurde auf Kosten eines schrottreifen Radls gewonnen. Damals gab es noch keine Mountainbikes«.

Die Hüttenreferenten (früher hießen sie Hüttenwarte) waren: 1945 Hermann Blaimberger, 1947 Erhard Sommer, 1958 Hans-Jörg Hasenknopf, 1962 Peps Beierl, 1963 Rudi Kellner, 1965 Walter Böhm, 1984 Franz Weber, 1987 Roman Kurz, 1992 Thomas Schöbinger, 1995 Hans Hinterseer, 2006 Jakob Graßl, 2011 Heinz und Christl Zembsch. Bärbel Sigl