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25°

Einsamkeit, unberührte Natur und Stille

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Sonnenaufgang: Die Ostwand des Watzmanns zeigte sich in einem besonderen Licht. (Fotos: Zeis)
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Oben am Schneibstein hatte man einen tollen Blick Richtung Windschartenkopf, Hochseeleinkopf und Kahlersberg sowie auf das Steinerne Meer mit Brandhorn, Wildalmkircherl und Funtenseetauern.
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Auf dem Weg zum Stahlhaus traf die Bergsteigergruppe auch auf einen Steinbock, der sich auf einem Felsen sonnte, dann aber aufstand und seine Hörner zur Schau stellte.

Zwischen dem Bluntautal und dem Blühnbachtal liegt das Hagengebirge, ein einsames Berggebiet mit einer geheimnisvollen Unterwelt. Den Westrand des Hagengebirges umschließen der Königssee und der Obersee, nach Osten wird es begrenzt vom engen Salzachtal. Mit zwei Bergkameraden beschloss ich, den westlichen Teil dieses Gebirgsstocks einmal richtig kennenzulernen. Unsere weite Wanderung durch dieses Stück Wildnis hatte natürlich ein Vorbild, nämlich das Buch »Vergessene Pfade um den Königssee«.


Erste Etappe: Vom Königssee zur Gotzenalm

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Wir starteten an einem frischen Sommermorgen im Dorf Königssee. Mit dem ersten Boot fuhren wir über den See zur Anlegestelle Salet. Dort folgten wir dem Schild Kaunersteig-Regenalm-Gotzenalm. Der Weg verläuft zuerst nahe am Seeufer entlang, dann führt er steiler werdend rechts hoch in den schattigen Wald hinein. Der Steig war nach den ergiebigen Regenfällen der letzten Tage noch sehr feucht und verlangte von uns volle Konzentration in den teilweise engen, steilen Serpentinen. Mit vielen Holztreppen, hier sind rund 800 Stufen verbaut, an steileren Stellen zusätzlich mit Drahtseilen versehen, windet sich der Kaunersteig durch diesen unteren steilen Wandteil.

Nach dieser schweißtreibenden Etappe wurde der Weg flacher und wir wanderten auf dem Steig weiter durch dichten Wald hinauf auf die Hochfläche und in die Sonne. Nach einer halben Stunde erreichten wir die Regenalm, ein Juwel im Herzen des Nationalparks. Die Alm liegt traumhaft und bietet ein tolles Panorama vom Steinernen Meer zum Hochkönig und zur anderen Seite auf die Watzmann-Ostwand.

Wir folgten jetzt dem aussichtsreichen und fast ebenen Höhenweg und erreichten nach gut dreieinhalb Stunden unser erstes Etappenziel, die Gotzenalm, ein herrlich grünes Wiesenplateau. Es herrschte reger Betrieb auf der Alm, eines der lohnendsten Ziele in den Bergen rund um Berchtesgaden.

Unsere reservierten Schlafplätze wurden erst um 17 Uhr ausgegeben, so hinterlegten wir unsere nicht benötigte Ausrüstung und stiegen noch weglos hinauf zum Gotzentauern. Ein Gipfel mit guter Sicht zum Kahlersberg und Laafeld, einem überraschend stattlichen Gipfelkreuz, sowie ein Gipfelbuch, das schon seit 1988 oben liegt. Man braucht schon einen Blick fürs Gelände, um sich hier in den Latschengassen nicht zu verlaufen. Den Abend verbrachten wir beim Almbauern Franz, tauschten Erlebtes vor seiner urigen Hütte aus und genossen die Vollmondnacht.

Zweite Etappe: Von der Gotzenalm zum Kahlersberg

Um 5 Uhr morgens kroch ich aus meinem Hüttenschlafsack, um zusammen mit Hans den Sonnenaufgang am Feuerpalven, dem Haushügel der Gotzenalm, zu erleben. Der Blick vom Warteck am Rand des Gotzenplateaus mit dem 1100 Meter tieferen Königssee und der sich über St. Bartholomä in den Himmel türmenden Watzmann-Ostwand war überwältigend. Ein herrlicher Frühsommermorgen brach an. Nach dem Frühstück gingen wir auf unsere große Tagesetappe.

Auf dem abwechslungsreichen Reitweg wechselten wir unterhalb der Laafeldwand hinüber ins Landtal, einem alpinen Übergang, der das Stahlhaus mit der Wasseralm in der Röth verbindet. An den südlichen Ausläufern der senkrechten Laafeldwand blühte zahlreich der Türkenbund. Die Aussicht ins Steinerne Meer vom Brandhorn, Wildalmkircherl bis zum mächtigen Funtenseetauern und die pfeifenden Murmeltiere entschädigten uns für die mühsamen 350 Höhenmeter hinauf zum Sattel des Hochgschirrs auf 1949 Meter. Über mächtige Felsblöcke hinweg schauten wir auf ein flaches Tal mit Geröll und Karrenfeldern, in der ein Steig Richtung Schneibstein führt.

Wir genossen den Tiefblick auf den winzigen, kreisrunden Seeleinsee, ein eiskalter Gletschersee in einer Geröllmulde am Fuße des Kahlersbergs. Wir wendeten uns den steilen Flanken des Kahlersbergs zu und stiegen über grobes Blockwerk zum sogenannten »Mausloch« empor, einem Durchschlupf in den sehr steilen, nordwestseitigen Abstürzen. Jetzt wurde es steil und interessant.

Im mittleren Teil folgen ein paar ausgesetzte Stellen, die alle mit Stahlseilen gesichert sind. Unproblematisch verläuft der weitere Anstieg über weite Wiesen, aber durchaus steil und anstrengend, dann standen wir auf dem zweithöchsten Berg im Hagengebirge mit 2350 Meter. Der Gipfel steht völlig frei und bietet deshalb eine ausgezeichnete Rundsicht. Vom Kahlersberg dem beherrschenden Mittelpunkt, zieht nach Norden ein Höhenzug mit deutlich ausgeprägten Erhebungen bis zum Schneibstein. Dieses Stück Hagengebirge, das wir noch vor uns hatten, ist ein Paradies für den Freund von Bergblumen.

Wir saßen lange in der Sonne und schauten hinüber auf das Laafeld und die Gotzenalm, wo wir frühmorgens aufgebrochen waren. Der Gedanke, dass wir noch bis zum Stahlhaus gehen mussten, drängte uns zum Aufbruch. Weglos stiegen wir den südöstlichen Gratverlauf hinunter in eine Scharte, dem sogenannten »Fensterl«, wo ein großer Steinmann uns den Durchschlupf in eine steile weglose Schuttrinne vorgab. Hans, ein begnadeter Fährtensucher, erspähte von einem Felskopf einen gangbaren Weg, durch die anfangs steilen, geröllbedeckten Platten. Konzentriert meisterten wir diese unangenehme Stelle und rutschten erleichtert die Schuttreißen hinunter. Auf einer bizarren Felsformation lag ein Steinbock in der Sonne. Als wir diesem majestätischen Tier zu nahe kamen, richtete es sich auf und stellte sich richtig zur Schau mit seinen gewaltigen Hörnern.

Durch grobes Blockwerk, glatten Felsplatten und an Latschenfeldern vorbei suchten wir uns den passenden Durchstieg zum Hochseeleinkopf, den wir unschwierig über seine steilen Wiesenflanken erstiegen. Unterm Gipfelsteinmann erblickten wir das seltene Edelweiß, dabei hatten wir den Kahlersberg direkt vor uns, ein mächtiger, schön geformter Kegel. Auch der Tiefblick auf den Seeleinsee war recht beeindruckend – und weiter ging die einsame, menschenleere Höhenwanderung.

Wir wanderten weglos durch eine bezaubernde Natur und freuten uns über die duftenden Kohlröschen, die wir in so großer Anzahl noch nie vorgefunden hatten. Wir begegneten Gämsen, die uns in respektvollem Abstand beobachteten. Genussreich überschritten wir den Schlumkopf und gingen noch hinüber zum kreuzgeschmückten Windschartenkopf. Auf einer spärlichen Pfadspur, mit Steinmännern markiert, stiegen wir steil in die Windscharte ab. Beim letzten Anstieg auf einem markierten Wanderweg, wo wir wieder auf Wanderer trafen, erreichten wir den Schneibstein (2276 Meter) – den Endpunkt dieser urtümlichen Höhenwanderung. Die nicht enden wollenden 600 Höhenmeter Abstieg über glattpolierte Felsstufen zum Stahlhaus auf dem Torrener Joch mussten unsere müden Beine noch bewältigen. Diese lange Tagesetappe über fünf Gipfel hatte uns geschafft.

Dritte Etappe: Vom Stahlhaus zur Rotspielscheibe

Auch am dritten Tag begann der Tag wie aus dem Bilderbuch. Wir brachen Richtung Schneibsteinhaus auf. Zwischen uralten Ahornbäumen schlenderten wir über einen aussichtsreichen Rücken hinüber zur Königstalalm, wo die Sennerin gerade ihrer Arbeit nachging. Der Vorschlag von mir, der Rotspielscheibe noch einen Besuch abzustatten, wurde gleich für gut befunden. Der Tag war einfach zu schön, um bloß nach Königssee abzusteigen. Blühender Almrausch leuchtete aus dem Grün, als wir den mit Steinmännern bezeichneten Steig Richtung Königstalwand hinaufstiegen.

Etwas Gespür fürs Gelände und Trittsicherheit brauchte man schon, denn es ging teilweise nur weglos über schräg geschichtete, raue Karrenplatten dahin. In der Gipfelregion fand ich in den roten Liassteinen Umrisse und Querschnitte von Fossilien. Es hat immer seinen Reiz, wenn man auf 2000 Metern versteinerte Meerestiere zu sehen bekommt.

Auf der Rotspielscheibe änderte sich das Wetter dann schlagartig. Eine Schlechtwetterfront zog überraschend schnell heran. Die Landschaft präsentierte sich im weinenden Grau, als wir über die verfallene Rotspielalm zur schön gelegenen Priesbergalm hinunterhetzten. Erst die gemütliche Atmosphäre unter dem Almdach, bei Rohrnudel und Bier, tröstete uns über den triefenden Laufschritt-Abstieg hinweg.

Bei der nächsten Wegetappe hinunter zur Königsbachalm, die auf einer Höhe von 1191 Metern liegt, genossen wir schon wieder schönstes Wetter. Bequem wanderten wir auf einem breiten, gut ausgebauten Sandweg mit schönem Tiefblick auf den Königssee hinunter zum Dorf Königssee, wo wir bei einem Bauern unser Auto abgestellt hatten. Drei wunderbare Tage in einem weitgehend unbekannten Gebirge gingen damit zu Ende. Manfred Zeis