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Eine lang erträumte Kombination geht in Erfüllung

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Fast am Ziel – unter der Königsspitze Nordwand – bleibt Zeit für ein Erinnerungsfoto. (Foto: Plank)

Vor fast genau einem Jahr war Thomas Plank schon einmal hier. Damals musste der Bergsteiger aus Trostberg seinen Versuch, den Ortler zu bezwingen, abbrechen. Jetzt hat er einen neuen Versuch gestartet – und diesmal stand der 28-Jährige, der jetzt in Kienberg lebt, am Gipfel des höchsten Bergs Südtirols. Im folgenden Bericht dokumentiert Thomas Plank seine Erlebnisse:


»Auch heute nehmen wir die Seractürme war – überdimensionale Würfel, groß wie mehrstöckige Häuser – die bedrohlich am Marltgrat über der Nordwand hängen. Ungefähr vor einem Jahr kamen uns polternd und krachend Teile davon entgegen. Unser Glück, dass wir noch weit genug von der Wand entfernt waren.

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Die Erinnerungen an einen Tag, an dem wir in dieser Route ganz und gar nicht erwünscht waren, werden ins Unterbewusstsein zurückgedrängt. Wir wussten damals, um die objektiven Gefahren und wissen es auch jetzt. Nichtsdestotrotz hat uns die Ästhetik, die Dimension und der Mythos dieser Wand infiziert und für sich eingenommen.

1931 wurde die noch ausstehende große nordseitige Wandflucht von Hans Ertl (Ertl-Rinne) und Franz Schmid erstmals durchstiegen und 1982 von Andreas Orgler durchgehend mit Ski befahren. Die Minnigerode-Rinne, von Alois Minnigerode und Josef Pinggera 1878 erstbegangen und von Heini Holzer 1975 als Skiabfahrt eröffnet, soll auch uns als schnelle Abstiegsvariante mit Ski zurück ins Tal dienen.

Die Grundstimmung bei uns ist positiv, doch die kleinen Zweifel bleiben. Wie könnte es bei einer Tour mit dieser Ernsthaftigkeit aber auch anders sein? Um 2 Uhr morgens geht es los. Wir tragen unsere Skier eine halbe Stunde bis zur Schneegrenze. Die helle Leuchtkraft des Vollmondes, der schwer über dem Ortlergipfel hängt, zeichnet scharf die Schattensilhouette des Marltgrates vor uns in den Schnee.

Fast wie ein Déjavu kracht es weit oben

Nach kurzer Zeit stehen wir unterhalb des Einstieges in die Schneerinne. Jener Tourenabschnitt, der dringlichste Eile verlangt – den mahnenden Seracs hoch darüber geschuldet – liegt direkt vor uns. Fast wie ein Déjavu kracht es weit oben. Dieses mal weniger laut, weniger beängstigend und der Abgang verliert sich weit über uns. Keiner von uns erwähnt den Vorfall. Keiner von uns denkt ans Umdrehen.

Eine kleine Stärkung, rein in die Steigeisen, die Pickel zur Hand, die Gurte angelegt, die Seile vorbereitet, die Skier und Stöcke am Rucksack und schon geht’s los. Von hier bis zur Gurgel stapfen wir im kontinuierlichen Führungswechsel schnell und schwer atmend. Die Spurarbeit ist überschaubar, dennoch anstrengend. Die Spur ist zum Teil zugeweht, zum Teil ist sie vom mehligen Schnee des Abgangs von eben bedeckt.

Erst, als wir den gefährlichsten Teil hinter uns haben, ist Zeit für eine Pause. Es ist jetzt 6.30 Uhr. Die Eisgeräte und Steigeisen dringen in das Eis. Alle fühlen sich wohl, sodass wir die Gurgel ohne Seil überklettern. Wir halten uns nach einigen senkrechten Metern rechts und erreichen ein weites Feld mit dünner Schneeauflage auf Blankeis. Über diese Spur steigen wir empor, bis das Blankeis uns letztlich zu Standplatzsicherung zwingt. Am laufenden Seil steigen wir in die Sonne, die sogleich die fröstelnden Glieder wärmt. Die Skier am Rucksack machen sich nach so langer Zeit bemerkbar und die längste Eiswand der Ostalpen will, obwohl kräftemäßig allmählich am Ende, nicht so recht enden. Um eine Kante und wir befinden uns in leichterem Gelände, das flacher aus der Wand auf den Marltgrat führt. Eine drei Meter lange Eispassage ist die letzte Schwierigkeit. Danach ist der Gipfel in Sicht. Um 11 Uhr sitzen wir dort oben alleine in der Sonne – Brotzeit, Genuss, Panorama, Erschöpfung.

Nur eine kurze Pause am Gipfel

So lange will es uns dort oben aber nicht halten. Wir tasten uns vom Gipfel direkt in die steile Abfahrt. Der Schnee ist oberflächlich weich und darunter griffig – ideal. Eine ganze Weile dauert unsere Abfahrt durch die südseitige Steilwand. Imposante Ausgesetztheit mahnt zu sicherer und bedachter Skiführung.

Weiter unten queren wir aus der Rinne in ein flacheres Schneefeld, dass bis zum Suldenferner hinab führt. Jetzt ist cruisen angesagt und die Anspannung fällt ab. Das Skigebiet ist schnell erreicht und von dort sind wir alsbald im Tal am Bus. Insgesamt waren wir zwölf Stunden unterwegs und konnten zwei Superlativen (Aufstieg über die Nordwand und Abfahrt über die Minnigerode-Rinne) am Ortler an einem Tag verbinden – eine lang erträumte Kombination.«

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