weather-image
Mit dem Fahrrad und zu Fuß im nördlichen Skandinavien unterwegs – Abwechslungsreiche und faszinierende Landschaft

Eine beeindruckende Reise durch das Land der Sámi

Die Nordkalotte, das nördliche Skandinavien, lockt mit einer abwechslungsreichen und ursprünglichen Natur, wie es sie im Europa des 21. Jahrhunderts kaum noch gibt. Fünf Wochen haben wir uns Zeit genommen, um diese faszinierende Landschaft per Rad und zu Fuß kennenzulernen.

Über eine alte Militärstraße erreicht man ein Plateau am Falsnestinden mit einer grandiosen Aussicht über den Storfjord. (Fotos: Steude)

Die Kleinstadt Luleå am nördlichen Ende der Ostsee bildet den Ausgangspunkt unserer Reise. Von hier aus radeln wir die ersten zweihundert Kilometer über einsame Nebenstraßen in Richtung Jokkmokk. Die sporadische Landwirtschaft, die uns anfangs begleitet, wird schon bald von immer dichter werdendem Wald abgelöst und auch der Asphalt weicht schließlich grobem Schotter. In der endlosen, flachen Taiga gibt es nur wenige Ausblicke. Dafür entdecken wir malerische Seen, die mit ihrem glasklaren Wasser bei warmem Wetter sogar zu einem Bad einladen.

Anzeige

In der Wildnis des Laponia-Welterbes

Gegen Mittag des dritten Tages überschreiten wir den Polarkreis und bereits einen Tag später erreichen wir die Siedlung Jokkmokk, von der aus wir zum Sarek-Nationalpark aufbrechen. An der großen Fjällstation in Kvikkjokk stellen wir unsere Räder ab und wechseln in die Wanderschuhe.

Die ersten Kilometer legen wir noch auf dem berühmten, aber auch viel begangenen Kungsleden zurück, dann tauchen wir in die Wildnis des Laponia-Welterbes ein. Ein wunderschöner, äußerst abwechslungsreicher Pfad leitet uns durch ein sumpfiges Seengebiet zur alten samischen Siedlung Pårek. Ab hier geht es weglos weiter, was angesichts der freien Landschaft oberhalb der Baumgrenze überraschend problemlos möglich ist.

Am folgenden Tag steigen wir über die Südflanke auf den 1805 Meter hohen Boarekjåhkkå. Die Flanke ist nicht allzu steil, die großen Felsblöcke, über die es zu balancieren gilt, verlangen aber trotzdem eine gute Trittsicherheit und kurz unterhalb des Gipfels ist noch ein steiles Schneefeld zu queren, das aufgrund des weichen Schnees aber glücklicherweise keine Schwierigkeiten bereitet.

Dann stehen wir am Gipfel, der sich zu unserer Enttäuschung in dichte Wolken hüllt. Leider ist das Wetter am nächsten Tag noch schlechter und bei Dauerregen und dichtem Nebel steigen wir zur kargen Ijvvárláhko-Hochebene ab, über die wir wieder den Kungsleden erreichen.

Ein weiterer Abstecher führt uns auf den Oarjemus Stubba. Der 660 Meter hohe Berg am nördlichen Rande des Muddus-Nationalparks bietet ein atemberaubendes Panorama über die endlose wilde Natur zu unseren Füßen. Statt weiter auf der E 45 zu bleiben, entscheiden wir hinter Gällivare etwas weiter östlich über Nebenstraßen in Richtung Vittangi zu fahren. Unglücklicherweise wird das Wetter wieder schlechter, und als der Regen gar nicht mehr aufhören will, pausieren wir längere Zeit in einem Windschutz am Fluss Kalixälven.

Der Zufall will es, dass zwei schwedische Angler das Wochenende in einem nahen Camper verbringen und uns sogleich zu sich einladen. So lernen wir Tony und Magnus und später auch noch Victor und Roger kennen, mit denen wir zwei unvergessliche Tage verbringen. Es wird viel geredet und getrunken, erzählt und gelacht.

Schließlich werden wir sogar zum Abendessen inklusive selbst erlegtem Elchfleisch und Sauna in Rogers Wochenendhaus eingeladen. Die Gastfreundschaft dieser Leute überwältigt uns geradezu und der leicht verkaterte Abschied nach einer langen Nacht fällt wirklich nicht leicht. Aber der Regen hat endlich aufgehört und wir müssen weiter – weiter in Richtung Norden zur finnischen Grenze.

Nach der kleinen Siedlung Vittangi wird die Landschaft merklich rauer und der Wind, der zunehmend aus Norden kommt, bringt nicht nur kalte Luft, sondern auch einen hartnäckigen Nieselregen mit sich, der uns bis nach Karesuvanto an der finnischen Grenze begleitet. In Finnland wird aus dem Nieselregen ein ausgewachsener Dauerregen, die Temperaturen sinken auf unter fünf Grad Celsius und die Kleidung kann der penetranten Nässe und der schneidenden Kälte immer weniger entgegensetzen.

Jeden Morgen kostet es mehr Überwindung die klamme Radkleidung anzuziehen, das Zelt abzubauen und sich dem ungemütlichen Wetter voll und ganz auszusetzen. Die Umgebung nehmen wir nur noch am Rande wahr. Unser Blick ist starr auf die nasse, dunkle Straße vor uns gerichtet und auch die wenigen Autofahrer, die unterwegs sind, schauen uns immer mitleidiger an. Doch dann reißt der Himmel plötzlich auf und wir spüren die ersten Sonnenstrahlen auf unseren ausgekühlten Gesichtern.

Genauso schnell ist die Motivation zurück, und als wir keine 24 Stunden später bei schönstem Wetter die norwegische Grenze erreichen, ist die Erinnerung an den tagelangen Regen bereits in weite Ferne gerückt.

Da wir erst in einer Woche zurückfliegen, nehmen wir uns viel Zeit, das Gebiet um Tromsø zu erkunden, denn die Region bietet eine schier unerschöpfliche Vielzahl an Wanderungen und Gipfeltouren aller Schwierigkeitsgrade. Über einen Pfad, der einer alten, halb verfallenen Militärpiste der deutschen Wehrmacht aus dem 2. Weltkrieg folgt, erreichen wir einen sanierten Bunker mit grandioser Aussicht über den Storfjord und die zweitägige, größtenteils weglose Tour durch das Lang- und das Rypedalen mit der anspruchsvollen Besteigung des Durmålstinden besticht mit großer Einsamkeit in einer wilden Hochgebirgslandschaft.

Neben den allgegenwärtigen Rentieren, an die wir uns schon lange gewöhnt haben, begegnen wir hier auch einigen Schneehühnern und sogar einen der scheuen Berglemminge können wir erspähen. Während wir durch karge Täler wandern, aus denen hohe, brüchige Felswände zu schneebedeckten Gipfeln anwachsen, können wir kaum glauben, dass wir uns gerade einmal auf 400 Metern Meereshöhe befinden.

Unvergesslicher Abschied

Anderthalb Tage später erreichen wir Tromsø. Auf den ersten Blick wirkt die große Stadt mit ihren über 70 000 Einwohnern in dieser rauen Landschaft fehl am Platz, aber wir freuen uns dennoch sehr, nach fünf Wochen, 1500 Kilometern und 17 000 Höhenmetern am Endpunkt der Reise angekommen zu sein.

Einen Höhepunkt hält Skandinavien allerdings noch für uns bereit, denn als wir mitten in der Nacht in Richtung Flughafen aufbrechen, reißt der bisher von dicken dunklen Wolken bedeckte Himmel wie ein Vorhang auf und macht Platz für grün schimmerndes, waberndes Polarlicht, das uns einen unvergesslichen Abschied beschert. Wir halten an einer Bank direkt am Meer, schauen in den Himmel und genießen diesen beeindruckenden Moment. Sebastian Steude

Weitere Bilder der Reise gibt es unter www.sebastian-steude.de im Internet.