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Ein Leben für das Ehrenamt

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Christian Wiedemann ist mittlerweile Bergwacht-Rentner. In den Bergen ist er nochimmer gerne unterwegs. (Foto: Schaffert)

Für Christian Wiedemann ist 2021 ein besonderes Jahr: 50 Jahre ist er heuer Mitglied bei der Bergwacht Traunstein. Ein halbes Jahrhundert ist er jetzt also schon ehrenamtlich engagiert. Mittlerweile ist der 83-Jährige zwar Bergwacht-Rentner, aber bei der Ausbildung der Anwärter und Mannschaft ist er immer noch engagiert bei der Sache und hilft gerne, wenn er gebraucht wird.


Von klein auf war Christian Wiedemann viel und gerne am Berg. Der Bischofswiesener schloss sich auch deshalb 1953 der DAV-Jugend der Sektion Berchtesgaden an. »Wir waren viel in den Berchtesgadener Bergen unterwegs«, erzählt er. Ein tragischer Zwischenfall am Berg prägte sich in Wiedemanns Gedächtnis dann nachhaltig ein. »Einmal trafen wir am Einstieg zur Untersberg-Südwand zwei Freunde. Vom Barthkamin aus musste ich mitansehen, wie unsere Freunde von der Südwand abstürzten. Ab dieser Tour wurde mir klar, dass wir noch viel lernen müssen.« Und ab diesem Zeitpunkt stand für ihn fest: »Ich wollte gerne immer und überall helfen können.«

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Einige Jahre später öffnete sich für ihn die Tür zur Bergwacht. Er war 1971 mit einem Bergwachtler auf Skitour unterwegs. »Wir unterhielten uns über die Bergwacht und er fragte mich, ob ich nicht mal mitkommen möchte. Das war der Anfang meiner Mitgliedschaft und ich habe einiges erlebt.«

Wiedemann war von Anfang an mit viel Feuereifer dabei. »1972 wollte unser damaliger Bereitschaftsleiter, dass ich mich für den Naturschutz einsetze.« Der ehemalige Berufsschullehrer sagte zu und war da-raufhin viele Jahre Naturschutzreferent. Und er musste dabei so einiges auf seinen Naturschutz-Streifen erleben, was so ganz und gar nicht geht. Einmal etwa bekam er mit, wie ein etwa 60-jähriger Bergsteiger eine Blechdose am Gipfel weggeworfen hatte. »Für die Tiere kann so eine weggeworfene Dose tödlich sein«, macht er auf die Gefahr aufmerksam. »Das Tier tritt auf die Dose, verletzt sich dabei und kann unter Umständen ausbluten.« Den Bergsteiger von damals habe er zusammengepfiffen. Ob es etwas gebracht hat? »Ich hoffe schon. Er hat zumindest einen hochroten Kopf bekommen«, erzählt der Senior.

Aber damit nicht genug. »Die Ausbildung im medizinischen Bereich war in unserer Bereitschaft damals zu wenig«, erinnert sich der Familienvater. Und so klopfte der damalige Bereitschaftsleiter erneut bei Wiedemann an, ob er sich vorstellen könnte, einen San-Kurs mitzumachen. Der engagierte Wiedemann sagte wieder zu. »Und ab diesem Zeitpunkt war ich Ausbilder.« Wiedemann musste sich alles selbst mühevoll erarbeiten, aber er hatte viel Spaß daran und er wusste: »Die Ausbildung im San-Bereich war für die Kameraden wichtig und die Kameradschaft wuchs dadurch noch mehr.« Er legte auch ganz viel Wert auf Disziplin und Pünktlichkeit. Denn auch bei den Einsätzen kommt es darauf eben an.

Unterstützung in diesem Bereich bekam Wiedemann ab 1983. Damals kam Dr. Wolfgang Schaffert als Bergwachtarzt zur Bereitschaft Traunstein. »Ab diesem Zeitpunkt konnten wir alles Notwendige vom Fachmann lernen«, betont Wiedemann, der mit dem Bergwachtarzt heute noch regelmäßig Ski- und Bergtouren unternimmt. Die Ausbildung erfolgte regelmäßig alle zwei Wochen. Nur in den Ferien gab's Pausen. »Und am Wochenende hatten wir große Übungen am Berg«, erinnert sich der Bergwacht-Rentner. Immer mit dem Ziel vor Augen, »dass bei uns jeder alles können muss«.

Die Bergwacht Traunstein liegt ja nicht bergnah. Sprich: Sie hatte und hat nicht so viele Einsätze zu bewältigen, wie etwa andere Bereitschaften der Bergwacht-Region Chiemgau. »In erster Linie waren wir für den Pistendienst am Unternberg zuständig«, betont Wiedemann. »Wir hatten jährlich etwa 15 Abtransporte.« Meist handelte es sich dabei um Knochenbrüche oder andere Sturzverletzungen.

Aber auch rein zufällig kommen die Bergwachtler, die ja selbst oft auch privat am Berg unterwegs sind, ab und an zu Zwischenfällen. Wiedemann konnte etwa einmal einer Frau schnell helfen. »Wir waren auf einer Skitour am Hohen Göll. Am Aufstieg im Alpeltal war eine Frau gestürzt und hatte sich den rechten Oberarm luxiert«, erinnert er sich. Wiedemann leistete sofort Erste Hilfe. Per Handy forderte die Gruppe den Hubschrauber an. »Nach Rücksprache mit dem Arzt konnte die Frau schmerzfrei mitfliegen.« Was schön war: »Am Abend teilte sie mir telefonisch mit, dass meine Hilfe sehr wichtig und sehr gut war.«

Wie eng Freud und Leid beieinanderliegen können, erlebte Wiedemann bei einem anderen Einsatz mit. »Um 5.30 Uhr rief mich einmal unser Bereitschaftsleiter an. Wir müssen zwei Bergsteiger retten.« Die Alarmierung dauerte früher schon einmal länger als heute. »Es gab noch keine Leitstelle. Und Franz musste alle einzeln antelefonieren.« Die Mannschaft war gegen 7 Uhr dann bereit und konnte abfahren.

»In Adlgass trafen wir den Bereitschaftsleiter von Inzell, der uns alles erklärte«, erinnert sich Wiedemann. Die Traunsteiner wurden alarmiert, »weil die Inzeller bereits nachts einen Einsatz hatten«. Gesucht wurden zwei Bergsteiger. Der Schneepflug räumte für die Bergwachtler noch den Weg frei. So konnten sie noch ein Stück des Wegs mit dem Auto bewältigen. Um 8 Uhr begann schließlich ihr Einsatz.

»Nach eineinhalb Stunden Aufstieg mit den Schiern konnten wir einen Mann sehen«, erzählt Wiedemann. Die Bedingungen waren alles andere als leicht. Es herrscht ein Schneegestöber – dabei sollte diese Tour nur bei guten Bedingungen gemacht werden, wie der 83-Jährige betont. »Dennoch konnten wir ihn bald erreichen«. Der Bergsteiger hatte einen Oberschenkel-Bruch. »Trotz der schwierigen Nacht war er bei einer guten Verfassung.« Mit Tee, etwas zum Essen und Schmerzmittel stabilisierten die Bergwachtler ihn schnell. »Außerdem habe ich ihm meine Schafwolljacke gegeben und ein Wärmesack wärmte ihn zusätzlich.« Doch die Bergwachtler wussten auch, dass er nicht allein unterwegs gewesen ist. Auf die Frage nach seinem Kameraden antwortete er nur: Er wisse es nicht. Die Einsatzkräfte machten sich ein Bild von der Lage und ihnen wurde schnell klar: »Sein Kamerad war unter der Lawine.« Ihre Suche mit dem VS-Gerät war bald erfolgreich. Allerdings kam die Hilfe zu spät. »Er hat den Unfall nicht überlebt.«

Christian Wiedemann wird dieser tragische Einsatz immer in Erinnerung bleiben. Er unterstreicht, wie wichtig die Bergwacht ist. »Wir haben damals ein Leben retten können.« Dass die Bergwachtler dabei auch ihr eigenes Leben riskieren, sieht er als zweitrangig an. »Die Hauptsache ist doch, dass man helfen kann.« SB

 

Die Bergwacht Bayern bewältigt pro Jahr rund 8500 Rettungseinsätze. Insgesamt sind 113 Bergwacht Bereitschaften in den bayerischen Alpen aktiv. Wir stellen die ehrenamtliche Arbeit der Bergwachtmänner und -frauen in den nächsten Wochen in einer Serie vor. Stellvertretend für die Bereitschaften in der Bergwacht-Region Chiemgau (Altötting, Berchtesgaden, Bergen, Bad Reichenhall Freilassing, Grassau, Inzell, Marktschellenberg, Marquartstein, Ramsau, Reit im Winkl, Ruhpolding, Schleching, Teisendorf/Anger und Traunstein) haben wir mit einigen Aktiven der Bergwacht Traunstein über ihre vielseitige Arbeit gesprochen.


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