weather-image
20°

Ein langer Talhatscher, der sich richtig auszahlt

1.0
1.0
Bildtext einblenden
Der einsame Aufstieg Richtung Gamskogel führte über eine weite unberührte Landschaft mit Blick zu den steilen Ostflanken des Steinbergsteins. (Fotos: Zeis)
Bildtext einblenden
Im Bereich der Oberen Foischingalmen gab es eine unbeschwerte Pulverabfahrt.
Bildtext einblenden
Über 1000 Höhenmeter ging die Abfahrt vom Steinberggipfel hinunter bis zum Steinberghaus.

Nachdem der Winter dieses Jahr mit Eifer angetreten ist, suchte ich für Anfang Februar ein passendes Skitourenziel für drei Tage. Ich holte die Karten aus dem Regal und schnell war ein skitaugliches Tourengebiet gefunden: das Windautal in den Kitzbüheler Alpen.


Die Neugierde war auch bei unseren Bergfreunden aus Hessen geweckt, die extra für die Skitour anreisten. Wir reservierten für drei Tage im Steinberghaus im hinteren Windautal. Der private Gasthof am Ende der Fahrstraße ist ganzjährig geöffnet und ein optimaler Stützpunkt für mehr als nur eine Skitour. Das Windautal erreichten wir in eineinhalb Stunden Fahrzeit über St. Johann, Kitzbühel und über das Brixental (Abzweigung Westendorf).

Anzeige

Eingehtour führt aufs Gerstinger Joch

Am frühen Nachmittag konnten wir noch zu einer Eingehtour Richtung Gerstinger Joch starten. Nach rund 20 Minuten auf dem Fahrweg taleinwärts folgten wir nach links auf einer Brücke über den Bach den Almweg und über freies Gelände ging es dann hinauf zur Pastaualm. Da es auf der Südwestseite des Tals sehr dürftig mit der Schneelage aussah, bevorzugten wir die bequemere Trasse des Almwegs zur Scheibenschlag Niederalm auf 1445 Meter. Oberhalb der Waldstufe zeigte sich, warum die Kitzbüheler Alpen als Tourenziel so beliebt sind: Über uns leuchteten freie Hänge in der Nachmittagssonne – abwechslungsreich gestuft und gepolstert mit Pulverschnee.

Wir mussten aber über eine Umkehr nachdenken, denn es war schon spät geworden. An den stattlichen Hütten der Scheibenschlag Niederalm genehmigten wir uns deshalb eine Rast und genossen die hervorragende Aussicht hinüber zum Steinbergstein und Steinberg. Mit genussreichen Schwungerlebnissen im Pulverschnee konnte der obere Teil der Abfahrt aufwarten. Als die Sonne sich verabschiedete, bekam der Schnee gleich eine andere Konsistenz. Mehr abwechslungsreich als uns lieb war, gestaltete sich die Abfahrt über den harschigen Untergrund mit vielen alten Spuren.

Für den nächsten Tag hatten wir uns den Gamskogel, eine nicht häufig durchgeführte, aber vielversprechende Tour, ganz hinten im Talschluss vorgenommen. Gemeinsam mit einigen Gleichgesinnten zogen wir am Morgen bei wolkenlosem Himmel taleinwarts. Um die erste Etappe hatte es im Vorfeld Unstimmigkeiten gegeben. Fürchteten doch unsere Freunde aus dem Norden, die auf Talhatscher allergisch reagieren, gefährlich nahe an die Grenzen ihrer Leidensfähigkeit zu stoßen. Der fast sechs Kilometer lange Marsch durch den Talboden der Windauer Ache erwies sich letztlich jedoch als kurzweilig statt als langweilig.

Im Schatten einer großartigen Bergkulisse führte der gemächlich ansteigende Wirtschaftsweg vorbei an der idyllisch gelegenen Gamskogelhütte. Schneller als erwartet war der Talschluss erreicht. Ab der Gamskogelhütte waren wir auch allein unterwegs, denn die anderen Gipfelaspiranten zogen den Anstieg über die Miesenbachalm vor.

Es galt also übrigens auch hier die Faustregel: je länger der Talhatscher, desto einsamer die Tour. Die Aufstiegsroute über die Unteren und Oberen Foischingalmen mussten wir weitgehend selber suchen, denn die alten Spuren waren zum großen Teil eingeschneit und verweht. Das Spuren im schuhtiefen Pulver verlangte einiges an Ausdauer und Kraft. Nach einem moderaten Auftakt konnten an einer Steilstufe unter den Oberen Foischingalmen bald Spitzkehren geübt werden. Nachdem es vor einigen Tagen geschneit hatte, präsentierte sich die weite Landschaft um die Oberen Foischingalmen in glitzerndem Weiß.

Gute Orientierung und Gespür für das Gelände waren beim Spuren angesagt, um den besten Durchschlupf zwischen einigen Steilstufen zu erkunden. Auf rund 2000 Meter war der Zugang zum langen Gipfelgrat nicht mehr möglich, ein undurchdringlicher Latschengürtel versperrte uns den weiteren Aufstieg. Der Wind hatte hier ganze Arbeit geleistet und alles freigeblasen.

Auf einem Vorgipfel blieb noch genügend Zeit für eine Rast, die lockende Abfahrt durch die stark zergliederte Nordwestflanke zu studieren und das Panorama zu bewundern: die markanten Gipfel von Großer Rettenstein und Gamsbeil im Norden, die sonnenüberfluteten breiten Hänge von Kröndlhorn und Steinbergstein im Süden und 1200 Meter unter uns das lange Windautal.

Der Schnee präsentierte sich in Bestform und machte die Abfahrt über wohlproportioniertes Tourengelände zu einem wahren Hochgenuss. Die leichtfertige Abweichung von der Ideallinie bescherte uns noch eine spannende Bachüberquerung, bei der mit etwas Glück aber keiner baden ging. Nach einem kurzen Gegenanstieg zur Baumgartenalm folgte noch eine unbeschwerte Pulverabfahrt bis zu einer Brücke, wo die Windauer Ache überquert werden musste. Die zünftige Schussfahrt das lange Tal hinaus war flott. Wo es steiler wurde, gingen sich sogar noch einige schöne Schwünge aus. Zufrieden stiegen wir am Steinberghaus aus unseren Bindungen und stießen bei einem Weißbier auf einen perfekten Skitag an.

Auf den Steinberg über die Obere Steinbergalm

Das Wetter zeigte sich am letzten Tag, als wir zum Steinberg aufbrachen, noch nicht von seiner besten Seite, denn Schlieren verdeckten die Sonne. Mit gemischten Gefühlen, ob die Sonne doch noch den Durchbruch schaffen würde, zogen wir wieder den bekannten Weg taleinwärts. Nach gut zwei Kilometern nahmen wir bei einem Wegweiser die Abzweigung nach rechts und legten die ersten Höhenmeter bis zur Unteren Steinbergalm auf einem breiten Almweg zurück. Der Föhn fegte mittlerweile die Schleierwolken beiseite und sorgte für frühlingshafte Temperaturen, was uns die Schweißperlen gehörig auf die Stirn trieb.

Mit jedem Höhenmeter wurde der Harschdeckel weicher und damit auch die Hoffnung, dass es bei der Abfahrt nicht zu ruppig wird. An der Oberen Steinbergalm gab es eine kurze Verschnaufpause. Durchwegs über weite, optimal steile, fast waldfreie Almhänge und sanft gerundete Kämme stiegen wir höher bis zu einem unscheinbaren Höcker im Kamm, weder steinig noch ein richtiger Berg. Hier scheint der Name wohl eher ein Wunschbild zu sein. Wir ließen trotzdem Gipfelgefühle aufkommen und erfreuten uns auf der anderen Talseite über eine großartige Gipfelschau. Hinter dem weißen Bergkamm zwischen Gerstinger Joch und Tanzkogel beherrscht der schroffe Große Rettenstein die Szenerie.

Unsere Freunde aus Hessen mussten sich schon an die Abfahrt machen, sie hatten noch eine lange Heimfahrt vor sich. Wir Traunsteiner hatten noch eine verlockende Variante erspäht. Vom Gipfel fuhren wir nordwestlich einen anfangs steilen Pulverhang hinab bis zu einem tiefen Graben. Es war das reine Vergnügen im unverspurten Gelände. Nach 150 Höhenmeter war die herrliche Abfahrt schon wieder vorbei und wir spurten zurück zur breiten Kuppe unter dem Steinberg. Bei der anschließenden Abfahrt über einen langgezogenen Rücken musste schon intensiver nach unverspurten Flächen gesucht werden. Damit es nicht langweilig wurde, gab es besonders im unteren Bereich ein paar Gräben, Furchen und viele Buckel zu meistern.

Die Schneeverhältnisse ab der Oberen Steinbergalm waren ordentlich bis hervorragend, so war das Wedeln über die breite Almstraße hinab zum Steinberghaus ein uneingeschränkter Genuss. Es blieb noch Zeit für eine ausgedehnte Einkehr, womit die drei Tage im Windautal so angenehm endeten, wie sie begonnen hatten. Manfred Zeis