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Diamantenglitzern und eine Orgel aus Eis

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Eishöhlenführer Paul Schmaus (rechts) zeigt Besuchern wie Jonas Freund (links) mit Begeisterung die Schönheiten der Höhle. (Foto: Mergenthal)

Hirtenbuben, die an einem heißen Sommertag ihre Schafe suchten, fanden diese schließlich vor dem Eingang einer Höhle, wo es schön kühl war. Sie haben im Grunde genommen die »Schellenberger Eishöhle« entdeckt. Das war im Jahr 1824, als am Untersberg noch Almwirtschaft betrieben wurde. Diese Geschichte erzählt Eishöhlenführer Paul Schmaus gern seinen Besuchern. Heuer macht dem Inzeller sein Ehrenamt besonders viel Freude: »In den 14 Jahren, seit ich Höhlenführer bin, haben wir noch nie so viel Eis gehabt«, schwärmt er.


Der ehemalige Berufssoldat führt Einheimische und Urlaubsgäste für den Verein für Höhlenkunde Schellenberg durch die höchste erschlossene Eishöhle Deutschlands. Der reichliche Schnee vom diesjährigen strengen Winter habe den Höhleneingang geschützt und die Sonne der vielen heißen Tage von April bis Anfang Juni abgefangen, erklärt er.

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Das Eis wächst nicht im Winter

Mit Jonas Freund, einem jungen Dingolfinger, der mit Rucksack und Biwacksack von Berchtesgaden bis zum Chiemsee geht, steige ich unter Schmaus’ fachkundiger Begleitung auf Schneetreppen in die Höhle ein. Es ist sehr selten, dass sich das kalte Weiß so lange hält und die Schneetreppen so weit oben beginnen.

»Heuer hatten wir sehr viel Eiszuwachs, zum Teil bis 70 Zentimeter«, erklärt Schmaus. Das Eis wachse aber nicht im Winter. »Da passiert in der Höhle gar nichts.« Erst wenn im Frühjahr das Schneewasser komme, bilde sich das Eis und wachse von Ende April bis in den Juni hinein. Im Laufe des Sommers verändere es dann ständig seine Gestalt.

In der Höhle ist es etwa minus ein Grad. Drei Stunden Aufstieg mit Einkehr auf der Toni-Lenz-Hütte liegen hinter uns und wir haben wie vorgeschrieben am Sammelplatz aus der Holztruhe einen Helm geholt. Ein eiskalter Luftzug weht uns aus der »Josef-Ritter-von-Angermayer-Halle« im Eingangsbereich der Höhe entgegen. Paul Schmaus liebt das stetige Tropfgeräusch, das seine Arbeit begleitet: Unentwegt arbeitet sich das Wasser durch den sagenumwobenen Berg, der 70 Prozent der Salzburger Haushalte mit Wasser speist.

Mit Karbidlampen ausgerüstet geht es über eine Wendeltreppe zum »Mörkdom« hinab. In der gefrorenen Kaskade ist eine Orgel aus Eis zu entdecken. Die Namen der Plätze in der Höhle erinnern an die Historie ihrer Erkundung, an der vier Salzburger mitwirkten – unter anderem ab 1874 Anton von Posselt-Czorich – ihm ist der »Posselt-Steig« gewidmet, wo er fast abgestürzt wäre – und ab 1876 Prof. Eberhard Fugger. »Das waren lauter verrückte Einzelgänger«, so Schmaus.

Erst 1910 tauchte dann, wohl ausgerüstet zur Weiterforschung, Alexander von Mörk auf. Mit Hilfe von Strickleitern bewältigte er den 15 Meter tiefen Abstieg in den später nach ihm benannten »Mörkdom«, stieg auch noch über den vierten Eisfall hinunter und betrat als erster den tiefsten Punkt, die heutige »Fuggerhalle«. Beim Abstieg über die mit Gummimatten belegten Eistreppen müssen wir den Kopf einziehen: So tief wie sonst nie – wie ein Vorhang hängen die Eis-Wächten von oben herab. Das Eis und der Fels, an den sich an vielen Stellen feine Eiskristalle gelegt haben, glitzern im Licht der schnell verglimmenden Magnesium-Fackel wie Diamanten.

Am 6. Mai war heuer »Erstbegehung«, nachdem sich die Lawinengefahr auf dem Zustieg von der Hütte aus minimiert hatte, und am 31. Mai öffneten die Höhlenführer für die Besucher. Vorher leisteten sie etwa 1000 Arbeitsstunden, um die Rutschbahn in eine sicher begehbare Schauhöhle zu verwandeln, unterstützt von Freunden oder Nachbarn und an zweieinhalb Tagen auch von acht Gebirgsjägern, der Patenkompanie 232 der Gemeinde.

Bis zu 30 Meter dick sind die Eisschollen

Bis zu 30 Meter dick sind die schillernden Eisschollen. Insgesamt fasst die Höhle rund 60 000 Kubikmeter Eis. Die ältesten Schichten sind 3000 Jahre alt, also aus der Zeit fast 1000 Jahre vor Christi Geburt, wie eine Pollenanalyse offenbarte.

Aus dem herausgeschnittenen Eis bauten die Helfer an der tiefsten Stelle der Höhle, 41 Meter unter der Eingangsschwelle, eine »Eisbar« rund um die Eismandln. Am Rand der Treppen müssen Rinnen zum Abfluss des Wassers gegraben und wenn sie zufrieren immer wieder frei geschlagen werden. Wie eine riesige Salzlampe wirken die Eisblöcke, wenn sie von hinten vom warmen Karbidlampen-Licht bestrahlt werden.

Ein Erlebnis ist es auch, aus dieser Kälte wieder in die Sonne zurückzukehren. Im Funkeln des Eises und in der Leidenschaft des Wärters dieser Wunderwelt ist sie dann nämlich mit allen Sinnen zu erleben. Diese Magie des Untersbergs mit seinen 370 Höhlen, zahlreichen Legenden und mysteriösen Zeitlöchern. Nicht umsonst nannte der Dalai Lama den Untersberg einst das »Herzchakra Europas«. Veronika Mergenthal