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Der weiße Tod: Lawinengefahr wird im Frühjahr oft unterschätzt

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Bergretter Thomas Merkel und sein Lawinenhund Jessy suchen bei einer Übung der Bergwacht unterhalb der Alpspitze im Zugspitzmassiv in einer Schneehöhle nach einem potenziellen Lawinenopfer. Die Frühlingssonne bringt tödliche Gefahr. Der Schnee wird weich, nass und schwer.

Die Luft ist frühlingshaft lau, weißer Altschnee lockt abseits der Pisten. Doch Sonne und Regen machen den Schnee schwer. Gerade das Frühjahr bringt in den Bergen eine oft tödliche Bedrohung: Nassschneelawinen. Während im Tal Krokusse sprießen, ist die Warnstufe in diesen Tagen auf den Wert drei der fünfstufigen Skala angehoben worden.


»Das Regenwasser dringt in tiefe Schneeschichten ein und bildet vor allem auf Wiesengrund einem rutschigen Schmierfilm, auf dem Lawinen abgehen können«, sagt Stefan Winter, Sicherheitsexperte beim Deutschen Alpenverein (DAV). Weiter oben wiederum gab es zuletzt immer wieder Neuschnee, der Sturm verfrachtet die weißen Massen. Auch das erhöht die Gefahr.

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Besonders bei schönem Wetter wirkt die Landschaft trügerisch harmlos. »Die Sonne hat schon richtig Kraft«, sagt Thomas Griesbeck von der Bergwacht Bayern. »Die Hänge, die in der prallen Sonne liegen, sind besonders gefährdet.« Der Schnee taut, wird schwer und gleitet auf dem Grund ab.

Innere Verletzungen lassen Verschütteten oft keine Überlebenschance. Statistisch sinken die Überlebenschancen nach 15 bis 35 Minuten auf ein Drittel, nach 90 Minuten werden nur sieben Prozent der Opfer lebend gerettet. »Es gibt immer wieder die Möglichkeit länger zu überleben, etwa wenn der Verunglückte eine große Atemhöhle hat«, sagt DAV-Sprecherin Andrea Händel. 25 Tote zählten die österreichischen Behörden in dieser Saison – elf waren es im Vorjahr. 28 Menschen starben in der Schweiz. »Von einem Katastrophenwinter braucht man nicht sprechen«, sagt Winter. »Aber es gab viele Tote.« Ausgerechnet in dieser schneearmen Saison. Denn: »Weniger Schnee heißt nicht sicherer. Wenig Schnee führt sogar oft zu höherer Lawinengefahr.« Verfrachtungen durch den Wind machen gerade dann Übergänge zwischen wenig und viel Schnee zu instabilen Stellen.

Solche Situationen einzuschätzen erfordert Erfahrung – die Neulingen im boomenden Bergsport oft fehlt. An der Rotwand bei Schliersee versuchten Schneeschuhgeher, eine steile Rinne entlang von Skispuren hinaufzusteigen. Erst auf Warnrufe von Tourengehern drehten sie um. Hier fahren Geübte auf Skiern ab – doch ein Aufstieg ist zu riskant. Gibt es auf Skiern bei eher langsamen Grundlawinen eine gewisse Chance zu entkommen, ist das zu Fuß meist aussichtslos.

Auch der Lawinenlagebericht bietet keine endgültige Sicherheit. Durch die teils geringen Schneefälle und starken Wind variiert die Gefahr gerade in diesem Jahr oft auf wenigen Metern, sagt Händel. »Das macht die Beurteilung besonders schwierig.«