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Der Stoanmandl-Alpencross – ein besonderes Erlebnis

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Stolze Biker auf dem Weg zur Demut-Passage – das Wetter zeigte sich an diesem Tag von der schönsten Seite. (Foto: Udo Kewitsch)
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Innehalten – der Blick auf die Sextener Dolomiten – die Berge mächtig, der Mensch so klein. Schöne Momente. (Foto: Martin Ebert)
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Der Stoneman-Trail ist ein Muss für alle Biker – fast alles ist fahrbar, vieles ist wunderbar. (Foto: Udo Kewitsch)

Es ist der Traum vieler, einen Alpencross »von der Haustür« zu starten. Kein aufwendiger Transfer, sondern die heimischen Schmankerl noch in die Streckenführung mit einbauen, bevor es dann Stück für Stück etwas »fremder« wird und man tiefer in den Cross einsteigt. Ich habe eine einfache Variante von Siegsdorf über die Alpen gewählt, um dann einen lang gehegten Wunsch zu realisieren: die komplette Route des berühmten Stoneman-Trails befahren und einer der vielen glücklichen Finisher zu sein. Gesagt, gepackt, gestartet. Mein Bikepartner Martin wird übers Karwendel, die Brenner Grenzkammstraße und den Kronplatz nach Sillian reisen.


Tag 1: Von Siegsdorf nach Saalbach

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Der Sommer hatte seine Hausaufgaben bislang hervorragend gemacht. Warm, sehr warm und trocken war es die vergangenen Wochen. Ein Jammer, dass »meine Woche« in der Vorhersage viele dunkle Wolken zu bieten hatte. Als Crosser hilft es nichts, man muss durch. Der Start ist vergleichsweise beschaulich. Über Ruhpolding geht es vorbei am Märchenpark hinauf ins wunderschöne Röthelmoos und hinunter ins Wappbachtal, um dort die Bundesstraße kurz zu queren und auf der anderen Seite des idyllischen Weitsees schließlich bis zum Parkplatz Seegatterl zu gelangen.

Noch ist die Sonne bei mir und so ist auch der Anstieg auf der »Loipe« hinauf zur Winklmoosalm von guter Laune geprägt. Weiter geht es zur Möseralm – es kann passieren, dass man von E-Bikes überholt wird – und schließlich über die Staffenalm hinunter nach Waidring. Spätestens jetzt verlässt der Chiemgauer Biker sein Haupteinzugsgebiet. Von Waidring Richtung Pillersee und weiter bis nach Hochfilzen sind es noch einige Meter und so langsam geben verschiedenste Körpereinheiten erste Rückmeldungen. Der Rücken, die Hände, die Sitzfläche und auch die Schenkel lassen wissen: Belastung gut und schön, aber rasten wäre auch nicht schlecht. Der Pillersee ist eine perfekte Gelegenheit dazu. Und auch später am Gasthof Eiserne Hand schmeckt das Radler wohlverdient.

Nun gilt es, den letzten Anstieg zu meistern, bevor es ins MTB-Eldorado nach Saalbach und somit dem ersten Etappenziel geht. Kernig geht es hinauf und die eben erwähnten Schmerzstellen senden beharrliche Signale. So vergeht der Nachmittag und ich erreiche wohlig erschöpft die Spielbergalm auf 1320 Meter Höhe.

Tag 2: Saalbach - Fuschertörl

Dunkle Wolken verdüstern meinen Schlafraum. Regen trommelt auf das Pflaster. Meine gute Laune dreht sich nochmals um und schläft weiter. Ich muss raus. Die ursprünglich gewählte Hard-Core-Variante über das unwegsame Klingertörl streiche ich und widme mich der Anreiseplanung Richtung Großglockner, während mein Kumpel Martin seinerseits beste Bedingungen auf seiner Route vom Karwendel über die Brennergrenzkammstraße meldet. Na Bravo.

Regengarnitur an. Von Saalbach rollt man weitgehend ohne großen Krafteinsatz über Viehhofen hinunter nach Maishofen und über Thumersbach vorbei an Zell am See nach Bruck. Das Mountainbike-Gebiet Saalbach muss noch einmal auf mich warten – ich komme wieder. Doch zunächst regnet es unaufhörlich. Als ich zu einer Cappuccino-Pause einkehre, reißt der Himmel ganz kurz auf. Na wenigstens trocknen draußen die Straßen, während ich drinnen raste und grübele.

Der Rest des Tages ist schnell erzählt. Quältag – damit ist alles gesagt. Ab Bruck geht es im Grunde für die nächsten knapp 25 Kilometer nur noch bergan. Mit einem 7-kg-Rucksack und einer angeschlagenen Motivation im »Genick« sowie dem nun wieder einsetzenden Regen wird der Anstieg zur Leidensphase. Oben angekommen ist jedoch dann wieder alles vergessen. Als einziger Gast im Gasthof Fuschertörl kehrt dann abends um 20 Uhr eine geisterhafte Ruhe ein. Das sich bietende Wolkenspiel ist einzigartig.

Tag 3 und 4: Fuschertörl - Lienz - Sillian

Nach der Qual folgt die Kür. Die nächsten zwei Tage sind mit 2000 Höhenmeter schon fast Faultiertage, die Herausforderungen auf der Strecke nach Lienz und weiter bis Sillian nicht sonderlich spektakulär, aber durchaus ausbaubar. Wetterbedingt wähle ich jedoch meist den »Chicken Way« und gehe abends lieber in die Sauna und genieße dafür das Straßenfest »Olala« in Lienz (und später noch einmal in Innichen).

Tag 5: Sillian - Sillianer Hütte

Stoneman-Tag. Jetzt geht es los. Der Wetterbericht meldet halbwegs stabile Verhältnisse, Martin kam gestern fast trocken an und gemeinsam gilt es nun, in drei Tagen den Stoneman-Trail zu meistern. Eine lösbare, aber fahrtechnisch durchaus anspruchsvolle Aufgabe. Heute stehen nur 15 Kilometer auf der »To-Do«-Liste. Aber auch 1300 Höhenmeter am Stück. Oben auf 2447 Meter liegt auf einer »Kante« die Sillianer Hütte und wartet auf die Abenteurer. Der erste Teil des Weges bis zur Leckfeldalm (1950 Meter) ist noch fahrbar, dann jedoch wird der Pfad buckelig und extrem steil. Schiebezeit. Oben angekommen kombiniert sich Stolz mit Wonne. Der Ausblick an diesem Punkt ist sensationell. Das Wolkenspiel tut ein Übriges. Minütlich wechseln die Stimmungen. Der Abend auf der ausgebuchten Hütte verläuft urig, und als um 22 Uhr die berühmte Schicht im Schacht beginnt, kachelt es draußen ohne Unterlass. Morgen sollte es eigentlich trocken sein.

Tag 6: Sillianer Hütte - Innichen

Heute ist Königstag. Die legendäre Demut-Passage steht auf dem Plan. Und als ob Petrus unser Gebet erhört hätte: Die Luft ist frisch gewaschen, der Himmel strahlend blau und die Wolken so weiß, dass sie heute kein Wässerchen von sich geben werden. Herrlich.

Wir schieben den ersten Stich hinauf und starten dann eine epische Reise über den von Roland Stauder initiierten Stoneman-Trail entlang der Sextener Dolomiten. Knapp 25 Kilometer führt der meist lenkerbreite Pfad über den Karnischen Höhenweg eine gefühlte Unendlichkeit durch die Dolomiten. Ein Traum für Biker – wohl anspruchsvoll und auch kräftezehrend, aber niemals grenzwertig oder gar unverantwortbar. So verführt uns an jeder neuen Kehre eine unbeschreibliche Vielfalt an Motiven zur kurzen Rast und zum Fotostopp. Königstage sind so.

Doch auch der schönste Trail geht einmal zu Ende und so leiten wir den Sinkflug nach Padola ein, um kurz darauf über den Kreuzbergpass den letzten Anstieg zur Rotwandwiesen zu nehmen. Auch hier: prächtiges Panorama. Postkartenreif. Ein Radler, ein Kuchen und die schwierige Entscheidung: Bleiben oder ein Stück weiter? Wir entscheiden uns für die Weiterfahrt, endet doch unsere Tour morgen und die Bahnfahrt ab Innichen ist bereits gebucht.

Tag 7: Innichen - Marchinkele - Heimreise

Noch ein Gipfel steht an, dann ist es geschafft. Einerseits der Alpencross 2015 beendet und andererseits der Stoneman-Trail gemeistert. Der Punkt »Marchinkele« ist einer der Stoneman-Stationen, die es anzusteuern gilt, man muss dort seinen Stempel ins Armband drücken und darf sich dann die verdiente Trophäe von Roland Stauder geben lassen (Bronze für die Dreitages-, Silber für die Zweitages- und Gold für die Eintagestour).

Ab Toblach geht es bis zur Silvesterhütte über gute Schotterstraßen gemäßigt bergan. Erst jetzt wird die Militärstraße ruppiger. Wohl dem, der ein Fully hat. Wir schrauben uns Kehre um Kehre hinauf und erreichen schließlich den höchsten Punkt auf 2545 Meter. Auch hier gilt: Das Panorama ist umwerfend, ebenso wie es zuvor die vielen Aussichtspositionen auf der Militärstraße waren. Das ist Biken. Dann geht es auf einem phantastischen Trail hinunter bis nach Winnebach, von wo aus wir den Kreis bis nach Innichen schließen und die Heimreise antreten.

Fazit: Mein 15. Alpencross war eine wunderbare Reise, von den anfänglichen Wetterkapriolen einmal abgesehen. Der Stoneman-Trail ist eine Destination, die jeder Mountainbiker sich ins Pflichtenheft schreiben sollte. Udo Kewitsch