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Dank GPS: Ein Alptraum wird zur Traumtour

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Traumhafte Bedingungen gab's bei der Abfahrt von der Dreiländerspitze zur Wiesbadener Hütte. (Fotos: Till)
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Bei Sonnenschein ging's hinauf auf die Hintere Jamspitze.

Im Dreiländereck Tirol, Vorarlberg und der Schweiz liegt im Zentralteil der Ostalpen die Gebirgsgruppe der Silvretta. Wegen der zahlreichen kleineren und größeren Gletscher wird sie auch die »Blaue Silvretta« genannt.


Es war eine stürmische und saukalte Woche, als Gabi und ich vor über zehn Jahren aufbrachen, um diesen Gebirgsstock mit seinen vielen »Dreitausendern« von Ischgl in Tirol bis zur Bieler Höhe im Montafon zu durchqueren. Noch am Anreisetag stiegen wir vom »Ballermann-Skidorf« Ischgl durch das Fimbertal hinauf zur Heidelberger Hütte. Ein Polarlufteinbruch bescherte uns am nächsten Tag zwar schönstes Wetter aber Temperaturen von unter minus 20 Grad Celsius.

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Unser erstes Ziel war der 3179 Meter hohe Piz Tasna. Dick eingepackt marschierten wir südwärts über die Fuorcla Tasna zum kleinen Gletscher Vadret da Tasna und in einer Schleife weiter zum Skidepot am Ostgrat. Über diesen geht es normalerweise, zwar steil aber verhältnismäßig einfach und meist ohne Steigeisen zum Gipfel. Wegen des schneidenden und eiskalten Windes zogen wir es jedoch vor, kurz abzufahren, um dann auf den 2984 Meter hohen Piz Laver zu steigen. Im federleichten Pulver schwebten wir anschließend hinunter zur warmen Hütte.

Zu viel Schnee: Skitour zur Jamtalhütte nicht möglich

Tags darauf war es zwar nicht mehr ganz so kalt, dafür schneite und stürmte es aber so sehr, dass an die Skitour über die Breite Krone zur Jamtalhütte nicht zu denken war. Um nicht den ganzen Tag in der Hütte zu sitzen und auf besseres Wetter warten zu müssen, spurten wir zum Fimberpass, den ich von einem Alpencross her kannte. Ein Montafoner Bergführer war uns mit seiner Gruppe junger Holländerinnen gefolgt und gemeinsam stopselten wir mehr, als wir fuhren zurück, da wir im dichten Nebel kaum wussten, ob es aufwärts oder abwärts ging.

Abends beim Rotwein rätselten der Bergführer und ich, ob sich das Wetter am nächsten Tag so bessern würde, dass wir über das Kronenjoch zur Jamtalhütte gelangen könnten.

Auch am nächsten Morgen schneite und wehte es noch immer. So wie alle anderen Skitourengeher warteten auch wir ab, ob sich das Wetter nicht bessern würde. Schließlich brach der Montafoner Bergführer mit seiner Gruppe auf und zog Richtung Kronenjoch los. Eine halbe Stunde später folgten ihnen zwei Rosenheimer Skitouren-Pärchen. Im Glauben, eine gute Spur vorzufinden, machten uns auch wir, wiederum eine halbe Stunde später, auf den Weg. Schon bald war die Spur im wahrsten Sinne des Wortes vom Winde verweht und wir wollten schon umkehren, als es kurz aufriss und wir ein paar Minuten vor uns die vier Rosenheimer sahen, die langsam gingen.

Also nichts wie ihnen nach, um zu sehen, was los war. Als wir sie eingeholt hatten, bemerkten wir, dass einer von ihnen immer vorausging und der andere Mann ihn mittels eines damals noch sehr einfachen GPS-Geräts zum nächsten Trackpunkt steuerte. Wir durften uns anschließen und erreichten so langsam, aber sicher das Kronenjoch.

Kaum wollte der Erste abfellen, da riss ihm der Wind, der am Joch durch die Düsenwirkung fast Orkanstärke erreichte, den Ski aus der Hand. Also brüllte ich gegen den Sturm zur Gabi: »Lass die Felle dran.« Und wir rutschten gemeinsam mit unseren Rosenheimer Leidensgenossen rund 200 Höhenmeter in Richtung Jamtal hinunter. Erst jetzt konnten wir abfellen und abfahren. Gut in der Jamtalhütte angekommen, genehmigten wir uns erst einmal einen »Überlebensschnaps«. Dann erkundigten wir uns nach dem Bergführer mit seinen Holländerinnen. Sie waren noch nicht da! Gemeinsam mit dem Hüttenwirt überlegten wir, was zu tun sei. Doch die Gruppe traf dann doch ein – wegen eines »Verhauers« zwar verspätet, aber wohlbehalten. Dies wurde mit einer weiteren Runde Schnaps gefeiert.

Der nächste Tag bescherte uns Sonnenschein und einen halben Meter feinsten Pulver. Unsere Rosenheimer Freunde hatten aber aufgrund der Erlebnisse des Vortags keine Lust mehr und brachen die geplante Tour ab und fuhren nach Galtür ab. Gabi und ich wollten, so wie viele andere Tourengeher auch, zur 3114 Meter hohen Gemsspitze. Wegen des vielen Neuschnees sagte ich zu Gabi: »Lass die mal zu gehen, wir warten ihnen dann oben.« So kam es auch.

Während die anderen beim abwechselnden Spuren schwitzten, liefen wir gemütlich hinterher und spurten selbst nur die letzten Meter zum Gipfel. Zu deren Leidwesen zirkelten wir dann auch die ersten Spuren in den leichten Pulver, der wie eine weiße Bettdecke auf dem Jamtalferner lag. Nach fünfhundert Höhenmeter Traumabfahrt fellten wir wieder an und stiegen noch zur 3156 Meter hohen Hinteren Jamtalspitze auf, um auch von dort unsere eigenen Spuren hinunter zur Hütte zu ziehen. Das war einer der seltenen Sterntage mit Pulverschnee und Sonnenschein, der mit Rotwein am Abend gebührend gefeiert wurde.

Statt einer Klettertour gleich zur Wiesbadener Hütte

Unser nächstes Ziel war die Dreiländerspitze und die Wiesbadener Hütte. Also stiegen wir zur Oberen Ochsenscharte auf, um von dort zum Skidepot der Dreiländerspitze zu gelangen. Die kurze, aber vereiste Blockkletterei zum Gipfel ersparten wir uns und schwebten stattdessen, im immer noch traumhaften Pulver, über den Vermuntgletscher hinunter zur Wiesbadener Hütte. Diese war überfüllt mit Bergsteigern, die zum Piz Buin wollten. Da wir keinen vernünftigen Schlafplatz bekamen, fuhren wir zur Bieler Höhe ab und übernachteten im Madlenerhaus.

Der nächste Tag brachte wieder schlechtes Wetter und so beendeten wir hier unsere Skidurchquerung der »Blauen Silvretta« die als Alptraum begann und Dank GPS zur Traumtour wurde. Trotzdem sollte es noch Jahre dauern, bis mich mein Freund Markus überzeugen konnte, ein solches Gerät zu kaufen. Ich bereue es nicht, da es nicht nur die Wegfindung erleichtert, sondern auch viel Sicherheit bringt, falls im Gebirge das Wetter umschlägt und man etwa umkehren muss. Im Gegensatz zu früher muss ich jetzt beim »Einheitsgrau« von Nebel und Schnee nicht mehr wie früher mit der Nase am Boden nach der Aufstiegsspur suchen, sondern gehe im Gerät auf »Zurückverfolgen« und komme so sicher zum Ausgangspunkt zurück. Rudi Till