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Buße in der Eiger-Nordwand

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Schwierige Kletterei erwartete Thomas Huber, Stephan Siegrist und Roger Schäli in der Eiger-Route »Metanoia«. (Fotos: Huber)
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Frieren am Standplatz: Thomas Huber in der Eiger-Nordwand.
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1800 Höhenmeter in Fels und Eis müssen in der Eiger-Nordwand bezwungen werden.

»Metanoia« nannte Jeff Lowe im Jahr 1991 seine im achttägigen Alleingang eröffnete Extremroute in der Eiger-Nordwand. Das ist der griechische Ausdruck für Buße im religiösen Verständnis. Den Sinn der Namensgebung verstehen seit dem Jahresende die Extremkletterer Thomas Huber (Berchtesgaden), Stephan Sieg-rist und Roger Schäli (beide Schweiz). Das Trio wiederholte erstmals diese legendäre Linie und zollte nach diesem Abenteuer dem Erstbegeher viel Respekt.


Jeff Lowe befand sich in einer Lebenskrise, als er im Februar 1991 dieses waghalsige Projekt in Angriff nahm. Alleine stieg der Amerikaner auf einer völlig neuen Linie in die verschneite, 1800 Meter hohe Nordwand ein. Wenn auch sein Leben damals aus den Fugen geraten war, so funktionierte der Ausnahmebergsteiger in der Wand perfekt. Alleine trotzte er den Stürmen, kletterte über verschneite Felsplatten, bewältigte Passagen in technischer Kletterei bis A4, oft weit weg von einer guten Sicherung. Thomas Huber beschreibt es so: »Jeff war in einer anderen Welt, jenseits der Realität, wo nur die ureigenen Instinkte und die Intuition dich überleben lassen.« Nach neun Tagen erreichte der Amerikaner den Ausstieg. Kurz vor einem erneuten Sturm holten ihn seine Freunde mit dem Hubschrauber zurück ins Leben. Sein Leben hatte eine neue Perspektive.

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Erinnerung an Toni Kurz

Alle weiteren Begehungsversuche verliefen bislang erfolglos. Das lag wohl auch daran, dass es keine genaue Routenbeschreibung gab und niemand wusste, wie hoch die Schwierigkeiten wirklich sind. Doch davon ließ sich Thomas Huber nicht abschrecken. Der 50-Jährige holte sich für sein Projekt mit Stephan Siegrist und Roger Schäli zwei ausgesprochene Eiger-Nordwand-Kenner ins Boot.

Huber besorgte sich von Lowe noch weitere Routeninformationen, ehe das Trio eine Woche vor Weihnachten in die Wand einstieg. Vorbau, Schwieriger Riss und schließlich der Toni-Kurz-Überhang. »Es war ein beklemmendes Gefühl, unter dem Überhang zu stehen, wo vor genau 80 Jahren der Berchtesgadener Bergsteiger Toni Kurz vor seinen Rettern im Seil hängend mit den Worten ›Ich kann nicht mehr‹ verstorben ist«, erinnert sich Thomas Huber.

Links davon fand man schnell den Einstieg in die »Metanoia«, in der man sich mit dem Vorstieg abwechselte. Dabei griff das Trio tief in die Trickkiste der Sicherungstechnik, manchmal nahm eine Seillänge zwei Stunden in Anspruch. »Spätestens jetzt wurde uns bewusst, dass Jeff damals wirklich alles gegeben haben muss«, schildert Thomas Huber. Als es bereits dämmerte, erreichten die Kletterer das zweite Eisfeld, auf dem sie biwakierten.

Am nächsten Tag wurde es nicht leichter. Den ersten großen Wandriegel nahm Thomas Huber in Angriff – am Klettergurt ein großes Sortiment an Sicherungsmaterial. Vier Stunden brauchte Thomas für vier Seillängen, dann war Stephan an der Reihe. »Das Team funktionierte perfekt, jeder ersetzte jeden«, erzählt Thomas Huber.

70 Meter links des sogenannten Zentralbandes fanden die drei eine Kanzel, wo man das zweite Nachtlager aufschlug. Wenig erfreulich war allerdings der Wetterbericht, den man von Charly Gabel aus Innsbruck bekam. Föhn mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 70 km/h war angesagt. Eiger-Kenner Steff wusste, dass man dann keine Chance haben würde.

Bis zum Morgen war in der Nordwand der Winter eingekehrt, der Fels war weiß angezuckert. Für das Trio ging es nicht weiter, man blies zum Rückzug. Wenigstens durfte man sich auf Weihnachten zu Hause freuen und letztendlich war die Entscheidung zur Umkehr auch richtig gewesen, denn an diesem Tag gab es gemessene Windgeschwindigkeiten von 180 Stundenkilometern in der Gipfelregion des Eiger.

Nach Weihnachten, am 27. Dezember, gab das Wetter dem Trio eine erneute Chance. Man fixierte zunächst die ersten Seillängen ab dem Toni-Kurz-Überhang, um am nächsten Morgen durchzustarten zu können. Doch der nächste Tag, es war der 28. Dezember, brachte erneut Sturm und Staublawinen. Pause bei Schweizer Röstis und einer Halben Bier in der Station Eiger-Gletscher war angesagt.

Als der Wind tags darauf schwächer wurde und auch Charly Gabel grünes Licht gab, stieg man über das Stollenloch wieder in die Wand und erreichte so schnell die bereits fixierten Seile. »Jeder kletterte dann dieselben Seillängen im Vorstieg wie vor einer Woche«, schildert Thomas Huber und fügt an: »Wir waren schnell, die Stimmung war perfekt.« Um 4  Uhr erreichte die drei das bereits bekannte Zentralband und den Biwakplatz.

»Alles ist brüchig und ernsthaft«

Der 30. Dezember sollte der Gipfeltag werden. Stephan Siegrist war am scharfen Ende des Seils unterwegs und fand Jeff Lowes Weg durch brüchige Risse und Verschneidungen. Dann war Roger Schäli an der Reihe. »Ein kleiner Runout (längere Zeit keine Sicherungsmöglichkeit; Anm. d. Red.) über eine Platte, dann der überhängende Kamin, den Jeff als die schönste Seillänge seiner Route bezeichnet«, erinnert sich Thomas Huber. Der war allerdings von dieser Seillänge weniger begeistert: »Alles ist lose, brüchig, ernsthaft und extrem steil.«

Über das kleine Eisfeld der »Fliege« erreichte man die Ausstiegsrisse und später die Japaner Direttissima. Entlang alter Fixseile und Ringbohrhaken ging es in Richtung letztes Eisfeld, wo Jeff Lowe seinen Rucksack zurückgelassen hatte. Und 20 Meter unter dem Ausstieg stieß die internationale Seilschaft noch auf ein letztes Zeichen von Jeff Lowe: einen alten Bong (Haken) mit blauer Markierung. Von hier war Lowe vor 26 Jahren ins Leben zurückgekehrt. Auch für Thomas Huber, Stephan Siegrist und Roger Schäli war ein kaltes, aufregendes Abenteuer vorbei.

Für den leidgeplagten Jeff Lowe war die Begehung von »Metanoia« eine Art Pfad zur Erleuchtung. Der Amerikaner war mit der neuen Lebenseinstellung, allen Herausforderungen mit Mut und Freude zu begegnen, aus der Nordwand ausgestiegen. Diese Einstellung hat Lowe bis heute nicht verloren, obwohl er seit 16 Jahren an einer neurodegenerativen Krankheit leidet, die ihn an den Rollstuhl fesselt. Thomas Huber ist beeindruckt: »Auch mich inspiriert diese Haltung für mein Leben.« Ulli Kastner