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Albert Precht: Tragischer Tod einer Legende

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Albert Precht starb im Alter von 67 Jahren. Er stürzte in seiner Wahlheimat Kreta mit seinem Freund Robert Jölli ab.

Die Nachricht kam am Samstagnachmittag per E-Mail: Albert Precht ist tot! Abgestürzt in seiner Wahlheimat Kreta mit seinem Freund Robert Jölli. Der Albert tot? Abgestürzt? Er, der Mann der über tausend Erstbegehungen geschafft hat, an einer relativ niedrigen Wand? Doch, es ist so, auch wenn es anfangs keiner glauben wollte, ja nicht fassen konnte. Es muss ein Seilschaftssturz gewesen sein, ob durch Steinschlag ausgelöst, durch irgendeinen Fehler oder beim Abseilen, das wird sich noch herausstellen.


Ausgerechnet mit Robert Jölli, der ein halbes Leben lang alpiner Ausbilder von Gendarmerie und Polizei war und auch Präsident des Europäischen Polizei-Bergführerverbandes. Das Unglück geschah in der Kapsa-Wand in der im Südosten Kretas gelegenen Schlucht von Pervolakia, dort wo Precht seit Jahren geklettert war und Route um Route erschlossen hatte, auch für einen Topo-Führer. Und nach wie vor fragt man sich: Wie kann ausgerechnet diesen beiden so ungemein erfahrenen Alpinisten so etwas passieren?

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Immer unterwegs – und am besten im Neuland

Das allererste Mal traf ich Albert Precht auf der Mitterfeldalm am Fuße der Mandlwände, das war in den siebziger Jahren. Da stand er im Ruf, für seine oftmals verwegenen Anstiege viel zu niedrige Schwierigkeitsbewertungen abzugeben: Was bei Precht ein Fünfer war, war anderswo ein Sechser. Noch gab es ganz offiziell den siebten Grad nicht, also war für ihn das Schwerste ein Sechser und alles andere wurde drunter eingestuft, quasi nach unten korrigiert. Da saß er beim Bier mit Stirnband und lässiger Kletterkluft, der große Albert Precht, den wir uns nur ganz ehrfürchtig anzusprechen trauten, der ganz normal mit uns redete und der, wie wir später wussten, längst Siebener-Routen geklettert hatte. Er war der vehemente Bohrhakengegner, kaum ein anderer Kletterer verfolgte derart konsequent die Preuß´sche Maxime, dass einzig »das Können des Dürfens Maß« bestimme, seine unzähligen Erstanstiege im Hochkönigmassiv oder im Tennengebirge geben dafür ein beredtes Zeugnis. Erst sehr viel später verwendete auch Albert Precht den Bohrhaken, der Grund war denkbar einfach: Mittlerweile hatte sein Sohn das Klettern begonnen...

Mit der Zeit lernte ich Albert Precht mehr und mehr kennen, immer besser, wie man so schön sagt. Er war ein grundehrlicher, eher sich zurückhaltender, nie sich in den Vordergrund drängender Mann mit einer ungeheueren Erfolgsgeschichte. Auch an den Bergen der Welt war er mittlerweile unterwegs gewesen, aber seine Kletterheimat blieben die Wände rings um Bischofshofen, später dann auch die griechischen Klettergebiete.

Er, der bei den Österreichischen Bundesbahnen gearbeitet hatte, war zugleich ein Getriebener, er musste unterwegs sein, wenn's möglich war, irgendwo im Neuland. So summierten sich mehr als tausend Erstbegehungen, eine unfassbare Zahl mit absoluten Highlights. Und doch blieb er immer auf dem Boden, nie hob er ab. War er manisch »bergsüchtig«? Vielleicht, er brauchte diese Neulandsuche, den Reiz des noch nie Versuchten, er brauchte die senkrechte Natur.

»Tausendundein Weg«: So nannte er programmatisch seine Autobiographie, in der er seinen Weg schilderte vom Bergbauernbuben hin zum Extremalpinisten. Er hat es nie gern gehört, aber er war der »König« des Tennengebirges oder des Hochkönigs, nicht allein wegen seiner unzähligen Routen, von denen er jede Menge allein im lupenreinen Solostil erklettert hatte. Zugleich gab es in diesen beiden Massiven so gut wie kein Steilkar oder keine Steilrinne, die er nicht mit Ski befahren hatte, so manche waren auch hundsgemein gefährlich: Aber der Albert wusste immer, was er sich zutrauen durfte und wo seine Grenzen lagen.

Franzose Lionel Terray als Vorbild

Trotz all seiner Erfolge und Auszeichnungen war er immer der bescheidene Bischofshofener geblieben, vordergründige Öffentlichkeit und Rummel um seine Person waren ihm zuwider. Lieber ging er am Hochkönig, an den Mandlwänden oder sonst wo in seinem Zauberreich alleine klettern, als dass er sich lautstark präsentiert oder um Popularität geheischt hätte.

Sein großes Vorbild in Sachen Alpinismus, so erzählte er, war der Franzose Lionel Terray, der sein bergsteigerisches Tun als die »Eroberung des Unnützen« bezeichnet hatte: »So herrlich«, schrieb Albert Precht in seinem zweiten Buch »Nach oben, Nach oben. Nach oben.«, »hat Lionel Terray das Bergsteigen umschrieben. Er war 44 Jahre alt, als er 1965 am Gabier im Vercours – eigentlich ein Klettergarten – mit seinem Partner tödlich abstürzte.« Jetzt ist auch Albert Precht im Alter von 67 Jahren mit seinem Partner Robert Jölli ums Leben gekommen, eigentlich auch in einem Klettergarten. So unerbittlich kann das Schicksal auch gegenüber Legenden sein. WS