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Waginger Alpenvereinsmitglieder in Georgien unterwegs – Neben Besichtigungen geht's unter anderem auch auf den Kasbek hinauf

Abenteuer zwischen Wehrtürmen und Gletscherbergen

Es war eine Reise voller Erlebnisse für die zwölf Mitglieder des Waginger Alpenvereins. Sie entdeckten Georgien – ein Land mit gastfreundlichen Menschen, mit einer exzellenten Küche, mit charakteristischen Wehrtürmen und Kreuzkuppelkirchen, mit reizvollen Städten und verwunschenen Dörfern, mit blumenübersäten Wiesen und eisbedeckten Bergen.

Beim Trekking in Swanetien genossen die Bergsteiger das herrliche Panorama.
Das Dorf Adishi ist Swanetien pur – dort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. (Fotos: Mayer)
Die Waginger genossen die Aussicht am Gipfel des Kasbeks (5047 m).

Die erste Station der Waginger war Tiflis. Schon auf dem nächtlichen Transfer vom Flughafen zum Hotel bekamen sie einen nachhaltigen Eindruck von der Stadt. Viele markante Bauwerke waren beleuchtet: zahlreiche Sakralbauten, der Präsidentenpalast, die elegant geschwungene Friedensbrücke, das Reiterdenkmal von König Wachtang. Der morgendliche Blick aus dem Fenster bescherte ihnen ein weiteres fantastisches Bild. Über zahlreiche Kirchenkuppeln ging der Blick über die Stadt.

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Reise geht mit einem Stadtrundgang gemütlich los

Von den stadtbildprägenden Mauerruinen der Narikala-Festung führt ein Panoramaweg mit einem wunderschönen Blick auf die Altstadt von Tiflis hinüber zur Kartlis Deda (Mutter Georgiens). Diese Monumentalstatue wurde 1958 zum 1500-jährigen Stadtjubiläum erbaut. Nach der Unabhängigkeitserklärung des Landes (1991) hat man die Figur umgestaltet. Die Mutter Georgiens hat ihr zuvor demütig gesenktes Haupt nun stolz erhoben und mit Lorbeer bekränzt. Kartlis Deda steht somit auch als Symbol für den Unabhängigkeitswillen des georgischen Volkes.

Der Stadtrundgang mit dem georgischen Reiseführer Giorgi Chachua endete an der riesigen Sameba-Kathedrale, die 1996 bis 2004 inmitten der Stadt erbaut wurde. Vor verschiedenen Ikonenbildern in der Kirche sahen die Waginger mehrere Brautpaare vor einem orthodoxen Priester, der ihren Bund segnete.

Sie lernten auf ihrer Reise noch zahlreiche, teilweise sehr wertvolle Kirchenbauten kennen und konnten dabei immer wieder erfahren, welche Bedeutung das religiöse Leben auch in der heutigen Zeit für die Georgier spielt. Im Jahre 337 wurde das Christentum bereits Staatsreligion. Georgien gilt damit nach Armenien als zweitältestes christliches Land der Erde. Weder islamische Invasoren noch die religionsfeindlichen Bolschewiken konnten der Treue des Volkes zum christlichen Glauben Abbruch tun.

Über die historische Hauptstadt Mzcheta kamen die Waginger nach Kutaissi. Dort ließ der frühere Staatspräsident Micheil Saakaschwili (2004 - 2013) das neue Parlament errichten, deutlich entfernt von der Hauptstadt Tiflis, um die Korruption einzudämmen. Saakaschwili war konsequent bei der Verfolgung seiner Ziele und in der Wahl seiner Mittel nicht zimperlich, aber seine Mission war durchaus erfolgreich. In seiner Regierungszeit kletterte Georgien auf dem weltweiten Korruptions-Wahrnehmungsindex von Platz 150 in die Top 50.

Durch das Tal des wild schäumenden Enguri schlängelte sich die Straße fast endlos hinauf in das geheimnisvolle Swanetien am Fuße der höchsten Berge des Kaukasus. Die Swanen galten schon bei den alten Griechen als freiheitsliebend und kriegerisch. Seine Freiheit hatte das Volk aber wohl in erster Linie der abgeschiedenen Lage zu verdanken. Aufgrund der zahlreichen alten Wehrtürme gehören die Bergdörfer zum Weltkulturerbe.

In Zabeshi begann eine mehrtägige Trekkingtour, die die Waginger vor einer imposanten Bergkulisse über einsame blumenübersäte Bergkämme und entlegene Dörfer nach Ushguli führte, dem höchstgelegenen ganzjährig bewohnten Dorf Europas. Markanter Richtungspunkt war der 4858 m hohe Firnkegel des Tetnuldi.

Das Dorf Adishi ist Swanetien pur – dort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die Gebäude machen einen morbiden Eindruck. Auf den Wegen tummeln sich Schweine, Kälber und streunende Hunde – und entsprechend stapelt sich der Dreck.

Hinter dem Tor des schlichten Gästehauses versteckte sich jedoch ein gemütlicher Garten. Innen war das Haus peinlich sauber, es gab frisches Bier und abends servierte man den Wagingern, wie in Georgien überall üblich, ein herrliches Mahl. Die weiteren Gästehäuser in Iprali und Ushguli waren zwar komfortabler, aber bei weitem nicht so authentisch.

Ushguli wirkt mit seinen Wehrtürmen wie ein Freilichtmuseum. Nach Tagen großer Einsamkeit trafen die Waginger hier erstmals wieder auf einen größeren Rummel. Am letzten Trekkingtag wanderten sie bei strahlendem Wetter auf den Chuldeshi (2983 m), einem wahren Belvedere vor der atemberaubenden gewaltigen Fels- und Eismauer des 5200 m hohen Schchara.

Auf der Rückfahrt ging es nach Gori, wo das Geburtshaus von Joseph Stalin steht. Es gibt Bestrebungen, dessen Verherrlichung ein Ende zu setzen. Davon war aber noch wenig zu spüren; neben dem Museum stand sogar ein Kaufhaus, das direkt mit dem Konterfei des in seiner Heimat unpopulären Sowjetdiktators warb.

Über die georgische Heerstraße, der gut ausgebauten und ganzjährig befahrbaren Straßenverbindung über den Großen Kaukasus zwischen Georgien und Russland, gelangte die Reisegruppe nach Stepanzminda. Vom kleinen Bergdorf Dschuta, das bis zu sieben Monate im Jahr von der gesamten Welt abgeschnitten ist, bestieg die Gruppe vor einem dolomitisch anmutenden Panorama die 3210 m hohe Tetuspitze.

Der Kasbek war schon den alten Griechen ein Begriff. Zeus ließ dort Prometheus anketten, nachdem dieser den Menschen das Licht zurückbrachte und damit die Götterstrafe sabotierte. Der Aufstieg zur spartanischen Bethlehem-Hütte, einer ehemaligen meteorologischen Station in 3650 m Höhe, war lang. Das große Gepäck wurde auf Packpferde geladen. Da kam einiges zusammen: neben der Ausrüstung auch Verpflegung, Kochgeschirr und Brennstoff für fünf Tage. Vom Beginn des Gergeti-gletschers mussten die Waginger alles selbst schleppen. Neben zwei Bergführern war auch eine Studentin als Köchin dabei. Der »Akklimatisierungstag« begann strahlend, und mehrere andere Seilschaften waren bereits zu nächtlicher Stunde aufgebrochen. Doch das Wetter schlug um. Im Laufe des Vormittags kam eine Gruppe nach der anderen durchnässt und durchfroren zurück, ohne den Gipfel erreicht zu haben. Erst am späten Nachmittag gab es eine kleine Übungstour.

Die Wetteraussichten für den Gipfeltag waren vielversprechend. Die Waginger starteten um 3.45 Uhr mit Stirnlampen, gelangten bei der ersten Morgendämmerung an den Gletscher, wo sie sich anseilten und erlebten einen wunderbaren Sonnenaufgang. Die Route führte von der Hütte aus gesehen um den Berg herum und dann von hinten her auf den Gipfel. Nach flachem Beginn steilen sich die Gletscherhänge auf. Die Verhältnisse am Gletscher waren bestens. Sogar der gut 40 Grad steile Gipfelhang ließ sich problemlos bezwingen.

Ein traumhaftes Panorama breitet sich aus

Der gegenseitige Gipfelglückwunsch auf 5047 m Höhe war besonders herzlich, sozusagen der Höhe angemessen. Ein traumhaftes Panorama breitete sich aus. Weit im Westen dominierte der doppelgipflige Elbrus. Die Waginger genossen die wunderbare Schau auf ein unendlich scheinendes Gipfelmeer, und – wer wollte es leugnen – auch den Triumph. Die Kameras  hielten den Augenblick fest.

So ein schöner Gipfeltag ist keine Selbstverständlichkeit, der Kasbek ist für sein unbeständiges Wetter berüchtigt. Die Waginger brauchten den vorsorglich eingeplanten Reservetag nicht und stiegen tags darauf bei Schnee und Regen ins Tal ab. Es war ungemütlich in den feuchten Kleidern, als die Waginger noch die berühmte Gergetikirche besichtigten. Die warmen Duschen im Gästehaus in Stepanzminda ließen die Strapazen aber schnell vergessen. Lorenz Mayer