Jahrgang 2019 Nummer 35

Vater und Manager eines Genies

Eine Ausstellung in Salzburg über Leopold Mozart

Leopold Mozart, anonymes Ölgemälde, um 1765.
Titelseite und Frontispiz von Leopold Mozarts »Violinschule«.
Leopold Mozarts Ehefrau Anna Maria Walburga, Ölgemälde von Rosa Hagenauer, um 1775.
Vater Mozart mit seinen Kindern, Gemälde von Louis Carogis de Carmontelle, 1763.

Leopold Mozart war kein Salzburger, obwohl er fast sein ganzes Leben in Salzburg verbrachte. Er stammte aus Augsburg, wo seine Vorfahren als Bauern und Handwerker gelebt hatten. Nach dem frühen Tod des Vaters kam er in die Stadt an der Salzach. Die Mutter hätte es gerne gesehen, wenn er die geistliche Laufbahn eingeschlagen hätte. Doch ihm war »alles Pfäffische«, wie er sich ausdrückte, von Herzen zuwider. Sein nachlässiger Besuch der Vorlesungen führte zu seiner Relegation.

Leopolds Neigung galt in erster Linie der Musik. Schon sehr früh hatte er Klavier- und Violinspielen gelernt. Nach einem zweijährigen Intermezzo als fürstlicher Kammerdiener bei einem Domherrn fand er endlich die ihm zusagende Position als Musiker am fürsterzbischöflichen Hof, zunächst als Violinist, dann als Vizekapellmeister.

Dass ihm der Sprung zum Kapellmeister nicht gelang, lag nicht nur an Intrigen der verschiedensten Art, sondern auch an seiner systemkritischen Haltung, wie sie sich in Klagen, Beschwerden und provokativen Eigenmächtigkeiten äußerte. War das Verhältnis Mozarts zum Erzbischof Schrattenbach direkt freundschaftlich gewesen, so änderte sich das total unter seinem Nachfolger Hieronymus Graf Colloredo. Zwischen den beiden stimmte einfach die Chemie nicht. Und natürlich spielte dabei auch die häufige, reisebedingte Abwesenheit der Mozarts von Salzburg eine Rolle. Spätere Biographen haben ausgerechnet, dass Mozart Vater und Sohn innerhalb von 13 Jahren nicht weniger als sieben Jahre auf Reisen quer durch Europa verbrachten und damit den gewährten Urlaub gewaltig überschritten.

Dreimal hatte Leopold Mozart Anlauf genommen, nach dem Freiwerden der Kapellmeisterstelle seine Karriere mit diesem Amt zu krönen. Doch jedesmal war ihm ein anderer vorgezogen worden. Beim vierten und letzten Versuch brachte er es über sich, sich dem Erzbischof »untertänigst zu Füßen zu legen« und ihm in Erinnerung zu rufen, dass er »bereits 38 Jahre dem Hohen Erzstift diene und seit dem Jahre 1763 als Vice-Kapellmeister die meisten und fast alle Dienste unklagbar verrichtet habe und noch verrichte«. Aber auch dieses Mal erhielt ein anderer, jüngerer Bewerber die Stelle.

Im Jahre 1747 heiratete Leopold Mozart die Tochter des Pflegers von St. Gilgen, Anna Maria Pertl. Von den sieben Kindern starben schon fünf in zartem Alter, nur zwei überlebten: Maria Anna Walburga, genannt Nannerl (geboren 1751) und Wolfgang Amadeus (1756). Ein ähnliches Schicksal sollte sich später bei dem Ehepaar Wolfgang und Constanze wiederholen, nur dass von ihren sechs Kindern zwei Söhne überlebten. Durch eigene Kompositionen, Erteilen von Violinunterricht und die Herausgabe der »Violinschule«, einem Standardwerk für Jahrzehnte, konnte Leopold seine materielle Lage verbessern und sich ein gewisses Maß Unabhängigkeit erwerben. Auch die zwar strapaziösen, aber zumindest anfänglich erfolgreichen Reisen schlugen finanziell positiv zu Buche.

Mit beispiellosem Einsatz widmete sich Vater Mozart der musikalischen Förderung seiner Kinder und unternahm mit ihnen seit 1762 ausgedehnte Reisen zu Kunst- und Studienzwecken in die musikalischen Zentren Europas. Er war dabei Reisemarschall und Impressario in einer Person. Nannerl und Wolfgang wurden bei ihren Auftritten als »Wunderkinder« wahrgenommen und gefeiert, aber Leopold war deren Vergänglichkeit wohl bewusst. »Es kommt nur auf einige Jahre an, alsdann verfallen sie ins Normale und hören auf, ein Wunder Gottes zu sein«, schreibt er in einem Brief. Was dem Vater Sorgen bereitete, war die große Unbekümmertheit und Naivität von Wolfgang im Umgang mit anderen Menschen. Er selbst war zwar ein weltmännischer, aber eher dem Pessimismus zugeneigter Typ. Den Sohn sah er in der Gefahr, sich allzuleicht von anderen Menschen beeinflussen und ausnutzen zu lassen. In einem Brief ermahnte er ihn deshalb: »Halte dich an Gott, der muss alles tun, denn die Menschen sind alle Bösewichter! Je älter du wirst, je mehr du Umgang mit Menschen haben wirst, desto mehr wirst du diese traurige Wahrheit erfahren ...

Mit großem Stolz erfüllten den Vater die Erfolge Wolfgangs als genialer Komponist, er sah in ihm die Erfüllung des eigenen Lebens und glaubte, wenn der Sohn weiter an seiner Seite bliebe, können sie gemeinsam die Früchte des Erfolgs genießen. Aus dem Briefwechsel zwischen Vater und Sohn spricht das tiefe menschliche und künstlerische Einverständnis der beiden. Es stimmt sicher, dass der Sohn ohne den Vater im Gehorsam und Widerstreben nie den Charakter und die Größe erreicht hätte, die er erreicht hat. Aber der Vater musste auch schmerzlich erfahren, wie er ihm entglitt und eigene Wege ging, was sich durch die nicht gut geheißene Heirat mit Constanze Weber deutlich manifestierte.

Später kritisierte er während eines Besuchs in Wien, dass Wolfgang schmächtiger geworden sei, dass in der ganzen Wohnung Kleidungsstücke herumlägen und dass es Gerede über die Finanzlage Mozarts gäbe. In der folgenden Zeit sank der Kontakt zum Sohn auf Sparflamme. In Leopolds Briefen an Nannerl taucht Wolfgang nur noch ohne Namensnennung als »dein Bruder« auf. Seit Nannerls Heirat lebte Leopold allein in der Achtzimmerwohnung im Tanzmeisterhaus. Was ihm blieb, war der Briefwechsel mit der Tochter und die Freude am Enkel Leopold. Im Alter von 68 Jahren ist Leopold Mozart in seiner Wohnung verstorben, ärztlichen Angaben zufolge an Magenverhärtung (Magenkrebs). Seine Grabstätte befindet sich auf dem Sebastiansfriedhof in Salzburg, doch ist das nur ein von einem Verehrer errichtetes Scheingrab. Tatsächlich wurde er in der Kommunalgruft des gleichen Friedhofs beigesetzt.

»Leopold Mozart: Musiker - Manager - Mensch«. Ausstellung des Mozarteum in Salzburg bis Februar 2020 in Mozarts Wohnhaus, Makartplatz 8.

 

Julius Bittmann

 

35/2019