Jahrgang 2005 Nummer 47

Traunsteiner Gerichtsgeschichten

Der vielleicht geschossene Hirsch

Ein frischer junger Bursch’ kam in die Rechtsanwaltskanzlei, in der ich gearbeitet habe. Die Sekretärin legte mir ein Aktenbündel auf den Schreibtisch. So brauchte der Bursche nicht allzu viel zu erzählen. Die Kanzlei hatte ihn im Strafverfahren wegen Wilderei vertreten. Er war, weil er nach eigenem Geständnis einen Hirschen geschossen hatte, zu einigen Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt worden. Das hat ihn nicht weiter aufgeregt; er wurde nicht ins Gefängnis gesperrt und der Eintrag in das Strafregister war zu verschmerzen.

Jetzt aber saß er mir ganz aufgeregt gegenüber, saubere Lodenjoppe, schwarze Kniebundhose, weiße Wadlstrümpfe. Er zog einen Brief aus der Tasche. Ein Rechtsanwalt aus Trostberg forderte ihn »namens und im Auftrag der Bayerischen Staatsforstverwaltung« auf, an die Staatsoberkasse in München fünfhundert Deutsche Mark zu zahlen für den unrechtmäßig erlegten Hirschen.

»Kimmt überhaupts nicht in Frage!« sagte er. »I zoi do net für an Hirschen, den wo i gar net g’schoßn hob!«

Ich blätterte in den Akten und erinnerte ihn daran, dass er bei der Polizei und später beim Gericht zugegeben habe, den Hirschen geschossen zu haben.

»Hob i do bloß a so gsogt, damit i mein Ruah ghabt hob bei der Polizei und wie i mir scho denkt ho, dass i net eigspirrt wer«.

Dann erzählte er weitschweifig, wie es wirklich gewesen sei. Der Forstmeister, der ihn angezeigt hatte, habe behauptet, er sei an der einen Seite des Tales angesessen und habe von der anderen Seite des Tales einen Schuss gehört. Später habe man im Hause des Beschuldigten Reste von einem Hirschen gefunden. Besagter Hirsch sei dort gestanden, wo der Schuss gefallen sei.

»Des ko go net stimma«, erläuterte der junge Bursche, weil man an der Stelle, wo der Förster angeblich gesessen sei, niemals einen Schuss hören könne, der an der vom Förster behaupteten Stelle falle.

Ich versuchte, dem Mandanten auseinander zu setzen, dass wir bei dem auf Grund seines Verständnisses ergangenen Strafurteil wohl keine Chance hätte, die Zahlung abzuwenden. Er bestand aber mit großem Nachdruck darauf, dass die Sache gerichtsmäßig ausgetragen werde. Mandant ist Mandant, sein Wille ist Auftrag. Also haben wir es auf eine Zivilgerichtsverhandlung ankommen lassen.

In der mündlichen Verhandlung trug ich die Argumentation meines Mandaten bezüglich des Hörens eines Schusses vor. Dem Anwalt der Forstverwaltung blieb nichts anderes übrig, als eine Beweisaufnahme an Ort und Stelle zu beantragen. Der Herr Amtsrichter beschloss also, dass an einem bestimmten Tag vor 14 Uhr das Gericht mit Kläger und Beklagtem an der Stelle sein werde, wo der Forstmeister gesessen hatte, und dass um 14 Uhr und um 14 Uhr 02 ein Forstgehilfe je einen Schuss dort abzufeuern habe, wo angeblich der Wilderer geschossen hat.

Für den Herrn Amstrichter war das ein beschwerlicher Termin, denn er hatte es auf der Lunge und musste mühsam den Bergwald hinaufstapfen, gefolgt von einer Protokollführerin und den Anwälten. Um genau zwei Uhr zerriss ein ohrenbetäubender Knall die Stille des Bergwalds, zwei Minuten später noch einer.

Zerknirscht kam unser Mandant ein paar Tage darauf wieder in die Kanzlei. Ich sagte, nun sei es wohl aus und wir könnten nur noch der Forstverwaltung schön tun, dass sie mit einer Ratenzahlung einverstanden ist.

»Is’s iatza wirkli oiß aus?« fragte er.
Ich bejahte.
»Na, sog, wirkli – oiß aus ?«
Ich bejahte wieder und wollte nun doch wissen, wie es in Wirklichkeit war.
»Oiso, sog, is wirkli nix mehr z’macha?«
Ich versicherte ihm, dass es so war und fragte: »Wos is denn iatz nacha mit den Hirsch’ g’wen?«
Er dachte lange nach und sagte dann mit einem tiefen Seufzer: »Ja, oiso wenn wirkli nix mehr z’macha is, na wer’ i den Hirschen vielleicht doch g’schoßn hom...«

RE



47/2005