Jahrgang 2005 Nummer 45

Traunsteiner Gerichtsgeschichten

Nur Glumpp im Revier

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges zogen – meist versprengte oder zu Einheiten zusammengezogene deutsche Soldaten durch den Chiemgau. Mancher nützte die Gelegenheit, für sich den Krieg zu beenden, die Waffe irgendwo zu verstecken und sich nach daheim durchzuschlagen. So kam es, dass in nicht wenigen Heuschobern oder Holzlegen nach dem Krieg Waffen und Munition zum Vorschein kamen. Das war eine große Versuchung für junge Burschen, nachzuschauen, beispielsweise im einsamen Wald, ob die Gewehre noch tauglich seien. Was konnten sie dafür, wenn ihnen dabei das eine oder andere Wildbret unterkam?

Im Traunsteiner Amtsgericht stand die Verhandlung gegen eine ganze Schar von Burschen aus einem Chiemgauer Bergdorf an. In sich gekehrt saßen sie, sauber angezogen, gewaschen und gekampelt, nebeneinander auf der Anklagebank, mit gesenkten Häuptern und gutmütigen Gesichtern. Der Amtsrichter, ein sehr zurückhaltender, vornehmer Herr, redete ruhig und sachlich mit den Angeklagten, indes der Forstmeister, der die Anklage (statt eines Staatsanwalts) vertrat, eher aufgeregt wirkte, welcher Eindruck auch dadurch entstanden sein mag, dass er nicht mit sonorer altbaierischer Stimme sprach, sondern schwäbelte.

Der erste Angeklagte wurde aufgerufen. Beim Abräumen eines Holzstoßes sei ein Karabiner 98 K, wie ihn die Wehrmacht benutzte, mit einer Handvoll Munition hergegangen. Es habe ihn interessiert, ob das Gewehr nach so langem Lagern im feuchten Holzstoß noch funktioniere. So sei er in den Wald hinausgegangen »und hob hoit auf Astl g’schoßn«.

Auf einmal sei ein Reh aus dem Dickicht herausgetreten. Beim genauen Hinschauen habe er entdeckt, dass es stark lahmte, sich kaum mehr bewegen konnte. Da habe er Mitleid mit dem armen Stuck gekriegt und es von seinem Leiden mit einem Schuss erlöst.


Der Amtsrichter nahm es gelassen zur Kenntnis und rief den nächsten Burschen auf.
Wie es der Zufall will, war es ihm ähnlich ergangen, mit dem Unterschied, dass sein Onkel in den letzten Kriegstagen in der Nähe des elterlichen Hofes auf dem Rückzug in die (nie vorhanden gewesene) Festung Alpen gewesen ist. Da hat er sich bei der Nacht davongeschlichen, hat sich und sein Gewehr im Heustock des Hofes versteckt. Wie das Heu allmählich weniger geworden ist, sagt er, ist er auf das Gewehr gestoßen. Es hätte ihn gereizt, auszuprobieren... wie gehabt. Auch er ging in den Wald hinaus, schoss auf Äste und prompt kommt ein Reh daher. »I bin a so dakemma, Herr Richter, I sog’s Eahna, i hob so wos no nia g’sehgn g’habt: ein Trumm Loch in der Deck’n, na. So was Greißlichs. Ganz armselig hot’s dreig’schaut. Naa, hob i mir denkt, des arme Viecherl ko’st net a so leid’n loßn...«.

Der Amtsrichter verzog keine Miene, rief den dritten Angeklagten auf. Ob man es glaubt oder nicht, auch er hatte von einem so Mitleid erregenden Vorfall zu berichten, der sich ereignet hatte, als er das Gewehr auf seine Tauglichkeit prüfen wollte, das ein Soldat im Geräteschuppen des elterlichen Hofes abgelegt hatte. Das Reh, das zufällig daher kam, war verkrüppelt... Beim sechsten Angeklagten, der, wie die vor ihm verhörten Burschen, auch mit einem elendig daherkommenden Stück Wild konfrontiert war, riss dem Herrn Amtsrichter doch der Geduldsfaden. Leicht grantig sagte er zu dem die Anklage vertretenden Herrn Forstmeister: »Ja, sagen Sie einmal, haben Sie denn lauter Glumpp in Ihrem Revier?« Mit hochrotem Gesicht schilderte der Herr Forstmeister die Qualität des Wildbestandes in seinem Forstamtsbezirk.

Um es kurz zu machen: Die Burschen sind alle verurteilt worden, aber nur mit Gefängnisstrafe auf Bewährung, das heißt, dass sie nicht eingesperrt worden sind. Bei soviel Mitgefühl mit leidenden Kreaturen wäre das auch zu hart gewesen. Übrigens hat einer auch seine Strafe auf Bewährung zugesprochen bekommen, der überhaupt nicht geschossen hat und schon gar nicht auf »krankes« Wild. Er ist Mechaniker von Beruf gewesen und hat seinen Kameraden die Gewehre hergerichtet, die halt doch durch das lange unsachgemäße Lagern gelitten hatten und fachkundig überholt werden mussten.

RE



45/2005