Jahrgang 2005 Nummer 36

Traunsteiner Gerichtsgeschichten

Prozessieren, soviel ihr wollt

Am Sonntag, nach der Kirche, läutete die Glocke am Haus meiner Schwiegereltern in Reit im Winkl. Draußen stand ein lustig dareinschauender Bauernbursch mit einem fast leer aussehenden Rucksack. Das kannte ich schon: so kamen die Bauern in die Rechtsanwaltskanzlei, in der ich in Traunstein gearbeitet habe: im Rucksack die Urkunden und Belege, die sie für wichtig zum Prozessieren erachteten.

Der Bursche wollte meinen Schwiegervater sprechen, Rechtsanwalt von Beruf. Er war nicht da, so fragte ich den Burschen nach seinem Begehr.

»Des is nemli so« begann er, bei ihm daheim auf dem Hof sei neulich ein Vertreter einer Rechtsschutzversicherung gewesen, der lang und breit erklärt habe, was so eine Rechtsschutzversicherung für eine gute Sache ist.

»Es kost’ nicht viel, hat der Vertreter g’sagt, »und prozessieren könnt’s was’s wollt’s – es wird oiß zoit!«

Den Vater habe das überzeugt und so habe man eine Versicherung abgeschlossen. Bald sei die Rechnung gekommen und der Vater habe sie gleich bezahlt. Am vorigen Sonntag, beim Mittagessen habe man über die Sach’ geredet und gefunden, jetzt müsse eigentlich prozessiert werden, wenn man schon so einen Haufen Geld ausgegeben habe, wo doch der Vertreter gesagt habe, dass alles bezahlt wird. Die ganze Familie hat sich, so erzählte der Bursche vergnügt weiter, den Kopf zerbrochen, mit wem und wegen was man denn prozessieren könnte.

Auf zuletzt sagt der Vater: »Wir könnten eigentlich mit dem Nachbarn um den Weg streiten!«.

Antwortet die Mutter: »Aber wir haben doch wegen dem Weg gar keinen Streit nicht!«.

Darauf der Vater: »Ja, aber mir müaßn doch wegen irgend etwas prozessieren, wenn ma scho zahlt ham!«.

Also wollte man mit dem Herrn Rechtsanwalt (»... dass der aa wos davo hot«) reden, wie man den Nachbarn am besten beim Gericht verklagen könnte.

Glücklicherweise war der Herr Rechtsanwalt nicht da. Unglücklich zog der fröhliche Bursch’ von dannen, weil es zunächst nichts war mit dem Prozessieren – wo doch alles bezahlt worden wär’.

RE



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