Jahrgang 2019 Nummer 39

Traunstein und das Salz

Ein Beitrag von Georg Schierghofer aus dem Jahr 1911 anlässlich der Auflassung der Saline – Fortsetzung

Die Stadt beseitigte 1924 das frühere Herzstück der Saline Traunstein: Sie sprengte das Karl-Theodor-Sudhaus.
Viele Bürger besichtigten die Reste, die nach der Sprengung des Karl-Theodor-Sudhauses übrig geblieben waren.

Schluss

Neben den bereits genannten Hilfsquellen sind aber auch noch eine Reihe von Hilfsbegünstigungen zu verzeichnen, welche im Lauf der Jahrhunderte für außergewöhnliche Notfälle aus dem Salzwesen geschöpft wurden. So erzählt das mehrerwähnte Registerbuch von einem Dankschreiben des Rates an den kurfürstlichen Hofzahlmeister Herrn von Unertl, weil dieser der Stadt 1719 zur Abzahlung der 3500 Gulden Schulden einen »Fassgroschen« erwirkte, der jährlich 450 Gulden trug. 1735 bewilligte Kurfürst Karl Albrecht zur Abzahlung von 2000 fl. geborgter Brandschadensgelder von 1704 einen Salzfuderkreuzer. Sodann kam ein »Salzfuderzweiring«, welcher auf Ansuchen unterm 28. Juli 1749 der Bürgerschaft zur Erholung von Kriegsschulden aus dem österreichischen Erbfolgekrieg genehmigt wurde: Von jedem zum Verschleiß gebrachten Salzfuder durfte die Stadt sechs Jahre lang einen Zweiring (= zwei schwarze Pfennige) erheben, was jährlich ungefähr 400 fl. eintrug. Dieser Zweiring wurde nach Ablauf der Frist neuerdings auf sechs und nochmal sechs Jahre genehmigt, dann aber (1767) statt diesem ein »Salzfuderkreuzer«, bis endlich 1773 die ganze Kriegsschuld von 9733 Gulden abgezahlt war. Von 1779 bis 1784 erhielt fernerhin die Stadt als Entschädigung für den Entgang am Landverschleiß ein »Aversum« von 800 und dann bis 1797 von 400 Gulden.

Freilich waren solche fürstliche Gnadenzuwendungen nicht immer so leicht zu erwerben; die Stadtkammerrechnungen berichten mitunter von nicht geringen Summen, welche für Reisekosten der zum »Bittgang« Deputierten, für Verehrungen und Trinkgelder an die Hofräte und Beamten, wie es damals ja allgemein üblich war, verausgabt wurden. Beispielsweise verwandte die Stadt für solche Zwecke 1761 über 500 fl. und 1773 über 800 fl.

Obengenanntes Buch registriert ferner ein Schreiben, wonach im Jahr 1800 auf den Zentner Blahensalz ein Aufschlag von drei Kreuzern gewährt wurde. Ein altes Conzept endlich enthält die Bittschrift des Magistrats an Kurfürst Max IV. um Bewilligung eine Bierpfennigs und, dass er gestatten möge vom Landverschleiß des Traunsteiner und Reichenhallersalzes vom Zentner einen Kreuzer erheben zu dürfen, um die 20000 fl. Kriegsschulden, die beim Einfall der Franzosen gemacht wurden, abzahlen zu können. – Letzteres wurde genehmigt, der Bierpfennig aber nicht, wie die Kammerrechnungen ersehen lasse.

Solche Tatsachen verkünden mit nackten Worten und Zahlen, welch hervorragend wichtige und wohltätige Rolle das Salzwesen für unsere Stadt Jahrhunderte hindurch gespielt, zu einer Zeit, da – zur Beleuchtung, was ein Kreuzer damals wert war – in Traunstein der Metzen Salz bloß 30 Kreuzer, 1 Pfd. Rindfleisch 5 Kr., 1 Pfd. Kalbfleisch 4 Kr., 1 Spanferkel 30 Kr., 1 Pfd. Schmalz 10 Kr., 1 Pfd. Butter 9 Kr., 3 Eier 1 Kr., 1 alte Henne 17 Kr., 1 Taube 4 Kr., 1 Gans 26 Kr. und 1 Eimer(1) Bier nur 2 fl. 30 Kr. kosteten. – Was wäre wohl aus unserm Traunstädtchen geworden, wenn es in solch düsteren Zeiten die Saline verloren oder wenn das Salz von Reichenhall auf einmal einen andern Weg genommen hätte? Oder, was wäre heute der Fleckenumdie Burg der Herren von Truna von ehedem, wenn das Salzwesen überhaupt seinen Eingang hierin nicht gefunden hätte? Die Antwort ist nicht schwer, und die Traunsteiner Bürger aller Zeiten haben sie gekannt, sonst hätten sie das Salzwesen nicht immer und immer wieder als ihre sicherste Zuflucht umklammert …

Als es ein Jahr nach dem furchtbaren Kriegs- und Brandunglück von 1704 zu gefährlichen Zusammenstößen mit den österreichischen Werbern kam, weil diese neben anderen in der Umgebung auch zwei Salinenarbeiterssöhne gewaltsam für ihre ausländischen Kriegsdienste hinwegnahmen, da wurde den Traunsteinern abermals mit Pechkranz und Plünderung gedroht, wodurch die Erbitterung unter der Bürgerschaft auf’s höchste stieg. In der größten Not begaben sich der Pflegsverwalter und der Gerichtsschreiber nach München zur damals noch kurfürstlich bayrischen Regierung, um zu berichten, dass ein Aufstand zu befürchten sei, »weil die ganze Einwohnerschaft, Städter und Auer fest entschlossen seien, sich auf Leib und Leben zu verteidigen und für das gnadenreiche Salzsudwesen aufzuopfern«. – Glücklicherweise kam es damals durch Zahlung einer großen Entschädigungssumme nicht so weit.

Aber eine tiefernste Illustration dafür, wie das Salzwesen in das Lebensmark der Traunsteiner Bürger einschnitt, ist uns damit überliefert. Eine wichtige Tatsache, die hier noch ganz besondere Beachtung beansprucht, berichtet schließlich Hofkammerrat Franz Edler von Kohlbrenner in seinen »Materialien«. Mit dem Satze: »In dem zunächst der Stadt liegenden Forst Eschen, den vor 160 Jahren (also 1622) der Magistrat gegen Bedingnisse zum Salzwesen überlassen hat, sind auch Rehe, Hirsche, Füchse und Haasen anzutreffen«. – Worin diese »Bedingnisse« bestunden, konnte leider nicht ermittelt werden; denn die Grund- und Saalbücher der Stadt, die darüber hätten Aufschluss geben können, sind 1704 verbrannt. Vielleicht gelänge es aber berufenen Forschern, in dem kgl. bayr. Reichsarchiv zu München Authentisches darüber zu finden. Jedenfalls ist Kohlbrenner glaubwürdig genug zu einer solch bestimmten Überlieferung; hat er doch das Archiv des hiesigen Salzmaieramts aus eigener Anschauung von Grund auf gekannt! – Möchte eine Nutzanwendung daraus noch einigermaßen Erfolge zeitigen!

Über die Getreideschranne

Gegenüber dem Torturm des ehemaligen oberen Salzstadels steht schon seit alten Zeiten der Brothausturm. Heute ist er der einzige übrig gebliebene Zeuge solch längst verrauschten Lebens. Zweimal sah er jenen seinen lebhaften Nachbarn im Flammengeprassel niederstürzen, nach 1704 mit erneuter Frische wieder erstehen, nach 1851 aber konnte er ihn nicht mehr begrüßen. Doch schaut er den guten König Max wie er erschüttert vor den noch rauchenden Trümmern des Salzstadels steht, ihn, der durch sein leuchtendes Beispiel jenes großartige Hilfswerk einleitete, das die Stadt aus den Ruinen wieder neu erblühen ließ. – Jetzt kennzeichnet das schlichte Denkmal des edlen Monarchen inmitten einer schmucken Anlage diese Stätte, so reich an bewegter Vergangenheit.

Und wie hier Salzstadel und Brothaus treue Nachbarn waren, wie »Salz und Brot« von jeher einem stehenden Begriff gleichkam, so ging der Traunsteiner Salzhandel Hand in Hand mit dem Getreidehandel: Mit dem Salzverkehr aufs engste verbunden war die Traunsteiner Schranne.(2)

Beide sind so alt als die Stadt selbst. Von der Schranne hören wir zum ersten Mal in dem bereits angeführten Freiheitsbrief vom Jahr 1375. Später im Jahr 1510 erlaubte Herzog Wolfgang dem Rat, in der Fastenzeit den Getreidemarkt vom Samstag auf den Donnerstag zu verlegen und sich dabei des gestrichenen anstatt des gerüttelten Maßes zu bedienen. 1557 wurde neben der Rossschwemme am Liendlbrunnen eine Schrannenhütte erbaut, welche 1619 auf Herzog Maximilians Befehl abgebrochen wurde; dafür wurde eine neue neben dem Brothaus angebaut. Im Jahr 1552 erstand der Stadt mit der neu errichteten Getreideschranne zu Trostberg eine Konkurrenz und 1622 mit einer solchen zu Burghausen. Beide Male beschwerten sich die Traunsteiner beim Herzog; indes entstanden 1650 auch in Wasserburg und Neuötting Getreidemärkte. Immerhin hatte die Schranne zu Traunstein noch weiter ihre zentrale Bedeutung nicht verloren, solange es den Salzmarkt hatte und von den kornarmen Gebirgsbauern besucht wurde.

Da kamen die Bauern nicht allein vom fruchtbaren Alzgebiet sondern bis von Bayerns Getreidekammer, Niederbayern, ihre Wägen schwer beladen mit der edlen Frucht heran, weil sie als Rückfracht das Salz mitnehmen konnten. Anderseits kehrten die Gebirgsbauern bis vom Unterinntal, vom Pinzgau und Pongau durch’s Saalachtal hier ein um sich mit dem ihnen mangelnden Getreide zu versehen.

»Für die am Gebirge gelegenen oberbayerischen Landstriche wurde der Absatz ihrer landwirtschaftlichen Erzeugnisse in Tirol zu einer reichen Einnahmequelle. Der erzherzogliche Hof in Innsbruck und der Tiroler Adel unterhielten eigene Händler und Träger, die wöchentlich (– jedenfalls an den Schrannentagen –) in den bayrischen Dörfern, Flecken, Klöstern und Schlössern Getreide aller Art einkauften«. So schreiben Dr. Denk und Dr. Weiß in »Unser Bayerland«. – Es ist nicht daran zu zweifeln, dass der altberühmte Getreidemarkt zu Traunstein eine große Rolle bei dieser Handelsbeziehung mitspielte.

Am Schrannentag wurde in alten Zeiten eine Stange aufgestellt, an deren Spitze ein Bund Stroh balanzierte. Um 9 Uhr wurde dieses Wahrzeichen herabgenommen, und erst dann durften die auswärtigen Käufer und Händler Getreide und Viktualien einkaufen. Gegenwärtig lebt nur mehr der Viktualienmarkt am Samstag als Überrest jenes großen Marktes fort, das Getreide aber nimmt andere Wege…

So ändern sich eben die Zeiten! Der Gesichtskreis von Stadt und Staat wird immer weiter, ein Fortschritt wird vom andern wieder verdrängt: Wie die »Samer« einstens mit scheelen Augen auf die fortwährenden Verbesserungen der Straßen sahen und mit Unmut den immer häufiger werdenden Fuhrwerken ausweichen mussten, so haben dann die zünftigen »Fuhrwerker«, denen der Frachtverkehr die einzige Existenzbedingung war, mit Bangen zugesehen, wie die Ingenieure die Strecken für die Bahn ausmaßen.

Mitte August 1860 ward der Verkehr auf dem Eisenstrang gen München und Salzburg eröffnet. – Bald wurden die feilschenden Bauerngruppen auf dem Schrannenplatz immer weniger und lichter – das Salz, das Salz! … Es zieht auf dem Schienenweg von dannen!

Nur mehr die kurze Strecke von der Saline den »Kraglberg« herauf zur Güterhalle der Bahn knirschte noch unter der schweren Last der Salzwagen des Spediteurs (Wispauer) bis nach Eröffnung der Ruhpoldinger Bahn (1895), an welche die Saline Geleiseanschluss(3) erhielt, auch das ein Ende nahm.

Denselben Weg wie das Salz hat gar bald nach Errichtung der Bahnen das Getreide gefunden und so ist der Stadtplatz zu Traunstein verwaist. Nur mehr etliche Säcke erinnern am Samstag noch an die vergangenen Zeiten; der große Platz selbst aber, wo dereinst die Gebirgsbauern zwischen Tausende mit der goldgelben Frucht gefüllten Säcke prüfend sich hindurchzwängten und mit den Unterländern feilschend in ihren alten Trachten die originellsten Gruppen bildeten, dieser Platz ist heute geschmückt mit grünem Rasen und Blumenbeeten, beschattet von jungen Linden und gegenüber dem alten »Liendl«, der 3 ½ Jahrhunderte lang diesem Treiben zugesehen, plätschern lustige Brünnlein um das Bild unseres erhabenen Prinz-Regenten und die Symbole von weiland Traunsteins wirtschaftlicher Bedeutung: dem Salzfass und den Getreideähren.

An dieser wirtschaftlich-historischen Stätte war es auch, wo dereinst, am 1. Okt. 1894, unser allverehrter greiser Jubelregent, als er den Brunnen besichtigte, Zeuge wurde der warmen Begeisterung und traditionellen Anhänglichkeit der Bewohner des alten Salinenstädtchens für das angestammte wittelsbachische Fürstenhaus, derselben bajuwarischen Kerntreue, wie sie schon die ersten Wittelsbacher-Fürsten, wie sie auch der »große Kurfürst-Gönner« in diesen Mauern erlebte.

Nur um ein kleines Bild zu geben von der Schranne, wie sie unmittelbar vor Eröffnung des Eisenbahnbetriebs noch hier bestund, seien anschließend einige Zahlen aus Schrannenberichten des Traunsteiner Wochenblattes notiert:

Im Jahr 1855 fanden vom 1. Juli bis 31. Dezember 26 Schrannen (am Samstag) statt, zu welchen insgesamt 17123 Schäffel(4) Getreide (Weizen, Korn, Gerste und Haber) angefahren waren, wovon 16868 Schäffel verkauft wurden. Die größte Schranne in diesem Zeitraum war am 14. Juli mit 991 Schäffel Getreide, welches einen Wert von 17821 Gulden hatte, wovon 785 Schäffelum 14516 fl. verkauft wurden. – Im Jahr 1856 wurden 37521 Schäffel auf den Schrannen verkauft im Wert von 568688 fl., und waren in 11 Schrannen jedesmal über 1000 Schäffel vorhanden. Die teuersten Schrannen waren im Januar, die wohlfeilsten im Dezember. – 1857 war ein besonders gutes Schrannenjahr; es wurden um 10434 Schäffel mehr verkauft als im Vorjahr mit dem Gesamtwert von 646846 fl. Die größte Schranne war am 19. Dezember mit 1742, die kleinste am 14. August mit 654 Schäffel. In 28 Schrannen waren über 1000 Schäffel zum Verkauf und in 16 wurden mehr als 1000 Schäffel verkauft. Der höchste Mittelpreis betrug: für Weizen 28 fl., Korn 17 fl., Gerste 11 ½ fl., Haber 7 fl. pro Schäffel. – Als Unikum ist hier bemerkenswert, dass im Jahr 1816 bei großer Teuerung das Schäffel Weizen auf hiesiger Schranne einmal 170 Mark, Korn 130 bis 150 Mark nach heutigem Geld kostete.

Gar mancher Ort könnte ein ähnliches Liedlein singen von den Umstürzen, die ihm der Schienenweg gebracht, besonders wenn er fernab von demselben zu liegen kam. Und so ist Traunstein noch glücklich zu preisen; denn wenn auch der neue Verkehrsweg seine einstigen wirtschaftlichen Grundpfosten, den Salzverkehr und die Schranne, genommen hat, so brachte er doch Ersatz mit königlichen Behörden und Schulen; auch wären Pensionisten und Sommerfrischler, deren steigenden Zuzugs bezw. Einkehr die Bürgerschaft sich jetzt erfreut, nicht gekommen, wenn im Kursbuch an der wichtigen Bahnlinie München-Salzburg eine Station »Traunstein« nicht zu finden wäre.

Traunstein durch das Salzwesen ein Kurort

»All diese vorgenannten Einnahmequellen sind nun versiegt, der Salzstadel, das ehemalige Verkehrszentrum der Stadt ist nach 1851 nicht wieder auferstanden, der Salzverkehr dahin, die Getreideschranne im Schwinden – was soll nun aus der alten Salzstadt Traunstein werden? …

Solch gewichtige Frage ist an unsere Väter und Großväter herangetreten, welche diese Umstürze erlebten, die Vaterstadt in Flammen sahen und den ersten Zug am Bahnhof einrasseln hörten – mit Bangen, vielleicht nicht ahnend, wie günstig dieser Verkehrsumschwung sich in der Folge gestalten sollte. Und siehe, die uralte Tradition lehrte sie wiederum, am altbewährten Gut treulich und herzhaft festzuhalten: Was ihren Vätern und Urvordern das »trockene Salz« gewesen, das sollte ihnen und ihren Kindern und Kindeskindern nun das »flüssige Salz, die Sole« werden.

Der alte Ruf von Traunsteins ozonreicher Luft bedingt durch die ausgedehnten Nadelwälder rings herum, von den Reizen seiner anmutigen Umgebung, des nahen Chiemsees und großartiger Alpennatur, und nicht zuletzt eine alte Überlieferung bildeten den Wegweiser zu diesem neuen Lebensborn. Eine alte Überlieferung?

Traunstein genoss wirklich mit seinem Wildbad Empfing schon seit Jahrhunderten den Ruf eines Badeortes. Bewahrt doch die städtische Registratur ein Schreiben von 1581, worin Herzog Wilhelm dem Rat die Weisung gibt, das städtische Wildbad Empfing nicht allein aufzurichten, sondern das Heilwasser – das heute den Namen des Herzogs führt – auch in die Stadt zu leiten. 200 Jahre später (1774) sollte ebenfalls nach Magistratsbeschluss das Empfinger Wasser auf die Brunnwiese geleitet werden, wozu der Rat 3000 fl. aufnehmen wollte, um das Bad so in größeren Flor zu bringen. Der Beschluss wurde auch diesmal aus unbekannten Gründen – vielleicht machten die Hochwasser der Traun Bedenken? – nicht ausgeführt, und nach 300-jährigem städtischen Besitz ging Empfing 1809 in Privathände über. Seit 1848 befindet es sich im Besitz der Familie Seywald. Bis heute ist es gern und viel besucht und schon seit den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts werden dortselbst auch »Solebäder « gereicht; nicht viel später als man in Reichenhall begonnen hatte, und zwar im Bad Kirchberg (1822), die Sole zu Badezwecken zu verwenden. – Hatten ja schon die Römer es verstanden, durch Auflösen von Salz in Mineralwässern die Heilkraft dieser zu verstärken.

Diesem Jahrhundert mit seinem wirtschaftlichen Umschwung war es nun auch vorbehalten die Traunsteiner Bürger ernstlich in die Bahnen zu lenken, die Mutter Natur schon von Anbeginn ihrer Heimat vorgezeichnet und welche die Solenleitung ihnen geebnet hatte: Am 19. Mai 1844 eröffnete der Stadtapotheker Josef Pauer an den Mineralquellen im Garten des ehemaligen Kapuzinerklosters eine eigene Solenbad-Anstalt an einer Stätte, die er gleichsam schon vorbereitet hatte für den künftigen Beruf der leidenden Menschheit zu dienen, indem er dorten vorher die heilbringenden Kräutlein für seine Apotheke zog.

Der Geschichte dieses Bades ist zu entnehmen, dass es im ersten Jahr 78 Badegäste beherbergte, an welche 1259 Bäder verschiedener Gattung verabreicht wurden. Es waren dies: Solen- Solenmutterlaugen- Solenmutterlaugenschwefel- Soleneisen- und Solenschlamm-Bäder, und kostete ein Solen- oder Mutterlaugenbad mit Wäsche 30 bis 50 Kreuzer je nach Stärke. Im großen Unglücksjahr 1851 erlitt die Frequenz einen bedeutenden Rückschlag, weil das Badgebäude vielen Beamtenund Bürgerfamilien, auch der Apotheke u. a. Notquartier gewährte. Hernach aber stieg die Frequenz von Jahr zu Jahr. Vor 25 Jahren ging das Bad in den Besitz des Oberstabsarztes a. D. Dr. Wolf über, dessen großen Erfolgen mit seiner jetzigen Kuranstalt Traunstein(5) es mit zu danken ist, wenn die Stadt zur Zeit bei einer Saisonfrequenz von über 10000 Personen – fast 2000 Kurgästen und mehr als 8000 Passanten – wirklich den Titel »Kurort« verdient.

Im Jahr 1891 wurde eine weiter Solebadeanstalt von dem Bürger Anton Goldner errichtet, jetzt im Besitze der Frau Mar. Widmann, »Marienbad« genannt, welche sich in kurzer Zeit zu schönster Lebensfähigkeit entwickelte und in der Abgabe von Solebädern gegenwärtig an erster Stelle steht.

Inzwischen hatte auch ein junges Reis feste Wurzeln gefasst, welches im Jahr der Eröffnung der die Interessensphäre unserer Stadt bedeutend verändernden Eisenbahn, also anno 1860, der damalige Bürgermeister Jakob Prandtner mit seinen Getreuen in Traunsteins salzdurchtränkten Boden einpflanzte. Es wuchs empor zum frischen Bäumchen und zeitigt als starker Baum nunmehr seit Jahren schöne Früchte, die dem Erwerbsleben der Bürger wohl zu gute kommen: Der Verschönerungsverein – Mit wirksamer Unterstützung dieses einem Lebensbedürfnis entsprossenen »Arbeits«-Vereins hat die Stadt mit großen Opfern seit mehr als einem halben Jahrhundert – unter dem freudigen Antrieb des nächsten Bürgermeisters Wispauer und die zweite Hälfte dieser Zeit unter der erfolgreichen Leitung des rechtskundigen Altbürgermeisters Hofrat von Seuffert – für die Ausnützung der neu erschlossenen Wirtschaftsquelle sich verwandt. Alle modernen und hygienischen Einrichtungen wurden geschaffen, Kanalisation, Trinkwasserleitung, Beleuchtungsanlagen u. a., Straßen und Plätze der Stadt durch freundlichen Baum- Rasen- und Blumenschmuck verschönert und in der Umgebung all die stundentiefen Nadelwälder mit bequemen Spaziergängen, – zumeist wohl durch den unermüdlichen kgl. Forstrat Wagenheuser – durchzogen, um Beamten, Pensionisten und Sommergästen den Aufenthalt möglichst angenehm zu gestalten.

So hat sich die Stadt allmählich auch den Ruf eines »Kurorts« und eines »bayrischen Graz« zu erobern gewusst.

Traunstein beklagt also am Verlust der Saline nicht allein den Wegzug einer angenehmen, für den Fremdenverkehr geradezu förderlichen Industrie, die mit Personal und Betrieb nicht minder der Stadt nützte, von derKommuneangefangen bis zum einfachsten Handwerker, als sie, wie seinerzeit eine eigene Gemeinde (Au) durch sie entstand, nun mit ihrem Verschwinden deren Existenzmöglichkeit unterbindet;- Traunstein beklagt am Verlust der Saline auch die Grundlage, auf welcher es genötigt durch den wirtschaftlichem Umsturz des vorigen Jahrhunderts in jahrzehntelanger teurer Arbeit ein Werk aufbaute, von demmannoch nicht weiß, ob es nicht wie ein Kartenhaus wieder in sich zusammenfällt, wenn »der edle Salzfluss versiegen« sollte. Kein Wunder also, wenn der ansässigen Bevölkerung nunmehr der Wunsch zunächst am Herzen liegt, dass ihr fürder wenigstens die »Sole« so wacker treue Kameradschaft halten möge, als es das »Salz« der Salinenstadt bisher hat getan!

Anmerkungen:

1) 1 Eimer = 64 Liter.

2) Als Kommentar hiezu berichten die Ratsprotokolle, wie 1586 der Bauer Hans Lenz von Mettenheim bei Mühldorf gestraft wurde, weil er mit drei Pferden nach Traunstein Getreide brachte, dagegen kein Salz abführte.

3) Am 1. Juli dieses Jahres wurden zum ersten Mal 700 Zentner Salz vom Carl Theodorsudhaus direkt in den Salinenzug eingeladen. Der erste Waggon, von den Salinenarbeitern bekränzt, kam nach Leutkirch in Württemberg.

4) 1 Schäffel = 6 Metzen = 222 Liter.

5) Mit allen modernen Komfort und den neuesten medizinisch- und hygienisch technischen Hilfsmitteln ausgestattet.

39/2019