Jahrgang 2019 Nummer 38

Traunstein und das Salz

Ein Beitrag von Georg Schierghofer aus dem Jahr 1911 anlässlich der Auflassung der Saline – Fortsetzung

Nach fast 300 Jahren ging die Salzerzeugung in Traunstein zu Ende: Der Staat löschte am 29. Juni 1912 die Feuer unter den Sudpfannen. Obwohl diese Fotografie weder datiert, beschrieben, noch in einem aussagekräftigen Kontext überliefert ist, kann man mit einigem Recht annehmen, dass sie im Zusammenhang mit der Einstellung der Salzproduktion in der Au entstanden ist. Die Belegschaft versammelte sich im Sudhaus, in ihrer Mitte stand (mit Schirmmütze und Lederjacke) Dr. Heinrich Stuchlik, königlicher Bergmeister, der seit 1905 den Betrieb leitete und am Ende dessen Abwicklung und Auflassung vollziehen musste. (Foto: Stadtarchiv)

Peetz schreibt in vorbenanntem Werk, dass der Salzanteil des Nonnenstifts im 14. Jahrhundert zwanzig Fuder(1) betrug. Außerdem hatten sie auch den Brückenzoll bei Seebruck.

Desgleichen beurkunden von der Benediktinerabtei Seeon einige Briefe den Bezug von Freisalz. »Laßt zu mier komen Leonhard Lackner, Burger zu hall«, so wendet sich »Franciscus Abbte zu Gewn« 1508 an den Rat, »der zu Notturfft meines Gotshaus XXV Fueder Saltz mit im bracht«. Ähnlich lautende Schreiben finden sich vor von Ebersberger Benedictineräbten z. B. von Jacobus, der 1562 und 1568 – jedesmal fast mit den gleichen Worten – »den edlen und vesten Saltzmaistern, Amtsverwaltern, Mautnern und Gegenschreibern, so dieß unser Schreiben beriert, ein freundlichen Grues und Andacht« schickt mit der Bitte, sie möchten ihre jährlichen »vier und sechszig Fuderl Kuchelsaltz «, welche von ihren »zwen Maiern«(2) unter Vorzeigung diese offenen Schreibens durchgeführt würden, allenthalben »mautfrei fueren und passieren lassen«, wie es ihnen »in vermög des Gotshaus Freyhaiten und dem alten Geprauch nach« zustehe. – Auch die berühmte Abtei zu Tegernsee ist mit solchen Geleitsbriefen vielfach unter diesen Archivalien vertreten. Ein anderer Brief unterzeichnet von der »underthenig und willigen Swaster Clara Ruchamarin Priorin und dem ganzen Convent zu Althohenaw Predigerordens« gerichtet an Herzog Wilhelm 1417, enthält die Bitte, dieser möge »ein genedigs Geschefft lassen ausgeen an den Burgermaister und Rat zu Trawnstain mit Inschaffn, das sie uns unser Freywagen fuedern und Saltz geben alle Wochen ain Fart« das ihr Führer Wolfgang Maier von Reutham, dem sie ihren Freiwagen verstift hätten »on Verzichen« bezahlen solle.

Wagner berichtet von demselben Kloster über ein Regest von Herzog Stephan, kraft dessen ihm schon am 25. März 1307 die Durchfuhr von wöchentlich ein Wagen mit Salz durch Traunstein »ohne Maut und Umgeld«(3) bewilligt war.

Aus diesen altehrwürdigen Papieren, genau zusammengefaltet und mit dem auf Wachs eingedrückten Klostersiegel versehen, weht etwas heraus wie ein leises Ahnen von jenen Zeiten, wo Wissenschaft und Kunst in den Klöstern erblühten und dem Lande Segen brachten. Wohl manche zierliche Handschrift auf diesen vergilbten Blättern erinnert an jenen Bienenfleiß und bewundernswerte Gewandtheit, kraft deren sich die alten Klosterbibliotheken füllten. Vielleicht hat dieser oder jener unscheinbare Brief aus der geschickten Hand eines gelehrten Mönchs oder einer hochgebildeten Nonne seine mit Sorgfalt gezeichneten Buchstaben empfangen, derselben Hand, von deren Kunst und Fleiß heute noch da und dort sorglich bewahrter Schatz möchte zeugen.

Also spielte denn auch die Kultur der mittelalterlichen Klöster herein auf den Salzverkehr zu Traunstein.

Preis den braven schwarzen Mönchen / Preis den wackren Kuttenträgern / Alles menschlich schönen Wissens / Frommen Hütern, treuen Pflegern! / (Webers Dreizehnlinden)

Kommunale Einkünfte vom Salzwesen

Abgesehen von dem wirtschaftlichen Nutzen, den das Salzwesen der Bürgerschaft direkt und damit der Stadtkasse indirekt spendete, wissen wir von Einnahmen daraus zu erzählen, die unmittelbar in den Stadtsäckel flossen. Wiederholt ist das Salzwesen auf solche Art zum größten Wohltäter der Stadt geworden, ein rettender Fels, an den sich die Bürger nie vergeblich klammerten, wenn Unglück und Kriegsnöten das Gemeinwesen in seinen Grundfesten zu erschüttern drohten.

Ursprünglich scheint die Stadt am allgemeinen Zoll, dem Straßen- und Brückenzoll, Anteil erhalten zu haben – nicht zu verwechseln mit »Pflasterzoll«, einer rein städtischen Einnahme, die im Jahr 1493 von Herzog Georg dem Reichen bewilligt worden ist und auf deren Höhe der Salzverkehr ebenfalls den größten Einfluss übte. – In Wagners »Geschichte des Landgerichts Traunstein« sind zwei Urkunden wörtlich angeführt aus dem Einkünfteverzeichnis des Bisstumamts Pfarrkirchen von 1308 bis 1313, worin der »pvrger reht ze Travnstain an dem zolle« erläutert ist.

Der eine Absatz beginnt gleich mit dem Haupteinfuhrartikel, dem Salz: »Swelich wagen dass dem nidern tor ze Travstaine in vert mit faltz, swaz er hinder XII scheiben füret, der geit da von nvr IIII. ötinger pfenning, swaz er aber füret über XII scheiben vntz hintz XX scheiben, da geit es V pfenning von ötinger allez. Swaz er füret über XX scheiben, da geit (er) von sechsthalben ötinger…Aber ein garre (Karren) da zwai ros inn gent, swaz der saltz treit, der für sich dvrch get, VI pfenning, stent aber drev ros darinne, so geit er VII pfenning ötinger. – Der zweite Absatz lautet also: »Dez ersten swelich pvgär von Halle auf seinem aigen wagen saltz füret, der geit nicht davon in dev stat, füret er aber daz saltz avf seinem aigen wagen umb lon, so geit er wan II ötinger da von in dev stat. Swez (wenn) aber daz saltz ist sein, oder er für ez pmb lon, so geit er daz dem obern tor (weil hier die Salzniederlage war) wan I ötinger, ob der wagen sein aigen ist, lät aber der pvrger sein aigen saltz einem fremden wagen auf, so mvz ez dannoch der wagen, der ez füret, verrihtten als ander saltz, daz geste fürent«.

Jedenfalls ist dieser »Zoll« eine andere Abgabenart als z. B. der »Scheibenzoll«, welchen Herzog Heinrich und seine Vormünder um 1400 zur Erholung ihrer Finanzen und zur Wiederherstellung der Ringmauer auf drei Jahre den Traunsteinern gewährt hatten, als die Stadt durch den großen Brand von 1371 vor dem Untergang stand und ihr auch die Mittel zur Wiederherstellung der Ringmauer, dem Lebensbedingnis der mittelalterlichen Stadt, gefehlt hatten. Jener Zoll (= Maut), der von herzoglichen Zöllnern am »nidern Tor« = Mauttor(4) eingenommen wurde, war später jedenfalls ausschließliches Herzogsgut; denn die Stadtkammerrechnungen berichten nichts von einer derartigen Einnahme, um so mehr aber vom sog. »Scheibenpfennig«, der zum ersten Mal am 18. März 1568 auf fünf Jahre zum Salzstadelbau bewilligt wurde. Zur näheren Orientierung über das Wesen und den Zweck dieser vielgenannten Abgabe, die volle 300 Jahre lang ohne Unterbrechung von den Wittelsbacher Fürsten huldvollst gewährt wurde, sei hier Einiges aus Originalurkunden wiedergegeben. Wie die ersten fünf Jahre des Genusses vom Scheibenpfennig zur Neige gingen, ohne dass das Mittel (der Scheibenpfennig) den Zweck (Abzahlung der Salzstadelbauschulden) hat erreichen lassen, lag nichts näher, als eben um abermalige Bewilligung des Scheibenpfennigs nachzusuchen. Das geschah denn auch: »Wiewol E. f. G. (= Euer fürstl. Gnaden) uns zu Erpauung ermellts Salzstadels« – so ist diese Bittschrift an Herzog Albrecht eingeleitet – »die Scharwerch in E. f. G. Landgericht daselbs genediglich bewilligt, so haben wir doch, wie die Pauregister zu erkennen geben, nichts desto weniger bei 5000 Gulden hierüber angewandt; nachdem aber ain sollichs Werk weder in gemainer Stat noch unserm Vermögen nit gewesen, wir in Bedenkung des vorsteenden theuern Jars nit mit geringer Beschwer beyermellte Summa Gellts entlehnen und vergüllten muessen. Weil aber E. f. G. uns zu ziemblicher Ergezlichkait fünf Jar, welche sich in der Vaßten des 73. Jars geendt, auf ainer jeden Scheiben1 & mit G. (= Gnade) zuegelassen (dessengegen E. f. G. wir uns zu dem underthenigisten bedanken) haben wir in vorbenannter Zeit angeregte Summa Gellts biß uhngeverlich auf 3000 fl. (die wir damals verzinsen mußten) abgelest. Unnd so gemainer Stat auch unns, disen ansehenlich Rest sambt anndern Bürden abzuledigen nit müglich gewesen, sein wir geursacht worden, E. f. G. umb genedigen Hilff underthenigilichen zu ersuechen, hierüber E. f. G. unns von dem vierten Avrillis des obgemellten 73ten Jars zu rechnen den Scheiben &wider auf fünf Jar genediglich bewilligen. Welcher G. (Gnade) und Woltat wir uns gleichfals gannz unnderthenigilich bedanken«. Nun folgt eine eingehende Begründung zu diesen Gesuch, die einen tiefen Blick gestattet in die damaligen »Schmerzen« der Truna: Die Traun hätte »die Werch zerrissen sambt den Prungepäuen«, was in die 400 Gulden erfordere; zur »Pesserung des Pflasters« am Salzstadel seien mehr als 150 fl. nötig und zur Erbauung des Turmes auf demselben in die 100 fl., seine Unterhaltungskosten nicht zu vergessen. Z. B. sei das Fachwerk »so mit Schintln gedeckt, in Ansehung des scharpfen Wetters vor dem Gepürg erfault«, dass es von neuem mit etwa 400 Schindeln gedeckt werden müsse. Es wäre auch den Salzsendern unmöglich, den Stadel auf ihre Kosten zu erhalten, weil sie bei dessen Bau ohnehin »mit Scharwerch Roß und anderm Gscheri« (= Gescher) mindestens 40 fl. eingebüßt hatten und bei der großen Teuerung schlechte Geschäfte machen, so zwar, dass sich zur Besetzung der »5 Lucken«, die in der üblichen Anzahl der Salzsender seien, nicht ein Mann meldeie. Außerdem würde das neue Traunwehr – wenn es nicht gebaut würde, würde sie der »Herr Mauthner von der Gründe wegen, die e. f. g. alda ligende haben, verklagen« – in die 300 fl. Kosten gehen. Weiter ist angeführt, dass die Stadt an den Herzog 30 Pfd. Pfennig Stadtsteuer gibt, dass die Ringmauer baufällig ist und dass auch das Rathaus »der großen Paufall halber« von Grund auf müsse abgebrochen werden. Ferner seien »immerzu Besätz (= Besetz) und Schauer-Jar«, weshalb nicht nur Bürger, sondern die Bauern selbst »den Getraidt, Schmalz und andere Essender« von den »Ausländern«(5) kaufen müssten; auch sei außer den Salzsendern »gar kain sunder Gewerb oder durchgeende Landstraß« hier wie in München, Wasserburg und Rosenheim, »da die Niederlag des Salzs wie bei uns ist«, welche den »Wasserstrom« hätten und auch mit dem Scheibenpfennig begabt seien.

Der Schluss enthält endlich »die gar underthenig und hochvleissig Bitt«, der Herzog möchte dies alles beherzigen und »ob angeregten Pfennig auf ainer Salzschaiben auf ebig« genehmigen und dem Rat darüber »Urkhundt mit e. f. g. Dekret gevertigt« mitteilen.

Nicht »auf ewig« aber doch auf weitere fünf Jahre wurde alsdann der Scheibenpfennig der Stadt wieder zugestanden. Seit dem Jahr 1586 hingegen, wo Herzog Wilhelm den Traunsteinern wie auch den Wasserburgern, Rosenheimern u. f. w. den freien Salzhandel entzog, ist der von sechs zu sechs und später von acht zu acht Jahren auf erneutes Gesuch jedesmal wieder bewilligte Scheibenpfennig in erster Linie als ein Entschädigung für diese empfindliche Einbuße aufzufassen. Allerdings kam dies nicht unmittelbar den Salzhändlern, sondern der Stadtkammer zu gute: Von allem in Reichenhall erzeugten und nach Traunstein überführten, dann später auch von allem in Traunstein selbst erzeugten und weiter verführt werdenden Salzfässern(6) fielen also von jedem Fass je ein Pfennig schwarzer Münz(7) in die Kommunalkasse.

Die Stadtkammerrechnungen bringen diese Einnahmen vom Scheibenpfennig als die »einflussreichsten« an erster Stelle gleich nach dem Übertrag vom Vorjahre, und mögen hier einige Beispiele folgen, da sie zugleich das Wohl und Wehe der verschiedenen Zeiten markieren.

Anfangs betrug der Scheibenpfennig vom Reichenhaller Salz 800 bis 900 Gulden im jährlichen Durchschnitt. In den ersten Jahren des Bestandes hiesiger Saline d. i. in den Kammerrechnungen von 1620 und 1621 sind vom Traunsteiner Salz die auffallend hohen Summen von 951 und 674 Gulden als Scheibenpfennig verzeichnet, vom Reichenhallersalz dagegen »Nihil« (nichts).

1625 trug das Reichenhaller Salz 846 fl. ein, das Traunsteiner 266 fl., 1632 das Reichenhaller 173 fl., das Traunsteiner 190 fl., 1633 das Reichenhaller 116 fl., das Traunsteiner 40 fl., 1634 das Reichenhaller 56 fl., das Traunsteiner 184 fl., 1636 das Reichenhaller 208 fl., das Traunsteiner 301 fl., 1637 das Reichenhaller 147 fl., das Traunsteiner 92 fl., 1640 das Reichenhaller 383 fl., das Traunsteiner 163 fl., 1647 das Reichenhaller 120 fl., das Traunsteiner 279 fl., 1648(8) das Reichenhaller 106 fl., das Traunsteiner 120 fl., 1649(9) das Reichenhaller 307 fl., das Reichenhaller 293 fl.

Von da ab bis 1676, in welchem Jahr der Scheibenpfennig insgesamt 1051 Gulden ausmachte, und nachher bis 1700 erreichte die Summe des Scheibenpfennig einen jährlichen Durchschnitt von 800 Gulden. Im Jahr 1700 betrug er 319 und 224 Gulden, 1703 vom Reichenhaller Salz 458 und vom Traunsteiner 338 fl., 1704, dem Jahr des zweiten Stadtbrandes, vom hiesigen Salz nur 157(10) und vom Reichenhallischen 527 Gulden, 1705 vom letzteren 404 und vom hiesigen 248 Gulden. Die nächsten Jahre bringen wieder die normale Gesamtsumme von durchschnittlich rund 800 Gulden, bis der österreichische Erbfolgekrieg wieder Störung verursachte. 1743 beziffern sich die Summen auf 376 und 201, 1745 auf 334 und 203 und 1749, nach dem Friedensschluss, 444 und 326 Gulden. Die folgenden Jahre weisen abermals die durchschnittlichen 800 Gulden auf. Im Jahr 1792 wurden vom Reichenhaller Salz d. i. von 31600 Fässern, 17800 Fassln und Säck 536 fl. 11 Kr., vom Traunsteiner Salz d. i. 21150 Fässern, 4920 Fassln und 22100 Säcken 504 fl. 37 Kr. ausbezahlt, – um ein genaues Beispiel zu haben. Das Jahr 1800(11) war dann noch ein glückliches mit 479 und 361 Gulden, die nächsten beiden Jahre aber brachten zusammen nur jährlich 300 Gulden ein. Vom Jahr 1825 ab, wo vom Reichenhaller Salz zum letzten Mal nur 14 fl. 17 Kr. eingingen und vom Traunsteiner 213 fl. (1824 vom Reichenhallter Salz 35 fl.), steht der Traunsteiner Scheibenpfennig allein in den Büchern mit durchschnittlich jährlich 150 bis 200 Gulden. Der letzte, im Rechnungsjahr 1866/67 betrug 156 Gulden, 16 Kreuzer und drei Pfennige.

Über den richtigen Empfang des Scheibenpfennigs erhielt der Salzbeamte am kurfürstl. »Salzniederlassungsamt«, welches eigens für das Reichenhaller Salz in der Stadt bestand, und der Salzmaieramtskassier über das Traunsteiner Salz vom Stadtkämmerer eine Quittung, deren viele noch, bezw. deren Kopien, vorhanden sind …

Wenn obige Summen so bedeutende Schwankungen zeigen, ist darauf hinzuweisen, dass diese Einnahme vom Salzverkehr und dieser wieder von einem ruhigen, geordneten Erwerbsleben abhängig war. Letzteres war aber wiederholt gar traurig und lange gestört, sei es dass zu Pestzeiten die Tore der Stadt gesperrt waren, wo der Bürger jedem Fremden mit Furcht und Bangen auswich, sei es dass Krieg in der Nähe die Wege unsicher machte oder dass Krieg im eignen Lande die Mannen unter Waffen rief und die Salzstraßen feindlichen Horden und räuberischem Gesindel preisgegeben waren. Wie hätte da die Scheibenfuhr gedeihen können? – Ein Stadtkooperator schrieb zur Zeit des dreißigjährigen Krieges um 1631, weil er zur Krankenpflege in die Au übersiedelte, an das Dekanat Baumburg u.a.: »In der Au sind 25 Personen (in ¼ Jahr) gestorben. Besonders sehr viele Weiber starben, was übrigens kein so großes Übel ist; denn die Männer müssen alle in den Krieg fort. Ich glaube, ich muss selber bald mit meinem Kopf in den Helm schliefen und die Hellebarde ergreifen«. Weiter berichtet Büchele, dass zu dieser Zeit die überaus verarmte Bürgerschaft mit Ausnahme der Taglöhner kaum 60 Bürger zählte, von denen sich nur 12 durch ihre Ökonomie erhalten konnten, die übrigen arme Handwerksleute waren, die von einem Tag zum andern ihr Brot kümmerlich verdienen und suchen mussten. Die Scheibenfuhr ging sehr schlecht und auch die Schrannen wurden wegen Unsicherheit der Straßen von den Bauern wenig besucht. All dies zusammen, Krieg, Seuche, dazu noch Ungewitter und Missernten waren dazumal noch die alleinigen Ursachen von schlechtem Handel und allgemeiner Teuerung.

Was die kommunalen Einkünfte von Traunsteiner Salzwesen betrifft, spielten auch noch andere Umstände wirksam mit herein. So liegt in den magistratischen Regalen ein Schreiben, worin sich die Traunsteiner bitter beklagen über eine neue Salzstraße, die von Piding nach Laufen gebaut wurde. Ein andermal 1631, als der Rat seinem größten Gönner, Maximilian dem großen Kurfürsten, Geld vorstrecken sollte, bildete die Klage die Entschuldigung »daß der Scheibenpfennig nicht mehr so viel trage, weil viele Scheiben von Reichenhall über Siegsdorf gleich nach Grabenstätt und Rosenheim gingen«. Vom Jahr 1812 ist ferner die Kopie eines Gesuchs an die kgl. Salinen-Administration aufbewahrt, worin der Magistrat um eine Pauschalentschädigung bittet für den durch vergrößerten Landverschleiß – wobei die Bauern sich das Salz in Säcken direkt an der Saline holten – bedingten Entgang am Scheibenpfennig.

Von den vielen Schriften, Gesuchen und Bestätigungen über den Fortbezug dieser vielumworbenen Einnahme ist eine Bittschrift vom Jahr 1820 insofern von besonderem Interesse, als darin Gründe(12) angegeben sind, warum sich die Stadt fortdauernd des Genusses derselben erfreuen durfte – d. i:

1. Wegen des 1586 entzogenen Salzhandels,

2. Weil die Stadt zur Anlage der Salinenbauten mehrere beträchtliche Grundstücke, Häuser und Stadel unentgeltlich abgelassen habe. (Was aber nicht nachgewiesen werden könne, weil die Grund- und Saalbücher 1704 verbrannt seien).

3. Wegen wirksamen Beistandes zum Salzwesen beim Krieg von 1740 bis 1745,

4. zur Entschädigung für die Unterhaltung des Salzstadels, indem auch der Salzfertiger zinsfrei wohnte,

5. gegen die Auflage, dass die Stadt die Salzstraße in der Kraglgasse und die Brücke über den Mühl- und Ledererbach beim untersten Tor zu unterhalten habe.

Damals (1820) wurde sowohl für das Reichenhaller als auch das Traunsteiner Salz der Scheibenpfennig wieder auf acht Jahre gewährt, nach Ablauf dieser Frist aber nur mehr für das Traunsteiner Salz und wurde der obere Salzstadel der Stadt zur Verfügung gestellt.(13) Das Reichenhaller Salz ging nunmehr ausschließlich mit Landfracht nach Laufen und von da auf der Salzach weiter zur Donau. In der Lieferung nach dem westlichen Absatzgebiet teilte sich jetzt die Rosenheimer Saline statt der reichenhallischen mit der von Traunstein.

Im Jahr 1868 schließlich hörte sich auch der Scheibenpfennig vom Traunsteiner Salz infolge Aufhebung des Salzmonopols von selbst auf und mit ihm der den Bürgern gestattete Bezug von jährlich 300 Zentnern Freisalz.

Dieses »Gratialsalz« und »Burgersalz« genannt, wie es auch die Reichenhaller seit langer Zeit bezogen, erhielt die Bürgerschaft im Jahr 1620 »ungepfiesletes und ohne ir Entgelt mit diesem Vorhalt, das sy solcher nit verkhauffen oder anderen geben im Gegenspill aber selbiges wiederumben aufgehebt werden solle, gnedigst gewilligt, und sollen sich auch Burgermaister und Rat der prätendierenten Jurisdiction kheineswegs mer anmassen, und des Authürls beim Salzmyrganng(14) nit weiters anfechten«. Also ist diese wichtige Begebenheit im städtischen Registerbuch von 1670 registriert. Das Freisalz war demnach eine Entschädigung dafür, dass der Rat seine bisher gleichberechtigten Mitbürger in der Au vom Stadtverband ausschloss, wodurch diese »zu Grundholden des Salzmaieramts herabgedrückt wurden«, wie Dr. Kleitner mit Anlehnung an Lori’s Bergrecht in seiner »Eschenforstfrage«(15) schreibt.

In Traunstein wurde dieses Küchensalz(16) anfangs wöchentlich dann monatlich und vierteljährlich und schließlich von 1787 an halbjährlich zu Sebastiani und Jakobi und zwar dann nicht mehr in Fudern und Stöcken, sondern zu je 150 Zentnern abgegeben. Außer Beamten und Armen bekamen es zuletzt nur die sog. »Altbürger«, auf deren Besitztum das Recht des Salzbezugs von alters her ruhte.

 

(Schluss folgt)

 

Anmerkungen:

1) 1 Fuder = 1 Salzstock = circa ½ Zentner.

2) Gutsverwalter.

3) Vielleicht eine Art Aufschlag, den die Traunsteiner vom durchgeführten Salz damals schon erheben durften.

4) Am Kniebos bei der Vordermühle.

5) Wohl Salzburg und Tirol.

6) Nicht vom unverpackten Salz.

7) Schwarze Münz = Kupferpfennig zum Unterschied vom Silberpfennig.

8) Ende dieses Jahres wurde nach 30-jährigem Krieg Frieden geschlossen.

9) Macht sich schon die Wirkung des Friedens bemerkbar.

10) Brannten zum Teil auch die Pfannengebäude nieder.

11) Am 11. Dezember Einmarsch der Franzosen.

12) Wenn es sich darum handelte von der Regierung eine Begünstigung zu erlangen, wurden als weiterer Grund wiederholt auch die wirksamen Hilfeleistungen der Stadt bei Feuer- und Wassernot der Saline mit Erfolg angezogen.

13) Die Räume wurden zum Teil vermietet zum Teil als städtische Magazine u. dergl. verwandt, heute besteht davon nur mehr der nordöstliche Teil mit der Kinderbewahranstalt, dem Aichamt und einem Raum für Feuerlöschgeräte.

14) Finstere Stiege.

15) Bei den Reichenhallern scheint sich der Freisalzbezug auf ein altes Recht gestützt zu haben, das ihre Vorfahren als Siedeherren beim Verkauf ihrer Sieden sich vorbehielten; es hörte sich bei ihnen schon im Jahr 1804 trotz großen Widerstrebens auf.

16) Bemerkenswert ist, dass der Viktualienmarkt, der sich früher vor dem Rathaus und ehemaligen Hauptsalzamt befand, wegen Störung in den Bureauräumen 1828 verlegt werden musste, wovon sogar der Fortbezug des Bürgersalzes abhängig gemacht wurde.

 

38/2019