Jahrgang 2019 Nummer 36

Traunstein und das Salz

Ein Beitrag von Georg Schierghofer aus dem Jahr 1911 anlässlich der Auflassung der Saline – Fortsetzung

Berge von Salz produzierte die Saline Traunstein Jahr für Jahr. 1874 erreichte die Salzgewinnung den Spitzenwert: 10 649 Tonnen zogen die Arbeiter aus den Pfannen – so viel wie in keinem anderen Jahr davor oder danach in der Geschichte des Betriebes (1619 - 1912). (Foto: Stadtarchiv Traunstein)

Salzstraßen

In der »Entwicklungsgeschichte Bayerns« von Dr. M. Döberl (München 1906) sind drei Transportetappen des Reichenhaller Salzes bestimmt genannt: Nach dem Norden über Burghausen und Ötting zu Land, gen Passau über Laufen auf der Salzach und nach dem Westen über Traunstein, Wasserburg und Föhring bezw. München, welch letztere Richtung wohl die am besten frequentierte war.

Zunächst sei hier – um bei dieser zu verbleiben – an die alte römische Salzstraße erinnert, welche von Reichenhall (ad salinas) über Teisendorf, Traunstein (Artobriga?), Seebruck (Bedaium) und Leonhardspfunzen (Pons Öni) bei Rosenheim nach Augsburg führte, weil sie auch nach Wiederaufrichtung der Sudstätten im reichen Hall die Richtung des Salzzuges nach dem Westen vorgezeichnet hatte. Erst anfangs des 14. Jahrhunderts erfahren wir von einer teilweisen, später ganzen Ablenkung desselben von Rosenheim nach Wasserburg. Aber im Jahr 1505 erhielt Rosenheim den Salzzug nach München geteilt zurück(1) und damit auch wieder die Niederlage des Salzes. Für Traunstein indes war es von besonderem Wert, dass Kaiser Ludwig der Bayer die alte Salzstraße, über Teisendorf durch salzburgisches Gebiet von Reichenhall nach Traunstein kommend, verließ und den gesamten Salztransport auf die 1346 von ihm erbaute Straße über Mauthäusl und Inzell nach Traunstein verlegte, weil Bayern mit den Salzburger Bischöfen fast fortwährend in Fehde lag. Anderseits scheint zu verschiedenen Zeiten Salz mit Umgehung Traunsteins auf einer alten »obern« Salzstraße wohl über Schönram und Waging nach Altenmarkt befördert worden zu sein, wo von alters her die sogenannten altgäuischen(2) Produkte Salz, Holz, Kohle und Eisen auf die Flöße der Alz geladen wurden, um von da zum Inn und zur Donau weiterverfrachtet zu werden.

So konnte also diese neue Straße durchs Gebirg für die Traunsteiner Niederlage nur von Nutzen sein, zumal Kaiser Ludwig schon früher durch eine neu erbaute Salzstraße von Traunstein über Erlstätt und Truchtlaching gen Wasserburg den Verkehr von Altenmarkt abgelehnt hatte. Die Herren von Truchtlaching mögen sich im Stillen in die Faust gelacht haben, den Pröpsten von Baumburg dadurch ein gut Teil vom Brückenzoll abgewonnen zu haben; die einen wie die anderen hatten nämlich das Recht, den Brückenzoll über die Alz zu erheben, wogegen sie Straße und Brücke erhalten mussten. Den Traunsteinern jedoch verminderte sich dabei eine gefährliche Konkurrenz; denn wenn die getreideführenden Bauern das Salz schon in Altenmarkt, das sie ohnehin berührten, hätten erhalten können, hätten sich wohl manche den umdrei Stunden längeren Weg bis nach Traunstein erspart.

Dass nun infolge dieser verschiedenenWege gar oft die Feder da und dort in Bewegung gesetzt wurde, liegt auf der Hand, und ruht auch bei den städtischen Archivalien manch diesbezügliche Beschwerdeschrift.

So erhielt einmal der Traunsteiner Rat vom Salzmaier in Reichenhall folgende Antwort auf eine die betreffende Klage: »Mein freundlicher Grueß und nachparliche Dienst sein euch zuvor berait, besunder liebe Herrn und Freundt. Eur Schreiben deß Datum den 17 Oktobris zu Traunstain datiert hab ich den 19. Wol empfangen und Innhalt desselben vernomen. Gib hierauf den Herrn Freundt und nachparlichen zu versteen, daß main Mainung noch Bevelch (Befehl) nit anderst, dann daß jedweder Straß mit iren Fuerlewten befudert (mit Salz befahren) werden solt«. Er habe auch die Meinung und befehle es, dass nur eine Straße befahren werden solle, aber wenn dem einen oder dem anderen »auf sein hohes Anlangen (Gesuch beim Herzog) und angezogne Armut« einmal vergönnt sei, nach Wasserburg zu fahren, so wisse er doch, dass mehrere dahin über Altenmarkt fahren. Erst vor 14 Tagen seien ihrer drei bei ihm gewesen, welche, da sie »mit obern Zaichengen Altenmarkt kamen, « jeder mit drei Talern gestraft wurden, und ihn nun um Nachlass dieser Strafe gebeten hätten. Das habe er aber »kaineswegs mit thuen wollen«, sondern sie lieber noch selbst gestraft. Er habe es auch dem »Aychl-Perger« (= Salzfertiger in Reichenhall?) Allen Ernstes aufgetragen, dass er keinem Bauern »so auf der Traunstainer Straßen gewesen, ainichs (einiges) Zeug gen Wasserburg gebe« ohne seine Bewilligung. Bei den Pfieslschreibern nähmen die Fuhrleute auf die verschiedenen Straßen kein unterschiedliches Zeichen, weshalb diese bei vorliegender Frage einer Kontrolle nicht in Betracht kämen; »sie geben inen eben die Scheiben und fragen nit, wo sie hin faren«. Bei dem Aychlperger sei das anders, und wolle dieser ihn da täuschen, so würde er ihn sogar seines Dienstes entsetzen. Von Interesse in diesem Brief ist fernerhin das Zugeständnis, dass jene Fuhrleute, die »Nägel und Unnieteisen« aus einer Eisenhütte zur Saline bringen, im Jahr sechs Fuhren gen Wasserburg bringen dürfen wie auch etliche, die Getreide nach Kling (bei Frabertsham) führen. Zum Schlusse des Schreibens aber kann der Salzmaier nicht umhin, darauf hinzuweisen, dass bei ihnen (den Traunsteinern) auch nicht alles so ganz in Ordnung sei, indem ihre Salzsender mit der Bezahlung ihrer Schreiben »etwas verzugig« seien. Unterzeichnet ist: »Date 21. Okt. (15)75. Der Herrn williger Albrecht Scheichenstuel«.

In Bezug auf diese sogenannte obere Straße über Altenmarkt möge hier zurückgegriffen werden auf über Altenmarkt und Trostberg sondern auf der von eine Verfügung des Herzogs Heinrich von 1441 des Inhalts, dass das Salz nicht über Altenmarkt und Trostberg sondern auf der von Kaiser Ludwig erbauten Straße über Erlstätt, Truchtlaching, Obing nach Wasserburg geführt werden solle(3) und über Siegsdorf, von wo die Straße über Traunstein nach Erlstätt zog, solle kein Salz mehr auf Wägen und Karren, sondern nur auf Saumrossen befördert werden.’(4)

Ferner sei hier berührt eine Urkunde von 1456, welche im städtischen Registraturbuch von 1670 verzeichnet steht, worin mehrere Bauern des Staufenecker Gerichts bezeugen, dass die Salzstraße von Reichenhall nur durch Traunstein nach Altenmarkt führt.

Eine weitere Klage der Traunsteiner wegen des Salzzuges begegnet uns später in einem Schreiben des Rates 1631 an Kurfürst Maximilian I.,worin bedauert wird, dass die Stadt nicht im Stande sei, 3000 fl. vorzustrecken, da sie erst 1624 2000 Gulden dargeliehen habe und seit einiger Zeit der Scheibenpfennig nicht mehr so viel trage, »weil viele Scheiben von Reichenhall über Siegsdorf, Grabenstätt(5) und den Chiemsee nach Rosenheim geführt werden«.

Ein Brief des Rats von Burghausen 1501 enthält weiterhin eine Mahnung an die Traunsteiner, dass die Salzbauern die rechte Straße einhalten sollen – Näheres konnte aus der verwischten Schrift nicht ergründet werden. Auch ein Schreiben des Salzburger Cardinal-Fürstbischofs Mathäus von 1534 ist hier von Interesse mit Rücksicht auf oben angezogene Grenzstreitigkeiten: Derselbe verwahrt sich, gestützt auf eine Anklage seines Pflegers in Tittmoning, David von Nußdorf, energisch dagegen, dass die Traunsteiner »etzlich Schlitten mit Hallinger Salz in seinem Titmaninger Bericht angriffen und gen Traunstain gefuert« hätten. Jedenfalls ist darin – andere Erklärung ließ sich nicht aufspüren – ein Auswuchs der grenznachbarlichen Händel zu suchen; es ist ja nicht zu verwundern, wenn die Traunsteiner mit ihrer privilegierten Salzzentrale ab und zu in diese Verhältnisse hineingezogen wurden. Von solchen Feindseligkeiten eines Salzburger Erzbischofs, nämlich »Wolf Dietrrich« ist später wieder die Rede, wo nach einer Aufzeichnung im städtischen Archiv Kurfürst Maximilian die alte Salzstraße über Inzell und Siegsdorf – wohl heruntergekommen dadurch, dass der Salzzug doch bisweilen über Teisendorf ging – neu anlegen ließ, weil die Feindseligkeiten wegen Holz- und Salzdurchfuhr durch dessen Gebiet über Teisendorf nicht aufhörten.

Was anderes ist es, wenn im Jahr 1518 die Traunsteiner 16 Handschlitten mit Salz beladen in Beschlag nahmen, welches Fuhrleute aus den Gerichten Schliersee, Wolfratshausen, Miesbach und Aibling von Reichenhall her hier durchführen wollten. In diesem Fall hatten die Traunsteiner ihr Recht zu wahren. Der betreffende Pergamentbrief enthält die Bitte aller 16 namentlich aufgeführten Fuhrleute um Rückgabe des Salzes. Dabei versprechen sie, dass sie und ihre Erben »kain prochen (gebrochen) Saltz, das an iren (den Traunsteinern) Freyhaiten, Niderleg oder in annder Wege zu Nachtail raichen möchte, konnstiger Zeit nit mer mit saltz unniderlegt zu faren gebrauchen« wollten, sondern »wo solichs beschähe, so wölln wir unns doch allermassen halten, wie ir stetlich (= städtisch) Freyhaiten und Niderlag vermugen, darwider (= dagegen) nymer mer ewigklich hanndln, thun noch begern.«….

In den sechziger Jahren des 16. Jahrhunderts scheint im Salzverkehr eine Krisis eingezogen zu sein. Herzog Albrecht »von Gots Genaden Hertzog in Obern und Nidern Bayern« schreibt nämlich 1566 nach Traunstein, dass infolge der schlechten Verkehrswege u. a. die Salzabnahme in Reichenhall bedenklich zurückging und dass fremdes Salz ins Land käme »ob es gleich (das eigene) besser und langwüriger« (= haltbarer) sei. Infolgedessen verordnet er »daß ain jede Scheiben dieser Zeit und bis das Saltz widerumben in Ganng kumbt, um drei Schwarzpfennig leichter gegeben werden soll, dann bisher«; dies solle auch in Traunstein der Fall sein, auch sollen sie die Scheiben »allzeit natturiglich (= ordentlich) füllen und anziehen lassen, damit der arm Fuhrmann nit so großen Schaden leid und die Strassen lieber besuche. – Bis zum Jahr 1599 kam es dann dazu, dass Herzog Wilhelm die Einfuhr von »fremdem« Salz überhaupt verbot.

Unter diesem fremden Salz ist um diese Zeit vielleicht voraus das in Hall in Tirol erzeugte zu verstehen. Eine andere Konkurrenz wäre in erster Linie wohl nur im salzburgischen Hallein, dem sogenannten »armen oder kleinen Hall« zu suchen; nun erzählt uns aber der kurfürstlich bayr. Bergrat Mathias Flurl in seinem 1792 erschienenen Werk, dass das Erzstift Salzburg im Jahr 1594 den ganzen Handel des Halleiner Salzes zu Wasser (auf der Salzach über Laufen zur Donau) unter gewissen Bedingungen an Bayern überließ und sich selbst nur so viel vorbehielt, als aufWägen und Saumrossen ausgeführt wurde.(6) Demnach wäre das Halleiner Salz, in späterer Zeit wenigstens, nicht als »fremd« zu betrachten gewesen. Wichtig ist hier ein Schreiben des Reichenhaller Salzmaiers aus dem Jahr 1518, in welchem die Rede ist von »ainer nuwen Nebenstraß durch den Voglwald auf Siechstorff«, welche mit dem »armen Saltz« besucht werde. Da man unter »armem Salz« solches aus Hallein, als dem dem armen Hall, verstand (zum Unterschied vom »reichen Salz« von Reichenhall), ist zu vermuten, dass es sich bei dieser neuen Straße über den Voglwald – wohl von Teisendorf über Neukirchen nach Siegsdorf – um Einschmuggelung solch fremden Salzes handelte, weil fernerhin in demselben Schreiben von »Nachtail« gesprochen ist, der »unsern genedigen Herrn (Herzog) in kunnstiger Zeit daraus ersteen möchte.«

Dass dagegen Handelsverbindungen mit dem Inntal bestunden, bekundet ein Schreiben des Traunsteiner Rats an den Pfleger von Marquartstein von 1581, die Klage enthaltend über die Straße nach Ebbs am Inn über Sachrang im Aschauer Tal, weil dadurch das Getreide statt nach Traunstein nach Hall in Tirol geführt würde. Ganz besonders lässt dies eine Mitteilung in »Unser Bayerland «, Seite 318, ersehen des Inhaltes, dass für die Innsbrucker Hofhaltung in den oberbayrischen Gebirgsorten eingekauft wurde, wobei es ja sehr nahe liegt, zu vermuten, dass die Händler von ihrer Tiroler Saline Salz mitbrachten.

Über weitere Einflüsse der Entwicklung der Verkehrswege auf das Erwerbsleben ist in Abs. 6 dieses Kapitels zu lesen.

Salzhandel

Im oben angezogenen Werk des Bergrats M. Flurl findet sich folgender für diesen Abschnitt bemerkenswerte Satz: »Das Salz und der damit verknüpfte, gute Absatz ist gewiss einer der wichtigsten Gegenstände für die kurfürstliche Kammer und neben dem Getreide eine Hauptquelle des inländischen Wohlstandes in Bayern, indem sowohl durch die Erzeugung als Verführung desselben nicht nur große Summen Geldes in Umlauf gesetzt sondern auch ins Land gebracht werden; deshalb war es von Alters her eine Hauptsorge der bayrischen Fürsten, den Salzhandel für das Land zu behaupten.« – Auch Prof. Dr. Döberl sagt in seiner »Entwicklungsgeschichte Bayerns«, dass der Handel mit Getreide ganz besonders aber mit dem Salze eine Ausnahme bildete im Erwerbsleben der Bayern, denen sonst eine besondere Veranlagung und ein Trieb zum Handel nicht innewohnte.

Bis zum Jahr 1586, wo Herzog Wilhelm den Salzhandel an sich zog, war derselbe ein Gewerbe im Sinne einer heutigen »Konzession«, nicht vererblich von Vater auf Sohn, auch musste die Witwe im Fall einer Wiederverheiratung darauf verzichten. Jeder, der ihn ausüben wollte, wenn eine Stelle in der festgesetzten Anzahl der zulässigen Salzhändler frei wurde, musste also mit einem Gutachten der städtischen Behörde beim Herzog darum bitten. Mehrere solcher Bittgesuche wie auch Beschwerdebittschriften an den Herzog, wenn der Rat nicht willfährig war, befinden sich unter den alten städtischen Manuskripten.

»Mein Uran, Anherr und Vater selig haben vil Jahr Salltz zu Traunstain geführt«, so beginnt ein solcher Brief vom Jahr 1561, in welchem Jeromus Hürnstorffer nach dem Tode seines Vaters den Herzog bittet, dass er zum Salzhandel zugelassen werde, weil ich allain bey dem Saltzhanndel auferzogen worden und kain annder Gewerb gelernt habe, und weil mein angenommne Behausung mit allenDing dazue gericht und verseen ist, auch damit ich dester ain stattlichern Heyrat finde.« – In einer anderen Bittschrift heißt es: »Ich bin glaublich bericht, das in der gebürenden Anzal unnder den Saltzsendern(7) zu Traunstain der Zeit zwo Luckhen ledig«... deshalb, und weil auch sein kürzlich verstorbener Vater Salzsender war und sich dabei nichts hat zu Schulden kommen lassen, bittet er »Hannß Obernperger« um Zulassung zum Salzhandel (1572). An der Adressseite dieses Briefes ist – v. l. Hand würde man heute sagen – vielleicht vom Herzog selbst, nachdem ohnehin eine eigene ausführliche Ausfertigung der Zulassung vom Kammermeister unterzeichnet heiligt, kurz vermerkt: »Dem Zolner auch Burgermaister und Rath zu Traunstain zu Befelch, wofern, wie hierin angezaigt wurde, zwo verlediget und noch unersetzt Lucken im Salzhanndl vorhannden und der Supplicant mit Hausung und Vermögen tauglich, so sey unser Meynung, daz sy seinem Pitten stat thuen. Im Fall aber bedenkliche Ursachen vorhanden weren, uns dieselben mit Widersenndung der Zetl bericht. Monachii 24. July Ao 72 (1572). – Der glückliche Besitzer einer solchen Konzession ließ sich alsdann wieder einen meist zierlich geschriebenen, sorgfältig und höchst umständlich abgefassten – wie ja alle früheren Schriftstücke eine oft ermüdende Umständlichkeit auszeichnet – Reversbrief von einem guten Schreiber ausfertigen. – Aus mächtigen, aber doch zierlichen und mit großer Kunst verwickelten Schnörkeln tritt das erste Wort »Ich« hervor, mit dem gewöhnlich das Schreiben beginnt. »Ich, Steffan Khlemb Saltzsender und Burger zu Traunstain bekenn fürmich, allmeine Erb'n und Nachkomen offenlich mit diesem Brief« etc. Der langen Rede kurzer Sinn ist, dass er die »Wittib«(8) eines Salzsenders geheiratet hatte, welche »nach altem Herkomen« den Salzhandel jetzt nach ihrer Wiederverheiratung verlieren musste. Da er nun mit ihr durch die Gnade des Herzogs den Salzhandel wieder ausüben durfte, gibt er hier die übliche Erklärung ab, er wolle denselben nur gebrauchen »solang obgedacht mein jetzige Hausfraw Agneß am Leben ist«, dann aber für sich und seine Erben die Rechte des Salzhandels wieder abtreten. – Auffallend schön ausgefertigt ist ein weiterer solcher Reversbrief von einem »Leonhardt Finkh, Burger und Mitglied des innern Raths zu Traunstain« vom Jahr 1574. Darin ist ausgesprochen, dass es »ain alts Herkomen« sei, wer den Salzhandel ausüben wolle, müsse vorher »von besorgender Hinderstelligkeit wegen drey Gulden Gelts auf einem gewissen Stück oder 60 Gulden bar, Gelt in gmainer Stat Camer erlegen«. – In der Regel, was auch in obigem Vermerk betont ist – »wofern der Supplicant mit Hausung und Vermögen tauglich« – befassten sich nur die vermöglicheren Bürger mit dem Salzhandel und hatten den Namen »Salzsender«. Ein weiterer Anhaltspunkt hierfür ist, dass um 1586 unter den 18 vorhandenen Salzsendern einige die Würde der Mitgliedschaft vom innern Rat(9) bekleideten, wie auch eine Beschwerdeschrift (1555) eines Salzführers an den Herzog, die sich gegen die Traunsteiner Salzsender richtet, »deren zehen im Rath sitzen.« Herzog Albrecht V. schrieb zum Beispiel 1555 an den Traunsteiner Rat, er möge solche Ratsherren, welche Salzhandel treiben, nach München schicken zur Aufklärung von allerlei Anordnungen im Salzhandel.

Was der Salzverkehr und der Handel mit Salz für die Bürger bedeutete, geht auch daraus hervor, dass Ende des 16. Jahrhunderts allwöchentlich 500 bis 600 Fuhrwagen die Stadt passierten und dass es um dieselbe Zeit in dem kaum 900 Inwohner zählenden Städtchen schon 6 Bräuer, 14 Wirte (darunter waren 5 Weinwirte), 8 Metzger und 10 Bäcker gab(10) – also nicht vielweniger als jetztmit 8000 Einwohnern; allerdings durfte damals in einer Entfernung von 1 Stundeumdie Stadt wederWein noch Bier oder Meth ausgeschenkt werden.

Erwägt man all das, so kann man sich denken, wie es den Bürgern zu Herzen ging, als ihnen der Herzog 1586, wie auch den Wasserburgern, Rosenheimern, Landsbergern u. a. das Recht des freien Salzhandels entzog. Wohl wandten sie sich an den Landtag von 1588, dass sie ohne den Salzhandel »den sie schon über 200 Jahre inne hatten und womit sie sich nährten«, die großen Lasten für Stadt und Steuer nicht bestreiten könnten, allein dies blieb ebenso erfolglos als das Bittschreiben später 1606 an den Herzog Maximilian: »er möchte ihnen doch den Salzhandel wieder überlassen; Traunstein sei ein winteriger, unerträglicher Ort an der Grenze, ohne bedeutende Landstraßeundschiffbarem Fluss, früher aber sei der Salzhandel Hauptnahrungszweig gewesen, den der Herzog an sich gezogen habe.« Trotzdem versuchten sie es noch einmal beim Landtag anno 1612, wo die Abgeordneten wünschten, »dass der Salzhandel vom Herzog wieder den Bürgern überlassen werde wie früher und dass bessere Straßen gemacht werden sollen, weil die fremden Fuhrwerker sich beklagen, dass sie schlechter wären als in andern Ländern.« Doch abermals ohne Erfolg.

Wenn auch von direkten Gründen zu dieser einschneidenden Änderung im Salzhandel nichts angeführt werden kann, so liegen doch einzelne Schriftstücke vor, die von Unregelmäßigkeiten reden, welche dazu geeignet waren, dies Beginnen des Herzogs zu rechtfertigen. Dazu gehört an erster Stelle ein Schreiben des Herzogs Wilhelm an den Traunsteiner Rat, welches besagt, dass die Fragner (= wohl Salzsender) »aus ainem reichen Fuder Saltz, das sy zu vierzehn in sechzehn Kreuzer kauffen, von dem armen Fuermann in zwainzig und vierundzwanzig Kreuzer bringen und dadurch die armen Fuerleith hoch beschwern.« Der Herzog befiehlt deshalb, dass »bemellt Saltz fürterhin in einem gleichen und billigen Gellt ohn unzimblichen Gewinn verkaufft und aufgeben werde.« 1581.

Andernfalls wird hierbei zu beachten sein, dass die Salzmaier so oft dazu genötigt waren, die alten Ausstände der Salzsender anzufordern, obleich im Jahr 1542 schon ein fürstliches Mandat erlassen ward, dass man in Traunstein das Salz nach Rosenheim und Wasserburg »nit mer auf Porg geben« soll, hingegen auch die Traunsteiner in Reichenhall das Salz bar bezahlen sollten. So ergibt sich aus einem bereits oben angeführten Schreiben des Salzmaiers von Reichenhall von 1575 eine solche Klage, außerdem ersuchte derselbe schon 1570 den Traunsteiner Rat um Beitreibung der Ausstände von 4 bis 500 Gulden der Salzsender für Salz, die ihm diese schon lange schulden. Und 1572 wendet er sich an den Zollner, seinen Einfluss geltend zumachen, dass ihm die Traunsteiner die 2400 Gulden Schulden für Salz bezahlen. Angesichts dessen ist es gewiss kein absonderliches Verlangen, wenn derselbe Salzmaier den Traunsteiner Rat angeht, ihm wegen Geldmangels des Salzmaieramts 600 Gulden zu leihen.

Man zieht jedenfalls daraus die Lehre, dass es auch in diesen Zeiten in den sonst am besten beschickten Geldschränken manchmal Ebbe gab...

 

(Fortsetzung folgt)

 

Anmerkungen:

1) »Der Wendelstein« 1910: Zur Geschichte der Saline in Rosenheim und der Muttersalinen Reichenhall und Berchtesgaden.

2) Gäuisch, im betr. Gau herkömmlich.

3) »damit es nur zu Traunstain und nyndert anderswo zu der obern Straß geführt werde«.

4) »Es soll auch zu Siechstorff un fürpas kain Saltz weder auf Karren noch Wägen über noch für gefürt werden, nur allain auf Rossen als von alter auch Herkommen ist«.

5) Der Chiemsee reichte ja bis anfangs des 19. Jahrhunderts unmittelbar an Grabenstätt heran.

6) Maximilian I. wusste sich später (nach 1611) das ausschließliche Vertriebsrecht auch des Halleiner Salzes zu erobern. Siehe: Entwicklungsgeschichte Bayerns von Dr. M. Döberl Bd. I, Seite 481.

7) Salzgroßhändler.

8) Witwe.

9) Aus diesem wurden alljährlich 2 oder 4 Bürgermeister gewählt, die dann je ½ oder ¼ Jahr abwechselnd die Geschäfte der Stadt zu führen hatten.

10) Aus Kohlbrenners »Materialien etc.«: »Der hl. Rupertus hat durch Wiedererhebung des Salzwerkes zu Reichenhall sowohl den Gastgebern, Riemern, Sailern, Sattlern, Schmieden, Wagnern etc. und der Bauernschaft ständigen jährlichen Nutzen verschafft.« Korrektur: Schierghofer schrieb in seinem Aufsatz (Folge 1 des Nachdrucks, erschienen in den Chiemgau-Blättern am 27. Juli), dass der bayerische Fuß – umgerechnet in die später gängige Maßeinheit – mit 32,5 Zentimetern gleichzusetzen sei. Er unterlag einem Irrtum: ein bayerischer Fuß hat 29,2 Zentimeter.

 

36/2019