Jahrgang 2019 Nummer 32

Traunstein und das Salz

Ein Beitrag von Georg Schierghofer aus dem Jahr 1911 anlässlich der Auflassung der Saline – Fortsetzung

Das Herzstück der Salzgewinnung in Traunstein war das Karl-Theodor-Sudhaus. In dem kreuzförmigen, 1786/87 errichteten Bau – unser Foto stammt aus den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts – waren vier Pfannenpaare untergebracht. Wie die anderen Gebäude der Saline ging auch das Karl-Theodor-Sudhaus nach der Stilllegung des Betriebs in den Besitz der Stadt über. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts ließ die Stadt das Gebäude abreißen. Heute ist dort der Karl-Theodor-Parkplatz. (Foto: Stadtarchiv Traunstein)

Das Salzmaieramt hieß von nun ab Hauptsalzamt und der Salinenbezirk gehörte zur Stadt Traunstein. In diese Zeit fällt wieder ein kriegerisches Ereignis, das für die Saline hätte verhängnisvoll werden können. Während des Tiroler Aufstandes im Jahr 1809 bauten diese bei Weißbach an der Reichenhaller Straße Befestigungen, um dem bayrischen General Wrede, der seine Armee um Traunstein sammelte, wirksam entgegentreten zu können. Zum Glück aber für das damalige Salzsudwesen in Traunstein ist die Geschichte in der Lage, den Tirolern nachzurühmen, dass sie hiebei die Soleleitung sorgsam bewahrt undnicht unterbrochen haben.

Damals, 1808 bis 1810, hatten die Witwe des Kurfürsten Carl Theodor, der bayr. Finanzminister Graf von Hompesch, der Minister Montgelas, Utzschneider und der Salinenoberkommissär von Clais die Saline in Pacht, was als Kuriosum zu beachten ist.

Zur selben Zeit ging ein großes Werk seiner Vollendung entgegen, das dem ersten König von Bayern ebenso zum Ruhme gereicht, als das gleiche Werk 200 Jahre früher beim ersten Kurfürsten.

»Max Josef I. nahm die Verbesserungen seiner edlen Vorfahren alle zusammen und wendete alle Mittel an, das Salzsudwesen auf die höchste Stufe zu bringen«, so schreibt I. Osterhammer in seiner Geschichte von Reichenhall 1825. In erster Linie wandte er dem Ausgangspunkt der Sole seine Aufmerksamkeit zu, indem er dieselbe zuerst durch Steinsalz und dann durch hochwertige Sole aus Berchtesgaden bereicherte, wozu im Jahr 1819 mit größten Schwierigkeiten eine Leitung über Ilsank, Ramsau angelegt wurde. Außerdem wurde die alte Soleleitung nach Traunstein durch den besten Wassertechniker der Zeit, Ritter Georg von Reichenbach verbessert, die Brunnhäuser mit neuen Maschinen versehen und die bis dahin noch an verschiedenen Stellen gebrauchten bleiernen Teichen durch gusseiserne ersetzt. Den Glanzpunkt aber dieser reformatorischen Tätigkeit des Königs im bayrischen Salinenwesen – wenn auch nicht für Traunstein günstig – bildet die in den Jahren 1808 bis 1809 von demselben Baumeister unter Josef Utzschneiders Leitung erbaute Weiterführung der Sole bis nach Rosenheim, wo im Jahre 1810 eine neue Saline erstand. Diese Leitung – von Reichenhall nach Traunstein 36 km, von Reichenhall nach Rosenheim 74 km und von Berchtesgaden über Reichenhall nach Rosenheim 120 km lang – zweigt in Hammer von der nach Traunstein ab. Sie liefert jährlich für beide Salinen im Durchschnitt von 10 Jahren 1309440 bayrische Eimer Sole.

Möchten der ersten Jahrhundertfeier der Saline in Rosenheim, die dorten heuer festlich begangen ward, noch weitere folgten!

Traunstein aber, das vor fast 100 Jahren am 15. August 1819 mit Jubel und festlichem Gepränge die Erinnerung an jenen großen Tag vor 200 Jahren feierte, da der weiße Salzdampf das erste Mal zum Himmel zog, hat sich umsonst auf die dritte Jahrhundertfeier gefreut! – Dazumal bewegte sich nach dem Dankamt in der Salinenkapelle eine ergreifende Prozession rings um die Au, Gottes Segen auf die Saline herabzuflehen, während am Nachmittag Beamte, Bürger und Arbeiter am Schießstand der kgl. priv. Feuerschützengesellschaft ihre Schüsse gegen die große Festscheibe mit den Symbolen des Traunsteiner Salzsudwesens verknallten! – Und jetzt? – Wie die Schützengilden von hier und Umgebung zum Beginn des 600-jährigen Jubiläumsschießens am 29. Mai dieses Jahres an die Stätte friedlicher Waffenprüfung zogen, da brachte auch die Salinengemeinde eine Gruppe zum Festzug mit: Das Modell des von Karl Theodor erbauten, großen Sudhauses, welches schon wiederholt bei Traunsteiner Festen das Salzsudwesen zu vertreten hatte. – Stumm, traurig schritten die Saliner in alter Arbeitstracht nebenher. – Das Juchzen der Zieler an der Spitze des Zuges, auch klingendes Spiel drang nicht mehr zu dieser hintersten Gruppe, manch Auge aber wurde bei ihrem Anblick feucht, denn zum letzten Mal half es ein Fest verschönern und – das Original steht vor dem Abbruch.

Im Jubiläumsjahr trennte sich die Salinengemeinde Au wieder vom Stadtverband und bildet seither eine eigene politische Landgemeinde.

Am 26. Mai 1818 gab es ebenfalls Anlass zu gemeinsamen kirchlichen und weltlichen Festen, als der König seinen lieben Bayern die konstitutionelle Verfassung gab.

Bald darauf, im Jahre 1828, hatte die Stadt den Verlust des seit dem Jahr 1568 ununterbrochen huldvollst gewährten Scheibenpfennigs für das Reichenhaller Salz zu beklagen, während er für das Traunsteiner Salz wie auch die Verabreichung des »Bürgersalzes« bis zum Jahr 1868 fortdauerte, wo infolge Aufheben des Salzmonopols diese Vergünstigungen nicht mehr möglich waren. Und so verlor sich ein Stück ums andere von des großen Kurfürsten hochedler Schöpfung.

Am 26. Mai des nächsten Jahres versetzte wieder Feueralarm die Saline und die Stadt in Schrecken; glücklicherweise gelang es aber durch allgemeines Einschreiten, den Brand zu löschen. Hier ist interessant zu bemerken, dass die Stadt bereits um 1725 in den Besitz von 3 Feuerspritzen gekommen ist, einer für die Stadt, einer für das kurfürstliche Bräuhaus und einer für die Saline, wobei von den 1000 fl. Kosten die Hälfte das Salzmaieramt und je 250 Gulden das Bräuhaus und die Stadt bezahlten.

Das Jahr 1844 bildet sodann in gewisser Beziehung wiederum einen Markstein in der Geschichte vom Traunsteiner Salzwesen: Der Stadtapotheker Josef Pauer errichtete eine eigene Solenbad-Anstalt im ehemaligen Klostergarten, womit hauptsächlich – im Wildbad Empfing wurden schon längere Zeit Solenbäder gegeben – der Anfang gemacht ward zu einer neuen Wirtschaftspolitik der Traunsteiner Bürger. Die Zukunft sollte es lehren, wie wichtig es war, beizeiten in solch neue Bahnen einzulenken, wie sie diese neue Beziehung zum Salzwesen vorzeichnete. Gleichsam wie ein Vorspiel hierzu erscheint es, wenn 1851 bei dem großen Stadtbrand der Salzstadel, das altehrwürdige Denkmal an Traunsteins uralten Salzverkehr, der ehemaligen Quelle des wirtschaftlichen Lebens, in Schutt und Asche versank und – ein Wiedererbauen nicht mehr nötig war! Ein Vorspiel zu dem umwälzenden Ereignis der Eröffnung der München-Salzburger Bahn im August anno 1860, die vollends den ganzen Salzverkehr auf sich nahm und auch die damit verknüpfte Getreideschranne allmählich entvölkerte.

Im Jahr 1869 am Kirchweihtage wurde in der Salinenkapelle das 250-jährige Bestehen der Saline festlich begangen und nach dieser Feier marschierte die ganze Arbeiterschaft 75 Mann stark mit Musik zum Auwirt zum freien Festmahl.

Wie ein letztes Aufflackern des Lebenslichtes der Saline erscheint es jetzt, wenn wir weiter hören, dass im Jahr 1870 durch den großen Salzabsatz die Erbauung einer »Pfanne V« in einem eigenen Gebäude notwendig war und die Salzproduktion darauf bis auf 220000 Zentner jährlich stieg.

Dann aber ging es wirklich dem Ende zu. Bis zum Jahr 1885 – im gleichen Jahr wurde das Hauptsalzamt in die Au verlegt – war die Salzerzeugung bis auf 170000 Zentner zurückgegangen und im letzten Jahr lautet diese auf ca. 160000 Zentner. Im Jahre 1895 erhielt die Saline direkten Geleiseanschluss an die Ruhpoldinger Bahn, wodurch anderseits das schöne Schauspiel der Holztrift verloren ging und damit die großen Triftanlagen, die durch die vielen Hochwasserzerstörungen im Lauf der Zeit so immense Summen verschlungen hatten, überflüssig waren.

Auch im letzten Säkulum des Bestandes der Saline gab es oftmals verheerende Überschwemmungen, voraus in den Jahren 1846, 1896, 1897, 1901, am furchtbarsten aber am 13. und 14. September 1899 – gleich wie die große Flut vom 24. und 25. Juni 1786, die alle Wasserbauten zerstörte. Dutzende Male fielen so die wilden Fluten der sonst so harmlos munteren Traun wütend über die Salinengemeinde und die unteren Teile der Stadt her; denn »die Elemente hassen das Gebild der Menschhand« – der Menschenhand, welche gegenwärtig eben dieses gefürchtete Element in Fesseln legt, die auf ein altes, furchtbares Recht pochenden Fluten der Traun in ihr Bett zwingt, damit sie die »Au« und die »Wiese« in Zukunft in Ruhe lassen. Und wenn dies wohltätige Werk der Traunregulierung vollendet ist, dann soll aber dieselbe Menschenhand jenes große Werk des ersten Kurfürsten – welch tragisches Geschick! – zerstören.

Wohl hörte man fernes Donnergrollen, aber doch unverhofft schlug der Blitz in den stillen Frieden: Am 30. April 1910 hat die Kammer der Landtagsabgeordneten wie am 13. Juli desselben Jahres der Reichsrat, den finanzpolitischen Erwägungen der Regierung entsprechend, die Auflassung der Saline beschlossen.

Den wenigen Landtagsabgeordneten, welche mit unbeugsamem Mute ihrer Überzeugung treu blieben, dass die Saline den Traunsteinern und dem Chiemgau zu erhalten sei, – voraus dem eigenen Abgeordneten Heinrich Königbauer und unsern Landsleuten Georg Eisenberger und Anton Löweneck – wolle an dieser bescheidenen Stelle ein dankbares Gedenken gewidmet sein.

Einen besonders wohltuenden Trost aber im unabwendbaren Unglück bildet für die Bevölkerung die hochherzige Teilnahme, wie sie, gestützt von einer kleinen Schar Gleichgesinnter, darunter voran Graf Krafft von Crailsheim, Bayerns Thronfolger, S. kgl. Hoheit Prinz Ludwig für die alte Salinen- und die junge Kurstadt in der Kammer der Reichsräte kundgab. – Ein Trost, der auffrischt und ermuntert, mit unerschütterlicher Liebe und altgewohnter Hochlandstreue festzuhalten am teuren Vaterland, über dessen Wohl und Wehe auch heute noch der Name »Wittelsbach« erhaben glänzt, ausgleichend und versöhnend wie seit Hunderten von reichbewegten Jahren.

Ist dann schließlich die »Au« wieder zu dem geworden, was sie ehedem war: »eine Au mit einigen Angern und etlichen Häusern, von Bäumen und Gebüsch bewachsen« – Traunstein wird es nie vergessen, was sie ihm fast 3 Jahrhunderte lang gewesen, was sie mit ihm erlebt und erlitten!

Die Erinnerung an die zwei ersten großen Feuersbrünste, wo das »gnadenreiche Salzwesen« bei der Wiederaufrichtung der Stadt eine so wohltätige Rolle gespielt, an die gemeinsam erduldeten, furchtbaren Kriegsnöte, an die vielen Überschwemmungen und an die schreckliche Heimsuchung durch die Pest, dann wieder an den großen Stadtbrand von 1851 – all diese traurigen Erinnerungen, vermischt mit den freudigen, worunter in erster Linie die vielen huldvollen Gnadenakte und Besuche fast aller Wittelsbacher-Fürsten bleiben auch ferner verknüpft mit jenem salzgesättigten Boden und der einsam verlassenen Salinenkapelle, auch wenn das große Denkmal des Salzwesens und des »großen Kurfürsten«, die Saline selbst, längst schon in den Triftfeldern begraben liegt(1).

2. Vom Salinenforstwesen

(Holztrift)

War schon das Brennmaterial mit ein Hauptfaktor, der zur Errichtung einer Saline an der Traun führte, so war es eine natürliche Folge, dass auf das Forstwesen von Anbeginn ein besonderes Augenmerk gerichtet war . . .

Schon lange, bevor es zu dieser Neugründung gekommen war, hat Holzmangel im Reichenhaller Forstgebiet die Salzmaier gezwungen, ihren Holzbedarf aus dem waldreichen Traungebiet zu ergänzen.

Bereits im 15. Jahrhundert hatten sie die Berechtigung hiezu in den Bezirken Miesenbach mit Zell, Froschsee, Wagenau und Vogelwald, und wurde das Holz auf dem Weißbach nach Reichenhall getriftet. Die Mehrung des Holzbedarfes führte dann 1509 zur Gründung eines eigenen herzoglichen Forstamtes in Traunstein unter Herzog Wilhelm IV. Hanns Prätzl, zugleich Kastner, Mautner und Zollner wurde zum »Forstmeister« ausersehen und ihm der Beizollner in Siegsdorf als »Forstknecht« zugeteilt.

Im Jahr 1570 wurde das Forstamt nach Ruhpolding verlegt und von da ab als Lehen vergeben, bis die Errichtung der Saline zur Veranlassung ward, das gesamte Forstwesen im Jahre 1619 in einem »Salinenwaldmeisteramt« in Traunstein zusammenzufassen, dem auch der Marquartsteiner Forstbezirk zur Aufsicht unterstellt wurde. 100 Jahre später wurden 2 »Waldmeisterämter« errichtet mit dem Sitz in Traunstein, und von 1787 bis 1792 waren beide wieder zu einem und zwar selbständigen Forstamt – vom Salzmaieramt getrennt, während das Forstwesen früher demselben untergeordnet war – vereinigt. 1792 wurde es wieder dem Salzmaieramt zugeteilt mit 2 Waldmeisterämtern in Ruhpolding und Marquartstein, dann im Jahr 1804 in 2 »Oberforstämter« verwandelt. Von 1822 bis 1829 waren es 3 »Forstämter«, Ruhpolding, Traunstein und Marquartstein. Seit 1829 hatte Traunstein sein eigenes Forstamt, bis es 1869 wieder ein solches, unabhängig vom Salzsudwesen erhielt.

Die Centrale des Salinenforstbezirkes, das heißt der Arbeit desselben, bildete stets Ruhpolding, welches die Bezirke Zell, Reit im Winkl, Unkenthal (im Salzburgischen) und Ruhpolding umfasste. Dieser Umstand brachte erst so recht pulsierendes Leben in dieses abgeschlossene tiefe Gebirgstal, in dem noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts Wildschweine, Wölfe und sogar Bären(2) sich sehen ließen. Gar Manches könnte das von Herzog Albrecht V. in Ruhpolding erbaute und auch von den folgenden Wittelsbachern gern und fleißig benutzte Jagdschlösschen erzählen, wie diese auszogen und beutebeladen wiederkehrten von den wilden Jagden nach solchem Ungetier, von den »Hirschfaisten« und Gemsjagden in dem urwüchsigen Revier, und von dem glänzenden Gefolge, das dieselben mit sich in diese herrlich einsamen Bergeswelten führten.

So holten sich zuweilen auch Schriftsteller und Maler Anregungen und Motive in diesen romantischen Tälern und Höhen, in Dorfwirtshäusern und Forsthütten, wenn es galt, bajuwarische Eigenart und Natürlichkeit in Wort und Bild zu malen. Welch interessante Gestalten begegnen uns zum Beispiel in den Jägern, Holzknechten und Bauern, wie sie uns Maximilian von Schmidt in seiner herrlichen Erzählung »Die Miesenbacher« überliefert hat!

Das Geschäft der Gewinnung und des Einbringens des Holzes war den Holzmeistern, denen die Holzknechte untergeordnet waren, im Akkordweg vergeben.

Kohlbrenner erzählt in seinen »Materialien zur Geschichte des Vaterlandes«, dass »die Saline an Brennholzlieferanten im Gebirg, also an über 600 Holz-Knechte und Meister, jährlich bei 36000 Gulden an Lohn und Speisegetreide« auszahlte.

Der Transport des Holzes geschah entweder zu Land oder zu Wasser. Für die Instandsetzung des Landweges sorgte das Salzmaieramt. So entstand bereits 1623 die Straße von Traunstein nach Eisenärzt an der Blauen Wand zur Holzbringung aus dem waldreichen Miesenbachtal, und 1645 wurde sie wegen der Holztrift auf der Seetraun (= Weiße Traun) bis zum Ferchensee fortgesetzt. Hier neben der Wasserklause wurde eine Unterkunft für die Triftarbeiter und den Triftmeister erbaut, welche alsbald sich zur Taferne entwickelte und heute im Sommer als Gasthaus »Seehaus« ein viel und gern besuchter Ausflugsort der Ruhpoldinger und Traunsteiner Naturfreunde und ihrer »Sommerfrischler« geworden ist. Manch froher Wanderer wundert sich da über die vielen Wasserbauten am Ausfluss des idyllisch gelegenen Sees, als Schleusen, Stege, Rechen und wuchtiges Quadergemäuer, manch anderem kehren alte Erinnerungen zurück an die Zeiten, da es hier rege ward, wenn starke Niederschläge die Holztrift ermöglicht hatten. Noch eigenartiger mutet es an, wenn man im Eschl- und Röthlmoos, von wo die Urschlauer Ache gen Ruhpolding der Weißen Traun zueilt, mitten in einsamer Bergwildnis sich plötzlich den regelmäßigen Kunstbauten der »Triftklause« gegenüber sieht. Mit ihrer unverwüstlichen Anlage bieten sie vielleicht nach Jahrhunderten noch dem Wanderer ein Rätsel.

Wenn die Frühjahrssonne und warmer Regen, wenn Gewittergüsse und schwere Landregen die Rinnsale der Gebirgs-Bäche und Gräben, die sonst oft gar kein Wasser führen, mit schmutzig-gelben Wasserfluten füllten, welche das Scheitholz, von den Holzknechten im Winter in das wilde Bett und die düstern Schluchten eingeworfen, mit sich fortrissen, da bildeten diese Klausen mit ihrem Stauwerk mächtige Reservoire für die Wasser und das mitgeführte Holz. Waren dann die angesammelten Wassermassen im Stande, das Triftholz an seinen Bestimmungsort, die Traun, zu bringen, so wurden die eichenen Tore gezogen – und mit tosender Wucht stürzten die Wogen hinunter in das Bett über Felsblöcke hinweg in wilder Flucht, um dann vereint mit den schon von Seehaus und vom Fischbach her mit der gleichen Fracht belasteten Wogen der Traun endlich nach 4 bis 5 Stunden abenteuerlicher Fahrt beim »Triftrechen« in der Au in den 8 großen »Holzfeldern« glücklich zu landen. Wie schoss da das schmutzig- gelbe, schäumende Wasser durch die Rechen, wie prellten die flinken Holzmassen an die kräftigen Gitterposten, die ihnen die Weiterfahrt verwehrten! Mit gezähmter Kraft wogten die übrigen Wässer unter der dichten Decke von Scheitholz hinweg, durch die »Fürschlacht « und die großen Schleusen in die Felder und von da durch Gitter und Kanäle wieder weiter der tosenden Mutter Traun zu. Fröhlich und unerschrocken – hei, war das immer ein Fest! – tummelten sich indes die Buben auf jener natürlichen Brücke des Triftholzes, während stämmige Salinenzimmerleute in gefahrvoller Arbeit mitten auf den bebenden Scheitern stehend ihre harte Mühe hatten, mit »Grießbeilen« bald da, bald dort sich stauenden Holzmassen den Weg zu bahnen, was die vielen Zuschauer in spannende Aufregung versetzte. Wenn so das Holz von seinem wilden Träger in den einzelnen Feldern glücklich abgesetzt war, musste es alsbald an Ort und Stelle aufgerichtet und getrocknet werden, um schließlich unter den Salzpfannen zu verlodern.

Die Saline besaß von 1870 ab, wo die große Abnahme von Salz die Aufstellung einer neuen Pfanne erheischte, 5 Pfannen. Jede derselben benötigte in 24 Stunden rund 9 Klafter Holz, wogegen zu einer Salzproduktion von 100 Zentnern nach Kohlbrenners Angabe etwa 4,6 Klafter Holz verbraucht wurden. Diese Zahlen lassen erkennen, was die Holztrift für die Saline dereinst bedeutete. Kamen doch an einem Tag oft gegen 3000 Klafter Scheitholz die Traun heruntergeschwommen! Vom Staubfall allein brachte eines Tages das durch einen Wolkenbruch angeschwollene Wasser 1200 Klafter ausnehmend schönes Triftholz, nachdem es den ganzen Sommer durch nicht getriftet werden konnte.

Seit 15 Jahren ist nun dieses originelle Schaustück natürlicher Beförderung nie mehr gesehen worden, die im Jahr 1895 eröffnete Ruhpoldinger Bahn hat uns um dies seltsame Schauspiel des Holztriftens gebracht.(3) Es landete nunmehr besser und bequemer »per Bahn« an seinem Bestimmungsort und wurde schließlich durch eben diese Bahn so kostbar, dass es für den Zweck, die Salzpfannen zu heizen, überhaupt zu kostspielig war: Torf und Kohle lösten es ab. So verdrängten der Torf (seit etwa 1874 schon) aus den nahegelegenen Chiemseemooren und den Hochmooren bei Traunstein und später die bayrische Braunkohle, welche die Bahn billig befördert, das Holz immer mehr.

1885 wurden zum Beispiel zu einer Salzproduktion von 170000 Zentnern neben 10700 Ster Holz schon 5100 Ster Torf, 297000 kg Grobkohle und 1605000 kg Kohlengries verbrannt.

Heute ist das Holz gänzlich aus der Traunsteiner Saline verbannt und das Salinenforstwesen hat damit sein langsames Ende erreicht. – Bald werden aber auch die Pfannen erkalten, die es fast 3 Jahrhunderte lang geheizt!

Der Triftrechen ist soeben – am 22. Oktober 1910 begann der Abbruch – wenn auch unabhängig von der Aufhebung der Saline, so doch gleichsam als Einleitung zum Ende derselben, nach trotzigem Widerstande der großen Wohltat der Traunregulierung gewichen. Ein originelles Stück »Alt-Traunstein« ist damit verschwunden.

 

(Fortsetzung folgt)

 

Anmerkungen:

1) Die Triftfelder sollen mit dem Schutt der abgebrochenen Gebäude aufgefüllt werden.

2) Am 7. Dezember 1822 wurde der letzte Bär erlegt.

3) Am 15. Juni 1896 wurde zum letzten Mal getriftet.

 

32/2019