Jahrgang 2019 Nummer 42

Traunstein in der Weimarer Zeit

Inflation, Wahlen und der Aufstieg der Nationalsozialisten – Teil II

Seit September 1929 verfügte die nationale Rechte in Traunstein über ein eigenes Presseorgan. Der »Chiemgau-Bote«, der als Gemeinschaftsprodukt der Konservativen und Nationalsozialisten ins Leben gerufen wurde, sollte jedoch schon bald ganz in die Hände der Nationalsozialisten übergehen.

Das schon erwähnte Wahlergebnis des Völkischen Blocks bei den Reichstagswahlen vom Mai 1924 beweist, dass die Attraktivität des völkisch-nationalen Gedankens weiterhin ungebrochen war. Bei den Landtagswahlen hatte der Völkische Block sogar 22,2 Prozent erreicht und war damit bereits stärker als die SPD (16,6 Prozent) vertreten (BVP 33 Prozent).

Der spätere Stimmungsumschwung der Traunsteiner Bevölkerung gegenüber der nationalsozialistischen Partei erfolgte nicht in erster Linie aufgrund des Putschversuchs vom November 1923, sondern aufgrund veränderter Organisation, Methoden, Themen und Personen nach dem Wiederaufbau einer NS-Ortsgruppe im Frühjahr 1925. Zwei Ereignisse aus dem Jahre 1929 können gleichzeitig die weitere Entwicklung der NS-Ortspartei als auch die politische Stimmungslage gegen Ende der Weimarer Zeit verdeutlichen: einerseits der Gewinn jeweils eines Mandats der NSDAP und der KPD bei den Kommunalwahlen und andererseits die Gründung des Chiemgauboten.

Die Parteienkonstellation innerhalb der Stadtverordnetenversammlung wandelte sich. Während bei den Kommunalwahlen 1919 ca. zwei Drittel der Stimmen auf die beiden bürgerlichen Gruppierungen, BVP (17,86 Prozent) und bürgerlicher Wirtschaftsblock (49,23 Prozent), und ein Drittel auf die Sozialdemokraten (32,9 Prozent) fielen, gehörten nach der Kommunalwahl 1929 nunmehr 7 Ratsmitglieder der BVP, 6 dem Wirtschaftsblock, 5 der SPD und je 1 Mitglied derKPD bzw. der NSDAPan.Das Wahlergebnis kann also auch als Ausdruck einer Polarisierung des Parteienspektrums auf lokaler Ebene gesehen werden.

Vor dem Hintergrund der Wirtschaftsnot wetteiferten nun die beiden Vertreter der NSDAP und KPD miteinander um die Stimmen der verarmten Bevölkerungsschichten. Ihre Anträge lauteten auf Verdoppelung der Arbeitslosenzahlungen, auf kostenlose Abgabe von Holz und Kleidern, auf Streichung der Aufwandsentschädigungen der Stadtratsmitglieder usw. unabhängig davon, ob die geforderten Leistungen finanzierbar bzw. rechtlich durchführbar waren.

Der Einzug eines Nationalsozialisten (Hans Übler) und eines Kommunisten (Hans Braxenthaler) in den Stadtrat markierte auch einen Wandel im Stil der Stadtratssitzungen, wie das Sitzungsprotokoll vom 8.11.1930 belegt: »Bürgermeister Vonficht wies auf die russischen Verhältnisse hin, wie dort Menschen abgeschlachtet werden, und bemerkte dazu, dass die Kommunisten dies mit den deutschen Bürgern genauso machen werden. Sofort nach der Rede des Herrn Bürgermeisters, die von Seiten der Bayerischen Volkspartei mit Bravorufen mehrmals unterbrochen wurde, meldete sich Herr Braxenthaler nochmals zu Wort. In einer fließenden Agitationsrede für den Kommunismus verwahrte sich Herr Braxenthaler gegen die Beschimpfung Russlands und des Kommunismus'... Braxenthaler fuhr dann fort: … wir sind Gegner der heutigen Gesellschaftsordnung, wir sind Gegner des heutigen Staatssystems und wir sind Gegner der Bürgerlichen, und wir werden den Kampf gegen sie fortsetzen, mit allen Mitteln, Herr Bürgermeister, es wird der Tag kommen, wo in diesem Saale der Sowjetstern regiert, und wo unten, wo die Polizei ist, die Tscheka sitzen wird.«

Auch bei den Reichstagswahlen 1930 zeigte sich, dass die beiden extremen Parteien KPD und NSDAP in Traunstein mit jeweils knapp 14 Prozent deutlichen Stimmenzuwachs erhielten, während die SPD, DDP und DVP massive Verluste erlitten.

Auch in der Öffentlichkeit wurden die politischen Auseinandersetzungen aggressiver und im wörtlichen Sinne handgreiflich. Verbalinjurien und gewaltsame Störungen gegnerischer Parteiversammlungen waren an der Tagesordnung. Auch wenn in Traunstein keine besonders hervorstechenden Krawalle entstanden sind, beteiligten sich doch Mitglieder der Traunsteiner SA, des Reichbanners (Wehrverband zur Verteidigung der Weimarer Republik) und der KPD an Saalschlachten in Burghausen und Bad Reichenhall. Es gehörte zu den üblichen Auseinandersetzungen, dass Parteianhänger und Mitglieder der Schutztruppen auch aus der weiteren Umgebung die eigenen Redner oder Gegenredner unterstützten. Zu diesem Zweck fanden organisierte Lastwagenfahrten statt. Bei der juristischen Nachbearbeitung und Beurteilung der Schlägereien zeigte sich erneut die Rechtslastigkeit der Justiz. So wurden nach der eben erwähnten Reichenhaller Saalschlacht 5 Kommunisten zu je drei Monaten und 2 Kommunisten zu zweieinhalb Monaten Gefängnis verurteilt, dagegen wurden die 8 ebenfalls angeklagten Nationalsozialisten freigesprochen, lediglich ein SA-Mann erhielt wegen Körperverletzung eine Geldstrafe von 10 Mark. Ein ähnliches Urteil erging auch nach der Saalschlacht in Burghausen. Während sämtliche angeklagten SA-Leute freigesprochen wurden, erhielten viele der beteiligten Marxisten Gefängnisstrafen. Die Polizeiberichte der Polizei-Kommission Traunstein enthalten ebenso eine Reihe von Hinweisen auf geplante Demonstrationen von Seiten der NSDAP bzw. KPD. Dazu zwei Beispiele: »In Traunstein wurden in der Nacht vom 31. Juli auf 1. August (1931) Plakate und Flugblätter des Inhalts angeschlagen: »Hunger im Land, Krieg vor der Tür, Sturmbereit, Prolet marschier« oder »Rotfront – es lebe der Kommunismus«. Bei Hausdurchsuchungen wurden in Traunstein im April 1932 rund 3500 Exemplare von kommunistischen Druckschriften eingezogen.

In erster Linie richtete die KPD ihr Augenmerk auf die Mobilisierung der Arbeits- und Erwerbslosen, deren Zahl im Stadtbereich Traunstein infolge der Weltwirtschaftskrise auf 714 Personen anstieg, das heißt 20 Prozent der arbeitsfähigen Einwohner. Reichsweit proklamierten die Kommunisten den 15. Dezember 1931 zum internationalen Erwerbslosentag und fanden aus diesem Anlass auch Unterstützung im Bezirk Traunstein: »Erwerbslose in Stadt und Land. Alarm. Heraus zum Reichserwerbslosentag! Macht mobil! Zum Endkampf gegen die Unterstützungsräuber!«. Die Traunsteiner Genossen riefen unter dem Motto »Hungernde aller Schichten heraus zum Hungermarsch!« die Arbeiterbevölkerung zu einer weiteren Großdemonstration auf. Die KPD fühlte sich auf dem Vormarsch: »Der Faschismus hat ausgespielt überall da, wo wir Kommunisten auftreten.« »Der Chiemgau wird rot.«

Die Nationalsozialisten verstärkten vor allem ihre Propagandatätigkeit im gesamten Bezirk und starteten einen »Kreuzzug auf das Land« mit 50 Kundgebungen innerhalb weniger Wochen. Zudem schufen sie sich durch die Gründung neuer Ortsgruppen (Ruhpolding, Übersee, Unterwössen, Inzell, Obing, Seeon) und nationalsozialistischer Bauernzellen eine organisatorische Basis auch in den Gebirgsdörfern. Hintergrund dieser Aktionen war die Verschlechterung der Lage der Chiemgauer Landwirte, die auf einer Versammlung in Rosenheim im Februar 1932 offenkundig wurde, als sich 800 Chiemgauer Bauern für zahlungsunfähig erklärten und gegen die Zwangsversteigerungen ihrer Höfe protestierten. Die politische Folge der Verschuldung zeigte sich in der Hinwendung eines Teils der Bauernschaft zu den extremen Parteien, in erster Linie zu den Nationalsozialisten: »Der Bauernbund und die BVP werden uns aus dem Elend nicht heraushelfen. Wir probieren es deshalb einmal mit den Nationalsozialisten.« Im September 1932 schlossen sich 30 Bürgermeister der Bezirke Traunstein und Berchtesgaden dem Notruf der Gebirgsbauern an: »Beispiele aus dem täglichen Leben zeigten, dass diese Not bereits ungewöhnlich ernste Formen angenommen hat. Die Bauern im Gebirge können jetzt nichts anderes als Brotsuppe und Kartoffeln essen.«

Von Seiten der NSDAP gab es vor allem im Vorfeld der Reichspräsidentenwahl im März 1932 umfangreiche Vorbereitungen, »um bei der eventuellen Übernahme der Macht bei günstigem Wahlausgang gleich das Geeignete veranlassen zu können. Es sollen nämlich verschiedene Amtsvorstände und sonstige Beamte ihres Postens enthoben und durch Nationalsozialisten ersetzt werden.« Dass hinter solchen Gerüchten und Drohungen immer auch Tatsachen standen, belegt der Umstand, dass bei Razzien und Durchsuchungen wiederholt Waffen gefunden wurden. Jedenfalls hatte das radikale Auftreten der beiden extremen Parteien in der Öffentlichkeit eine zwiespältige Wirkung auf die hiesige Bevölkerung. Manche setzten ihre Hoffnung auf die NSDAP oder die KPD, auch deswegen, weil sie in einer Zeit der wirtschaftlichen Depression Arbeitslosen ein Gefühl der Geborgenheit gaben (SA-Heim). Der Großteil der städtischen Bürgerschicht wurde jedoch durch Radauszenen abgeschreckt.

Um auch in das mittelständische städtische Bürgertum einzudringen, forcierten die Traunsteiner Nationalsozialisten ihren Kampf gegen das Großkapital und das Judentum. Die Polemik gegen das Kaufhaus Tietz, das der betrügerischen Billigproduktion bezichtigt wurde, ging Hand in Hand mit einer Kampagne »Kauft am Platz«, und die Agitation gegen das jüdische Radio- und Installationsgeschäft Ola Leibstein bediente sich übelster Hetze: »Für diejenigen, die noch deutsch denken, gehören der Vermieter des Ladens und diejenigen, die vielleicht wagen sollten, bei einem Einkauf dieses jüdische Geschäft den deutschen heimischen Firmen vorzuziehen, öffentlich an den Pranger gestellt. Wir Nationalsozialisten werden mit allen Mitteln dafür sorgen, dass die Firma Leibstein baldigst wieder verschwindet. Für den Auswurf Syriens ist in Traunstein kein Platz!«

Bei der Reichspräsidentenwahl 1932 stimmten die Traunsteiner in beiden Wahlgängen mit eindeutiger Mehrheit (64,5 Prozent bzw. 70,2 Prozent) für Hindenburg und gegen Hitler, der nur auf 19,4 Prozent bzw. 18,2 Prozent der Stimmen kam. Zum Vergleich das Ergebnis im Reich: 49,6 bzw. 53,0 Prozent für Hindenburg und 30,1 bzw. 36,8 Prozent für Hitler. Die Wahlergebnisse zeigen, dass die Traunsteiner Bevölkerung zwar einem nationalkonservativen politischen Kurs zuneigte, jedoch nicht dem aggressiven Nationalismus und Antiparlamentarismus Hitlers. Diese Grundhaltung trug jedenfalls zu den negativen Reaktionen der Traunsteiner auf die Auftritte Hitlers 1928 und 1932 bei.

Von besonderer Wichtigkeit für die politische Stellung der NSDAP in Traunstein war, wie oben schon angedeutet, die Entwicklung auf dem Pressesektor, nämlich die Gründung des Chiemgauboten.

Zur Erinnerung sei gesagt, dass 1929 der Young-Plan in Kraft trat, der zwar eine Reduzierung der jährlichen Zins- und Tilgungsleistungen mit sich brachte, andererseits aber die Zahlungsverpflichtungen bis 1988 festlegte. Die Auseinandersetzung um diesen Plan einschließlich eines von der NSDAP initiierten Volksbegehrens war das politische Ereignis, das Hitler reichsweit bekannt machte und das seiner Partei den Sprung aus einer Splittergruppe zu einer maßgeblichen politischen Kraft ermöglichte. Bei den Wahlen von 1930 konnte die NSDAP einen sensationellen Stimmenanteil von 18 Prozent verbuchen. Das war möglich geworden durch die Hilfe der Hugenberg-Presse, die sich ganz in den Dienst der Anti-Youngplan- Kampagne stellte, die zwar gemeinsam von den Deutschnationalen und den Nationalsozialisten betrieben wurde, letztlich aber vor allem der NSDAP zugute kam.

Ein vergleichbarer Vorgang vollzog sich in Traunstein. Deutschnationale und Nationalsozialisten gründeten gemeinsam eine Pressekommission für die Herausgabe des Chiemgauboten. Noch einmal trat damit die Verbindung der Nationalsozialisten mit dem bürgerlichen Lager in Erscheinung, allerdings in der Abwandlung, dass nur noch der rechte Rand des national-konservativen Bürgertums sich mit den Nationalsozialisten zusammentat. Die programmatischen Leitthemen waren: Anti-Versailles, Anti-Youngplan, Anti-Marxismus und Antisemitismus: »Jüdisches Geld und jüdische Presse sind unaufhörlich an der Arbeit, das Deutschtum mit seiner hochstehenden Kultur im In- und Ausland zu zerstören und zu vernichten. Diesem entsetzlichen Wirken des jüdischen Geistes, entsprungen aus dem Hasse gegen alles Christliche und Deutsche, gilt unser Kampf.«

Die drei NS-Vertreter in der Pressekommission waren Gymnasialprofessoren, die als wenig fanatisch beschrieben worden sind. Die Szene änderte sich allerdings, als mit Alfons Weber ein zwanzigjähriger Student der Zeitungswissenschaften, aktiver Nationalsozialist und SS-Mann die Redaktion übernahm, und Verlag und Druck ebenfalls in nationalsozialistische Hände übergingen. Die Ausschaltung der Deutschnationalen ist vermutlich auch deswegen relativ einfach gewesen, da das ganze Zeitungsunternehmen ein Defizitgeschäft war, das nun mit Hilfe arbeitsloser SA-Leute trotz mancher wirtschaftlicher Schwierigkeiten weiter betrieben wurde. Die Gauleitung war allerdings nicht gewillt, die Herausgabe des Chiemgauboten finanziell zu unterstützen. Jede derartige lokale Zeitung galt als Konkurrenz zur Gauzeitung »Die Front«. Erst nach der Machtergreifung fand der Chiemgaubote Anerkennung als Parteizeitung. Immerhin gab es in Traunstein von 1929 an eine Plattform, von der aus die Nationalsozialisten ihre Parteiarbeit propagandistisch unterstützen und die öffentliche, inhaltliche Auseinandersetzung mit den politischen Gegnern führen konnten.

Diese Auseinandersetzung, in der der Chiemgaubote mehrfach verboten und seine Redakteure verhaftet wurden, lässt zumindest teilweise erkennen, warum der Aufstieg der Traunsteiner Nationalsozialisten relativ begrenzt geblieben ist.

Bereits ab Ende 1923 zeigte sich eine Distanzierung z.B. der Oberbayerischen Landeszeitung gegenüber den Nationalsozialisten. Der Vorwurf der OLZ richtete sich gegen die »unsauberen Elemente« bei den Nationalsozialisten, gegen ihre Kirchenhetze und dagegen, dass die Nazis die nationalbürgerlichen Parteien statt der Marxisten bekämpften. Von der Kritik ausgenommen wurden ausdrücklich die »anständigen Elemente, die aus ideal vaterländischen Gründen dem Volksführer anhängen«.

Im Übrigen nahm die BVP für sich selbst in Anspruch, national, völkisch und antimarxistisch zu sein, lehnte aber den aggressiven antisemitischen Rassismus ab. Der damalige Vorsitzende der Traunsteiner BVP und spätere Traunsteiner Bürgermeister, Rupert Berger, stellte klar: »Unsere Weltanschauung verbietet es uns jedenfalls, einen Menschen nur deshalb zu bekämpfen, weil er Angehöriger einer bestimmten Rasse oder Religion ist, und daher lehnen wir auch den Kampf gegen die Juden, so wie ihn die Nationalsozialisten führen, ab. Wir lehnen diesen Kampf ab als einen Kampf des Hasses und der brutalen Gewalt und damit als widerchristlich.«

Im Unterschied zur Entstehungszeit der NS-Ortsgruppe traten zu Beginn der dreißiger Jahre die programmatischen Unterschiede zwischen NSDAP und BVP deutlich zutage. Streitpunkte waren neben der Judenfrage die Frage des bayerischen Föderalismus', die Stellung zu Revolution und Sozialismus, schließlich auch zentrale Konflikte um kirchliche Grundlehren, das Verhältnis von Staat und Kirche, das Verständnis von Volk und Staatsbürgerschaft und letztlich um die Konzeption der Staatsordnung.

In einer Artikelserie suchte der damalige Kreispropagandaleiter Dr. Anton Endrös im Chiemgauboten zu beschwichtigen: Die Rassenlehre sei eine wissenschaftliche Erkenntnis, es gehe lediglich um die Verhinderung kranken Erbgutes und damit der Verkrüppelung des deutschen Volkes. Der betonte Nationalismus richte sich lediglich gegen die fremdländische Ausbeutung, der Antisemitismus gegen jüdische Zersetzung. Das Prinzip des positiven Christentums garantiere die religiöse Freiheit in einem toleranten Staate. Demgegenüber erscheint die folgende Formulierung des Parteiideologen Gottfried Feder unmissverständlich: »Leute, auch wenn sie in Deutschland geboren werden, die sich bewusst zerstörend gegen das deutsche Volk und den deutschen Staat wenden, ihre politischen Befehle vom Ausland empfangen und befolgen, gehören nicht zur deutschen Schicksalsgemeinschaft, sie können also auch nicht staatsbürgerliche Rechte ausüben, so wenig wie ein Jude, und manche werden wir noch auszuschließen haben von der Ehre des deutschen Staatsbürgerrechtes.«

Mit solchen Drohungen setzte sich Rupert Berger auseinander und folgerte, dass » nach der Auslegung des Herrn Feder wir also im Dritten Reich bald mehr geduldete Gäste als Staatsbürger haben werden. Und wir kommen ganz sicher zu dem Ergebnis, dass eine geringe nationalsozialistische Schicht ganz Deutschland mit brutaler Diktatur beherrschen würde ...«

Berger verwirft also die politische Diskriminierung und gewaltsame Ausgrenzung von Minderheiten und erteilt auch dem totalitären Machtanspruch der Nazis eine deutliche Abfuhr:

»Wir lehnen den nationalsozialistischen Staat aber auch deshalb ab, weil dieser Staat nicht mehr Mittel zumZweck, sondern Selbstzweck ist, weil dieser Staat die Staatsomnipotenz verkörpert, den Staat vergottet, weil in diesem Staat eine kleine Schicht die gesamte Bevölkerung diktatorisch beherrscht und die von der offiziellen Staatsauffassung abweichenden Regungen und Meinungen rücksichtslos unterdrückt. Damit greift der nationalsozialistische Staat in die Rechte ein, die dem Menschen nicht von Staats wegen, sondern von Natur aus gegeben sind. Der Hitlersche Staat greift über den Zweck des Staates weit hinaus, er ist eine Überspitzung des Staatsgedankens, der trotz programmatischer Zusicherung der Gewissensfreiheit zur Gewissensunfreiheit und Gewissensknechtung führt.«

Auch unmittelbar vor der Reichstagswahl im März 1933 setzte sich Rupert Berger unter der Parole »Freiheit oder Knechtschaft« gegen den nationalsozialistischen Machtanspruch zur Wehr. Man sieht, die Auseinandersetzung der Parteien mit den Nationalsozialisten vor Ort wurde schärfer und grundsätzlicher.

Anders als 1923 war die NS-Partei nun zum direkten Rivalen um Wählerstimmen geworden. Die veränderte Konstellation war folgerichtig an der Reaktion der Bevölkerung auf die Auftritte Hitlers 1928 und 1932 in Traunstein abzulesen. Im Gegensatz zur Begeisterung des Jahres 1922 wird nun von Pfuirufen der Passanten berichtet. Auch die Aufforderung der Partei, die Häuser mit Fahnen zu schmücken, hatte wenig Erfolg. Ein norddeutscher Beobachter sprach sogar von einer parteifeindlichen Stimmung, wie er sie nirgends sonst angetroffen habe. In dieser Situation entstanden auf der bürgerlichen Seite Solidarisierungseffekte, die sowohl auf die Bedrohung der gesellschaftlich-politischen Position reagierten, als auch den geistig-religiösen Zusammenschluss um die eigene Religion reaktivierten.

Ich denke, dass dieses Verhalten der religiös gebundenen Bevölkerungsschichten das trendwidrige Wahlergebnis in Traunstein zumindest teilweise zu erklären vermag. Ein ähnlicher Effekt kann im Übrigen auch durch andere Integrationsfaktoren hervorgerufen werden, zum Beispiel durch ideologischen oder traditionellen Zusammenhalt. Religionsorientierung und andere Integrationsfaktoren wie z.B. sozialistisches Klassenbewusstsein verminderten die Anfälligkeit für die nationalsozialistischen Parolen.

Dass Traunstein auch nach der Machtergreifung für die Nationalsozialisten ein schwieriges Gelände blieb, zeigt sich an der Vielzahl der Schutzhaftbefehle nicht nur gegen Kommunisten, sondern auch gegen bürgerliche Systemkritiker (Berger, Miller, Leitschuh, Carnier, Parzinger usw.), an den Auseinandersetzungen mit dem Stadtpfarrer Stelzle, an den Demonstrationen gegen die Entfernung der Kreuze aus den Schulen und an Widerstandshandlungen am Ende des Krieges.

 

Gerd Evers

 

Teil I in denm Chiemgau-Blättern Nr. 41 vom 12. 10. 2019

 

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