Jahrgang 2019 Nummer 41

Traunstein in der Weimarer Zeit

Inflation, Wahlen und der Aufstieg der Nationalsozialisten – Teil I

Übersichtskarte über die Mannschaftsstärke und Maschinengewehr- Bewaffnung der Einwohnerwehr. Die Datierung zeigt, dass allem Anschein nach auch nach dem alliierten Auflösungsbescheid weiterhin bewaffnete Wehreinheiten existierten. BAK NS 26/712
Major Leo Czermak

Seit Herbst letzten Jahres erinnern wir uns der historischen Ereignisse vor einhundert Jahren, beginnend mit dem Ende des I. Weltkriegs und dem gleichzeitigen Sturz der deutschen Monarchien sowie der Ausrufung der deutschen und der bayerischen Republik. Die weitere Entwicklung Bayerns war geprägt von den revolutionären Umbrüchen unter dem Ministerpräsidenten Kurt Eisner, vom Ringen um Parlamentarismus und Rätesystem zwischen dem Zentralrat unter dem Vorsitz des unabhängigen Sozialdemokraten Ernst Niekisch und der Regierung Johannes Hoffman (SPD) und schließlich von der gewaltsamen Niederwerfung der Münchner Räteregierung durch den Einsatz von Freikorps und Reichswehrtruppen, die in Traunstein ihren lokalen Niederschlag fand in der Entwaffnung der Grenzschutztruppen durch die Einwohnerwehr. Damit war auch in Traunstein die Revolutionszeit offiziell beendet.

Die lokalen Ereignisse vom November 1918 bis zum 2. Mai 1919 sind in den Chiemgaublättern vom 1. und 8. Dezember 2018 eingehend dargestellt worden. In der folgenden Darstellung wird der Versuch gemacht, die Ortsgeschichte Traunsteins in der Weimarer Zeit bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung in ihrer lokalen Besonderheit und als Auswirkung der bayerischen und reichspolitischen Bedingungen zu erläutern. Nicht unerheblich erscheinen nämlich die Folgewirkungen des bayerischen Sonderweges. Bayern entwickelte sich unter der Regentschaft von Gustav von Kahr zur »Ordnungszelle«, einem Sammelbecken für Rechtsextreme, Antisemiten und Rassisten. München wurde nach dem gescheiterten Hitlerputsch zur Hauptstadt der Bewegung. In Rosenheim wurde die erste NSDAP-Ortsgruppe außerhalb Münchens gegründet und in Traunstein entstand eine der frühesten NSDAP-Ortsgruppen. Es geht also um die Frage der

Nähe und der Distanz des Bürgertums

zur wachsenden nationalsozialistischen

Bewegung während der

Weimarer Republik.

Mit der Niederwerfung der Rätebewegung war zwar die Phase der Revolution beendet. Aber nicht beendet war die Machtstellung der Einwohnerwehr, die am 2. Juli 1920 bei einer Großdemonstration gegen die Teuerung erneut in Aktion trat und trotz der Auflösung und Entwaffnung durch die Siegermächte im Bund »Bayern und Reich« (BUR) eine zivile Nachfolgeorganisation fand, die zumindest bis 1923 noch über geheime Waffenlager verfügte. Die Rolle der Einwohnerwehr (EW) als Ordnungsmacht lässt sich zunächst an seiner personellen und materiellen Stärke verdeutlichen: Im Mai 1920 zählte die EW Traunstein 413 Mitglieder, die Einwohnerwehren der Bezirksgemeinden insgesamt 2876 Mitglieder. Die Gesamtzahl der bayerischen Einwohnerwehren belief sich auf ca. 300 000 Mitglieder. Sie waren bewaffnet mit Gewehren und Maschinengewehren und entwickelten sich immer mehr zu Bürgerwehren, die auch gegen Arbeiterdemonstrationen eingesetzt wurden.

Am 1. Juli war auf einer Betriebsversammlung der Bayerischen Stickstoffwerke in Trostberg der Beschluss zu einer Großdemonstration vor dem Bezirksamt in Traunstein gefasst worden. Aktueller Anlass war die Erhöhung des Milchpreises gewesen, die nicht nur die Arbeiter, sondern auch Beamte und Gewerbetreibende erbost hatte. Als das Gerücht von der bevorstehenden Demonstration nach Traunstein gelangte, wurden von Bürgermeister Dr. Vonficht die Einwohnerwehren Traunsteins und der umliegenden Dörfer alarmiert und zugleich eine Hundertschaft zusätzlicher Polizeieinheiten aus München angefordert. Straßensperren wurden eingerichtet, der Bahnverkehr kontrolliert. Die Masse der Demonstranten konnte jedoch nicht – wie geplant – am Stadtrand aufgehalten werden. Allein aus Trostberg kamen rund 1000 Kundgebungsteilnehmer, aus Ruhpolding nahezu 100 Personen. Schließlich waren auf dem Bahnhofsvorplatz rund 1500 Menschen versammelt. Die Absperrung des Geländes durch Sicherheitskräfte und Einwohnerwehr führte zu heftigen Protesten der Arbeiter und zu handgreiflichen Auseinandersetzungen, bei denen letztlich zwei Demonstranten niedergeschlagen wurden. Die Situation drohte weiter zu eskalieren. Um die Menge zu beruhigen, ordneten Bürgermeister Dr. Vonficht und der Leiter des Bezirksamts, Adolf Ufer, den Rückzug der Einwohnerwehr an und gestatteten eine Kundgebung aufdem Stadtplatz, auf der die Forderung nach Preisabbau erhoben wurde, und die schließlich friedlich zu Ende ging. Man setzte eine Kommission ein, die in die laufenden Verhandlungen des Bezirksamts mit der Bauernkammer einbezogen wurde. Maßnahmen zur Einschränkung des Fremdenverkehrs traten in Kraft. Jedenfalls trug das gemäßigte und kompromissbereite Handeln des Bürgermeisters und des Bezirksamtmanns Adolf Ufer entscheidend zum friedlichen Verlauf und Ausgang der Unruhen am 2. Juli 1920 bei.

Immerhin hatte Bürgermeister Vonficht in der aufgeheizten Situation das Gesetz des Handelns in der Hand behalten, aber er war in der Folgezeit heftiger Kritik ausgesetzt, sowohl von Seiten der Einwohnerwehr, die sich als Hüterin der öffentlichen Ordnung betrachtete und gegen den Rückzugsbefehl protestierte, als auch von Seiten des Innenministeriums, das hinter der Demonstration revolutionäre Tendenzen witterte und in der Zulassung der Kundgebung ein Zeichen der Schwäche und eine Gefährdung der staatlichen Autorität sah.

Der Vorfall zeigt deutlich die Zerrissenheit der Gesellschaft, die Schwierigkeit demokratischer Organisation und Willensäußerung sowie die Konflikte zwischen den lokalen Behörden und den halbstaatlichen bewaffneten Ortswehren. Demonstrationen galten zu dieser Zeit eben keineswegs als selbstverständliches demokratisches Recht.

Die Demonstration im Juli 1920, der im Übrigen eine weitere Großkundgebung gegen wirtschaftliche Not im August 1921 folgte, verweist auf die wirtschaftlich-soziale Situation der Traunsteiner Bevölkerung in den frühen 20er Jahren nach dem Ende des I. Weltkriegs. Die Stadtverwaltung stand nicht nur vor den Problemen der Inflationsentwicklung, die aufgrund der Militärausgaben schon während des Kriegs eingesetzt hatte, sie hatte nun nach Kriegsende zusätzliche finanzielle Lasten zu bewältigen: für die Versorgung der Verwundeten und der Familien der Gefallenen, für die Integration der zurückkehrenden Soldaten in den Wirtschaftsprozess und auch für die Umstellung der Kriegs- in eine Friedenswirtschaft.

Der Geldbedarf hatte zu Anleihen gezwungen, der Versorgungsmangel zu Kontingentierung, Beschlagnahmung und Verteilung mittels Lebensmittelmarken. Es entstanden städtische Versorgungsstellen zum Beispiel für Obst, Gemüse, Altkleider und Kohle, außerdem eine Kasse zur Beschaffung verbilligter Lebensmittel und eine städtische Schweineanstalt mit circa 150 Schweinen. Da die alliierte Seeblockade auch nach Kriegsende andauerte, blieb die gelenkte Kriegswirtschaft zur Versorgung der Bevölkerung zumindest teilweise bis in die frühen 20er Jahre bestehen. Vor allem die Lebensmittelnot bestand weiterhin, sodass an den Stadtrat die Forderung gestellt wurde, alle Fremden aus dem Bezirk auszuweisen, weil der Fremdenverkehr die Milch- und Butterversorgung der einheimischen Bevölkerung beeinträchtigte. Andererseits waren Pensionen, Gasthäuser und auch Familien mit Gästezimmern auf den Fremdenverkehr angewiesen. Schließlich folgte eine 50-prozentige Beschränkung der Bettenbelegung. Im April 1922 riefen alle Traunsteiner Vereine auf zu einem »Liebeswerk«, einer Sammelaktion gegen die steigende Not in der Stadt. Aus diesem Bestand wurden im Jahre 1922 rund 800 Bedürftige mit wöchentlichen, unentgeltlichen Lebensmitteln und Brennstoffen sowie verbilligten Kleidern, Schuhen und Arzneien unterstützt. Durch Einführung der Kinderspeisung wurde rund 200 unterernährten Schulkindern geholfen.

Die Notsituation war begleitet von einer ständig steigenden Inflationsentwicklung, sodass die Traunsteiner Stadtverwaltung sich zum Druck von Notgeld gezwungen sah. 500- und 1000-Mark-Scheine wurden ausgegeben. Die Inflationsspirale verstärkte sich im Jahre 1923 noch im Verlaufe der Ruhrbesetzung durch die Alliierten und den passiven Widerstand der Ruhrgebietsbevölkerung, die ihrerseits auf reichsweite Hilfe angewiesen war, an der sich auch die Gemeinden des Bezirks Traunstein beteiligten. Der Grassauer Bürgermeister wandte sich an seine Gemeinde: »Zur Abwehr des französisch-belgischen Raubzugs an der Ruhr sind überall bereits Sammlungen eingeleitet, um unseren dortigen, heldenmütig kämpfenden Volksgenossen das Durchhalten zu ermöglichen und uns damit vor dauernder Versklavung zu bewahren.« Solche nationale Loyalitätsbekundung zeigte sich auch in Traunstein in einer gemeinsamen Protestkundgebung gegen den französischen Einmarsch und in der Errichtung und feierlichen Einweihung der Kriegergedächtniskapelle. Die Inflation führte zu monatlichen Preiserhöhungen, sodass schließlich auch die Bezirksverwaltung ohne Geldreserven war und nicht einmal mehr Notstandsarbeiten finanzieren konnte.

Wie Inflation sich im Alltag bei einzelnen Bürgern auswirken konnte, zeigt das Beispiel einer Grassauer Lehrerin. Erst nach fünf Monaten Lehrtätigkeit wurde ihr das ihr zustehende Gehalt ausgezahlt. Es reichte für den Erwerb einer einzigen Semmel. Erst nach Überwindung der Inflation im Jahre 1923 kann man von einer wirtschaftlichen Erholung auch in unserer Region sprechen.

Im Herbst 1920 wurden auf Druck der Alliierten die Einwohnerwehren aufgelöst. Die Waffen wurden entweder abgeliefert oder versteckt. Als Nachfolgeorganisation trat in den nächsten Jahren vor allem der Bund Bayern und Reich (BUR) in Erscheinung, eine überregionale und überkonfessionelle Organisation, in der sich großdeutsch und monarchistisch gesonnene Kräfte zusammenschlossen. Der 1922 gegründete Bund Bayern und Reich war der größte vaterländische Verband in Bayern.

Der Besitzer von Schloss Ising, Major Leo Czermak, fungierte 1923 als Bezirksführer des BUR für den Bezirk Traunstein-Nord und wurde 1924 Gauleiter Chiemgau-Ost. Czermak kann als Beispiel dienen für die Verbindung konservativer Kreise sowohl mitdemKönigshaus als auch mit der aufsteigenden nationalsozialistischen Bewegung. Bei der Hochzeit seiner Tochter Marie mit Max Neunzert im August 1921 waren Kronprinz Rupprecht und Prinz Georg Ehrengäste ebenso wie der spätere SA-Führer Ernst Röhm. Während der Unruhen nach der Ermordung Eisners war Prinz Georg nach Ising geflüchtet und hatte bei der Familie Czermak Unterschlupf gefunden. Als Leo Czermak 1934 an einem Schlaganfall verstarb, trugen SA-Leute bei der Beerdigung seinen Sarg.

Auch Czermaks Schwiegersohn, Max Neunzert, hatte sich der Einwohnerwehr und nationalistischen Kreisen angeschlossen und war bereits seit 1920 Mitglied der NSDAP. Sein erklärtes Ziel war die Wiedereinführung der Monarchie. Unter der Leitung von Ernst Röhm arbeitete er beim Waffenreferat der Landesleitung der bayerischen Einwohnerwehr, und als die Ententemächte auf die Entwaffnung der Einwohnerwehren drängten, wurde er als Entwaffnungskommissär berufen. Allerdings nutzte er seine Stellung nicht, um die Waffen abzuliefern, sondern um sie vor den Ententekommissionen zu verstecken. Die Mitglieder des Bunds sahen es als vordringliche Aufgabe, die von den Alliierten geforderte Ablieferung der Waffen zu sabotieren und ihre Vernichtung zu verhindern. Also wurden Maschinengewehre, Gewehre, Pistolen und Munition, sogar in Einzelteile zerlegte Flugzeuge an geeigneten Orten versteckt, nur ein Teil des Waffenarsenals der Einwohnerwehren wurde tatsächlich den alliierten Entwaffnungskommissionen übergeben.

Denn die bayerische Einwohnerwehr verstand sich nicht nur als gegenrevolutionäre Kraft, sondern auch als Bollwerk gegen die »knechtenden« Ententemächte und das »internationale Judentum«. Nach dem Verbot der Einwohnerwehren wurde Schloss Ising zu einem wichtigen geheimen Waffenlager des BUR. Angaben über Waffenverstecke wurden als Vaterlandsverrat geächtet. Personen, die solche Anzeigen erstatteten, liefen Gefahr, der Feme zum Opfer zu fallen, zumal Fememörder gegebenenfalls mit der Nachsicht der Justiz rechnen konnten.

Als Max Neunzert 1925 in einem Femeprozeß vor Gericht stand, wurde er trotz starken Verdachts freigesprochen. Zur Urteilsbegründung gab der Richter zu Protokoll, dass Verstöße gegen die notwendige Geheimhaltung als schändlicher Landesverrat zu betrachten seien und der Schutz des Vaterlandes es geradezu erfordere, gefährliche Personen solcher Art auf die kürzeste Weise unschädlich zu machen und damit ein abschreckendes Beispiel zu geben.

Die Geschichte des BUR und insbesondere seiner hiesigen Gaue ist symptomatisch für die Verquickung konservativer Kräfte mit der aufsteigenden nationalsozialistischen Bewegung.

Schon im Dezember 1922 hatte der BUR beim ersten Auftreten Hitlers in Traunstein organisatorische und personelle Hilfe geleistet. Auch in der Folgezeit pflegte die Bezirks- und Kreisleitung im Gegensatz zur Bundesleitung des BUR (Sanitätsrat Dr. Otto Pittinger) engen Kontakt zu den Nationalsozialisten und riskierte deswegen sogar einen innerverbandlichen Konflikt.

In einem Schreiben an die Bundesleitung vom 29.03.1923 heißt es: »Dasselbe … gilt von den Nationalsozialisten, mit denen wir in innigster Gemeinschaft arbeiten. Wir sind ihnen dankbar, dass sie uns die Arbeiter zuführen. Ohne sie würde der Bund nie in die Arbeiterkreise eindringen können.«

Der Zusammenhang dieses Streits liegt in der damals anstehenden Frage, ob der BUR sich der Arbeitsgemeinschaft der Vaterländischen Verbände anschließen und damit auch mit den Nationalsozialisten zusammenarbeiten soll. Die Stellungnahme des Bezirks Chiemgau-Ost zeigt, dass zumindest in dieser Region die Hitlerpartei als eine wichtige Variante im nationalkonservativen Spektrum angesehen wurde. Das bedeutet, dass die Nationalsozialisten nicht als radikale Außenseiter abgestempelt waren, sondern als akzeptable Partner galten. Dies wird auch durch die Tatsache bestätigt, dass eine der ersten Kundgebungen der Nationalsozialisten in Traunstein im Katholischen Vereinshaus stattfand. Juden war der Zutritt verboten. Von der Einwohnerwehr über den Bund Bayern und Reich zeigt sich also eine Verbindungslinie hin zu den Nationalsozialisten.

Die Traunsteiner NS-Ortsgruppe gehört – wie erwähnt – zu den frühesten Gründungen der Partei außerhalb Münchens. Sie erfolgte im November 1922, also vor dem parteigeschichtlichen Wendejahr des Hitlerputsches, und offensichtlich fiel die Gründung auf fruchtbaren Boden. Denn innerhalb eines Jahrs stieg die Mitgliederzahl der Ortsgruppe auf 283 Personen an.

Bemerkenswert ist allerdings die Feststellung, die sich 1937 in einem Rückblick der Traunsteiner Zeitung zum 15. Jahrestag der Ortsgruppengründung findet: »Wenn wir heute die Geschichte der Partei an uns vorüberziehen lassen wollen, so müssen wir in dieser Geschichte unterscheiden in der Zeit vor dem 9. Nov. 1923 und der Zeit nachher. ... Damals schied sich die Spreu von dem Weizen, und nur eine ganz kleine, aber gesunde Zelle blieb zurück, auf der dann nach dem Jahr 1925 wiederaufgebaut werden konnte. 1922 empfing man den Führer mit Musik, während er im Jahre 1932 bei der Fahrt zur Versammlung in die Turnhalle in den Straßen Traunsteins beschimpft wurde.«

Der Stimmungsumschwung, der in dieser Rückschau beklagt wird, lässt sich am ehesten an den Ergebnissen der Reichstagswahlen veranschaulichen: Bei der Wahl im Mai 1924 erzielte der Völkische Block, in dem sich nach dem Verbot der NSDAP die extreme Rechte versammelte, einen Stimmenanteil von 20,0 Prozent (im Vergleich das Ergebnis auf der Reichsebene: 6,5 Prozent). Man ist also versucht, von einer überaus großen und überrepräsentativen Zustimmung zu sprechen. Betrachtet mannun die Reichstagswahl im März 1933, so ergibt sich ein völlig anderes Bild. Selbstverständlich konnte sich Traunstein nicht dem reichsweiten Gesamttrend entziehen, der der NSDAP seit 1928 einen kontinuierlichen Zuwachs an Wählerstimmen und Prozentanteilen brachte, aber während fast überall die NSDAP bei den Wahlen im März 1933 die Stimmenmehrheit gewann, blieb in Traunstein die BVP (knapp) die führende politische Kraft, die NSDAP errang lediglich 31,3 Prozent (43,9 Prozent im Reich), also einen vergleichsweise bescheidenen, unterrepräsentativen Stimmenanteil. Diesen Stimmungswechsel gilt es demnach zu erläutern.

Dass die nationalsozialistische Partei geradezu mit offenen Armen aufgenommen wurde, zeigen nicht nur der frühe Zeitpunkt der Ortsgruppengründung und der rasante Anstieg der Mitgliederzahl, sondern auch der überragende Erfolg der ersten Großkundgebung mit Hitler schon am 8. Dezember 1922. Die Traunsteiner Presse resümierte in aller Kürze: »Hitler kam, sah und siegte!« Die Stadtkapelle und das Trommlerkorps des Turnvereins hatten Hitler mit Musik vom Bahnhof abgeholt und zur Turnhalle geleitet, die entgegen einem früheren Vereinsbeschluss für die Veranstaltung freigegeben worden war. Doch die Kapazität der Halle reichte nicht aus, die interessierten Zuhörer zu fassen. Im Wochinger fand daher eine Parallelveranstaltung statt. Der »Völkische Beobachter« sah in der Traunsteiner Doppelveranstaltung den Beweis, »dass der Nationalsozialismus in seinem Siegeszug unaufhaltsam fortschreitet.«

Der offensichtliche Zuspruch, den Hitler in Traunstein erfuhr, hat seine Ursachen in den inhaltlichen Gemeinsamkeiten zwischen Teilen der NS-Parteiprogrammatik und den politischen Grundüberzeugungen eines Großteils der Bevölkerung. Nationale Protesthaltung gegenüber dem Versailler Diktat und den Siegermächten, Skepsis oder gar Ablehnung gegenüber dem parlamentarischen System und schließlich offene oder latente Judenfeindschaft kennzeichnen ein über die Parteigrenzen hinausreichendes Gedankenspektrum. Die Einwohnerwehr bezeichnete die Juden als »Blutegel am Arbeitervolk«. Auch in beiden Traunsteiner Tageszeitungen, dem Traunsteiner Wochenblatt und der Oberbayerischen Landeszeitung, finden sich Grundsatzartikel, die als Beleg für diese Feststellung dienen können. Im Traunsteiner Wochenblatt erschien ein Leitartikel unter der Überschrift »Die Vernegerung Europas«. Darin heißt es: »und in diese Auflösung hinein stößt mit der ungebrochenen Kraft des Wilden das minderwertige importierte Volkstum.«

Hitler wurde als der bayerische Mussolini gepriesen, die Judenfrage als brennendes Problem bezeichnet, Parlamentarismus und Parteiwirtschaft wurden scharf kritisiert. Auch die Umstände der Gründung der NSOrtsgruppe weisen in diese Richtung. Mitglieder des Bundes Bayern und Reich hatten zu den informellen Gesprächen und Versammlungen eingeladen, die der eigentlichen Gründungsversammlung vorausgingen.

Ein zweites Beispiel für die Kooperation zwischen Nationalsozialisten und bürgerlichen Konservativen lässt sich am Verhältnis des Bayernbunds zur NSDAP erkennen: »Wer unbedingt national und deutsch denken, fühlen und handeln wolle, könnte genauso gut bei den Nationalsozialisten wie beim Bayernbund Mitglied sein. Wer gegen den jüdisch-mammonistischen, radikal-materialistischen Geist unserer Zeit arbeiten wolle, könne in beiden Organisationen Mitglied sein. Nur sei hier die Taktik sehr verschieden insofern, als der Bayernbund einen ausgesprochenen Radauantisemitismus nicht mitmache und mit ganz anderen, wahrscheinlich vornehmeren Mitteln auszukommen hoffe.« In der Frage des Antisemitismus unterscheiden sich die bürgerlichen Geister also nicht im Inhalt, sondern nur in der Form der Auseinandersetzung. Sprechabende, öffentliche Versammlungen, vaterländische Veranstaltungen und Kundgebungen sicherten der NS-Ortspartei innerhalb und außerhalb der Stadt zunehmende Unterstützung (wie die Neugründungen von Ortsgruppen von Schleching bis Neuötting beweisen).

Als die wirtschaftliche Not der Nachkriegsjahre zur Einrichtung eines »städtischen Liebeswerkes« (Verteilung von Lebensmitteln, Kleidern und Brennstoffen) führte, beteiligte sich die NS-Ortsgruppe selbstverständlich ebenso wie bei der Aufstellung städtischer Nachtpatrouillen und bei Demonstrationen und Hilfsaktionen zur Unterstützung des Ruhrkampfs im Frühjahr 1923.

Doch im gleichen Jahr veränderte der Novemberputsch natürlich auch die Situation der örtlichen Partei. Wie der Hitler-Putsch in Traunstein erlebt wurde, kommt in aller Kürze in den Tagebuchaufzeichnungen der Traunsteiner Ortsgruppe zum Ausdruck:

»9.11.23 – Nachmittags kam die Nachricht von den blutigen Vorgängen in München. Nach den Gerüchten soll Ludendorff tot, Hitler schwer verwundet sein. Abends aufgeregte Versammlung der Mitglieder der NSDAP und des Bundes Bayern und Reich in der Turnhalle. Die letzteren waren vollauf bewaffnet, die NSDAP-Parteigenossen sahen mit geballten Fäusten vertrauensvoll in die Zukunft. Die Kampfverbände werden aufgehoben und damit einem Kahr, Lossow und Seisser ein Verrat möglich gemacht, wie Deutschland noch nie erlebt hat.

10.11.23 – Schneider als 1. Vorsitzender erklärt mittags die NSDAP für aufgelöst. Die Traunsteiner Ortsgruppe zählte 283 eingeschriebene Mitglieder.

11.12.23 – Geheime Ausschusssitzung bei Dietsch sen. zwecks Gründung eines »Kegelklubs.«

(In diesem Zusammenhang ein zweites Beispiel der inflationären Geldentwertung: Die Auflösung der NS-Ortsgruppe schloss auch die Zwangsabgabe des Kassenbestandes ein: 943 Mill. Mark. Offensichtlich fehlte das nötige Kleingeld, man rundete auf 1 Milliarde auf und übergab diese Summe).

Damit war die Untergrundarbeit der Partei eingeleitet, die vor allem aus Salzburg Unterstützung erhielt. Studienrat Georg Schneider führte die SA im Chiemgau unter dem Decknamen »Wieland« weiter. Die Stadt Traunstein firmierte unter dem Namen »Totila«. Geldsammlungen für SA-Mitglieder wurden durchgeführt und die Ablieferung der Waffen verzögert. Die Zeitung »Oberbayer« diente als Ersatz für den verbotenen »Völkischen Beobachter«.

 

Gerd Evers

 

Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 42 vom 19. 10. 2019

 

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