Jahrgang 2005 Nummer 1

Trachten als Spiegel von Land und Landbevölkerung

Johann Georg von Dillis hinterließ 35 Trachtenaquarelle mit Motiven aus Altbayern

Ein älterer Bauer zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Tracht des Alztales.

Ein älterer Bauer zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Tracht des Alztales.
Der Mann kleidet sich einfach, bequem, der Natur anpassend, und nicht kostspielig«. So charakterisiert im Jahr 1809 das Königlich-Baierische-Salzach-Kreisblatt die Tracht der männlichen Landbevölkerung zwischen Inn- und Salzachtal und dem Chiemgau, um dann von den Frauen zu schreiben: »Das Weib trägt in dieser Gegend eine ganz eigene Kleidung ...« Um die Wende des 18. zum frühen 19. Jahrhundert gerät die typische Kleidung der Landbevölkerung als Tracht in das Interesse von Hof und staatlicher Verwaltung.

Die Trachten werden damals in ihrer regionalen Vielfalt, in ihrer Funktionalität, aber auch als Spiegel der Gesellschaft uns sehr wohl als Ausdruck der Tradition und des Beständigen im Grundtypus auf der einen und bei den Accessoires dem Modegeschmack der Zeit und den finanziellen Möglichkeiten ihrer Träger unterworfen auf der anderen Seite gesehen.

Ich entrichte meinem Vaterland eine große Pflicht, indem ich dem Auslande sage, was in selbem schön und herrlich ist.« Diesen Satz hat der bayerische Gelehrte Lorenz von Westenrieder bereits 1784 in einer landeskundlichen Beschreibung altbairischer Gaue festgehalten und trifft den Zeitgeist des Umbruchs von der überstilisierten Welt des Rokoko zur Aufklärung hin, in dem aufstrebendes Bürgertum, Adel und staatliche Verwaltung, aber auch Kunst und Wissenschaft sich den ländlichen Gepflogenheiten und Bräuchen widmen.

Zunächst allerdings geschieht diese Hinwendung nicht ohne pädagogischen Hintergedanken. Bildungsbürger und Adel sind bemüht, »dem ach so dummen, einfältigen, abergläubischen, pöbelhaften Volk beizubringen, dass es bis jetzt alles falsch gemacht hat... Allzu viele Herren, die sich für kompetent halten und zuständig erklären, wissen nicht nur alles, sie wissen, was noch schlimmer ist, alles besser« schreibt der frühere Bezirksheimatpfleger Paul Ernst Rattelmüller 1991 im Geleitwort zu einer Ausstellung über die bayerische Volkstracht und Landschaft in Bayern, wie sie damals in München zu sehen war.

Zu den weitsichtigen Persönlichkeiten jener Zeit zählt der Münchner Geistliche und Historiker Lorenz von Westenrieder. Er gilt als der Entdecker oder Wiederentdecker der bayerischen Vorgeschichte, damals als Altertumskunde bezeichnet. Er ist der festen Überzeugung, dass die archaische Welt Bayerns in ihren Wurzeln auch noch zu seiner Zeit, im späten 18. Jahrhundert erhalten ist. Westenrieder ist begeistert von den Menschen auf dem Land, von ihren Trachten und ihren Bräuchen. Sein künstlerisches Pendant findet Westenrieder in seinem Zeitgenossen Johann Georg von Dillis (1749-1851), ebenfalls Geistlicher und Professor für das Landschaftsfach an der Münchner Akademie. Er gilt als einer der bedeutendsten Künstler in Deutschland an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert. Er nimmt die Traditionen der klassischen Landschaftskunst auf, die er in eine neue »realistische« Landschaftsmalerei überführt, wie sie sich im Laufe des 19. Jahrhundert zunehmend durchsetzte.

Gleichzeitig profiliert sich Johann Georg von Dillis als einer der ersten in Bayern, der die Bewohner des Landes und ihrer je nach Gegend und Zweck unterschiedlichen Tracht seine Aufmerksamkeit widmete. Mit zum Repertoire zählen auch zeitgenössische Ansichten Bayerischer Städte und Märkte.

Dillis spielte als Professor, als Galeriedirektor und als Berater Ludwig I. bei allen Ankäufen und Kunstfragen eine wichtige Rolle. Als Künstler und als Kunstorganisator pflegte er Kontakte mit bedeutenden Zeitgenossen in den Kunstzentren Rom, Florenz, Mailand, Paris, Wien und Prag. Da er aufgrund seiner Aufgaben als Galeriedirektor und Kunstberater auf die Herstellung von Gemälden immer mehr verzichten musste, gewannen die Zeichnungen umso größeres Gewicht.

Mit dem südöstlichen Oberbayern war Dillis gut vertraut. Ein Bruder des Künstlers war Salinenförster in Ruhpolding. Dillis hielt dort immer wieder Einkehr, um sich von seinen Pflichten als Organisator der königlichen Kunstsammlungen und als Kunstberater des Königs zu erholen.

Unter den großen Künstlern um 1800 in Deutschland ist Dillis vielleicht der einzige, dessen Gesamtwerk noch in weiten Teilen unerschlossen ist. Bekannt sind seine Ölgemälde und Ölskizzen sowie eine Anzahl von Zeichnungen und Aquarellen in öffentlichem und privaten Besitz. Nahezu unbekannt ist dagegen der riesige Bestand seines privaten Zeichnungsnachlasses im Historischen Verein von Oberbayern, der seit 1996 in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München aufbewahrt wird.

Unter den Schätzen, die Dillis der Nachwelt hinterlassen hat, sind 35 Trachtenaquarelle mit Motiven aus ganz Altbayern, die 1983 von der Staatlichen Graphischen Sammlung in München erworben und Anfang der 90 -er Jahre in einer Ausstellung und einem Katalog der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.

TB



1/2005