Jahrgang 2019 Nummer 47

SPD Ruhpolding 1919 bis 2019

Älteste demokratische Partei Deutschlands war vor 100 Jahren schon in Ruhpolding aktiv

Mathias Mayer, in Ruhpolding besser bekannt als Mayer Hias oder Ster-Hias, 1900 in Traunstein geboren und 1980 kurz vor seinem 80. Geburtstag gestorben. Schon 1924 war er Mitglied der SPD und trat 1945 erneut bei. Für seine Aufbauarbeit in der Gewerkschaftsbewegung und in vielen Bereichen für das Dorf erhielt er 1967 das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland.
»Der Oberhauser« hier mit dem Bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber im Holzknechtmuseum.
Hans Pichler, »der Oberhauser«, hier mit Bürgermeister Gerhard Hallweger 1988.
Fünf SPD-Vorsitzende 1996 bei der 75-Jahrfeier im Gasthof Neuwirt (von links): Erich Steidler (1957 bis 1961, 1964 bis 1972), Ernst Baumgartner (1972 bis 1977), Sepp Wels (1977 bis 1983), Hans Pichler (1983 bis 1985), Sepp Konhäuser (1985 bis 1997).
Bürgermeister Franz Schneider, 1934 geboren, 1986 bei einem Segeltörn in der Adria verschollen.

Dass die SPD in Ruhpolding mindestens 100 Jahre alt ist, ist aus einem Zeitungsausschnitt des (damals noch) Traunsteiner Wochenblatts vom Montag, 16. Juni 1919, bekannt: Dort wird in einem Text von 18 Zeilen das Wahlergebnis der Gemeindewahl Ruhpolding vom 15. Juni 1919, bekannt gegeben. Diese Wahlen wurden erstmals nach dem Bayerischen Selbstverwaltungsgesetz von 1919 durchgeführt. Bei früheren Gemeindrats- und Bürgermeisterwahlen war die SPD nicht angetreten, weil das bayerische Wahlrecht bis 1919 nur den Bürgern das Wahlrecht zubilligte, die direkte Steuern zahlten und das Bürgerrecht erworben hatten. Mit diesem Bürgerrecht war es möglich, 1919 für den Gemeinderat zu kandidieren. Ab diesem Jahr konnte jeder wählen, der älter als 20 Jahre war, egal ob vermögend oder nicht, Mann oder Frau. 1919 standen bei den Sozialdemokraten in Ruhpolding zur Wahl: Max Streibl, Holzarbeiter, Johann Dietl, Gütler, Gabriel Wolferstetter, Kulturarbeiter, und Josef Eicher, Steinbrucharbeiter. Das offizielle, genaue Wahlergebnis liegt in den Archiven leider nicht mehr vor. Zum Bürgermeister wurde damals Bartholomäus Schmucker (Weinseis) gewählt.

War bei dieser ersten Gemeindewahl die Wahlbeteiligung noch sehr gering, nämlich bei rund 41 Prozent, stieg sie 1924 langsam an. Für die SPD zogen Johann Dietl als zweiter Bürgermeister, Johann Rappl, Holzarbeiter, und Max Streibl, Holzarbeiter und Straßenwärter in den Rat ein.

1929 fanden dann die letzten freien Kommunalwahlen in bayerischen Gemeinden bis nach dem Ende des 2. Weltkriegs statt, bevor die Länder und die Bundesrepublik Deutschland neu gegründet wurden.

SPD-Ortsverein während und nach dem Krieg

Die Quellenlage über das Parteileben aus der Zeit der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus ist dürftig, wie die von Hans Holzner umfassend recherchierte Chronik über den SPD-Ortsverein feststellt. Da es aber bei den Gemeindewahlen von 1919, 1924 und 1929 SPD-Kandidaten gab, kann von einem funktionierenden Ortsverein ausgegangen werden. Es gibt jedoch nur wenige, meist unvollständige Unterlagen. Der Neubeginn erfolgte 1945. Am 25. September 1945 wurde bei der amerikanischen Militärregierung der Antrag auf Gründung eines SPD-Ortsvereins gestellt. Darin heißt es: »Der Zweck wäre, die ehemaligen Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei zusammenzufassen und über das Wesen der Demokratie aufzuklären und zugleich einen festen Block gegen Faschismus und Militarismus zu bilden, ebenso unseren Einfluss für die kommenden Gemeindewahlen geltend zu machen. Ehemalige Parteigenossen der nationalsozialistischen Arbeiter-Partei werden nicht aufgenommen.« Unterschrieben wurde der Antrag von Lorenz Staller und Peter Gehmacher sowie ehemaligen Mitgliedern der SPD.

Fritz Grübl – erster SPD-Bürgermeister

1946 war für die SPD Ruhpolding ein turbulentes Jahr, weil bereits neun Monate nach Kriegsende Gemeinderatswahlen angesetzt waren. 671 als unbelastet geltende Bürger wählten den ersten Gemeinderat nach dem 2. Weltkrieg. Für die SPD kamen Fritz Grübl, Lorenz Staller, Mathias Mayer und Georg Lackenbauer in den Gemeinderat. Bürgermeister war seit dem 1. August 1945 Fritz Grübl, eingesetzt von der amerikanischen Militärregierung. Der neu gewählte Gemeinderat aber bestimmte Josef Mayer, Menkenbauer, zum Bürgermeister, womit die Amtszeit von Fritz Grübl am 31. Januar nach nur sechs Monaten endete. Der Menkenbauer blieb danach mit 20 Jahren deutlich länger im Amt.

Nach vielen bis heute nicht geklärten Querelen, Gerüchten und Stellungnahmen der verschiedensten Art wurde Fritz Grübl im November aus der Partei ausgeschlossen, so dass er auch nicht länger Gemeinderat sein konnte. 1946 hatte der SPD-Ortsverein 37 Mitglieder mit Alois Freibuchner als erstem Vorstand, Josef Lenk als zweitem. Für den Politischen Ausschuss und den Kreisausschuss beim Landratsamt Traunstein war Peter Gehmacher zuständig, für die Entnazifizierung Georg Lackenbauer und Josef Mayer.

Die Jahre ab 1947 waren nicht nur in Ruhpolding, sondern ganz Deutschland durch große Wohnungsnot geprägt, nicht nur wegen der vielen Zerstörungen, sondern aufgrund der großen Zahl von Flüchtlingen, die untergebracht werden mussten. »Die Wohnungsverhältnisse sind derart katastrophal, dass es ein Gebot der Stunde ist, radikal Abhilfe zu schaffen«, schrieb Gemeinderat Hias Mayer in einem langen Brief von Ende August 1947 an den Gemeinderat. Offensichtlich ging es bei der Verteilung der Wohnungen nicht immer gerecht zu, denn Mayer klagte: »Es kann und darf nicht sein, dass auf der einen Seite der kleine Mann unter Druck gesetzt wird und auf der anderen Seite diejenigen Hausbesitzer, die in der Lage waren, sich Zentralheizung einrichten zu lassen, überhaupt keine Wohnung abzutreten brauchen, weil in ihren Häusern kein Kaminanschluss vorhanden ist. Aber diese sind diejenigen, die nicht nur in der Nazizeit hohe Parteifunktionäre und sogar SS beherbergten und sich aktiv als Nutznießer aufgeführt haben, es sind heute dieselben wieder, die Minister aufnehmen können und sich die Taschen füllen.«

Schwierig wurde es auch wegen des Fremdenverkehrs. Hias Mayer schreibt weiter: »Gemeinderäte! Es kann nicht sein, dass auf der einen Seite der Fremdenverkehr hochgezüchtet wird, wo viele noch auf dem Boden schlafen müssen. Für dieses Elend müssen wir mehr Gefühl aufbringen….«. Mayer trat dafür ein, dass in den in Frage kommenden Häusern durch Ausbau Wohnraum geschaffen wurde. Vor allem aber war er für eine neue Siedlung.

1947 gab es viele Eintritte in die SPD, auch von den ersten Frauen. Bei einer Gesamtzahl von 84 Mitgliedern waren 18 Frauen. Grund für den Zuwachs war der Zustrom vieler Heimatvertriebener, die bereits in ihrer Heimat SPD-Mitglieder waren.

1948 war die SPD mit zweitem Bürgermeister Josef Eisenberger, Johann Birnbacher, Peter Gehmacher, Benno Hassberger und Mathias Mayer im Gemeinderat vertreten. Parteiintern war es wegen der schwierigen Lage nach dem Krieg noch immer schwierig, die Mitgliedsbeiträge einzutreiben.

Im August 1949 fanden die ersten Bundestagswahlen nach der Gründung der Bundesrepublik statt, wobei der Kreisverband Traunstein das Wahlergebnis als vollen Erfolg für die SPD beurteilte.

Gewerkschaftstage mehrfach in Ruhpolding

Im weiteren Verlauf der Jahre war der Vierte Gewerkschaftstag der Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft an drei Tagen Mitte Oktober 1956 ein wichtiges Ereignis. Das Dorf war beflaggt, als am 11. Oktober die 136 Fach- und Gastdelegierten zum Kongress einzogen. In seiner Ansprache betonte der SPD-Landtagsabgeordnete Waldemar von Knoeringen, wie eng in Ruhpolding SPD und Gewerkschaft verknüpft seien. Senator Hörner, Landesbezirksvorsitzender der Gewerkschaft würdigte auch die Arbeit des Reichstagsabgeordneten Georg Eisenberger. Bei den Festreden wurde ein Fortschritt im Ansehen der Forstarbeiter erkannt. Die Bezeichnung »Holzknecht« sollte deshalb durch »Waldfacharbeiter« ersetzt werden.

Ein weiterer Gewerkschaftstag Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft Ende September 1981 wurde gekrönt vom Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt mit einer langen Liste internationaler Gäste. Der Bundeskanzler äußerte sich unter anderem zu den Gastarbeitern. Er forderte sie auf, in zweiter oder dritter Generation Deutsche zu werden oder in ihre Heimat zurückzukehren. Außerdem stellte er sich voll und ganz hinter den Friedensappell des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). »Wer nicht zum Kompromiss fähig ist, ist für die Demokratie nicht zu brauchen – wer dies mit ausländischen Partnern nicht kann, ist für den Frieden nicht zu brauchen.«, so Helmut Schmidt. Herbert Ohl war damals erster Bürgermeister der Gemeinde und bekam für seine Rede viel Beifall, als er bekannt gab, dass in Ruhpolding 100 Prozent der Waldarbeiter gewerkschaftlich organisiert waren.

Hoher Besuch war auch im August 1994 zu Gast in Ruhpolding, als der SPD-Bundeskanzlerkandidat Rudolf Scharping beim Wahlkampf zu Gast im Kurpark und im Holzknechtmuseum in Ruhpolding war. Scharping forderte mehr Einsatz für Kinder und Jugendliche und die Erhöhung des Kindergelds auf 250 Mark. Um das zu finanzieren, soll man gegebenenfalls auf »gepflasterte Dorfplätze oder mehr Stellplätze für das Auto« verzichten. Das Publikum bestand nicht nur aus Einheimischen, sondern auch Gästen. Einige reagierten empfindlich, als Scharping sich in seiner Ansprache mit persönlichen Seitenhieben über seinen Gegenkandidaten Helmut Kohl lustig machte. Vielfacher Applaus zeigte aber insgesamt, dass er trotz seines nicht-bayerischen Akzentes den Nerv des Publikums positiv getroffen hatte.

Bekannte unvergessene Persönlichkeiten

Die jüngere Geschichte in den vergangenen 30 Jahren ist nicht zuletzt im Traunsteiner Tagblatt weit besser dokumentiert, als die oft verloren gegangenen Dokumente in der Zeit davor. Deshalb sollen hier nur noch einige herausragende Persönlichkeiten der SPD Ruhpolding hervorgehoben werden (ohne Anspruch auf Vollständigkeit).

Erich Steidler (1909 in Plauen bis 2003 in Ruhpolding) war – selbst Flüchtlingskind – entscheidend am Aufbau des Ruhpoldinger Gemeinwesens beteiligt. Er ließ sich schon 1948 als Vertreter der »Parteilosen Notgemeinschaft der Flüchtlinge, Ausgewiesenen und Evakuierten« in den Gemeinderat wählen. Ab 1957 war er Vorsitzender des SPD-Ortsvereins bis er 1972 das Amt niederlegte. Dass der 1983 zum Ehrenvorsitzenden ernannte Steidler nicht ein politisches, sondern sehr menschliches Herz hatte, zeigt auch seine Gewohnheit, nach den Gemeinderatssitzungen Mitglieder in seinen Blumenladen mitzunehmen und ihnen Blumen für die Ehefrauen zu schenken.

Legendär ist der berufliche ebenso wie der ehrenamtliche Einsatz von Hans Pichler, dem Oberhauser (1929 in Inzell geboren bis 2010). Von Beruf Holzknecht musste er wegen eines Betriebsunfalls 1960 seinen Beruf aufgeben und wurde dann als Gemeindearbeiter übernommen. Er entwickelte sich mehr und mehr zum Manager und Organisator, der nicht nur das Biathlon-Leistungszentrum sondern die Tourismuswerbung und das Holzknechtmuseum betreute. Er schuf sich unvergleichliche Kontakte zu Fernsehen, Rundfunk und Printmedien, und auch die Berichterstatterin selbst erinnert sich gut, dass sie ohne die stets geduldigen Auskünfte des »Oberhausers« oftmals aufgeschmissen gewesen wäre. Hans Pichler war 32 Jahre Mitglied des Gemeinderats, Vorstand mehrer Vereine und hatte »nebenher« ein funktionierendes Familienleben mit seiner Frau Luise und seinen drei Söhnen, Wolfgang, früher Trainer der russischen und norwegischen Biathlon-Nationalmannschaften, Claus, seit 18 Jahren erster Bürgermeister von Ruhpolding und Hans-Jörg, dem jüngsten.

Ein schwerer Schlag war es 1986 für die Ruhpoldinger SPD, als der bis dahin zweite Bürgermeister, Franz Schneider (1934 in Hausham geboren), bei einem Segeltörn in der Adria verunglückte und seitdem verschollen ist. Er war 1964 als Leiter der Sparkasse nach Ruhpolding gekommen. Neben seiner politischen Tätigkeit war er örtlich und überörtlich im sportlichen Bereich, besonders im Deutschen Skiverband tätig.

Über die weiteren prominenten Vertreter des SPD Ruhpolding, der 2019 verstorbene Altbürgermeister Gerhard Hallweger, den seit 2002 stellvertretenden Landrat Sepp Konhäuser oder Bürgermeister Claus Pichler muss in diesem historischen Rückblick nicht berichtet werden.

 

Christiane Giesen

 

Quellen: Ortschronik »100 Jahre SPD Ruhpolding« von Hans Holzner, 2019. – Artikel aus dem Traunsteiner Tagblatt.

 

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