Jahrgang 2005 Nummer 24

Salz als Grundlage für den Reichtum einer Stadt

Bad Reichenhall, ein moderner Kurort mit einer großen Geschichte

Die Alte Saline

Die Alte Saline
Bad Reichenhall Gradierhaus mit Brunnen.

Bad Reichenhall Gradierhaus mit Brunnen.
Die Wasserräder zur Hebung der Sole im Mittelbau der Saline

Die Wasserräder zur Hebung der Sole im Mittelbau der Saline
Wer sich zu einem Besuch von Bad Reichenhall entschließt, wird dies meist aus Rücksicht auf seine Gesundheit tun. Mit seinen Alpensolequellen verspricht das anerkannte Staatsbad Linderung und Heilung vor allem von Atemwegserkrankungen. Das anspruchsvolle Ambiente des Kurorts bezieht Leib und Seele mit in den Heilungsprozess ein. Die von hohen Bergen umgebene, geschützte Lage des Ortes, die kalte Winde abhält und das ganze Jahr über für ein ausgeglichenes Klima sorgt, sowie eine funktionsgerecht um den Kurgarten in der Ortsmitte eingerichtete Stadt am Saalachfluss, der in einem weiten Bogen um die Stadt herumfließt, machen das harmonische Gesamtbild von Bad Reichenhall aus. Schon der Name der Stadt »die an Salz Reiche«, deutet die Grundmelodie an, die die Geschichte von Bad Reichenhall vom Anbeginn an bestimmt. Bei einem Spaziergang durch die Stadt stoßen wir überall auf Denkmäler, die uns von ihrer bewegten Vergangenheit erzählen. Am Beginn stand das Salz, das auch heute noch in der Alten Saline aus einer Solequelle 15 m unter dem Brunnenhaus durch zwei riesige Schöpfräder zu Tage gefördert wird. Schon 150 Jahre lang drehen sich die beiden Räder mit einem Durchmesser von 13 m ohne Unterbrechung, jede Umdrehung durch ein Glockenzeichen anzeigend. Die Reichenhaller haben die Salzquelle schon immer als ihre Lebensgrundlage angesehen. Nachdem die mittelalterliche Saline dem großen Stadtbrand 1834 zum Opfer gefallen war, gab König Ludwig I. den Auftrag, die Saline wieder aufzubauen, »wie sie herrlicher keine Stadt Deutschlands bis dahin aufzuweisen vermochte.« Dass der König in dieser Nachschrift zu einem Brief durchaus nicht übertrieben hat, mag daraus zu ersehen sein, dass die Alte Saline heute als »Industriedenkmal von europäischen Rang« gilt. Für den Salinenbau hatte der König als Architekten Daniel Ohlmüller und für den sog. Beamtenstock, in dem die Salinenverwaltung untergebracht war, Friedrich von Gärtner ausersehen. Beide waren hervorragende Meister ihres Faches, die auch in München ihr Können bewiesen hatten. So lässt der neonklassistische Beamtenstock von Gärtner deutliche Anklänge an die ebenfalls von ihm entworfene Ludwigstraße von München erkennen.

Das Hauptbrunnenhaus von Ohlmüller im neoromanischen Stil erinnert an ein sakrales Bauwerk. Das liegt wohl vor allem an dem turmartig überhöhten Mittelteil mit seinem romanischen Rundfenster. Die Salinenkapelle, die dem Salz-Heiligen St. Ruppert geweiht ist, wurde mit Bedacht in den Mittelpunkt des Salinenbaus gestellt. Die Ausstattung einschließlich der Fenster ist Moritz von Schwindt zuzuschreiben. Dem Kapellenturm vorgebaut ist eine Eingangshalle mit einem neoromanischen Rundbogentor. Das Hauptbrunnenhaus setzt den entscheidenden Akzent für die drei Innenhöfe, die davor im Geviert angeordnet sind.

Im Rahmen einer Führung in der Saline erfahren wir bei einer Filmvorführung Wissenswertes über die Alpensole und ihre Verwertung. Die Sole ist das Salz eines urzeitlichen Meeres, das durch die Faltung des Gebirges eingeschlossen wurde. In Folge von Verwitterungen drang Oberflächenwasser bis zur salzhaltigen Schicht vor, laugte das salzhaltige Gestein aus und gelangte durch stetigen Druck darüber liegender Gesteinsmassen als Quellen an die Oberfläche.

Schon die Kelten, die jungsteinzeitliche Siedler im Reichenhaller Talkessel ablösten, verstanden sich auf die Technik des Salzsiedens. In Sudpfannen wurde das salzhaltige Wasser, die Sole, erhitzt. Nach dem Verdampfen des Wassers verblieb das Salz in der Pfanne. Dieses Prinzip der Salzgewinnung aus der Sole hat sich bis heute, natürlich der modernen Technik angeglichen, erhalten.

Im Mittelalter war das Salz ein geradezu lebensnotwendiges Produkt. »Ohne Gold kann man leben, ohne Salz nicht,« lautete ein gängiges Sprichwort. Salz war sowohl Zahlungsmittel wie auch ein begehrtes Tausch- und Handelsgut. Dem Salz kam nicht nur als Gewürz, sondern auch als Konservierungsmittel große Bedeutung zu. Salz galt als Luxusgut, das Kaufleute über die Salzstraßen in viele Länder exportierten. An den Tafeln der Fürsten und Könige wurde es den Gästen in kostbaren Gefäßen gereicht.

So hat das Salz auch in Reichenhall Geschiche geschrieben. Reiche Familien kamen durch die Salzsiederei zu Macht und Ansehen. Im Mittelalter lag die Salzsiederei in privaten Händen, bis der bayerische Herzog Albrecht IV. 1494 Quellen und Siedereien aufkaufte und damit das bayerische Monopol zur Salzgewinnung begründete. Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte man die heilkräftige Wirkung der Alpensole. Die Alpensole, die ätherischen Öle der Latschenkiefern und die Heilkraft der Naturmoore ergaben zusammen mit den hervorragenden klimatischen Bedingungen die Grundlage für den Kurort.

Als der bayerische König Maximilian II. mit seinem Hofstaat die »Sole- und Molkekuranstalt Axelmannstein« besuchte, um dort eine Heilkur zu erproben, war damit das Startzeichen für den neuen Kurort gegeben. Die Reichenhaller erkannten bald die Chance der neuen Entwicklung. Beherbergungsbetriebe und Gastronomie wurden eingerichtet, so dass Reichenhall 1890 das Prädikat »Bad« und 1900 »Bayerisches Staatsbad« verliehen wurde.

Diese Einblicke in die Geschichte von Reichenhall haben wir vom Besuch der Alten Saline mit seinem Museum mitnehmen können. Um zum Ursprung des Schatzes von Bad Reichenhall, der Alpensole, vorzudringen, steigen wir über eine endlos erscheinende Treppe in das Reich der dunklen Gänge, in dem die Sole aus dem Gestein gewonnen wird. Ein Netz von gemauerten, weit verzweigten Gängen durchzieht den Felsen unter dem Salinengebäude. Ab und zu tropft Sole von der Decke. Das Licht der Beleuchtung in den feuchten Gängen lässt eine fast gespenstisch wirkende Atmosphäre aufkommen. Wir denken mit Bewunderung an die Bergleute, die im späten 15. Jahrhundert die Stollen dem Fels abgetrotzt haben, um von den Pumpen aus Rohrleitungen zu verlegen.

Elf solehaltige Quellen sind in Brunnenstuben gefasst. Aus diesen Quellen wird die Alpensole in einem 1509 errichteten Hauptbrunnenschacht gesammelt. Zwei Wasserräder im Obergeschoß betreiben die Pumpen und fördern täglich ca. 5000 Liter Sole an die Oberfläche. Angetrieben werden die Räder durch das von den Bergen hergeleitete Aufschlagwasser, das ihnen über Schächte zugeleitet wird. Die beiden riesigen Wasserräder mit einem Durchmesser von 13 Metern stehen in der Mitte des an der Kathedrale erinnernden Mittelbaus der Saline. Nach jeder Umdrehung, die 17 Sekunden dauert, ertönt ein Glockenzeichen, das uns die sakrale Bedeutung der Saline näher bringt. Schließlich überragt den Mittelbau der Saline auch die Brunnenhauskapelle, die wir über eine Marmortreppe erreichen. Die drei Emporen der Kapelle werden von byzantinischen Säulen getragen. Die Glasgemälde von Moritz von Schwind zieren drei Fenster. Noch heute werden in der Salinenkapelle an bestimmten Jahrestagen Messen gelesen, bei denen für den reibungslosen Betrieb der Soleförderung gebetet wird.

Auf unserem Weg von der Alten Saline zum Kurgarten kommen wir am Salzmaierhaus in der Poststraße vorbei, das bis 1840 der Amtssitz des Salinenverwalters war. Zu seiner Zeit war der Salzmaier als Vorstand der gesamten Salinenverwaltung ein hoch geachteter und angesehener Mann. Er war der wichtigste Mann in der Saline, dem sein Amt vom Landesherrn verliehen wurde und der die Verantwortung für den reibungslosen Ablauf des gesamten Salinenbetriebes trug. In Streitigkeiten, die die Saline betrafen, stand ihm richterliche Gewalt zu. Wahrscheinlich stand dem Volk der Salzamtschreiber näher, dem die Reichenhaller auf einem Marmorsockel vor dem Haus ein Denkmal gesetzt haben.

Wenn wir in der Alten Saline den Ursprung der Soleförderung erlebt haben, so können wir im Kurgarten die heilbringende Wirkung der Sole gleich selbst kennen lernen. In der Fontaine des Kurgartenbrunnens und im nahen Gradierhaus wird die Sole zerstäubt, um so in einem Art Freiluftinhalatorium ihre heilsame Wirkung zu entfalten. Im Hintergrund schließt der Hochstaufen die grüne Parklandschaft ab.

Der Rasen, mit Blumenbeeten geziert und mit uralten Laubbäumen bestanden, lenkt den Blick hin zu den Bergen, die den Talkessel von Bad Reichenhall schützend umschließen. Im Gradierhaus, das schon 1912 erbaut wurde, begegnen wir Kurgästen, die mit einem Trinkglas in der Hand, gemächlich an den Reisigbesen entlang spazieren, von denen leise die Alpensole herunterrieselt. Das Gradierhaus besteht aus einem in eine Wandelhalle eingebauten 13 Meter hohen Holzgerüst, an dem auf eine Länge von 172 Metern ca. 100 000 Reisigbündel von Schwarzdornsträuchern aufgereiht sind. Die in die oberste Reihe gepumpte Sole rieselt dann über das Reisigwerk herunter und wird in der Atemluft zerstäubt. Das Gradierhaus ist das größte Alpensole-Freiluftinhalatorium der Welt, in dem ca. 400 000 Liter 2-3 %er Alpensole versprüht werden.

Wir begleiten den Kurgast in die anschließende Wandelhalle, wo ihm aus den vergoldeten Hähnen des Marmorbrunnens Alpensole zur Trinkkur in das Glas gefüllt wird. Diese Sole wird in einer starken Verdünnung von 0,7 bis 0,5 % warm oder kalt angeboten und dient vor allem der Belebung des Stoffwechsels. Im Geschmack ist allerdings der Salzgehalt nicht zu übersehen. In der an die Wandelhalle anschließenden Konzertrotunde kommen wir gerade recht zum Kurkonzert. Zu einer Kur, die den ganzen Menschen mit Leib und Seele erfassen sollte, gehören eben auch kulturelle Einrichtungen mit Ausstellungen, Konzerten und Theater. Nur der in dieser Weise ästhetisch angeregte Kurgast, dessen Sinne angesprochen werden und der neben der medizinischen Behandlung mit der Kur auch sein seelisches Gleichgewicht findet, wird nachhaltigen Heilungserfolg erfahren. Bei diesen Gedanken begleitet uns das Orchester der Reichenhaller Philharmonie mit einer dieser Stimmung angemessenen Melodie.

Das königliche Kurhaus ist mit seiner neubarocken Fassade an der Ludwigstraße eine architektonische Kostbarkeit aus der Gründerzeit um 1900. Um die Jahrhundertwende wurden in der Architektur historische Stilformen wieder aufgegriffen. Reiche Bürger und Kommunen ereiferten sich darin, ihren Wohlstand auch äußerlich zur Schau zu stellen und mit dem Adel zu konkurrieren. So sind am alten, königlichen Kurhaus viele Merkmale eines barocken Schlosses auszumachen. Zwischen den beiden mit Kuppeln bedeckten Türmen fügen sich die von schlanken Säulen getragenen Torbögen. Über den drei ovalen Fenstern baut sich der mit dem bayerischen Staatswappen gezierte Giebel auf. In den barocken Schlössern geleitete die Gäste ein prunkvolles Portal in den dahinter liegenden Festsaal des Schlosses. Dieses bauliche Konzept ist auch am königlichen Kurhaus zu erkennen.

Dem beständig ansteigenden Zustrom von Kurgästen war das alte Kurhaus bald nicht mehr gewachsen. So wurde das moderne Kurgastzentrum zum Mittelpunkt des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens von Bad Reichenhall. Das Theater im Kurgastzentrum ergänzt nicht nur funktionell das Alte Kurhaus. Es hebt sich auch mit seiner modernen, architektonisch eigenwilligen Form von dem in barocke Tradition eingebundenen alten, königlichen Kurhaus ab. Fassaden mit durchgehender Glasfront stehen für die Öffnung des Gebäudes, das ein vielfältiges kulturelles Angebot für den Gast bereithält.

Nach dieser Betrachtung moderner Architektur ist noch einmal ein Ausflug in das Mittelalter angezeigt, das im Kloster und in der Kirche St. Zeno seine Spuren hinterlassen hat. Schon um 785 ist eine Klostergründung der Benediktiner in Reichenhall überliefert. Im 12. Jahrhundert wurden die Benediktiner von den Augustiner Chorherrn abgelöst. Nach der Auflösung des Klosters in der Säkularisation 1803 wurde die alte Einrichtung der Kirche entfernt. Es verblieb ein nüchterner Kirchenraum, der nur noch mit seinem großartigen romanischen Portal an die Glanzzeit von St. Zeno im Mittelalter erinnert.

Das Prunkstück der Kirche ist das Westportal aus Untersberger Marmor aus dem Jahr 1228. In der Mitte des Tympanons thront die Muttergottes, die von den beiden Heiligen St. Zeno und St. Ruppert angebetet wird. Neben den zierlichen Kapitellen der Säulen, deren unterschiedlich gestaltetes Blattwerk eine ausgeprägte künstlerische Handschrift erkennen lässt, ist der das Tor abschließende Steinfries einer näheren Betrachtung wert. Hier finden sich zwischen Rankenwerk, Blättern und Trauben phantastische Tiergestalten, die in der mittelalterlichen Symbolsprache als Warnung vor der Sünde den Menschen den Weg zum Heil aufzeigen sollten. Ein Fabelwesen, das ein Männlein mit einem Geldsack verschlingt, könnte als Geiz, zwei an einer Pflanze pickende Vögel als Neid zu deuten sein. Vor den Säulen bewachen zwei Löwen das Portal. Einer dieser Löwen beißt ein Ungeheuer in die Zunge. Dem mächtigen Löwen ist von der Kirche der Kampf gegen die durch das Untier symbolisierte Anfechtung des Bösen aufgetragen.

In dem leider nur eingeschränkt zugänglichen Kreuzgang finden wir das Herzstück des mittelalterlichen Klosters St. Zeno. Der von gotischen Kreuzrippen gedeckte Flügelbau führt uns zu dem wohl interessantesten Relief des Kreuzganges. Auf der einen Seite einer Säule lässt die plastisch herausgearbeitete Figur von Kaiser Friedrich Barbarossa eine zeitliche Zuordnung der Bauzeit des Klosters zu. Kaiser Friedrich galt als Schutzherr von St. Zeno. Auf der Rückseite der Säule ist die Fabel vom Kranich, der dem Wolf einen Knochen aus dem Hals zieht, in Stein gemeißelt. Als Erklärung könnte der Gedanke an den Undank dieser Welt herhalten.

So bietet Bad Reichenhall eine Vielzahl kunsthistorischer Schätze, die im weiteren Sinne mit dem Salz als dem von der Natur geschenkten Ursprung von Reichenhall in Verbindung stehen. Die Natur hat das Salz in den Urgrund der Berge verborgen, bis der Mensch die Sole an das Tageslicht holte und zu seiner Gesundung nutzte. Die Hausberge von Bad Reichenhall, der Hochstaufen und der Predigtstuhl sind damit die Eckpfeiler der den Talgrund von Bad Reichenhall schützenden und die Solequellen bewahrenden Fundamenten des Kurotes.

Der 1607 m hohe Predigtstuhl ist durch eine Seilbahn erschlossen, die einen Höhenunterschied von ca. 1000 m in acht Minuten überwindet. Es ist die älteste Großkabinenseilbahn der Welt. Vom Gipfel mit seinem Hotel bietet sich ein prachtvoller Blick auf den Talkessel von Bad Reichenhall und auf die gegenüberliegenden Berge. Der Gipfel des Hochstaufens mit 1771 m ist freilich nur auf Bergpfaden zu erreichen. Über die Bartlmahd ist der übliche Anstieg ein markierter Wanderweg, von dem schon bald nach der Padinger Alm der Weg über den Steinernen Jäger abzweigt. Dieser ist ebenso wie der von der Nordseite, vom Frillensee, ausgehende Weg etwas anspruchsvoller, teilweise seilversichert und nur trittsicheren und schwindelfreien Bergwanderern zu empfehlen.

Das Reichenhaller Haus, das in 1750 m Höhe unmittelbar unter dem Gipfel liegt, ist eine exzellente Schaukanzel. Unten im Tal fließt die Saalach in einem weiten Bogen an Bad Reichenhall vorbei. Im Süden reicht der Blick bis zu den Berchtesgadener Alpen, deren Blaueisgletscher mit seinem Schneefeld auch im Sommer noch herüberleuchtet. So ist Bad Reichenhall seines vielfältigen Angebotes wegen, das jedem etwas zu bieten hat, zu jeder Jahreszeit ein lohnendes Ausflugsziel. Zu guter Letzt gebührt ein Wort des Dankes für die tatkräftige Unterstützung der Tourist-Information Bad Reichenhall, (Tel. 08651 6060), von der Interessierte auch Auskunft erhalten.

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24/2005