Jahrgang 2019 Nummer 34

Martin Ullrich ist der Tüftler der Glockenschmiede

Mit seinen Ideen trägt der Diplom-Physiker zum Erhalt des Ruhpoldinger Industrie-Denkmals be

Mittlerweile in die Jahre gekommen: das Wassergerinne mit Wasserrad.
Der selbstgebaute Rechen sorgt für freien Zulauf.
Mit dem »Schütz« regulierte man die Wasserzufuhr für die Schwanzhämmer.
Der riesige Schraubenschlüssel, Rindertalg diente als Schmierstoff.
Tyrena und Martin Ullrich vor dem Eingang zur historischen Glockenschmiede.

Wer Haus, Hof und Garten zu betreuen hat, der weiß, wieviel Zeit, Arbeit und Geld investiert werden müssen, um den »Laden« nach eigenen Vorstellungen so gut es geht in Schuss zu halten. So mancher kommt sich dann vor wie im Hamsterrad: Kaum ist man hinten fertig, geht es vorne schon wieder los – und so weiter. Je nach Größe des Besitzes wächst auch zwangsläufig der Umfang der Einsatzmittel mit in die Höhe.

Wenn man allerdings eine historische Glockenschmiede aus dem Jahr 1646 mit den dazugehörigen Gebäuden und Einrichtungen zu unterhalten hat, wie im Falle von Tyrena und Martin Ullrich in Ruhpolding, dann sind das nochmal ganz andere Dimensionen, die sich der »normale« Häuschen-Besitzer kaum vorstellen kann. Und trotzdem würden die Tochter des letzten »Glockenschmieds« Fritz Grübl und ihr Mann den Entschluss, das jahrhundertealte Anwesen in Hinterhaßlberg zu übernehmen und als vielbeachtetes Museum zu betreiben, keine Minute bereuen. Schließlich soll es auch späteren Generationen dauerhaft zugänglich sein.

Bis man das einzigartige Handwerksdenkmal dem heutigen Besucher in der jetzigen Form präsentieren konnte, lief jedoch viel Wasser den Thoraubach hinunter. Der oftmals ungestüm herabrauschende Wildbach ist untrennbar mit der Hammerschmiede verbunden, sicherte er doch mit seiner Energie den Betrieb und zugleich das Auskommen einer ganzen Schmiede- Dynastie und deren Mitarbeiter.

Umfangreiche Restaurierung

In den Jahren von 1979 bis 1982 erfolgte eine umfangreiche Renovierung, auf mehrere Bauabschnitte verteilt, die mit erheblichen Mitteln des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, der Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern, der Bayerischen Landesstiftung, dem Bezirk Oberbayern, dem Landkreis Traunstein und der Gemeinde Ruhpolding bezuschusst wurde. Für Martin Ullrich bedeutete dies, überall dort mit anzupacken, wo es gerade notwendig war. Ein gänzlich anderes Aufgabenfeld für einen Diplom- Physiker, der sich im Brotberuf mit dünnen optischen Schichten, der Lithographie sowie analytischen Laboraufgaben beschäftigte, um daraus fachliche Gutachten zu erstellen.

Als 1981 das 40 Meter lange Wassergerinne (mundartlich kurz »Gren« genannt) samt oberschlächtig betriebenem Wasserrad errichtet wurde, war bereits die Muskelkraft des ehemaligen Gewichthebers gefragt. Als ausgesprochener Glücksfall erwies sich dabei, dass man mit Tyrenas Schwager Gerhard Hallweger (später Erster Bürgermeister von 1996 bis 2002) einen erfahrenen Zimmermeister an der Seite hatte, dessen handwerkliche Kompetenz und langjährige Erfahrung entscheidend zum Erfolg der Baumaßnahmen beitrug, zumal er sich über das übliche Maß hinaus für das gesamte Projekt engagierte.

Tonnenschwerer Schleifstein aus der Eifel

Viel Zeit, nämlich ganze fünf Jahre beanspruchte die Instandsetzung der 1859 gebauten Schleiferei (kurz Schleif genannt), die sich nur einen Steinwurf unterhalb der Schmiede und des Wohnhauses befindet. Ursprünglich durch Wasserkraft betrieben, wurde sie Ende des 19. Jahrhunderts mit Riementransmission ausgestattet. Die drei bevorrateten, riesigen Schleifsteine, von denen jeder eine Tonne auf die Waage bringt, stammen aus der Zeit, als die Schmiede noch in Betrieb war (bis 1960). Spannend gestaltete sich, wie Martin Ullrich zurückblickt, das Einsetzen des großen Schleifsteins auf die Antriebswelle mittels Flaschenzug (mundartlich Klobnradl). Immerhin wiegt das leicht rötlich gefärbte Rund aus Eifeler Buntsandstein eine schlappe Tonne. Früher, so erzählt Tyrena Ullrich, kamen die Schleifsteine vom Ulrichs- oder Johannishögl im Rupertiwinkel. Da die »Schleif« nur noch sporadisch zu Vorführzwecken ihren Dienst tut, wird er die robusten Reservesteine in seinem Leben wohl nicht mehr brauchen, kommentiert ihr Mann lachend. Angenehm überrascht war er darüber, wie leicht die Befestigungsmutter nach den vielen Jahren zu lösen war: Man verwendete früher als probates Mittel Rindertalg, ein ideales Schmier- und Rostschutzmittel, das den Teiletausch auch nach so vielen Jahren ohne Probleme ermöglichte. Der überdimensionale Schraubenschlüssel dazu ist heute noch zu besichtigen.

Und sogar Biathleten vertrauten schon auf die Schleifdienste. Sie ließen die Spitzen ihrer Skistöcke nach ihren Vorstellungen schärfen.

Eispickel für Nanga Parbat-Expedition

Im Schmiedegebäude, Herzstück und wichtiges Geschichtszeugnis zugleich, das einer grundlegenden Sanierung durch Klimaverbesserung und Eisenkonservierung unterzogen worden war, ersetzte der Glockenschmied (mit dem Namen hatten ihn die Ruhpoldinger mittlerweile als Einheimischen akzeptiert) den uralten, schleißig gewordenen Blasebalg durch ein elektrisches Gebläse. Nun konnte er vor den Augen der Besucher auch mal ein einfaches Messer schmieden, um es danach am großen Schleifstein zu schärfen. Ehemals war die Schmiede bekannt für ihre erstklassigen Werkzeuge wie Sapie, Hacken, Strohmesser und natürlich Glocken (Schellen). Als die deutsch-österreichische Expedition 1937 zum Nanga- Parbat aufbrach, hatten die Teilnehmer Eispickel aus der Glockenschmiede im Gepäck.

Der Thoraubach liefert Öko-Strom

Nach der Modernisierung des Wohnhauses wendete sich der Tüftler einem weiteren Projekt zu, das schon Tyrenas Vater vorschwebte: Umweltfreundliche Stromerzeugung durch den Thoraubach. Die ursprüngliche Idee, an das große Wasserrad mit seinem Durchmesser von 3,50 Metern Durchmesser einen Dynamo anzuschließen, scheiterte an der geringen Drehzahl.

Mehr Erfolg versprach das Vorhaben, das »Gren« mit einer Rohrleitung anzuzapfen, um mit genügend Gefälle weiter unten eine Turbine anzutreiben, was nach jahrelanger Planung und langwierigen Genehmigungen schließlich gelang. Das nächste Problem ließ allerdings nicht lange auf sich warten: Im Laufe der Zeit stellte sich heraus, dass das inzwischen altersschwache und undicht werdende Wassergerinne nicht mehr lange genutzt werden konnte. So musste auch hier eine brauchbare Lösung her. Martin Ullrich blieb nichts anderes übrig, als das Bachwasser etwa hundert Meter weiter oben auszuleiten und ein sogenanntes »Tiroler Wehr« einzubauen, das die Weiterleitung an die Turbine gewährleisten sollte.

Als jedoch nach den ersten starken Regenfällen so viel Sandgeschiebe auftrat, musste zusätzlich ein Auffangbecken installiert werden, um Beschädigungen an der Turbine zu vermeiden.

LKW-Scheibenwischermotor zum Laubrechen

Aber in Ruhe zurücklehnen konnte er sich immer noch nicht. Wer im Wald wohnt, muss mit Laub rechnen. Überlegungen, eine fertige Rechenreinigung für so ein verhältnismäßig kleines Kraftwerk anzuschaffen, ließ er wegen der Anschaffungskosten bald fallen. Aber mehrmals am Tag händisch den Rechen sauber halten, war wiederum nicht in seinem Sinn. Also kam wieder sein Ideenimpuls in Gang. Daniel Düsentrieb hätte es sicher nicht besser gelöst: Ein ausgedienter 24-Volt-Scheibenwischermotor eines LKW‘s treibt seit einiger Zeit über zwei Wellen einen speziellen Kamm an, der per Zeitschaltung im Intervall die Gitterstäbe vom Laub befreit. Jetzt genügt es, nur alle paar Tage den Weg hinaufsteigen, um die Anlage oberhalb der Schmiede zu kontrollieren.

Dass ihn deshalb aber Langeweile einholt, braucht Martin Ullrich nicht zu befürchten, denn die nächste bedeutende Aufgabe steht bereits an: das in die Jahre gekommene Wassergerinne. Wann es erneuert werden kann, steht noch in den Sternen. Bei einem Bauvorhaben dieser Größe (250 000 bis 300 000 Euro) hängt die Realisierung in erster Linie von den beantragten Zuschüssen ab, wie Tyrena Ullrich zu bedenken gibt. Denn das kann sowohl die Familie wie auch der Förderverein Glockenschmiede allein beim besten Willen nicht stemmen.

 

Ludwig Schick

 

34/2019