Jahrgang 2005 Nummer 13

Kreuz und Kruzifix, Zeichen und Bild

Kulturhistorische Ausstellung im Dombergmuseum Freising

Spitzenbildchen 1. Hälfte 18. Jh. Pergament, 14,6,x 8,6 cm.

Spitzenbildchen 1. Hälfte 18. Jh. Pergament, 14,6,x 8,6 cm.
Kruzifix aus Schaftlach, Lindenholzfigur mit mehreren Fassungsschichten Ottonisch, wohl um 970/1000. Höhe des Corpus 193 cm, Bre

Kruzifix aus Schaftlach, Lindenholzfigur mit mehreren Fassungsschichten Ottonisch, wohl um 970/1000. Höhe des Corpus 193 cm, Breite 172 cm.
Scheibenkreuz Hildesheim, 1110-1130.

Scheibenkreuz Hildesheim, 1110-1130.
Wo darf man das Kreuz zeigen? Diese Frage bewegt die Medien und die höchsten Instanzen der Bundesrepublik Deutschland.

Das Dombergmuseum in Freising zeigt in einer großen kulturhistorischen Ausstellung Kreuze aus vier Jahrtausenden und vier Erdteilen, aus Ägypten, Mexiko, Äthiopien, Russland und Westeuropa. Schatzstücke aus Klöstern und Domen, Meisterwerke romanischer und gotischer Skulptur, Buchmalereien, kostbare Hausaltäre des Barock und einfache Holzkreuze vom Straßenrand.

Die Ausstellung behandelt die in den christlichen Kirchen verbreiteten Kreuzformen, den Leib am Kreuz, den Kreuztitel, die Kreuznägel und die Arma Christi in ihren Anwendungsformen als Ikonen, Kreuzreliquiare, Prozessionskreuze, Kreuzaltäre und Triumphkreuzgruppen, als Kanzelkreuz, Turmkreuz, Gipfelkreuz und Grabkreuz, als modisches Schmuckstück und militärischer Orden.

Die frühen Christen haben das Kreuz als Zeichen vermieden; aber seit dem 5. Jahrhundert wurde es als Zeichen des Sieges und der Hoffnung mit Edelsteinen gestaltet. Justin der Martyrer hat als erster das Kreuz als Zeichen des Kosmos im Sinne Platons bezeichnet. Seit 1200 werden Kreuze überwiegend als Kruzifixe gebildet; sie zeigen den gemarterten Leib des Gekreuzigten. Damit verschwand der anschauliche Aspekt von Kosmos und Leben hinter dem Ausdruck des Leidens.

Ihn wieder zu entdecken, ist ein Ziel der Ausstellung und des anschließenden Künstlerwettbewerbs.

In Zusammenarbeit mit Museen und Schatzkammern des In- und Auslandes und mit Kunsthistorikern, Archäologen, Theologen, Ethnologen und Historikern wurden alle wesentlichen Typen der reichen Formen- und Bildgeschichte des Kreuzes in Originalen und Abbildungen zusammengetragen, um zum erstenmal die Bedeutung des zentralen Zeichens des christlichen Glaubens in der europäischen Kulturgeschichte zu illustrieren.

Die Ausstellung findet im Diözesanmuseum Freising, einem der größten kirchlichen Museen Europas, auf dem Domberg in Freising statt. Sie umfaßt 1600 qm in drei Sälen, drei Galerien und vier Kabinetten.

Zur Ausstellung »Kreuz und Kruzifix, Zeichen und Bild« erscheint ein Katalog mit 17 Beiträgen und 400 Abbildungen, 376 Seiten für 24 Euro.

Die Ausstellung umfaßt 472 Katalognummern, unter denen viele Objektgruppen zusammengefasst sind, und damit wohl an die Tausend Exponate. Das jüngste ist die Arbeit »Crosses 2005« von Mischa Kuball, die am 2. Februar dieses Jahres vollendet wurde, das älteste stammt aus der frühen Eisenzeit in Palästina 1200 vor Christus. In der Vitrine »Schmuckkreuze«, also Objekte die an Ketten oder Schnüren um den Hals getragen werden, zeigen wir Beispiele vom 5. bis zum 21. Jahrhundert.

Konzept

Das Diözesanmuseum für christliche Kunst hat von seiner Stiftung vor 148 Jahren her die Aufgabe ästhetischer und religiöser Bildung. Ihr versuchen wir durch Erhalt und Erschließung unserer Sammlungsbestände und durch Ausstellungen nach zu kommen.

Die Kreuzausstellung holt, wie zuvor »Madonna, das Bild der Muttergottes« und »Sanct Georg, der Ritter mit dem Drachen« weit aus, beginnend im Alten Orient und in der Bronzezeit unserer Heimat. Sie führt bis in die Gegenwart und soll mit dem Künstler-Wettbewerb zum Thema Kreuz sogar Ausblicke in die Zukunft eröffnen.

Rundgang

Sie gliedert sich in 12 Themenräume, die um den großen Lichthof gruppiert sind. Er wird beherrscht von einem Hauptwerk der Münchner Bronzeplastik des Frühbarock, dem großen Bronzekruzifix der Landshuter Jesuitenkirche.

Im Raum »Kreuze überall« folgen einer didaktischen Übersicht über Formen und Elemente des Kreuzes Kreuze als Schmuckstücke (5.-21. Jahrhundert), als Orden, auf Münzen (»Kreuzer«) und Kirchtürmen.

Im Saal »Von Byzanz nach Tegernsee« wird die Entfaltung des Themas von der frühchristlichen und byzantinischen Kunst bis zur bayerischen Spätgotik aufgezeigt. Hier findet sich auch unsere wichtigste Entdeckung: Während des größten Teils unserer mehrjährigen Vorbereitungszeit meinten wir, unsere größte Überraschung sei das romanische Kruzifix von Schaftlach, das sich als 200 Jahre älter und damit ottonisch, entstanden um das Jahr 1000 in Tegernsee, herausstellte. Es wird in zwei Exemplaren gezeigt, dem Original und einer Kopie, auf welcher die originale Farbfassung rekonstruiert ist (ähnlich wie in der sensationellen Ausstellung »Farbige Götter« der Münchner Glyptothek). Vor wenigen Wochen aber wurde ein anderes romanisches Kruzifix, das aus Enghausen im Landkreis Freising, um 300 Jahre älter, geschnitzt wohl für die Klosterkirche Moosburg um 900. Es ist damit nach unserer Kenntnis das älteste lebensgroße Kruzifix der Welt. Dies ist nicht nur irgend ein Freisinger oder bayerischer Rekord, sondern ein Werk, das die Geschichte der Weltkunst in neuem Licht erscheinen läßt. Wenn die naturwissenschaftliche Datierung nach der C-14 Methode stimmt, ist der Kruzifixus von Enghausen die älteste lebensgroße plastische Menschendarstellung Europas nach dem Untergang der Antike. Dann müssen auch die bisher üblichen Vorstellungen von der Entstehung monumentaler Skulptur im Mittelalter revidiert werden. Der Kruzifix in Holz oder Silber (nicht erhalten) und nicht wie bisher angenommen die Bauplastik in Stein, war die Aufgabe, für die nach dem Untergang des römischen Reichs und der antiken Kunst die lebensgroße Skulptur wieder entwickelt wurde, mit allen Folgen bis hin zu Michelangelo, Rodin und Henry Moore. Mit dem großen plastischen Kruzifix schlägt auch die Kunst des karolingischen Reiches und der lateinischen Kirche den westeuropäischen Sonderweg ein, der sie von der Kunst Ostroms und der griechischen Kirche trennt. Obwohl in der ottonischen und romanischen Kunst, vor allem der Buchmalerei, z.T. auch der Wandmalerei und besonders in der Goldschmiedekunst, im Westen immer wieder Anregungen aus Byzanz aufgegriffen wurden, bezeichnet der große plastische Kruzifixus und mit ihm die Monumentalskulptur von jetzt an die bleibende Differenz zwischen griechischer und lateinischer Kunst. Mit dem Astkreuz aus dem Dominikanerinnenkloster Altenhohenau (um 1340) wird der Wandel vom Kreuz als Siegeszeichen zum Passionsbild anschaulich.

Im Raum »liturgisches Schauspiel« ist mit einem Altar, Meßgewand, Meßbuch und Altarkreuz eine spätmittelalterliche Meßfeier nachgestellt, die als »memoria crucis« von Kreuzen und Kruzifixen bestimmt war.

In den »Kreuzschatzkammern« sind um das Lukasbild des Freisinger Domes die kostbaren Gefäße für Kreuzreliquien (aus Scheyern und Salzburg) sowie Kreuze aus Gold, Silber, Elfenbein und Bergkristall ausgestellt. Sie stammen aus den Schatzkammern der Dome von Hildesheim, Limburg, Osnabrück, Speyer sowie der österreichischen Stifte. Die Materialien wurden wegen ihrer strahlenden Erscheinung gewählt en, die anzeigen soll: Im Kreuz ist nicht Marter, Leid und Tod, sondern Hoffnung und Licht.

Hier sind auch in großer Fülle russische und äthiopische Kreuze ausgestellt.

Barocke Grabkreuze und aktuelle Aufnahmen von Unfallkreuzen am Straßenrand führen in den Themenraum »Jäh fällt der Tod den Menschen an«.

Ein 25 Kilo schweres Eichenkreuz mit Lederpolster, das alljährlich von Freising nach Altötting getragen wird, führt in die Abteilung »Kreuzbrauchtum«. Die Installation »Doppelnatur« des Münchner Künstlers Thomas Lehnerer, der vor 10 Jahren, am 19.März 1995 im Alter von 39 Jahren starb, bildet einen modernen Kontrapunkt zur Volkskunst.

Im Galerieraum »Von der Meisterzeichnung zur Massendrucksache« werden ganz seltene (aus der Münchner Staatlichen Graphischen Sammlung) und ganz weit verbreitete (aus den Sammlungen des Diözesanmuseums) Andachtsbilder auf Papier und Pergament gezeigt.

»Von Cranach bis Bustelli« heißt der 9.Themenraum. Er umfaßt Kunstwerke von Lukas Cranach, Jörg Petel, Adrian de Vries, Giandomenico Tiepolo, Franz Anton Bustelli, Ignaz Günther, Christian Jorhan und anderen Künstlern des Barock und Rokoko.

In der Abteilung »Kreuzvervielfältigung« zeigt der Sammler und Restaurator Edmund Melzl Kreuze und Kruzifixe des 19. und 20 Jahrhunderts, die in den verschiedensten Techniken vervielfältigt wurden

Im Raum »Kreuze der Moderne« sind beispielhaft künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Thema Kreuz in Werken seit 1917 versammelt, von Johannes Molzahn, George Grosz, Alexej Jawlensky, Joseph Beuys, Geoffrey Hendricks, Fritz Koenig, Arnulf Rainer, Thomas Struth.

Im Chorbogen der frühgotischen Johanneskirche hat der Künstler Mischa Kuball ein Kreuz aufgehängt, welches das Licht mit den Mitteln unserer Zeit darstellt, mit elektrischem Strom. 324 Lampen (Hochstrom LED), in Kreuzform angeordnet, blitzen computergesteuert blendend auf. Und bevor noch das Nachbild von der Netzhaut unserer Augen verschwunden ist, blitzt es wieder auf. Kreuzblitze, Blitzkreuze, das Kreuz wird Licht, wird als Licht wahrgenommen. Eingedenk der Tatsache daß die christliche Kirche lange Zeit, im Bau der Kathedralen, der Kuppeln der Renaissance und des Barock auch technologisch in Europa führend war, möchten wir Mut machen auch die Technologie unserer Zeit in den Dienst zu nehmen, nicht nur in der Architektur, sondern auch in der bildenden Kunst.

Anlaß und Intention der Ausstellung

Drei Ereignisse gaben den Anstoß zu dieser Ausstellung: Das eine war das Kruzifix-Urteil des Bundesgerichtshofes von 1995 und die Reaktionen darauf. Für Kunsthistoriker in kirchlichem Dienst wirkte die systematische Verwechslung von Kreuzen mit Kruzifixen ärgerlich. Es wurde deutlich, daß sowohl kirchlich wie antikirchlich engagierte Gruppen unserer Gesellschaft ein sehr verengtes und dabei undeutliches Verständnis von der Bedeutung dieser Zeichen und Bilder haben. Von daher rührt der aufklärerisch, gesellschaftspolitische Auftrag dieser Ausstellung.

Das zweite waren Umorganisationen und Umzüge im Ordinariat, dem Leitungsbüro der Erzdiözese München und Freising. Im Zuge dieses Revirements wurden mehrere Lieferungen von Bürowandkreuzen im Museum abgegeben. Diese waren ästhetisch so anspruchslos, ja religiös kontraproduktiv, daß dem Kunsthistoriker das Kreuzproblem als ästhetisches erscheinen mußte: Wir haben vielfach so minderwertige Wandkreuze und Wandkruzifixe in Büros und Schulen hängen, daß Bedeutung und Wert dieses religiösen Zeichens vergessen werden mußten.

Gleichzeitig aber kamen Kreuze in Mode. An Ohrringen und Halsketten hingen plötzlich pfiffige, elegante, winzige und große Kreuze, getragen von Rockstars, Popsängern und Models. Die Kreuze, die in der Kirche so fade geworden waren, waren plötzlich in der Jugendmode in. Warum?

Und schließlich war der Museumsleiter in den Jahren 2000-2003 beinahe täglich in Münchner Krankenhäusern zu Besuch. Auch dort hängen in den meisten Patientenzimmern Kreuze, meistens über der Tür, in dem schmalen Zwischenraum zwischen Türstock und Zimmerdecke, wo man sonst nichts hin hängen kann. Als Zeichen der Hoffnung und des Trostes aber sind sie zu schwach. Sie antworten nicht genug auf die Not und Angst der Patienten. Wie müßten angemessene Zeichen aussehen?

Dies ist ein ästhetisches, formales Problem auf religiöser Grundlage mit politischer Bedeutung.

Im Spannungsfeld zwischen Ästhetik, Religion und Politik bewegt sich deshalb diese Ausstellung. Kunsthistoriker suchen die Antwort zunächst in der Geschichte des Kreuzes. Aber nicht mehr mit der Fragestellung, mit der die Museen des 19. Jahrhunderts angetreten sind: In welchem Stile sollen wir gestalten? Sondern bescheidener, in dem sie mit Beispielen aus der Geschichte Bedeutungsfülle und ästhetischen Anspruch des Kreuzzeichens darstellen.

Dies war durch das Entgegenkommen zahlreicher staatlicher und kirchlicher Museen und Sammlungen, sowie von Kirchenverwaltungen und Privatsammlern möglich. An erster Stelle ist nach dem Rang der Leihgaben das Bayerische Nationalmuseum in München zu nennen, dann die Bayerische Staatsbibliothek, das Staatliche Museum für Völkerkunde, die Archäologische Staatssammlung und die Bayerische Verwaltung der Staatlichen Schlösser, Gärten und Seen. Ihren Leitern und Mitarbeitern sei herzlicher Dank gesagt

Die Domschatzkammern von Salzburg, Trier, Hildesheim und Speyer stellten Werke von zentraler Bedeutung zur Verfügung ebenso das Dominikanerinnenkloster Altenhohenau und die Benediktinerabtei Scheyern.

Das Erzbischöfliche Kunstreferat in München machte uns auf Kreuze in Restaurierungswerkstätten aufmerksam und begleitete unsere Arbeit mit Rat und Engagement. Die Konzeptgruppe versuchte im Labyrinth der Entwicklungen und Bedeutungen den Faden in der Hand zu behalten. Die Autoren gingen auf unsere Wünsche und Vorstellungen ein und bereicherten sie.

Realisierung

Eine Sonderfinanzierung der Erzdiözese München und Freising und die Zuschüsse der Flughafen München GmbH, der Stadtwerke Freising, von E-on Bayern, des Bezirks Oberbayern, des Landkreises Freising, der Stadt Freising, der Freisinger Sparkassen-Kultur-Stiftung und der Dr. Anni Lesmüller Stiftung machten sie möglich.

Florian Raff erarbeitete Plakat und Inszenierung. Der Kunstverlag Josef Fink übernahm die Arbeit an dem umfangreichen Katalog, der unter besonderem Zeitdruck hergestellt werden mußte. Das Verzeichnis aller an der Ausstellung beteiligten Gewerke reicht vom Alarmanlagenbauer und Architekten, über Elektriker, Graphiker, Künstler, Maler, Restaurator, Schreiner bis zum Transportunternehmer und Versicherer. Im Diözesanmuseum trug die Hauptlast der Vorbereitung Dr. Sylvia Hahn, sekundiert von Dr. Carmen Roll, Dr. des. Chris Loos und Sandra Angermaier, sowie den Restauratorinnen Regina Bauer-Empl und Sabine Kroiss. Ihnen allen sei für ihre engagierte Mitarbeit herzlich gedankt.

Die Ausstellung ist noch bis 3.Oktober 2005 zu sehen.

PS



13/2005