Jahrgang 2019 Nummer 36

Hopsasa Gedankenstrich

Als das »Albumschreiben« noch in Mode war, ging's dabei oft lustig zu

Etwa 140 Jahre altes ALBUM-Kästchen für Einlegeblättchen, davor das nüchternste der insgesamt 25: unbeholfen beschrieben von »Aug. Mrazek«. (Fotos: Hans Gärtner)
Ein schmuckes Album (14 x 8 cm) für sich selbst: Ein unbekanntes Mädchen trug, je nach Gelegenheit, Albumverse ein. Letztes Wort: »Schluss«.
Beschriebene und beklebte Einlegeblättchen aus einem Sammelalbum-Kästchen mit Andenken ausschließlich an Münchner Schulmädchen um 1875.
Auf den 2 letzten Album-Seiten klebte Anna Göbl ihrer Schulfreundin Oblaten zu ihrer lustigen Widmung, ob sie passten oder nicht.

Kein Kind von Traurigkeit war die junge Person, die sich, vielleicht sind's hundert Jahre her, in ihr Poesiealbum notierte: »Liebst du mich, so lieb ich dich. Hopsasa Gedankenstrich. Von Aug. Mrazek«. War es ein August, ein Augustin, der sich am Ende der sich neckisch reimenden Zeilen mit Aug. abkürzte? Wohl eher eine Auguste oder Augustine. Die Mode des »Albumschreibens« war fast ausschließlich MädchenSache.

Woher die Person war, wie alt, wie jung sie war – keine Ahnung. Denn das Blatt weißen Papiers, schon ein wenig stockfleckig, ist einem 12 mal 9 Zentimeter großen Sammelkästchen entnommen und blieb – im Gegensatz zu den weiteren darin befindlichen Blättchen – vollkommen schmucklos. Keine Zeichnung von Hand, kein eingeklebtes selbstgefertigtes oder ausgeschnittenes Bildchen, auch keine von den bunten Oblaten,wie sie damals gerne für Briefe, Karten oder Poesiealben keineswegs nur von Kindern, auch von Erwachsenen verwendet wurden und bogenweise im Papeterie-Handel zu haben waren, um eingeklebt zu werden. Ob sie vom Motiv her passten oder nicht – meistens führen diese illustrativen Zugaben ein Eigenleben.

Aug. Mrazek schrieb ebenso nüchtern wie kurz angebunden. Die zwei Zeilen sind – was für einen Buben spräche – leicht chaotisch hingeschrieben, um nicht zu sagen: hingekritzelt. Was sollte sich die mit einem Vers bedachte Person bei »Hopsasa Gedankenstrich« denken? Vielleicht war die lustige Redewendung als eine Aufforderung gedacht, das Leben nicht allzu ernst zu nehmen und die Dinge laufen zu lassen, wie sie nun mal laufen wollen.

Der weitaus größte Teil der insgesamt 25 in das Kästchen mit der Aufschrift »Album« eingelegten, weißen Blätter im Format einer halben Postkarte enthält sorgfältig mit Tinte und Feder festgehaltene Verse, über die Hälfte sind – als ob dies nach Anweisung geschehen wäre – in derselben Manier im linken oberen Eck mit einer kaum briefmarkengroßen Oblate geziert. Dass hierfür sehr oft Mehlkleister hergenommen wurde, verraten die Reste abgerissener oder entnommener Stücke. Viele meist in allerschönster Handschrift niedergelegten Widmungen enthalten den Herkunftsort München. Die Daten liegen zeitlich zwischen 1872 und 1877. Gelegentlich sind Tag und Monat genannt. Manchmal scheint das Datum (wie etwa die Jahreszahl 1897 statt 1879) ein Ausrutscher zu sein: »Hopsasa Gedankenstrich«!

Da bei voll ausgeschriebenem Vornamen ausschließlich Mädchen ihre Verse – wer weiß wem? – gewidmet haben, ist es so gut wie sicher, dass »Aug.« für Auguste oder Augustine – und nicht etwa für August oder Augustin–steht. Eines der Blätter fällt aus der Reihe. Schon deshalb, weil es vorne und hinten getextet ist:

»Vielen theile deiner Freuden,

Allen Munterkeit und Scherz,

Wenig Edlen deiner Leiden

Auserwählten nur dein Herz.«

Die Freundin der Adressatin, Bertha Glockner, setzte die drei Buchstaben »Z. f. E.« unter die vier Zeilen des zwar leicht zu lesenden,aber nicht ohne Weiteres zu verstehenden Textes: »Zur freundlichen Erinnerung«. Bertha war bedacht, neben den Wohnort München das Datum 11. Juni 1874 zu setzen. Weshalb ausgerechnet ihr Blättchen keinen Bildschmuck vorweist – stattdessen ist ein bräunlicher Fleck (als Rest einer eingeklebten Oblate) zu sehen – und das ganze Papierchen mit vielen Knickspuren versehen ist, als ob es nach der Beschriftung zerknüllt gewesen wäre, bleibt ein Rätsel.

»Zum freundl. Andenken« stellte eine gewisse Marie Brochier fest, dass als Stützen des Lebens immer halten: Gebet und Arbeit. »Dein Leben sei ein Bach, / der sanft vorüber fließt, / und sich erst spät ins Meer der Ewigkeit ergießt.« gab an einem 3. Juli (die Jahreszahl fehlt) eine gewisse Anna Schmidt aus München – wem auch immer – zu bedenken. Wie viele ihrer Kameradinnen befahl Babette Steck (»München, den II. April 1872«) ihrer Freundin, froh zu leben, sie dabei jedoch nicht zu vergessen.

So wie die rote füllige Rose (Liebe) fehlt auch kaum das zarte blaue (Treue) Vergissmeinnicht in den Widmungen. Dabei kommt es gelegentlich zu witzigen »Entgleisungen«:

Die Blume riecht

Die Dorne sticht

Das Veilchen spricht

Vergißmeinnicht

So genau nahmen die Mädels vor rund anderthalb Jahrhunderten das überlieferte Spruchgut bei AlbumEinträgen nicht. In einem gehefteten, fast ganz leer gebliebenen Album aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert steht für das Veilchen »die Liebe«, die da spricht »Vergißmeinnicht!« Richtig zum Kichern sind Verse wie die der Schulfreundinnen einer gewissen Rosi – das Album trägt die Jahreszahl 1916 und ging vermutlich in einem altbayerischen Landschulhaus von Mitschülerin zu Mitschülerin. Die Grünauer Rosina formulierte ohne jegliches Satzzeichen:

Was soll ich dir schreiben

ein langes Gedicht

ich schreibe ganz einfach

vergiß meiner nicht

Denselben Spruch verwendete eine gewisse Anna Göbl, die außer dem Rufzeichen nach ihrer Überschrift »Aus Liebe!« ebenfalls auf jedes Satzzeichen verzichtete.

Die Buchner Theres klebte vier Schmetterlinge in den schillernsten Farben auf die linke Albumseite, während sie auf rechte schrieb:

Ein Häuschen von Zucker,

von Zimmet die Tür,

den Riegel von Bratwurst,

das wünsche ich dir.

Von einem ganz bestimmten, dem Neuen Testament entnommenen Häuschen spricht Anna Kurz in ihrem Vierzeiler

In dem Häuschen zu Nazareth

ein wunderschöner Spiegel steht.

Liebe Rosi, schau hinein,

ob du gleichst dem Jesulein.

Auf die Spitze treibt es ein Mädchen, das weder Nach- noch Vornamen verraten wollte, als sie sich ein kleines Heft mit »Albumversen« anlegte. Sie nahm es, den meisten ihrer Mitschülerinnen gleich,mit der Rechtschreibung nicht genau. Sie schrieb außerdem, wie köstlich, nach jedem notierten Vers das Wort »Schluss« ans Ende. Schönstes Beispiel:

Wen eins bei schlechten Wetter,

du hütten mußt das Haus,

so nimm deinen Album

und lese mich heraus. Schluss.

Jeder Lehrer müsste hier mehrmals mit dem Rotstift ansetzen: »Wenn« (statt »Wen«) muss es heißen, »einst« (statt »eins«), bei »schlechtem« (statt bei »schlechten«), »hüten« (statt »hütten«), »dein« (statt »deinen«), »lies« (statt »lese«). Die Nachwelt ist aufgerufen, nachsichtig zu sein: Das Herz schlug wohl mancher Schreiberin bei ihrer Tätigkeit so hoch, dass schon aus Gründen einer solchen leichten Gemütserregung den Rechtschreib-Verstößen volles Verständnis entgegenzubringen ist.

 

Hans Gärtner

 

36/2019