Jahrgang 2005 Nummer 18

Hoffnung für die Donau-Kahnschnecke

Sie wurde in der Steinzeit zu Schmuck verarbeitet

Zickzackmuster auf gelbem Grund kennzeichnen die Donau-Kahnschnecke.

Zickzackmuster auf gelbem Grund kennzeichnen die Donau-Kahnschnecke.
Steinzeitliches Grab von Aiterhofen bei Straubing.

Steinzeitliches Grab von Aiterhofen bei Straubing.
Schon in der Steinzeit war Schmuck – zumindest bei den damaligen Frauen – hoch begehrt. Auch die Toten erhielten neben Speise und Trank oft Ringe, Halsketten oder Ohrringe mit ins Grab. Die ältesten auf bayerischem Boden entdeckten Schmuckgegenstände stammen aus der Zeit zwischen 5600 und 5000 vor Christi Geburt und wurden in Gräbern in Aiterhofen bei Straubing gefunden. Es sind recht kunstfertig gearbeitete Ketten und Steckkämme aus den Gehäusen von einer ganz bestimmten Wasserschnecke, der Donau-Kahnschnecke.

Die Archäologen ordnen sie der steinzeitlichen Linienband-Keramik zu, am Übergang von der nomadischen Lebensweise zur Sesshaftigkeit. Die Schönheit der in Bächen und Flüssen vorkommenden Schwimmschnecken mit ihrem Zickzackmuster auf gelblichem Grund hat offenbar schon den Steinzeitmenschen so gut gefallen, dass sie daraus Schmuckstücke herstellten.

Heute haben die Donau-Kahnschnecken und ihre kleinere Schwester, die Gestreifte Kahnschnecke, Seltenheitswert und gehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Sie brauchen sauberes, schnell strömendes Wasser. In stehendem Wasser können Sie nicht existieren. Deshalb bedeutet der Bau von Staustufen ihr sicheres Ende. So ist beispielsweise der frühere Bestand der Donau-Kahnschnecke bei Bad Abbach nach dem Bau der dortigen Staustufe verschwunden.

Jahrelang hielt man die Donau-Kahnschnecke in Bayern für ausgestorben, bis vor kurzem an einem kurzen Donauabschnitt zwischen Neustadt und Kehlheim überraschender Weise einige leere Gehäuse gefunden wurden. Man hielt sie zunächst für Relikte der erloschenen Population. Doch nach genauer Suche wurden an Steinen versteckt zahlreiche, in lebendem Zustand von Algen grün bewachsene Schnecken entdeckt. Auch bei Metten und bei Steinkirchen, dem letzten großen Abschnitt der frei fließenden Donau zwischen Straubing und Vilshofen, sind jetzt kleinere Vorkommen der Donau-Kahnschnecke nachgewiesen worden.

Die zweite Art, die Gestreifte Kahnschnecke, ist noch häufiger an verschiedenen Stellen der Unteren Donau anzutreffen, so in Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Bei uns in Bayern steht sie auf der Roten Liste und ist vom Aussterben bedroht. Eines der wenigen Vorkommen ist unterhalb der Isarmündung, wo die Tiere gut versteckt in einer Steinschüttung im tiefen Wasser leben. Im vergangenen Jahr fand man auch donauaufwärts bei Metten Gehäuse der Gestreiften Kahnschnecke in größerer Zahl. Sie scheinen also auch oberhalb der Isarmündung überlebt zu haben. Dank der Kläranlagen entlang der Donau ist das Flusswasser heute Gott sei Dank viel sauberer und ermöglicht den Kahnschnecken, sich zu vermehren und sich auszubreiten.

Die Kahnschnecken gehören zur Familie der Neritiden und verdanken ihren Namen ihrem guten Schwimmvermögen. Ihre Fähigkeit, in ihrem Gehäuse Wasser zu speichern, ermöglicht es ihnen, Trockenperioden wie zum Beispiel bei Niedrigwasser, sicher zu überstehen. Charakteristisch für die Neritiden ist die große Vielfalt in der Zeichnung mit Zickzacklinien oder Streifenmustern. Sie leben teils im Meer, teils im Brackwasser und im Süßwasser. Manche sind sogar in der Lage, das Wasser für eine Zeit zu verlassen, um am Ufer nach Pflanzennahrung zu suchen. Die Donau-Kahnschnecke ernährt sich ausschließlich von Algen. Ihre Eikapseln, die 30 bis 70 Eier enthalten, werden meist auf die Gehäuse ihrer Artgenossen abgesetzt. Je nach Umweltbedingungen entwickeln sich innerhalb von vier bis acht Wochen die schlupfreifen Jungtiere.

Seit der Osterweiterung der Europäischen Union sind die Kahnschnecken auf Anregung von Ungarn nach der Europäischen Naturschutzrichtlinie unter Schutz gestellt worden. Somit zählt auch die Donau-Kahnschnecke zu jenen Tierarten, für deren Erhaltung besondere Schutzgebiete ausgewiesen werden müssen. Deshalb hofft der Bund Naturschutz in Bayern, dass es geling, weitere Staustufen in der Donau zu verhindern, um den Bestand der Donau-Kahnschnecke auch für die Zukunft zu sichern.

JB



18/2005