Jahrgang 2005 Nummer 8

Heimgegangen in ein besseres Jenseits

Kraiburger Sterbebildchen von 1913 bis 1940







»Der Weg des Kreuzes ist schmal. Für diejenigen aber, die ihn gehen, führt er sicher zum Himmel«. Der Christus-Mystiker und Schüler Meister Eckarts, Heinrich Seuse, wird mit diesem Spruch auf einem Sterbebildchen zitiert. Es wurde zum »christlichen Andenken im Gebete an den ehrengeachteten Johann Reichart, Privatier im Gries, Pfarrei Kraiburg« beim ortsansässigen Drucker Thomas Hartig bestellt. Im 85. Lebensjahr, so ist dem Bildchentext zu entnehmen, ist der Mann »am 3. Mai 1913 abends 1/2 5 Uhr nach längeren Leiden und öfterem Empfang der hlg. Sterbsakramente ... im Herrn verschieden«.

Dein schweres Leiden hat ein Ende
Erlöst bist Du von aller Qual,
Wir drückten Deine teuren Hände
Auf dieser Welt zum letzten mal.
Mögst Du als Lohn am Sternenthrone
Empfangen heut die Dulderkrone!

Tröstende Worte, die ebenfalls auf dem schmalen, 10,5 mal 6,5 Zentimeter messenden Bildchen abgedruckt, sich ganz an den Verstorbenen richten. Er sollte, so weit könnte man in der Auslegung des gewählten anonymen Spruches gehen, froh sein um seine Erlösung. Vielleicht hatte den guten Grieser Privatier schon recht das Zipperlein geplagt. Ein ausgesprochen hohes Alter hatte er erreicht, weit über dem Durchschnitt derer, die vor rund 100 Jahren in unseren Breiten in die Ewigkeit abberufen wurden.

Weil wir schon bei Zahlen sind: Das Reichart-Sterbebildchen notiert auch die beim Beten kurzer Seufzer wie »Süßes Herz Jesu sei meine Liebe«, »Süßes Herz Mariä sei meine Rettung« oder auch nur »Mein Jesus Barmherzigkeit« gewährten Ablässe: 300 und 300 und 100 Tage. Manche Besitzer eines solchen »Ablass-Sterbebildchens« schätzten sich glücklich, mit dem Erhalt des papierenen Andenkengegenstandes, der sich leicht ins Gebetbuch einlegen ließ, auf so »billige« Art und Weise eine erkleckliche Portion Sündenstrafen los geworden zu sein, zumindest beim Lesen daran erinnert zu werden, sich den versprochenen Ablass auf alle Fälle durch frommes Gebet zu sichern.




Das Sterbebildchen für Johann Reichart ist das älteste von insgesamt 38 Kraiburger Sterbebildchen, die sich in meiner Sammlung befinden. Die Objekte reichen zeitlich von 1913, also vom »Vorabend« des 1. Weltkrieges, bis 1940, also ein Jahr nach Ausbruch des 2. Weltkriegs. Sie wurden nicht systematisch gesammelt, sondern kamen per Zufall von unterschiedlichen Seiten in meine bescheidene Sterbebildchen-Sammlung: aus einem Kraiburger Nachlass vom Ende der 1970er Jahre, von Flohmärkten in Wasserburg am Inn, Mühldorf am Inn und Töging am Inn und aus einer Privatschatulle mit etlichen anderen Gebetbuch-, Heiligen- und Fleißbildchen aus der nämlichen Zeit.

Der jetzige Besitzer dieser Sterbebildchen befindet sich völlig außerhalb des »Funktionskreises«, in den diese Andenkenbildchen einst gestellt wurden. Sie sollten ja Kraiburger Bürgerinnen und Bürger aus dem Markt selbst oder seiner Umgebung, insbesondere enge Angehörige, Nachbarn, Freunde, gute Bekannte, darüber hinaus freilich auch Verwandte und Bekannte aus der Ferne (die die Bildchen evt. per Post zugeschickt bekamen, weil sie nicht persönlich bei der Beerdigung anwesend sein konnten, bei der in aller Regel die Sterbebildchen verteilt wurden) an den Toten erinnern, in dem sie für immer bei diesem Personenkreis verblieben. Doch das Leben bringt es mit sich, dass bei Um- oder Wegzug, Wohnungsrenovierung, Ummöblierung, Hausputz, Stöberei vor »heiligen Zeiten« wie Ostern und Weihnachten oder anderen Veränderungen »den Tod des Bildchenbesitzers eingeschlossen« solches angesammeltes Erinnerungsgut an den Heimgang in ein besseres Jenseits entweder verloren oder in andere Hände übergeht, für die es eigentlich nicht bestimmt war.

Gerade in den Jahren des ausgehenden 20. Jahrhunderts »mit der Hochkonjunktur der Nostalgie einhergehend« spezialisierten sich zunehmend Sammler auf die so genannten Sterbebildchen, eine anscheinend immer beliebter werdende spezifische »Gattung« des »Andachtsbildchens« (siehe Literatur am Ende des Beitrags) und nennen nicht selten eine kaum vorstellbar große Menge ihr eigen. Was diese Sammler gerade an die Sterbebildchen bindet, ist so gut wie gar nicht erforscht. Es lässt sich vermuten, dass in den wenigsten Fällen der bloße Besitzerdrang den Ausschlag dafür gibt, möglichst viele Sterbebildchen zu horten. Als Sammel-Beweggründe kommen in Frage: Interesse an Motiven des Totenkults, Ahnen- und Familienforschung, Pfarr- und Gemeindearchivierung, Schrifttumsforschung, Regionalgeschichte (vielfach als Hobby betrieben), mitunter auch ein Aspekt, der jedoch nur auf den ersten Blick skurril anmuten mag: volkskundliche Kuriositäten zu sammeln.




Private Kollektionisten von Andachtsbildchen rücken in der Regel die Sterbebildchen nicht ins Zentrum ihrer Leidenschaft. Es sei denn, es steht wissenschaftliche Ambition im Hintergrund. Oder sie »erwischen«, was selten genug vorkommt, ein hübsches biedermeierliches Bildchen, das sie auf Grund seiner feinen Typographie oder seiner ikonographischen Erlesenheit und Besonderheit anzieht. Je weiter man zeitlich zurück geht, desto attraktiver und auch origineller werden die Sterbebildchen, was ihre graphische Gestaltung und künstlerische Aussage anbelangt.

Unsere kleine Kraiburger Auswahl belegt, wie sich etwa von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein der gängige, eigentlich langweilige Typus des gewöhnlichen Sterbebildchens herauskristallisierte: zweiseitig, Vorderseite: Bildmotiv, evt. mit einem Leitspruch, Rückseite: hauptsächlich Text (biographische Angaben, Gebete, Psalmen). Vielfach wird auch ein Foto des Verstorbenen einbezogen. Es erleichtert dem Sterbebildcheninhaber, sich den Heimgegangenen zu vergegenwärtigen. Außerdem repräsentiert das Foto (nachweisbar ab circa 1870) die abgelebte Person auch für diejenigen, die seine frische Grabstätte besuchen, wo oft wochenlang das Sterbebildchen, am schlichten Holzkreuz auf dem noch aufgeschütteten und mit Blumen und Kränzen belegten Grabhügel mit einer Reißzwecke angeheftet, als Ersatz eines Grabsteins dient.

Wem auch immer die folgende Auflistung der Kraiburger Sterbebildchen aus der Zeit zwischen 1913 und 1940 dienlich sein mag, sie muss in diesem Fall die Autopsie der Sammlerstücke ersetzen:

Sterbedatum, Vorname, Name des Verstorbenen, Profession/Stand, Sterbealter in Jahren:
3. 5. 1913 Johann Reichart, Privatier, 85
11. 8. 1917 Anton Hartl, Soldat, 21
3. 8. 1920 Johann Ebenbichler, Gürtler, 71,6
10. 2. 1921 Simon Maier, Getreidemesserssohn, 53
20. 6. 1921 Ludwig Geisberger, Bauer, Privatier, 61
6. 7. 1921 Theresie Angerer, Postbotensgattin, 73
12. 6. 1922 Fanny Fries, Schreinermeisterswitwe, 76
27. 10. 1922 Katharina Eckart, Privatierswitwe, 83
7. 12. 1922 Peter Wimmer, Austragsbauer, 76
28. 1. 1923 Andreas Schellhorn, Flieger-Unteroff., 30
18. 3. 1923 Regina Karl, Näherin, 69
7. 12. 1923 Maria Wagner, Steinmetzensgattin, 44
10. 8. 1924 Johann Söllner, Austragsbauer, 75
18. 12. 1924 Alois Bachmaier, Webermeister, 65,6
9. 4. 1926 Elisabeth Schlißleder, Sanitätsratsgatt., 73
31. 7. 1926 Maria Dobmeier, Schlossermeistersw., 62
16. 9. 1927 Maria Bründl, Pflegetochter, 68
11. 6. 1929 Leopoldine Gillitzer, Gerbereibesitzersgattin, 56
17. 2. 1930 Georg Brandl, Hausbesitzer, 62,6
19. 2. 1930 Josef Gnatz, Eisenhändler, 55,6
26. 2. 1930 Johann Ev. Käsmeier, Ökonom, 55;6
7. 5. 1930 Johann Seifried, Schuhmachermeist., 75
22. 10. 1932 Anna Hofenauer, Hausbesitzerin, 55
17. 11. 1932 Anna Biermeier, Maurerswitwe, 64
4. 12. 1932 Karolina Weyerer, Bäckermeistersw., 77
7. 1. 1934 Anna Betz, Schuhmachersgattin, 30
19. 8. 1934 Anna Hinterholzner, Schreinermeistersgattin, 65,6
24. 4. 1936 Peter Hofenauer, Landwirt, 60
14. 7. 1938 Franz Getschberger, Bezirksstraßenwärterssohn, 26
19. 7. 1938 Maria Rauscher, Hausgehilfin, 72
21. 7. 1938 Markus Rauscher, Fahrrad- u. Maschinenhändler, 60
24. 11. 1938 Maria Lanzinger (ohne Angabe), 27
26. 11. 1938 Johann B. Korber, Pfarrer (in Pürten), 57
20. 2. 1939 Elisabeth Weiß, Buchbindermeistersgattin, 87
27. 6. 1939 Hans Pregler, Bezirkskaminkehrerm., 55
16. 7. 1939 Jakob Hell, Amtsoffiziant, 65
17. 1. 1940 Anna Schenkel, Baderswitwe, 91
17. 1. 1940 Josef Heilmeier, Privatier, 90

Aus der nackten Tabelle sind immerhin einige interessante Feststellungen zu den auf den Sterbebildchen genannten Verstorbenen möglich:

- Im Greisenalter starben im erfassten Zeitraum »der mit Sicherheit unvollständig erfasst ist« die wenigsten Kraiburger(innen).

- Die hier erfasste Klientel weist durch ihre Namen unerwartet geringe Verwandtschaftsbezüge auf.

- Damals gab es in dem oberbayerischen Marktflecken Kraiburg am Inn eine erstaunliche Vielfalt an Berufen, von denen der größte Teil einem Handwerk zuzuordnen ist. Akademiker und Beamte fehlen nahezu gänzlich.

- Die in die Ewigkeit abberufenen ehemals verheirateten Damen werden stets nur in Bezug auf ihren Gatten gesehen, der einen Beruf ausübte oder einem Stand angehörte, an dem die Ehefrau Anteil hatte.

- Eine einzige Verstorbene kommt ohne Angabe zu ihrer Profession oder Stellung aus.

- Angaben wie »Hausbesitzer(in)« wurden für so wichtig erachtet, dass sie »sterbebildchenfähig« waren.




Erst mit der näheren Beschäftigung der Bildchen-Texte bekommt das Sterbebildchen-Sammeln seinen besonderen inhaltlichen Reiz. Die altehrwürdige Ausdrucksweise ist da ein Aspekt, der den Betrachter allerdings schmunzeln lässt. Die Toten verschieden fast alle »selig im Herrn« oder wurden »in die ewige Heimat abberufen«, meistens »versehen mit den hll. Sterbesakramenten«. Eigens wird die »letzte Ölung« erwähnt. Viele Männer, aber auch Frauen wurden als »ehrengeachtet« bezeichnet. Die Jungfernschaft vieler Frauen wurde eigens hervorgehoben.

Gelegentlich wird, wie einige Beispiele aus der kleinen Sammlung belegen können, das Sterbebildchen zum Träger eines relativ konzisen Protokolls, wie etwa im Falle des Kraiburgers Johann Ev. Käsmaier. Von ihm erfährt man, dass er neben seinem Hauptberuf des Ökonomen Bürgermeister im Ortsteil Maximilian sowie – sehr wichtig und daher immer erwähnt – Kriegsteilnehmer der Jahre 1916 bis 1918 war und dass er am 26. Februar – ein jedes der hier versammelten Sterbebildchen nennt das ausführliche Sterbe-, nicht alle auch das Geburtsdatum – des Jahres 1930 »sanft im Herrn verschied«, und zwar »nach einer schweren Operation abends 1/2 11 Uhr ...« Die Art der Operation bleibt zwar offen, aber die halbe Stunde des Todeseintritts ist penibel verzeichnet, wie auch das halbe Jahr, das es der Käsmaier Hans über die magische Lebensalterszahl (»Schnapszahl«) 55 hinaus geschafft hat.




Die Druckerei der hier vorliegenden 38 Kraiburger Sterbebildchen hält eine spärliche Bandbreite an formalen und motivlichen Variationen bereit. Absolutes Spitzenreiter-Motiv ist eine Passionsdarstellung Christi, innerhalb dieses Motivkreises gibt es allerdings einige Varianten: den Gekreuzigten, das mit Dornen gekrönte Haupt, den Gegeißelten, den still Leidenden und Gefesselten, den von der Mutter Maria als Toter Getrösteten, den den weinenden Frauen Begegnenden, den auf dem Ölberg Schmachtenden, den mit flammendem Herzen Thronenden ... Viele Bildmotive sind großen Meistern oder ihren Epigonen der Nazarenerzeit entlehnt (Josef Gold, Rudolf Schmälzl, Giaquinto Corrado, M. Roßmann), die aber oft ungenannt bleiben. Schwarz als einzige Druckfarbe ist, der Situation angemessen, vorherrschend, sehr selten »das ist wohl auch eine Kostenfrage« wird eine Silberdekoration einbezogen.

Je weiter im Alter der Sterbebildchen zurück gegangen wird, desto eher kommen einmal sowohl andere Motive (Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm, Guter Hirte, Erzengel Michael) als auch farbige Bilder vor. Nur zwei der 38 Kraiburger Sterbebildchen gehen vom glatten und entweder mehr- oder einfach dick schwarz umzogenen Rand ab und wagen es, mit einem süßlichen Stanzspitzenbildchen aus der Reihe zu tanzen. Man hätte vermutet, hier handele es sich um eine verstorbene Dame, die sich vielleicht ein herziges Jesuskind vor dem Garten der Unschuld mit weißem Häschen und weißen Lilien als Sterbebildmotiv ausgesucht haben könnte. Nein, die verstorbene Person ist der »tugendsame Jüngling« Alois Bachmaier, den es am 18. Dezember 1924 »nach kurzem Leiden« im Alter von gut 65 1/2 Jahren aus dieser schnöden Welt hinüber getragen hat in die immerwährende Glückseligkeit.




Die Angehörigen der Kraiburger Toten aus der ersten 20. Jahrhundert-Hälfte hätten nicht unbedingt bei »Th. Hartig, Kraiburg am Inn«, wie meist angemerkt ist, die Sterbebildchen ihrer zu Betrauernden drucken lassen müssen. Auch in der näheren Umgebung wären sie bei Graphischen Betrieben und Druckwerkstätten fündig geworden: etwa bei J. Lutzenberger in Altötting, bei Franz Gäßler oder Alexander Uri in Eggenfelden, bei der Altbayerischen Verlagsanstalt, D. Geiger oder der Buchdruckerei des »Stadt- und Landboten« in Mühldorf am Inn, bei H. Döring in Neumarkt, bei G. Lermer in Trostberg oder bei Fr. Dempf in Wasserburg am Inn. Verständlich, dass man an Ort und Stelle, vielleicht auch aus geschäftlicher Verpflichtung heraus, drucken ließ. Außerdem: Die Zeit eilt denjenigen ohnehin davon, die mit den aufreibenden Vorbereitungen einer Bestattung belastet sind, die sie in den meisten Fällen aus heiterem Himmel treffen. Also wählt man, wenn nur irgend möglich, die kürzeren Wege. Und lässt den Buchdrucker am Ort leben. Ihm bringt man dann vielleicht auf Wunsch ein Foto des Verstorbenen, das 1930 noch aufgeklebt, sechs Jahre später aber schon als Klischee eingedruckt wurde.

Die Zeiten ändern sich rasch. Und mit ihnen sowohl die drucktechnischen Errungenschaften und der Geschmack. Das »Christliche Andenken im Gebete an den ehrengeachteten Andreas Gielhuber, Scheurer von Thann«, gestorben 1877, das bei D. Geiger in Mühldorf am Inn gedruckt wurde, weist in eine künstlerisch empfindsame Zeit zurück, die der Sterbens-Symbolik mit zerbrochener, verhängter Säule, umrankt vom immergrünen Efeu verpflichtet war. So etwas Schönes, Erhabenes und Allgemeingültiges wird man in dieser ganzen kleinen Sammlung Kraiburger Sterbebildchen allerdings vergeblich suchen.

HG

Literatur:
Hans Gärtner: »Andachtsbildchen. Kleinode privater Frömmigkeitskultur«, München: Sankt Michaelsbund 2004
Georg Hörwarter: »Ein Bildchen zum Schenken. Kleine Kulturgeschichte des Andachts- und Wallfahrtsbildchens«, Privatdruck, Meran 1986
Christa Pieske: »Das ABC des Luxuspapiers. Herstellung, Verarbeitung und Gebrauch 1860 »1930«, Berlin: Museum für Deutsche Volkskunde 1983



8/2005