Jahrgang 2019 Nummer 37

Gärtnerssohn als Schwindelprinz in Salzburg

Cajetan Treml foppt 1804 Professoren und Geschäftsleute – Nach Haftstrafe Karriere als Beamter

Zeitgenössische Zeichnung eines Klosters auf den Strophaden, der angeblichen Heimat des Schwindel-Prinzen. (Repros: Mittermaier)
Selbst der Rektor der Universität ging Treml auf den Leim. Hier die Gebäude der Hochschule auf einem Ausschnitt des Panoramas von Hubert Sattler 1829.

Sich mit fremden Meriten zu schmücken, ist in akademischen Kreisen ja beileibe kein unbekanntes Thema. Der folgende Fall, der sich 1804 in Salzburg abgespielt hat, ist aber trotzdem außergewöhnlich, denn der Protagonist, ein Gärtnerssohn aus Zangberg, half nicht etwa bei der Erlangung seines Doktortitels nach, sondern gab sich als italienischer Prinz aus. Aus dem unüberlegten Schwindel übermütiger Studenten entwickelte sich schnell eine satte Betrugsaffäre, die ein Salzburger Historiker 100 Jahre nach den Geschehnissen nachgezeichnet hat.

Im Mittelpunkt der Affäre: Cajetan Treml, 1783 als Sohn eines Gärtners in Mattighofen im österreichischen Innviertel zur Welt gekommen. Ein halbes Jahr nach seiner Geburt zieht die Familie nach Bayern, wo Vater Treml auf Schloss Zangberg im heutigen Landkreis Mühldorf am Inn eine Stelle als Gärtner antritt. Sohnemann Cajetan besucht ab 1798 zunächst die Schule im Kloster Gars, wo er neben Gesang auch Unterricht in Klavier, Waldhorn und Violine erhält. Als 1800 französische Truppen im Zuge der napoleonischen Kriege in die Region einfallen, muss das Seminar jedoch schließen, worauf der Jugendliche seine Studien in Passau fortsetzt. Seine Professoren bescheinigen ihm zwar nur »sehr schwache geistige Fähigkeiten«, doch das ficht Treml nicht an, trotzdem ein Hochschulstudium anzuvisieren. Ob er von seinen Eltern dazu gedrängt wurde oder möglicherweise zu jener Sorte Mensch gehörte, die sich ihrer intellektuellen Grenzen einfach nicht bewusst sind, ist im Nachhinein nicht mehr zu ergründen.

Skrupel, seine Pläne auch mit unlauteren Mitteln umzusetzen, hatte der Zangberger aber offenbar nicht, denn 1803 verschafft er sich mit einem gefälschten Abgangszeugnis einen Studienplatz an der Salzburger Benediktineruniversität. Dass man es an dortiger Stelle mit der Prüfung amtlicher Dokumente offenbar alles andere als genau nahm, sollte dann auch die weiteren Betrügereien entsprechend befördern.

Cajetan hatte derweil sein Quartier im hiesigen »Sternbräuhaus« genommen, wo auch zahlreiche andere Eleven wohnten, darunter ein Theologiestudent namens Leopold Elbl aus Thierhaupten im heutigen Landkreis Augsburg. Mit 30 Jahren um etliches älter als seine Kommilitonen, hatte der Sohn eines Hofrichters schon einiges erlebt: Zunächst wollte er Karriere beim Militär machen, war aber nach nur wenigen Wochen Dienst im kurfürstlich- bayerischen Regiment »Kurprinz« desertiert. Irgendwie landete er dann in Rom, wo er vier Jahre lang Philosophie und Theologie studierte, dann aber ohne Abschluss wieder in nördlichere Gefilde zurückkehrte.

Seit 1801 studierte er dann in Salzburg weiter vor sich hin, wobei er sich seinen Unterhalt unter anderem mit Italienisch-Stunden verdiente. In Cajetan Treml, dem es nicht nur an intellektuellen, sondern auch lebenspraktischen Fähigkeiten mangelte fand der mit allen Wassern gewaschene Schwabe ein williges Opfer. Elbl hatte nämlich schnell erkannt, dass der Gärtnersohn finanziell äußerst freigiebig war – und das mit Geld, das er eigentlich gar nicht besaß, sondern sich vom Rektor der Universität, Pater Johann Hofer, leihen musste.

Auf Pump zu leben, war damals zwar gang und gäbe, denn es gab keine Banken, bei denen man Bargeld abheben konnte, wenn das Portemonnaie leer war. Stattdessen ging man, mit entsprechenden Schreiben, in denen die Kreditfähigkeit von Dritten bestätigt wurde, zu Geschäfts- oder Privatleuten, um einzukaufen oder sich bestimmte Summen zu leihen. Für die Studenten in Salzburg war offenbar der Rektor der Hochschule eine derartige Anlaufstelle. Treml hatte sich von ihm mit einem gefälschten, angeblichen Dokument seiner Mutter 200 Gulden und von einem Professor noch einmal 100 Gulden geliehen. Als der Rektor mehrfach die Begleichung der Schulden anmahnte, kam Mutter Treml dann dahinter, was sich ihr Sohn geleistet hatte, schaffte die Angelegenheit aber mit ihren letzten Spargroschen aus der Welt.

Ermahnungen an den Herrn Sohn, in Zukunft bescheidener zu wirtschaften, fruchteten allerdings nicht. Schuld daran war ein Floh, den ihm Leopold Elbl ins Ohr gesetzt hatte. Treml hatte nämlich, als ihn Elbl nach seinen familiären Verhältnissen fragte, angedeutet, dass er vermute, gar nicht das leibliche Kind seiner Eltern zu sein, sondern in Wirklichkeit aus adeligem Haus zu stammen. Tremls Mutter sollte später erklären, dass ihr Sohn dieses Hirngespinst schon länger gehegt habe, was allerdings völliger Unsinn sei. Ob Treml womöglich an einer krankhaften Realitätsverzerrung litt, die ihn tatsächlich daran glauben ließ, der verheimlichte Spross blaublütiger Eltern zu sein oder ob er sich, jung und leichtgläubig, von seinen Kumpanen so in die Sache hineinreiten ließ, dass er nicht mehr herausfand, bleibt offen.

Elbl begann nun auf jeden Fall, den Möchte-Gern-Blaublüter zu bequatschten, dass er seine wahre Abstammung doch nicht verbergen brauche, sondern die seinem Stand zustehende, gesellschaftliche Anerkennung verdiene. Treml, der schon davon träumte, wie seine Umgebung vor ihm Kratzfüße machte, war begeistert, als ihm Leopold Elbl eine passende Vita verschaffte: Aus dem Zangberger Gärtnersohn wurde nun, quasi über Nacht, der Prinz Tunora, Fürst von Strivali, wobei sich Elbl bei der Beheimatung des Schwindel-Prinzen auf zwei im Ionischen Meer befindliche Inseln bezog, die im Italienischen unter der Bezeichnung Strivali – im Deutschen als Strophaden – bekannt sind. Während Elbls erfundene Fürstenfamilie soweit ganz plausibel daherkam, war der dazugehörige Stammbaum, den sein Mitverschwörer Anton Raming fabrizierte ein schon auf den ersten Blick derart miserables Machwerk, dass man nur den Kopf schütteln kann, wie Treml damit bei den entsprechenden Stellen durchkam. Selbst in Genealogie völlig unbedarften Zeitgenossen hätte nämlich auffallen müssen, dass es wohl nicht mit rechten Dingen zugehen kann, wenn Eltern – in dem Fall von Cajetans angeblichem Vater – bei dessen Geburt 103 und 96 Jahre alt gewesen sein sollen, und das war nicht der einzige Schnitzer Ramings, denn der Opa mütterlicherseits hätte es demnach gar mit sagenhaften 123 Jahren noch geschafft, seine zwar im Vergleich zu ihm mit 80 Jahren geradezu jugendliche, biologisch aber trotzdem längst nicht mehr im gebärfähigen Alter befindliche Gattin zu schwängern.

Weder dem Rektor der Universität, dem Treml den Stammbaum überreicht hatte mit der Bitte, ihn zukünftig als Prinz anzusehen, noch dem als Jurist der Hochschule für die Prüfung der Ahnenliste hinzugezogenen Kollegen Hofers fielen diese hanebüchenen Angaben auf. Die beiden Herren verlangten von Treml zwar, um seinen Adelsstatus offiziell anerkennen zu können, noch eine Geburtsurkunde, doch das focht diesen nicht weiter an. Als frischgebackener Prinz hatte er schließlich ganz andere Dinge zu erledigen, als lästigen Papierkram: Er brauchte schleunigst eine standesgemäße Ausstattung, die er natürlich wieder nur auf Pump erwerben konnte, wobei er diesmal nicht nur Rektor Hofer erneut erleichterte, sondern auch bei etlichen Geschäftsleuten anschreiben ließ, die sich von der vermeintlich blaublütigen Abstammung ihres neuen Kunden blenden ließen.

Als wären dies nicht schon genug der Irrungen, begann Treml eine Affäre mit Josefine Grenier, Tochter eines Salzburger Ingenieurs, der er die Ehe versprochen und das nichtsahnende Mädchen, die sich schon als Prinzessin wähnte, zu deren Unglück auch noch geschwängert hatte. Das Verhältnis mit Josefine gab es natürlich nicht umsonst, denn die Geliebte begehrte Seidenkleider und anderen Flitterkram, wodurch Tremls Schuldenberg noch weiter wuchs. Auch für sich selbst hatte der »Prinz Tunora« eine ganze Reihe edler Gewänder schneidern lassen, die er mit selbstgefertigten Orden und Abzeichen schmückte und damit in Salzburg herumstolzierte. Als der Rektor davon erfuhr, verbot er Treml schärfstens, bis zur endgültigen Anerkennung seiner adeligen Abstammung in einer derartigen Aufmachung öffentlich aufzutreten. Doch der Prinz Tunora war von seiner neuen Rolle so berauscht, dass er gar nicht daran dachte, auf das Aufsehen, das er allerorts bekam, zu verzichten.

Inzwischen stand er jedoch bei diversen Geschäftsleuten dermaßen in der Kreide, dass diese, nachdem seine Durchlaucht trotz wiederholten Drängens keine Anstalten machen wollte, die entsprechenden Summen zu begleichen, sich an die Behörden wandten mit der Bitte, dem blaublütigen Herren doch Beine zu machen, damit sie zu ihrem Geld kämen. Anstatt sich den Beschuldigten sofort persönlich zur Brust zu nehmen, wurde Treml daraufhin per Brief vom kurfürstlichen Hof in Salzburg aufgefordert, er möge sich am 8. November 1804 im Rektorat der Uni zu einer Vernehmung einfinden. Jetzt bekam es der bis dahin offenbar vollkommen nonchalante Pseudo-Prinz dann doch mit der Angst zu tun und beschloss, sich aus dem Staub zu machen.

Um seine Spuren zu verwischen, teilte er seiner Geliebten brieflich mit, dass er sich nach Hause – sprich Strivali – begäbe,umdort endlich die fehlenden Papiere zu organisieren, doch in Wirklichkeit brach Treml zu Fuß in Richtung Laufen auf, von wo er dann mit der Post nach Hause fuhr. In Zangberg angekommen, beschlossen seine Eltern, dass er am besten zum weiteren Studium nach Innsbruck gehen sollte, bis hoffentlich Gras über die Sache gewachsen war. Der feine Herr Sohn verwickelte sich aber auch dort innerhalb kürzester Zeit in betrügerische Machenschaften, die ihn erneut zur Flucht zwangen.

Inzwischen war ihm auch die Salzburger Polizei auf den Fersen: Aufgrund eines Briefs, den er Anfang 1805 aus Ried im Innkreis an seine Eltern geschrieben hatte, gelang es Gendarmen, ihn am 12. März 1805 in Ried festzunehmen. Für ihre Betrügereien mussten sich Treml und Elbl, der mittlerweile auch geschnappt worden war, drei Monate später vor einem Salzburger Gericht, verantworten. Cajetan Treml wurde am Ende wegen »verübter großer und vielfältiger versuchter Betrügereien« zu drei Jahren Festungshaft verurteilt. Leopold Elbl kam mit einem dreiwöchigen Arrest davon sowie am Anfang und Ende seiner Haft je zwölf Karbatschenstreiche.

Anton Raming hatte sich einer Verhaftung entziehen können, kam aber wenig später tragisch ums Leben. Von Salzburg zunächst nach Bayern geflohen, hatte er sich in Bamberg von preußischen Werbern anheuern lassen. Beim Abmarsch der neuen Rekruten versuchte Raming zu desertieren, ertrank auf der Flucht aber in der Regnitz. Cajetan Tremls weiteres Leben verlief, im Gegensatz zu seiner Studienzeit, geradezu langweilig: Von seiner Haft musste er nur sechs Monate absitzen, da der österreichische Kaiser Franz I., nachdem Salzburg im Zuge des Pressburger Friedens 1805 an die Habsburger gefallen war, eine Amnestie erlassen hatte.

Unter dem leicht abgeänderten Namen »Trembl« erhielt der Schwindel-Prinz eine Stelle als Büroangestellter beim königlich-bayerischen Haupt-Stempel-Verwaltungs- und Verlagsamte in München, von wo er später in die zentrale Staatskasse wechselte und dort 1856 in den Ruhestand trat. Auch privat blieb der Gärtnerssohn dann doch bei seinen Leisten und heiratete eine Gärtnerstochter.

Cajetan Treml starb am 8. April 1860 im Alter von 77 Jahren in München. 1904 veröffentlichte der Salzburger Musikschriftsteller und Heimatforscher Johann Evangelist Engl die Schwindelgeschichte um den Prinzen Tunora in den »Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde«.

Johann Evangelist Engl ist heute übrigens weniger für seine schriftstellerische Leistung sondern als Gründer der »Internationalen Stiftung Mozarteum«, bekannt, die er 1870 mit einer Gruppe Salzburger Bürgern aus der Taufe hob, um das Erbe Wolfgang Amadeus Mozarts in dessen Geburtsstadt zu bewahren.

 

Susanne Mittermaier

 

37/2019