Jahrgang 2005 Nummer 34

Eleganz auf Rädern

Das Museum für Automobilgeschichte in Amerang

Sportwagen der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts im Automobilmuseum Amerang.

Sportwagen der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts im Automobilmuseum Amerang.
Der Benz-Sporttourenwagen (1921) mit 70 PS war ein Statussymbol der gehobenen Gesellschaft.

Der Benz-Sporttourenwagen (1921) mit 70 PS war ein Statussymbol der gehobenen Gesellschaft.
Dieser »Reitwagen« von 1885 mit 0,5 PS und 12 km/h gilt als Vorläufer des Motorrades.

Dieser »Reitwagen« von 1885 mit 0,5 PS und 12 km/h gilt als Vorläufer des Motorrades.
Heute besuchen wir das Auto-Museum in Amerang. Die Gemeinde Amerang liegt nordwestlich des Chiemsees und ist über die Landstraße von Bad Endorf nach Wasserbug, in Halfing abzweigend, zu erreichen. Eigentlich haben wir uns vom Besuch des Museums Auskunft über einige Details der modernen Autotechnik erwartet. Da standen Fragen über die Funktion einer Einspritzpumpe, des Turbodiesels oder die Entwicklung der modernen Autotechnik allgemein an. Aber schon der Name des Museums weist auf den Schwerpunkt der Ausstellung hin, die sich mit der Geschichte des Automobils im 20. Jahrhundert befasst.

In der 1990 eigens für das Museum gebauten Ausstellungshalle stehen auf einer Fläche von 6 000 m2 mehr als 2 000 Fahrzeuge, mit denen die Geschichte des Automobils von der Erfindung bis in unsere Tage nachzuvollziehen ist. In Sonderaustellungen werden, zeitlich begrenzt, Themenschwerpunkte aus der Automobilgeschichte aufgegriffen. Bis zum 31. Oktober 2005 ist die Sonderausstellung »Das Taxigewerbe im Wandel der Zeit« zu sehen. Das Museum ist übrigens eine private Einrichtung und der Initiative von Ernst Freiberger zu verdanken, der seinen Traum von automobiler Schönheit so verwirklichen konnte.

Vorweg ein Blick auf die historischen Anfänge des Automobils. Vorläufer des Autos mit Verbrennungsmotor waren durch zweizylindrige Dampfmaschinen angetriebene Wägen, die der französische Ingenieur Joseph Cugnot 1770 erfunden hat. Den ersten Viertakt-Verbrennungsmotor ließ sich Nikolaus Otto 1877 patentieren. Gottlieb Daimler und Karl Benz entwickelten den Motor weiter. Ein von einer Elektrobatterie ausgelöster Funke zündete das Benzin, wodurch der Kolben in einem Zylinder bewegt wurde. Die beiden im Eingangsbereich ausgestellten Oldtimer von Karl Benz von 1886 gehören der ältesten Automobilgeneration an. Pferdekutschen sind als ihre Vorgänger deutlich zu erkennen. Statt von Pferden gezogen, wurden sie von einem über der Hinterachse eingebauten Motor angetrieben. Hinter den ausgestellten beiden ersten Autos sind auf Marmorsäulen die Namen der Pioniere des Automobilbaus zu lesen.

Der eigentliche Durchbruch zum modernen Automobil erfolgte 1900, als Emil Jelinek, österreichisch-ungarischer Konsul in Nizza, das Auto als Luxusgefährt für die gehobene Gesellschaftsschicht an der Riviera entdeckte. Anlässlich einer Reise nach Cannstatt sicherte sich Jelinek die Verkaufsrechte für das von Wilhelm Maybach technisch weiter entwickelte Automobil für Frankreich, Belgien, Österreich-Ungarn und die USA. Er gab dem Auto den Namen seiner ältesten Tochter Mercedes. Damit war der bisher von Pferden gezogene Wagen zu einem selbstständigen, also ohne fremde Hilfe betriebenen Gefährt, zu einem Auto, geworden. Das Wort Automobil ist vom griechischen autos »selbst« und dem lateinischen mobilis »beweglich« abgeleitet.

Bald erwies sich das Automobil als Erfindung, für die sich ein breites Publikumsinteresse ergab. Die mobile Gesellschaft hat damit ihren Anfang genommen. Bis heute ist das Auto eine für die gesellschaftliche Entwicklung der Menschheit entscheidende Erfindung geblieben. Fast gleichzeitig mit der Erfindung des Automobils ging mit dem ersten Gleitflugzeug von Otto Lilienthal 1894 und dem ersten Motorflug der Brüder Wright 1903 auch der Traum der Menschen vom Fliegen in Erfüllung.

Das Automobil war nach der Jahrhundertwende in eine Zeit hineingewachsen, in der der Adel und ein in der sogenannten Gründerzeit reich gewordenes Bürgertum seinen Luxus zur Schau stellen wollten. Der reiche Bürger wohnte auch in der Stadt in dem einem Schloss ähnlichen Palais und ließ sich in einem eleganten Automobil vom Chauffeur durch die Stadt fahren. Sehen wir uns vor diesem Hintergrund das mit »Fahrgästen« besetzte Cabrio gleich zu Beginn des Rundgangs an. Der Motor nimmt ebenso viel Platz ein wie der Fahrgastraum dahinter. Für den Fahrer ist ein eigener Sitz vorgesehen. Die Herrschaften haben auf ledergepolsterten Sitzen Platz genommen, die einem eleganten Wohnzimmersofa nachempfunden sind. Madame hat sich ihren Hut mit einem Schal festgebunden. Mit so einem stattlichen Automobil fährt man nicht ins Geschäft. Autofahren war in dieser Zeit ein Luxus, der der gehobenen Gesellschaftsschicht vorbehalten war.

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts war es offensichtlich ein Anliegen der Autokonstrukteure, den Kunden mit dem Auto Eleganz auf Rädern anzubieten. Die Vorderfront eines Mercedes aus dieser Zeit ist dafür ein Beispiel. Die schwarz lackierten Kotflügel gleichen, von vorne betrachtet, den bedrohlich ausgebreiteten Schwingen eines Urzeitvogels. Die Scheinwerfer lassen an weit aufgerissene Augen denken. Fließende, aufeinander harmonisch abgestimmte Formen bestimmen den Gesamteindruck. Der in der Mitte geteilte, silberne Kühlergrill eines BMWs von 1940 wird unten von der Stoßstange und seitlich von zwei bulligen Scheinwerfern eingerahmt. Das Auto hat ein Gesicht, wenigstens sehe ich es so.

In den 30er und 40er Jahren wurde das Auto nicht nur als Mittel zur Fortbewegung, sondern auch als Kunstgegenstand gesehen. Viele Details waren dem künstlerischen Gesamtkonzept der Autokonstruktion untergeordnet. Das Reserverad, außen an der Karosserie montiert, war mit Speichenfelgen und Weißwandreifen als Blickfang gediegener Eleganz gedacht. Heute ist das Reserverad bei vielen Automarken nur noch gegen Aufpreis erhältlich. Der mächtige Motor, dessen Haube mit Lederriemen gesichert ist, mochte an die 70 oder 80 Pferde erinnern, die im Motor gebändigt und so vor den Wagen gespannt scheinen. Bis heute ist die Bezeichnung PS für Pferdestärke, d. h. für die Kraft eines Motors gebräuchlich. Erst seit Kurzem wurde sie durch die Angabe von Kilowatt ersetzt.

Die technische Entwicklung der unseren Alltag bestimmenden Gebrauchsgegenstände passte sich offensichtlich den Bedürfnissen der Menschen an. Das ist auch in der im Museum so eindrucksvoll dargestellten Geschichte des Automobils deutlich nachzuvollziehen. Bald nach der Erfindung des Autos ergab sich der Anspruch der Gesellschaft, das Auto einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Der Durchbruch zur mobilen Gesellschaft war damit in die Wege geleitet. Die zunehmende Nachfrage erforderte bald die Einführung einer Massenproduktion.

Dabei hatte Amerika die Nase vorn. Im Jahre 1900 wurden in der ganzen Welt 9 000 Autos produziert, 4 192 davon allein in den USA. 1903 begann Henry Ford in seiner Fabrik das Fließband einzuführen, um die Produktion zu steigern und damit auch den Endpreis zu reduzieren. Ford hatte das Fließband zwar nicht erfunden, wohl aber erstmalig rationell im Betriebsablauf eingesetzt. Angeblich soll Ford bei der Betrachtung der Laufkatzen im Schlachthof von Chicago auf die Idee gekommen sein, das Fließband auch in der Autofabrik einzusetzen. Schon vorher war das Fließband in der Uhrenindustrie in Amerika gebräuchlich. ( Montagu Automobile S. 35 ). 1923 verkaufte Henry Ford bereits 1 817 000 Autos.

Der Bruch in der Entwicklung des Automobils vom Kunstobjekt zum alltagsgerechten Gebrauchsgegenstand ist auf einem Rundgang im Museum von Amerang gut nachzuvollziehen. Das 20. Jahrhundert war eine Zeit des Umbruchs, die durch die zerstörerischen Kräfte der beiden Weltkriege ebenso wie durch bahnbrechende technische Entwicklungen gekennzeichnet ist. Der Abschied von der Eleganz auf Rädern führte zum praktischen, fahrbaren Untersatz. Das von Hans Glas in Dingolfing konstruierte Goggomobil wurde ebenso wie die Isetta, der Borgward und der Kabinenroller diesen Ansprüchen gerecht. Ein preiswertes Auto mit geringen Betriebskosten entsprach diesen Anforderungen.

Die ausgestellten Kleinautos der 50er Jahre verführen beinahe dazu, eine Autotür zu öffnen und sich, wie eben damals, in dem über alles geliebten Goggo ans Steuer zu setzen. Aber davor schützt uns und das Auto eine Einzäunung und eine Tafel mit der Aufschrift »Berühren verboten«. Aber auch ohne Einsitz-Vergnügen lässt uns das Museum auf einer Nostalgie-Welle schweben, die durchaus nicht nur das Automobil betrifft. In das Bild einer liebenswerten Erinnerung an die gute alte Zeit passt ein Blick in die Küche und in das Wohnzimmer unserer Großeltern. Hier finden wir vieles wieder, was seinerzeit als technische Errungenschaft galt, wie den ersten Fernseher im Wohnzimmer, ein recht aufwändiges Tonbandgerät sowie viele andere heute schon in Vergessenheit geratene Haushaltsgeräte in der Küche.

Der Besucher, der sich für Sport- und Rennwagen begeistert, wird in der anschließenden Abteilung »Porsche« die Highlights in dieser Kategorie vom legendären 356er bis zum 600 PS starken 935er finden. Das Auto, das als elegantes Luxusgefährt für gehobene Ansprüche und auch als preiswertes und zweckmäßiges Fortbewegungsmittel vorgestellt wurde, zeigt sich jetzt als gebündeltes Kraftpaket unter der windschnittigen Karosserie, in dem sich der Rennpilot dem Rausch der Geschwindigkeit hingeben konnte. Mit einem gebündelten Kraftpaket unter der Motorhaube galt es, auf der Rennstrecke eben noch schneller zu sein als der Gegner. So schuf das Auto dem Menschen die Illusion, über sich hinauswachsen zu können.

Für Besucher, die einmal das Gefühl eines Piloten auf einer Autorennstrecke auskosten möchten, ist das Modell eines Formel I Wagens aufgebaut, dessen Fahreigenschaften auf einem Simulator erprobt werden können. So kann man im Automobilmuseum auch einmal richtig »Autofahren«. Dem Taxi ist eine Sonderausstellung gewidmet. Von der von Pferden gezogenen Droschke führt eine lange Entwicklung zum modernen Taxi. Taxiautos, die mit ihrer luxuriösen Ausstattung durchaus mit den hochherrschaftlichen Edelkarossen vergleichbar sind, standen auch dem kleinen Mann vielleicht nur für eine einmalige Vergnügungsfahrt zur Verfügung. So konnte er sich auch einen Chauffeur leisten und sich, wenn auch nur für eine kurze Taxifahrt, der gehobenen Gesellschaft zugehörig fühlen.

Nun ist der Rundgang durch ein Jahrhundert Automobilgeschichte zu Ende. An der Kasse am Eingang werden Miniaturautos zum Verkauf angeboten. Ein Mercedes 1940 für 16,50 Euro und ein Horch für 18,30 Euro. Die Faszination des Museums ist so handgreiflich mit nach Hause zu nehmen, vergleichbar mit den Fotos einer Gemäldegalerie. Ich denke beim Kauf einiger Miniaturautos daran, dass ich sie zu Hause auf meinen Schreibtisch stellen werde. Sie werden mich nicht nur an einen interessanten Museumsbesuch in Amerang erinnern, sondern mir auch Symbol für das Automobil und seine Anpassung an die Illusion und die Wünsche seiner Benutzer gelten.

Beinahe hätte ich die Modelleisenbahnausstellung im Keller des Museums übersehen. Ich lese dazu im Prospekt: Eine Anlage der Superlative. Auf einer Fläche von 500 m2 sind 650 m Gleise verlegt. In einem anschließenden Raum sind 1 200 Exponate aus dem Reich der Miniatureisenbahnen ausgestellt. Modelleisenbahnen bringen nicht nur Kinderaugen zum Leuchten. Die Züge auf der Spur II fahren an einem Bahnhof und an einer Hafenanlage vorbei. Bei Vorführungen wird alles, wie eben im richtigen Leben, originalgetreu nachgestellt. Da hält der Zug vor einem Signal. Die Bahnschranke wird geschlossen. Loks werden ausgewechselt und am Hafen wird die Fracht auf ein Schiff verladen.

Vielleicht ist die Modelleisenbahn doch ein Spielzeug. Aber kein Kinderspielzeug in dem uns gewohnten Sinne. Dass Väter oft noch mehr als ihre Sprösslinge mit Hingabe mit Modelleisenbahnen »spielen«, ist allgemein bekannt. Mit einem Knopfdruck können Züge angehalten und weiter gefahren werden. Weichen und Signale können gestellt werden. So könnte das auch im Alltag funktionieren. In einem Stellwerk Züge zu dirigieren vermag schon das Gefühl von Macht zu vermitteln, der sich die Technik und vielleicht auch Menschen unterordnen.

Die Eisenbahn, die Mitte des 19. Jahrhunderts mit Dampf betrieben, ungeheuere Lasten auf der Schiene bewegte und damit den Traum des Menschen von einer von den Pferden unabhängigen Fortbewegung verwirklichte, ist ebenso das Automobil eine technische Faszination von einer historischen Dimension. So besteht zwischen der Modelleisenbahn und der Präsentation der Autogeschichte im Museum ein offensichtlicher Zusammenhang. In beiden Bereichen ist der Mensch in der Technik über sich hinaus gewachsen. Er hat sich als Meister seiner Erfindungen erwiesen.

So sind viele des Nachdenkens werte Aspekte gegeben, die das Automobilmuseum dem Besucher mit auf den Weg geben kann. Faszinierende Technik, Kunst am Auto und die Chance, das Auto den zeitgerechten Bedürfnissen des Menschen anzupassen. Am Parkplatz steht mein Golf, mit dem ich nun nach Hause fahren werde. Es ist für mich immer durchaus nicht selbstverständlich, mit der Bewegung meines Fußes am Gaspedal eine Kraft freizusetzen, die mit einhundert Pferdestärken vergleichbar ist, so als ob einhundert Pferde meinen Wagen ziehen würden.

Das Auto hat im vergangenen Jahrhundert die Welt verändert. Das Auto gehört auch heute noch zu unserem Alltag, wenn auch die damit verbundenen Probleme anderer Art sind als die, die uns im Museum gezeigt wurden. Die Umweltverschmutzung durch Autoabgase, Staus auf überfüllten Autobahnen und überhöhte Benzinpreise machen Autofahren heute oft zum Problem. So ist es vielleicht auch eine Reiz des Automobilmuseums, uns eine Autofaszination vorzustellen, in der unsere heutigen negativen Perspektiven vom Auto noch keine Bedeutung hatten.

DD

Quelle zum geschichtlichen Hintergrund: Lord Montagu »Schöne alte Automobile«.



34/2005