Jahrgang 2019 Nummer 43

»Eine Gabe des Himmels, den Irdischen geschenkt«

Salz war seit jeher nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch Allheilmittel gegen Krankheiten

Böses Omen: Beim »letzten Abendmahl« lässt der Künstler Leonardo da Vinci Judas ein Salzfass umstoßen. Ausschnitt aus einer im Mosaik gefertigten Kopie von Giacomo Raffaelli, die in der Wiener Minoritenkirche hängt.
Kleine Holzkirchen dienten in Südtirol zur Aufbewahrung von geweihtem Salz.
Die »Salzprinzen«: Franz Joseph, Karl Ludwig und Ferdinand Maximilian (von links). (Repros: Mittermaier)

Schon Leonardo da Vinci wusste um die symbolische Bedeutung des »Weißen Golds«: In seinem 1497 vollendeten Gemälde »Das letzte Abendmahl« lässt er Judas ein Salzfass umstoßen. Ein böses Omen, denn verstreutes Salz bedeutet Unglück, und das folgt, wie aus der Passionsgeschichte wohlbekannt ist, auf dem Fuß: Judas verrät Jesus, der daraufhin von den Römern verhaftet und gekreuzigt wird. Tatsächlich hatte das Salz schon zu Lebzeiten Jesu Christi eine nicht nur im Christentum mystische Bedeutung, die sich, über Kulturräume und Epochen hinweg bis in die Neuzeit gehalten hat. Wie so oft bei althergebrachten Bräuchen vermischen sich dabei religiöse, abergläubische und medizinische Praktiken, die, in der historischen Rückschau, Einblick geben in die Lebenswelt unserer Vorfahren. Schon antike Gelehrte wussten um die Bedeutung von Salz als Nahrungs- und Heilmittel: Der griechische Arzt Pedanius Dioscurides, der im ersten Jahrhundert nach Christus in der römischen Provinz Kilikien – heute Türkei – lebte, empfahl: »Salz gehört zu jeder Mahlzeit, und wer es sinnvoll darein tut, wird ein langes Leben haben.«

Salzverzehr trage nicht nur zur Fortpflanzung und zum Wohl der Familie, sondern auch der Stärkung des Gemeinwesens bei: Die Produktion von Salz wie auch der Handel war lange ein Garant für lukrative Geschäfte – und darüber hinaus ein Mittel, durch dessen Verkauf und Vertrieb sich prima Geld in staatliche Kassen in Form von Steuern spülen ließ, denn Salz ist für den Menschen unverzichtbar. Demgemäß stellte der Naturhistoriker Plinius der Ältere bereits um 77 nach Christus in seiner »Historia Naturalis « fest: »Ohne Salz kann das menschliche Leben nicht bestehen. Es ist eine Gabe des Himmels, den Irdischen geschenkt.«

In der Antike war Salz neben der Verwendung in der Küche kulturübergreifend auch ein wichtiges Element: Sowohl bei Speise- wie auch tierischen Brandopfern an die GötterkamSalzzumEinsatz. Bei den Israeliten wurden Buben zur Taufe vor der dabei üblichen Beschneidung mit Salz eingerieben, beides Symbole, dass der Täufling einen Bund mit Gott geschlossen hat. Im Christentum wurde die Beschneidung zwar bald durch die Wassertaufe ersetzt, Salz kam aber weiter zum Einsatz: Vor der Salbung wurde dem zu Taufenden eine Prise auf die Zunge gegeben mit Sprüchen wie: »Nimm das Salz der Weisheit, auf dass dir Christus gnädig sei zum ewigen Leben.«

Der Kirchenreformator Martin Luther sollte sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts als entschiedener Gegner derartiger Rituale erweisen. In seinem »Sermon von dem heiligen hochwürdigen Sakrament der Taufe« wettert er: Bräuche wie »unter die Augen blasen, bekreuzigen, Salz in den Mund geben, Speichel und Erde in die Ohren und Nase tun; mit Öl auf der Brust und den Schultern salben und mit Chrisam die Scheitel bestreichen, Taufhemd anziehen und brennende Kerzen in die Hände geben«, überwucherten den eigentlichen Sinn der Taufe – und seien überdies wohl alles andere als die rechten Griffe, um den Teufel zu verschrecken. Von der katholischen Kirche wurde die Bedeutung von Salz als Symbol für Reinheit, Weisheit und Kraft allerdings mit entsprechenden Bibelstellen untermauert, wie zum Beispiel die Geschichte des Propheten Elisa aus dem Alten Testament: Als sich die Bewohner der Stadt Jericho bei ihm beklagten, dass ihr Wasser »böse« sei und unfruchtbar mache, ließ sich der Prophet eine Schale Salz bringen, kippte deren Inhalt ins Wasser und berichtete den Menschen, dass der Herr die Quelle damit wieder gesund gemacht habe.

Und im Neuen Testament nach Matthäus verkündet Jesus in der Bergpredigt gegenüber der versammelten Gemeinde: »Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen. Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.« In diesem Gleichnis spielt Jesus auf die schon in der Antike bekannte Wirkung von Salz als Konservierungsmittel hin: Wenn der Mensch glaubt, dann werde er genauso vor der Fäulnis, sprich dem Bösen bewahrt wie Lebensmittel durch Salz. Seit dem Hochmittelalter ist auch der Brauch bekannt, Salz in der Kirche zu weihen, was in Österreich typischerweise am Stefanitag – dem 26. Dezember – und in Bayern am Dreikönigstag, also dem 6. Januar, geschah. Heute ist dieses Ritual weitgehend vergessen, nur in den Diözesen Mainz und Speyer bringen Gläubige noch am Dreifaltigkeitstag – dem ersten Sonntag nach Pfingsten – mit Salz gefüllte Tassen in die Kirche, um sie weihen zu lassen. In Bayern war die kirchliche Salzweihe zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein noch weithin gepflegter Brauch, wie ausdem1910 erschienenen Buch »Volkskundliches aus dem bayerisch-österreichischen Alpengebiet« von Marie Andree-Eysn hervorgeht. Vor allem die bäuerliche Bevölkerung nahm das Salz nach dem Gottesdienst gern mit nach Hause, um es dort im Jahreskreislauf sowohl zum Schutz gegen Böses wie auch als Symbol des Blühens und Gedeihens zu verwenden. Etwas Salz in den Brunnen geworfen sollte das Wasser rein halten. Wer sein Wasser aus einem laufenden Gewässer, wie etwa einen Bach schöpfte, musste etwas Salz in dessen Quelle rieseln lassen. Das übrige geweihte Salz wurde das ganze Jahr über sorgfältig aufbewahrt und kam bei verschiedenen Gelegenheiten zum Einsatz: Ging zum Beispiel das Weihwasser aus, konnte man es durch gewöhnliches Wasser ersetzen, wenn man etwas von dem geweihten Mineral hinzugab. Neu gekauften Kühen wurde das besondere Salz verabreicht, ehe sie den Stall zum ersten Mal betraten und ebenso vor jedem Rendezvous mit dem Stier. Die Bäuerin wiederum gab vor dem Buttern Salz ins Butterfass.

Als besonders in Oberbayern gepflegten Brauch nennt Marie Andree-Eysn das Herstellen eines Salzsteins: Dabei wurde das geweihte Salz mit geweihtem Wasser in eine Schüssel gegeben. Den Salzbrei ließ man stehen, bis die Flüssigkeit verdunstet war. Zurück blieb eine feste Salzmasse in Scheibenform, die in der Mitte mit einem Loch versehen und zum Schutz gegen schlechte Einflüsse mit einem Bindfaden im Bauernhaus aufgehängt wurde. Eine Variante dazu war das in Südtirol praktizierte Aufhängen der Salzscheibe oder eines vergleichbaren Salzblocks in einem hölzernen Miniatur-Gotteshaus, genannt »Salzkirchl«. Der Salzbrocken wurde üblicherweise jeden Abend aus dem Kirchlein genommen und alle Hausbewohner knabberten reihum daran, um sich gegen Hexen, Alpdruck oder einen plötzlichen Tod zu schützen. Noch heute ist es üblich, Personen beim Einzug in eine neue Behausung, teilweise auch zur Hochzeit, Brot und Salz als Geschenk zu reichen als Zeichen der Gemeinschaft und mit dem Wunsch, die neuen Bewohner oder das neue Paar möge ein Leben in Wohlstand und Gesundheit verbringen.

Auf einen bis in die Antike zurückgehenden Brauch verweist übrigens auch der im Deutschen als Synonym für Lohn stehende Begriff »Salär«. Römische Soldaten erhielten damals als Teil ihres Soldes Salz, das »Salarium«. Die Zahlung in Naturalien fiel im Lauf der Zeit zwar weg und wurde durch Geld ersetzt, der Begriff »Salarium« blieb indes bestehen und wurde so zum allgemeinen Wort, das, aus dem Lateinischen entlehnt, auch in die Sprache der Bewohner jenseits der Alpen einfloss. Längst vorbei ist allerdings die Bedeutung von Salz als »Weißes Gold«, das in früherer Zeit so genannt wurde, weil das kristalline Mineral so kostbar war, dass es beinahe mit Edelmetall aufzuwiegen war. Heute ist Salz ein Billigprodukt – ein Pfund Speisesalz kostet beim Discounter gerademal 19 Cent und sparsam verwendet wird es allenfalls von Gesundheitsaposteln. Wer sich dagegen gern von Fertigprodukten bzw. Fast Food ernährt, nimmt zum Teil weit mehr Salz auf, als seiner Gesundheit zuträglich ist, weshalb Mediziner in schöner Regelmäßigkeit Alarm schlagen und vor dem Verzehr von allzu salzigen Produkten wie Hering, Räucherschinken, Dosengemüse, Käse oder Kartoffelchips warnen. Ein zu hoher Salzkonsum steht nämlich im Verdacht, hohen Blutdruck und damit Schlaganfälle zu begünstigen – und den Nieren soll zu viel Natriumchlorid auch nicht unbedingt gut tun.

Allerdings gibt es mittlerweile auch Studien, die den Zusammenhang von hohem Salzkonsum und gesundheitlichen Folgeschäden in Zweifel ziehen. Was in dieser Diskussion meist vergessen wird: Auch eine zu geringe Salzzufuhr kann die Gesundheit erheblich beeinträchtigen, denn zu wenig Salz – als Richtwert gelten etwa sechs Gramm pro Tag – kann den Elektrolythaushalt durcheinanderbringen. Hyponaträmie, so die medizinische Bezeichnung für eine zu niedrige Natriumkonzentration im Blut, führt unter anderem zu allgemeiner Schwäche, Unwohlsein, Schwindel sowie Gangunsicherheit, was besonders bei älteren Menschen die Gefahr von Stürzen und damit entsprechenden Verletzungen massiv erhöht.

Selbst mit Salzprinzen und Salzprinzessinnen kann die Geschichte aufwarten – wobei erstere real, die weibliche Variante dagegen von den Gebrüdern Grimm gut erfunden worden ist. In der Erzählung »Die Gänsehirtin am Brunnen« lieferten die beiden Literaten ein Motiv, das später in anderen Märchen übernommen wurde: Dabei geht es um einen König und seine drei Töchter, von denen diejenige, die den Vater am liebsten hat, dessen Nachfolgerin werden soll. Um herauszufinden, welche seiner Mädchen die größte Zuneigung zu ihm hegt, müssen die drei ihm beantworten, wie sehr sie ihn lieben: Bei den Gebrüdern Grimm gaben die älteste Tochter zur Antwort: »Ich hab den Vater so lieb wie den süßesten Zucker«, die Zweite sprach: »Ich hab ihn so lieb wie mein schönstes Kleid«. Die Jüngste wusste zunächst nicht, was sie sagen sollte, erklärte aber auf Drängen des Königs, dass die beste Speise ihr nicht ohne Salz schmecke, weshalb sie den Vater so liebe wie Salz. Als der König das vernahm, geriet er in Zorn und schrie: »Wenn du mich so liebst wie Salz, dann soll deine Liebe auch mit Salz belohnt werden.« Sprach's und teilte sein Land in zwei Teile, die er den älteren Töchtern überließ. Seiner Jüngsten dagegen ließ er einen Sack mit Salz auf den Rücken binden und jagte sie in den Wald. Später bereut er seine Tat jedoch und macht sich auf die Suche nach der Verstoßenen, um sich mit ihr zu versöhnen, wobei das Salz in der Grimm'schen Originalversion keine weitere Rolle spielt.

In anderen Varianten wie im Fernsehfilm »Die Salzprinzessin« aus dem Jahr 2015, geht im Lauf der Zeit im Land das Salz aus, worauf der König dessen Bedeutung und die Konsequenz seiner Handlung erkennt und die Prinzessin zurückholt, die dann Marke Friede-Freude-Eierkuchen – in den übrigens traditionell auch eine Prise Salz gehört – auf dem Weg zurück zum Vater auch gleich noch ihren Traumprinzen aufgabelt. Vielleicht nicht mit dem erhofften Märchenprinzen, dafür aber mit einem waschechten »Salzprinzen« war die bayerische Prinzessin Elisabeth, besser bekannt als »Sisi«, verheiratet. Franz Josef von Österreich – bei der Hochzeit 1853 dann schon Kaiser – trug, wie zwei von drei seiner Brüder, den Beinamen »Salzprinz« weil ihre Mutter, Erzherzogin Sophie, erst nach Kuraufenthalten zwischen 1827 und 1829 in Bad Ischl den bei den Habsburgern sehnsüchtig erwarteten Nachwuchs bekam. Zuvor hatte die ebenfalls bayerische Prinzessin fünf Fehlgeburten erlitten. Auf Empfehlung ihrer Ärzte nahm Sophie schließlich Solebäder im Salzkammergut – und wurde 1830 prompt von einem gesunden Buben, Franz Joseph, entbunden, dem kurz darauf noch zwei weitere Erzherzöge folgten.

 

Susanne Mittermaier

 

43/2019