Jahrgang 2019 Nummer 40

Dreizehnhundert Jahre beten und arbeiten

Ein Rundgang durch das Museum St. Peter in Salzburg

St. Rupert tauft den Bayernherzog Theodo, Gemälde von Frans de Neves, um 1670.
Das Rupertuskreuz, im 7. Jahrhundert in England entstanden.
Blick in einen Ausstellungsraum.
Madonna mit Kind, Werkstatt von Michael Pacher.
Die lange Galerie von St. Peter.
Im Kreuzgang des Klosters.

Das Museum St. Peter ist das jüngste Museum in Salzburg und existiert erst seit der Eröffnung des Domquartiers im Jahre 2014. Sein Besuch ist nur im Rahmen des Domquartiers möglich – was bedeutet, dass man erst die Residenzgalerie, dasDommuseumund die Kunst- und Wunderkammer passieren muss, bis man durch die 70 Meter lange Galerie das Museum erreicht. Durchwanderte Strecke: 1,3 Kilometer.

Die Erzabtei St. Peter bezeichnet sich als das älteste Benediktinerkloster im deutschen Sprachraum. Aus seiner über 1300-jährigen Vergangenheit mit ihren Höhen und Tiefen kann man im Museum eine Auswahl seiner Kunstschätze und sakralen Gegenstände, seiner Handschriften, historischen Ansichten, naturkundlichen Sammlungsgegenständen und kunstgewerblichen Arbeiten bewundern. Nicht nur vor dem Eingang, sondern auch im weiteren Verlauf des Rundgangs ist die Gestalt des heiligen Rupert die beherrschende Persönlichkeit. Frühere Generationen sahen in ihm den Begründer des Christentums in Salzburg, doch neuere Forschungen haben ergeben, dass bei seinem Eintreffen um das Jahr 700 hier bereits romanische Christen lebten und eine spätantike, klosterähnliche Kultstätte existierte, die er erneuerte und mit besseren Baulichkeiten einschließlich einer Kirche zu Ehren des heiligen Petrus erweiterte. Nicht zu diesem Altbestand gehören die sogenannten Katakomben im St. Petersfriedhof an der Steilwand des Mönchsbergs, die erst viel später künstlich aus dem Fels geschlagen wurden.

Gestorben ist Rupert in Worms, seinem Heimatbistum. Sein Nachfolger Virgil ließ seine Gebeine nach Salzburg überführen. Allerdings erwies sich das sogenannte Rupertusgrab in der Stiftskirche bei den Grabungen 1979 als spätere Grabanlage aus dem 12. Jahrhundert. Trotzdem lebt die Überlieferung weiter, dass die Stadt Salzburg untergehen werde, wenn die Ampeln am Rupertusgrab einmal verlöschen sollten.

Aus Ruperts Lebenszeit gibt es natürlich keine Exponate. Die einzige Ausnahme, das sogenannte Rupertuskreuz aus dem 7. Jahrhundert wird in Bischofshofen aufbewahrt, wo Rupert ein zweites Kloster gegründet hat. Zu sehen ist aber im Museum das sogenannte Rupertuspastorale (Abtstab in Form des griechischen Buchstaben Tau) aus dem 11./12. Jahrhundert und das hundert Jahre jüngere in Frankreich entstandene Limoges-Pastorale, dessen Krüme in einem Fabeltier ausläuft, das im geöffneten Maul eine Blüte hält. Weitere sehr alte Stücke sind die Keutzl-Mitra (1480) und der Keutzl-Abtstab (1487), beides Erwerbungen des Abtes Keutzl; sie wurden bis ins 20. Jahrhundert an hohen Festtagen in der Liturgie verwendet.

Die Bildende Kunst ist bei der Ausstellung nur am Rande durch einige Gemälde aus den Wohnräumen des Klosters und durch Altarbilder vertreten. Für eine spezielle Bildergalerie fehlten die räumlichen Möglichkeiten. Eindrucksvoll sind die Predellatafeln aus der Margarethenkapelle mit den lateinischen Kirchenvätern aus der Stäber-Werkstätte in Rosenheim. Stäber war ein Mitarbeiter Michael Pachers, dessen herrliches Engelsbild an den Verkündigungsengel auf dem Pacheraltar in der Alten Pinakothek in München denken lässt.

Ein heute nahezu ausgestorbenes Kunsthandwerk stellen die mit größter Subtilität »bossierten« Wachsarbeiten dar, die im 18. Jahrhundert ihre Blütezeit erlebten. Die in der Regel nur um die zehn Zentimeter großen Gebilde stammen vom berühmten Bossierer J. B. Cetto in Tittmoning. Sie zeigen meist heilige Männer und Frauen und waren wohl zur frommen Betrachtung bestimmt. Äußerst makaber muten uns dagegen die in verzinktes Blech geätzten Folterszenen heiligen Märtyrer an, die man nicht ohne inneres Grausen betrachten kann.

Wie alle Klöster hatte St. Peter das Bestreben, autark zu sein und alles, was zum Leben notwendig war, selbst zu erzeugen. Deshalb gab es vielerlei Gewerbe- und Handwerksbetriebe, eine eigene Wasserversorgung und später ein eigenes Kraftwerk. Das finanzielle Polster bildete der weit verstreute Landbesitz des Stifts. Er stammte in der Regel von reichen Familien, die sich durch die fromme Schenkung ein gutes Plätzchen im Jenseits sichern wollten. Eine Landkarte verzeichnet die Orte, über die St. Peter die Grundherrschaft ausübte, davon eine ganze Reihe im heutigen Bayern mit den Urbarämtern Laufen, Traunstein mit Grassauertal, Weildorf, Tittmoning und Mühldorf, wo jeweils ein aus der Bevölkerung stammender Amtmann für die Ablieferung der Abgaben Sorge trug.

Ein interessantes Detail am Rande: Nach mittelalterlicher Ansicht war bei kirchlichen Einrichtungen der Patron oder Schutzheilige der eigentliche Eigentümer, Abt und Konvent waren nur seine Sachwalter und trafen in seinem Namen die Entscheidungen.

Anhand einer Zeitleiste können Besucher die Historie des Klosters »im Fluss der Geschichte« verfolgen. Einen absoluten Höhepunkt brachte das Barockzeitalter mit bewundernswerten Leistungen in Kunst und Wissenschaft, die Zahl der Mönche erreichte ein Rekordniveau. Die aus dem Gymnasium hervorgegangene Benediktiner- Universität, die 1622 ihren Betrieb aufnahm, bestand aus einer theologischen, einer philosophischen und einer juridischen Fakultät und erfreute sich eines regen Zuspruchs, bis sie den Napoleonischen Wirren zum Opfer fiel.

Anfang des 20. Jahrhunderts zeichnete sich St. Peter durch hervorragende theologische und philosophische Wissenschaftler aus, aber das Ziel, die Universität wieder zu errichten, sollte nicht gelingen. Ein kleines Relikt dieser anspruchsvollen Bemühungen sind die jährlich stattfindenden Salzburger Hochschulwochen in der Aula der Universität. Auch stellt das Kloster bis heute Professoren für die theologische Fakultät der staatlichen Universität. In Anbetracht seiner Verdienste um Wissenschaft und Erziehung wurde St. Peter vom Papst zur Erzabtei erhoben.

Heute ist die Zahl der Konventmitglieder auf 21 gesunken, viel zu wenig für das große, traditionsreiche Kloster. Dementsprechend groß ist die Zahl der weltlichen Mitarbeiter, die heute rund 80 beträgt. Die Mönche betreuen vier Pfarreien und die Wallfahrt Maria Plain. Auch die Umbrüche in Kirche und Gesellschaft gingen am Erzstift nicht spurlos vorüber. So sind die Mönche immer noch dabei, sich von der Erschütterung durch den Skandal vor wenigen Jahren zu erholen, als der damalige Erzabt zwei Jahre nach seiner Wahl wegen eines Missbrauchsfalls zurücktreten musste.

Als historisches Schmankerl erfährt der Museumsbesucher, dass St. Peter seit dem Jahre 1121 für fünf Jahrhunderte als Doppelkloster organisiert, das heißt in Union mit einem Frauenkonvent, verbunden war. Die Nonnen hießen die »Petersfrauen«, sie unterstanden dem Abt von St. Peter, verfügten jedoch über eigenen Grundbesitz und lebten wie die Mönche nach der auf St. Benedikt zurückgehenden Maxime »Ora et Labora – Bete und Arbeite«. Sie widmeten sich Strick- und Näharbeiten und dem Spinnen, aber auch dem Abschreiben von biblischen und liturgischen Schriften, von denen einige Beispiele im Museum zu sehen sind. Das Klostergebäude der Petersfrauen stand zwischen der Abtei St. Peter und der Franziskanerkirche. Nach der Aufhebung des Frauenklosters zogen die Franziskaner in das Gebäude ein.

 

Julius Bittmann

 

40/2019