Jahrgang 2019 Nummer 50

Drei Aufsteiger aus dem Bauernstand

Die Brüder Hagenauer prägten die Kunstlandschaft von Salzburg

Johann Baptist Hagenauer, Ölgemälde seiner Frau Rosa Barducci.
Stadtseite des Neutors, Entwurf von Johann Baptist Hagenauer.
Gedenkstein an die Brüder Hagenauer in Ainring.

Dass eine Familie zehn oder mehr Kinder hat, kommt bei uns heute höchst selten vor. Früher war das ganz normal. Leider erlebten von den vielen Neugeborenen nur wenige das Erwachsenenalter, weil die Säuglings- und Kindersterblichkeit extrem hoch war, begründet durch mangelnde Hygiene, Infektionen, falsche Ernährung. So hatte bekanntlich Wolfgang Amadeus Mozart sechs Geschwister, von denen nur zwei überlebten, seine eigene Frau Constanze schenkte fünf Kindern das Leben, nur zwei Buben überlebten.

Reichen Kindersegen gab es vor nunmehr dreihundert Jahren auch in der Familie des Bauern Wolfgang Hagenauer am Amanhof in Straß in der heutigen Gemeinde Ainring. Dort brachte Ehefrau Victoria Maria, geborene Hasenerl aus Thundorf, in zwanzig Ehejahren elf Kinder zur Welt. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn unter diesen Kindern nicht drei Söhne gewesen wären, die Karriere gemacht und sich als Architekten und Bildhauer in die Kunstgeschichte von Stadt und Land Salzburg eingeschrieben haben.

Der Erstgeborene Wolfgang (Jahrgang 1726) sollte nach bäuerlicher Tradition einmal den Hof erben, weshalb ihm bei der Taufe der Name des Vaters gegeben wurde, Johann Baptist kam sechs Jahre später zur Welt, und anno 1748 wurde das Nesthäkchen Johann Georg geboren. Alle drei schlugen schon sehr früh aus der Art. Nein, Bauer wie der Vater wollten sie nicht werden. Eher Handwerker, aber nur solche, die mit Säge und Schnitzmesser, Meterstab und Pinsel umgingen. Johann Baptist schnitzte schon als Fünfjähriger Krippenfiguren, Wolfgang zimmerte dazu nicht nur den passenden Schafstall, sondern als Kulisse Bürgerhäuser mit barocken Fassaden, wie sie wohl seinerzeit kaum in Bethlehem zu finden waren, sondern besser in die nahegelegene Residenzstadt Salzburg passten.

Über die Entdeckung von Johann Baptist Hagenauer schreibt der Abt von St. Peter in seinem Tagebuch, dieser sei einst nach Salzburg gekommen, um »Scheider« (Brennholz) zu verkaufen. Dabei sei der Handelsherr und Spezereienverkäufer Lorenz Hagenauer auf ihn aufmerksam geworden. »Er unterhielt sich mit ihm, und da er fand, dass der Junge Geist und Talent hatte, ließ er ihm die Bildhauerkunst lernen und legte den Grund zu seinem weiteren Glück«.

Fürsterzbischof Sigismund von Schrattenbach, der regierende Landesherr, war ein Freund der Musik und der Schönen Künste. So wie er das Wunderkind Mozart großzügig förderte, ermöglichte er dem talentierten Johann Baptist Hagenauer eine Lehre beim Bildhauer Itzlfeldner in Tittmoning. Nach der Rückkehr verehrte Hagenauer seinem Wohltäter ein graziles Kabinettstück aus weißem Alabaster, die Glorie des heiligen Sigismund, seines Namenspatrons darstellend. Ein kluger Schachzug, der sich bezahlt machte. Johann Baptist erhielt ein Stipendium an der Wiener Akademie der Bildenden Kunst und durfte anschließend eine zweijährige Studienreise nach Italien antreten.

Seinen sechs Jahre älteren Bruder Wolfgang holte Johann Baptist ebenfalls nach Salzburg, wo er eine Lehre als Zimmermann absolvierte. Er stellte sich so geschickt an, dass ihm der Erzbischof ebenfalls ein Stipendium an der Akademie in Wien ermöglichte und anschließend zum Hofbauverwalter bestellte, dem das Bauwesen unterstand. In dieser Position entwarf er Um- und Neubauten von Häusern, Kirchen Altären, wobei er seine Fähigkeit bewies, den Reichtum des Spätbarock auf elementare Formen zurückzuführen. Auch unter dem neuen, höchst sparsamen Landesherrn Graf Colloredo blieb er Hofbauverwalter und passte sich dessen Kunstauffassung an, die in Richtung Klassizismus tendierte.

Johann Baptist brachte von Italien nicht nur eine Sammlung von Gipsfiguren nach antiken Vorlagen, sondern auch seine Braut mit. Sie hieß Rosa Barducci, war 12 Jahre jünger als er und von Beruf Malerin. Für Salzburg eine kleine Sensation! Die Trauungszeremonie fand im Dom statt. Signora Rosa, wie sie in Salzburg genannt wurde, diente ihrem Mann oftmals als Modell für seine Skulpturen, so auch für die Figur der »Immaculata« am Domplatz von Salzburg. Von ihrer Hand stammt das Bild von Mozarts Mutter, sowie das einzige Porträt, das von Johann Baptist überliefert ist.

In Salzburg erfreute sich Johann Baptist der uneingeschränkten Gunst seines Landesherrn. Er war ein Mann von Welt, der Italienisch und Französisch sprach und nichts von seiner niederen Abkunft erkennen ließ. Er trug den Titel eines Hofstatuarius, hatte ein Atelier in der Residenz, bekam ein Gehalt von jährlich 600 Gulden (doppelt so viel wie sein Bruder), durfte an der Tafel der Edelknaben speisen und war ein freier Mann, der nur jene Arbeiten ausführte, die er selbst dem Erzbischof vorgeschlagen hatte.

Sein Ruf als Bildhauer drang auch über die Landesgrenze von Salzburg hinaus bis zum Kaiserhof in Wien. Von dort erreichte ihn der Auftrag für einen Triumphbogen in Innsbruck anlässlich der Vermählung von Erzherzog Leopold von Toscana. Für den Aufsatz des Triumphbogens schuf er eine überlebensgroße Gruppe des Kaiserpaares, dem ein Genius die Krone der Unsterblichkeit überreicht.

Das Stadtbild von Salzburg haben die Brüder Hagenauer bis heute durch die künstlerische Gestaltung des Neutors mit einer Statue des heiligen Sigismund, sowie durch die Immakulata vor dem Dom geprägt. Die monumentale, in Blei-Zink-Legierung hergestellte Marienfigur ist auch gusstechnisch ein Meisterwerk, ebenso der Sockel mit vier figürlichen Darstellungen: Ein Engel, ein Mensch, ein Teufel und die Kirche. Die lateinische Inschrift beschreibt deren Reaktion auf die makellose Geburt Mariens: Der Engel ist voller Staunen, die menschliche Weisheit streckt die Waffen, der Teufel knirscht mit den Zähnen, die Kirche frohlockt voller Freude. Durch diese zwei Auftragsarbeiten hat sich auch der durch keine sonstigen Verdienste hervorgetretene Erzbischof Schrattenbach einen Platz in der Salzburger Stadtgeschichte gesichert.

Mit dessen Nachfolger, dem Grafen Hieronymus Colloredo, hatte Hagenauer von Anfang an ein gespanntes Verhältnis. Und zwar in künstlerischen Dingen. Der neue Landesherr zeigte wenig Verständnis für Barock und favorisierte den Klassizismus. Das war mit Johann Baptist Hagenauer, einem Barockmenschen durch und durch, nicht zu machen. Wie Mozart kündigte er die Stellung, nicht ohne zuvor seinen jüngsten Bruder Johann Georg ins Land geholt zu haben.

An seinem neuen Wirkungsort Wien brauchte sich Johann Baptist um Aufträge nicht zu sorgen. Er hatte eine Professur an der Akademie, war Direktor der Graveurschule und unterwies die Wiener Handwerker im »Industrial design«. Marmorstatuen von seiner Hand stehen im Schlosspark Schönbrunn, im Passauer Redoutensaal, im Schloss Pöchlarn und im Schlosspark Nymphenburg. Im Stefansdom in Wien kann man seine Porträtbüste von Papst Pius VI. bewundern. Hohes Lob für Hagenauer kam von der Kaiserin Maria Theresia, von welcher der Satz überliefert ist: »Salzburger, euere Statuen gefallen mir am besten von allen, die ich kenne«.

Leider erlag Signora Rosa, seine Frau, schon früh einem Lungenleiden. Johann Baptist wagte einen neuen Anfang und heiratete eine um 40 Jahre jüngere Wachskünstlerin. Er erreichte ein Alter von 78 Jahren und liegt am St. Marxer Friedhof in Wien begraben.

Johann Georg, das Nesthäkchen, studierte in Wien Architektur und trat in den kirchlichen Dienst, zunächst in Gurk, dann in Passau. Seine Spezialität war der Bau von Schlössern – in Kärnten Schloss Pöckstein, in Passau Freudenhain, Haidenhof und der Redoutensaal. Nach dem Tod seines Bruders Wolfgang trat er dessen Nachfolge in Passau an. Als letzter der künstlerisch hochbegabten Familie ist er mit 87 Jahren gestorben, in den letzten Jahren taub und blind geworden, und liegt in der Arkadengruft am Petersfriedhof begraben. Seine Grabinschrift lautet: »Hier ruht ein Mann, der zu Salzburgs Ruhm vom Pfluge zum Lehramt sich aufschwang«.

Straßen und Plätze in Wien, Salzburg, Freilassing und Passau erinnern heute noch an das ungewöhnliche Brüder-Trio aus dem Rupertiwinkel. In Ainring wurde vor einigen Jahren ein Gedenkstein aufgestellt mit der Inschrift »Zur Erinnerung an die herausragenden Künstler aus dem Bauernstand des Amanhofes in Straß«.

 

Julius Bittmann

 

50/2019