Jahrgang 2019 Nummer 44

Die Seherin Louise Beck - ein himmlisches Sprachrohr?

Sie war als Ratgeberin in kirchlichen Kreisen hoch geschätzt

Eine historische Aufnahme: Louise Beck (ganz rechts) und ihre Familie.
Pater Franz von Bruchmann, Louises Seelenführer.
Jugendbild der Seherin Louise Beck.

»Eine Ekstatikerin und Seherin, die mit ihren ›Weisungen aus dem Jenseits‹ erheblichen Einfluss auf Ordensobere und hohe Würdenträger der katholischen Kirche in Bayern ausübte« – so charakterisiert Wikipedia die im Jahre 1822 in Altötting geborene Louise Beck, die Tochter eines angesehenen Apothekers und Gerichtsarztes in der Wallfahrtsstadt. Über 25 Jahre sorgte sie einerseits bei Mitgliedern der Redemptoristen und beim höheren Klerus in Bayern für Unruhe, wurde aber andererseits von ihren Anhängern als Ratgeberin und als Orakel hoch verehrt. Der aus Waging stammende Dompropst Joseph Prand, Generalvikar der Erzdiözese München-Freising, untersuchte in höherem Auftrag ihr Wirken und war maßgeblich für ihre Enttarnung verantwortlich.

Louise (Aloysia) Beck war die jüngste von fünf Geschwistern, einem Bruder und drei Schwestern. Sie wurde im Schulinternat der Englischen Fräulein in Burghausen erzogen. Das begabte, aber schüchterne Kind hatte nach seinen Erzählungen schon früh Visionen von Engeln und Heiligen. Mit 19 Jahren kam Louise ins Elternhaus zurück mit dem Vorsatz, baldmöglichst für immer ins Kloster zu gehen. Aber die Familie war dagegen. Der Vater machte kurzen Prozess und erklärte sie in einem Attest wegen eines Augenleidens für den Klosterberuf als ungeeignet. Nach dem Tod der Mutter musste Louise den kränklichen Vater pflegen. Unerwartet starb auch ihr Bruder. Sie bekam sein Kind zur Pflege, weil seine Witwe die Apotheke weiterführen musste.

Über ihren Bruder hatte Louise den Grafen Clemens von Schaffgotsch kennengelernt, der sich in sie verliebte. Sie erwiderte seine Liebe. Um ihr nahe zu sein, nahm der Graf eine Stelle in Altötting an. Er bat um ihre Hand, doch sie konnte sich nicht zu einer Ehe entschließen, ging aber mit ihm einige Zeit auf Reisen. Der Provinzial der Redemptoristen, Franz von Bruchmann, wurde ihr Beichtvater und Seelenführer. Bruchmann war früher verheiratet gewesen und trat durch Louise Beck mit seiner verstorbenen Frau (der »Mutter«) in Verbindung. Gelegentlich erschien bei den Sitzungen auch die Gottesmutter Maria. Louise hieß das »Kind«, die Anhänger waren »Kinder der Mutter«. Sie unterstellten sich völlig den Weisungen der Mutter, der sogenannten »Höheren Leitung«.

In der Karwoche 1846 durchlebte Louise eine tiefe Krise mit Fieberattacken und Angstzuständen, an ihrer linken Brust entstand eine Wunde, sie fühlte sich von Dämonen gequält. Pater Bruchmann nahm mit zwei Mitbrüdern einen Exorzismus bei ihr vor, woraufhin drei Dämonen aus ihr ausfuhren. Ihre Brustwunde, so erklärte Louise, könne nur heilen, wenn die Priester ihre Hand auf die Wunde legten und sie küssten.

Bald bildete sich ein Zirkel von Anhängern um sie, Patres der Redemptoristen und einige fromme Laien aus Altötting. Sie trafen sich unter strenger Geheimhaltung im (heutigen) Kloster St. Magdalena oder in einer Privatwohnung, beteten und erhielten von Louise Auskunft über ihre Schauungen. Es war auch möglich, Fragen an sie zu stellen, die sie entweder sofort oder brieflich beantwortete. Was sie sagte oder schrieb, war in autoritärem Ton gehalten und wurde ihr, wie sie sagte, von der höheren Leitung eingegeben, gegen die kein Einwand möglich war. Die Fragen bezogen sich auf private wie allgemeine Dinge, etwa den Unterschied zwischen lässlichen und schweren Sünden, Tipps für den Klostereintritt, das Los verstorbener Angehöriger, die Wirksamkeit eines Medikaments, Ernährungsratschläge. Wenn sie antwortete, machte sie einen geistesabwesenden Eindruck und wusste später nichts mehr von den Fragen und ihrer Antwort.

Auffallenderweise setzte sich der Verehrerkreis Louises in erster Linie aus wohlhabenden oder höhergestellten Personen zusammen, die der Seherin durch Spenden wirtschaftlich unter die Arme griffen. Zu ihnen zählten Bertha von Prankh, eine Schwester des bayerischen Kriegsministers Sigismund Freiherr von Prankh und Leopoldine von Löwenstein, die Tante des Katholikenführers Karl Prinz zu Löwenstein. Beide Frauen verfügten über beste Verbindungen zu einflussreichen kirchlichen und staatlichen Stellen. Der Fürstin von Löwenstein ist es wohl zu verdanken, dass sich 1848 sogar der Münchner Erzbischof und spätere Kurienkardinal Karl August von Reisach und sein Generalvikar Friedrich von Windischmann unter die Führung der Seherin stellten, später folgte der Regensburger Bischof Ignatius von Senestry. Beide Bischöfe holten sich bei Louise Beck auch Rat in kirchenpolitischen Fragen. Ihre Abhängigkeit erreichte einen solchen Grad, dass Bischof Senestry nach Louises Tod äußerte, er wisse nun nicht mehr, wie er ohne ihre Hilfe seine Diözese leiten solle.

Trotz des Exorzismus hatte Louise weiterhin mit dem Teufel zu kämpfen, jedenfalls nach Ansicht ihres Beichtvaters. Es ging um Verstöße gegen das sechste Gebot. Der Versucher erschien in Gestalt ihres Verehrers, des Grafen von Schaffgotsch, und traf sich mehrfach mit ihr unter vier Augen. Dabei geschah es, dass er sie schwängerte. Durch eine nicht lebensfähige Frühgeburt verschwand die Frucht der Sünde ohne Aufsehen von der Bildfläche. Damit nicht genug. Sogar zwei Patres ließen sich dazu hinreißen, Louise zu missbrauchen, wohl als sie, der Bitte der Seherin entsprechend, der Brustwunde ihre Verehrung erwiesen.

Je länger die Aktivitäten um Louise Beck andauerten, umso mehr meldeten sich jedoch unter den eingeweihten Redemptoristen Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit. Gegen sie ging ihr Vorgesetzter, der Provinzial Bruchmann, mit aller Härte vor, indem er Disziplinarstrafen verhängte oder sie an andere Orte abschob.

Obwohl man bemüht war, die Vorkommnisse um die Seherin geheim zu halten, drang manches von den Turbulenzen in Altötting bis nach München. Dort hatte ein Kurswechsel stattgefunden. Auf Erzbischof Reisach, den Anhänger der Seherin, war Bischof Scherr gefolgt, der den Vorgängen um Louise Beck, »dieser Weibsperson«, wie er sie nannte, skeptisch gegenüberstand. In seinem Auftrag unternahm sein Generalvikar Alois Prand eine mehrtägige Untersuchung der Angelegenheit und führte Gespräche mit allen Patres und mit Louise Beck. In einem ausführlichen Schlussbericht fasst er seine Eindrücke zusammen und betont, dass die in Zusammenhang mit der Höheren Leitung stehenden Aktionen eine Reihe von »strafbaren Verletzungen der Wahrheit, Verleugnung der Nächstenliebe und Verrat von Beichtgeheimnissen« zur Folge hatten; daraus ergebe sich, dass die Sache nicht aus Gott sein könne«. Eine klare Absage an die übernatürliche Natur der Höheren Leitung! Über Louise Beck heißt es, sie sei wohl keine Betrügerin, doch hatte sie andere Menschen durch ihre Aussagen in die Irre geleitet, auch wenn das möglicherweise nicht in ihrer Absicht lag.

Der Bericht wurde nicht veröffentlicht, um prominente Persönlichkeiten wie den zum Kardinal aufgestiegenen Erzbischof Reisach, seinen Vertrauten Windischmann und den Bischof von Regensburg nicht bloßzustellen. Die Seherin selbst war inzwischen mit ihren Begleiterinnen von Altötting in das Kloster Gars, den neuen Wohnsitz der Redemptoristen, übersiedelt. Den Kauf hatte die Fürstin Löwenstein durch eine großzügige Spende ermöglicht und sich dadurch lebenslanges Wohnrecht im Kloster erworben.

Ungeachtet des Ausgangs der Untersuchung gingen die Visionen der Seherin und ihre Beratung von Fragestellern auch in Gars weiter. Nicht immer mit Erfolg. So hatte ihr die »Höhere Leitung« befohlen, in Rom die Verurteilung der Schriften von Bischof Johann Michael Sailer zu erwirken, dem Vorgänger des unter der Leitung der Mutter stehenden Bischofs Senestry. Aber sie kam damit bei den römischen Behörden nicht durch. Ihre letzten Lebensjahre waren von Krankheiten geprägt, mit ihrer Gesundheit ging es immer mehr abwärts. Sie starb am 9. August 1879 und fand ihre Ruhestätte an der Seite ihrer fürstlichen Freundin Leopoldine von Löwenstein in einer Seitenkapelle der Garser Klosterkirche.

Aus heutiger Sicht ist es unverständlich, wie die Umtriebe einer offenbar psychisch kranken Person selbst kritisch denkende Menschen in ihren Bann ziehen konnten, schreibt der Historiker Otto Weiss in seinem Buch »Die Macht der Seherin von Altötting« (Regensburg, 2005). Ihre Anhänger habe es fasziniert, über die Höhere Leitung gleichsam ein Sprachrohr zum Lieben Gott zu besitzen. Umso größer war dann die Enttäuschung, als sich alles als Bluff herausstellte. Das Leben der angeblichen Seherin sollte alle zur Vorsicht mahnen, schreibt Otto Weiss, die ihren Glauben auf angebliche Visionen und Offenbarungen setzen.

 

Julius Bittmann

 

44/2019