Jahrgang 2005 Nummer 3

Die Raubritterburg auf dem Juichzen

Warum sich eine Raubritterburg in ein römisches Haus verwandelte



»Auf dem Höhenrücken, der sich zwischen Anger-Holzhausen und dem Fellberg befindet, stand einst eine gewaltige Raubritterburg Verkommene Ritter, weitum gefürchtet wegen ihrer schändlichen Räubereien, hausten dort. Nach gelungenen Raubzügen pflegten sie mit ihren wohlfeilen Dirnen zügellose Gelage ausschweifend zu feiern. Da gellte dann ihr Gekreisch, ihr schauriges Gelächter und ihr übermütiges Gejauchze von den hohen Zinnen der Burg weit über das Land. »Juichzen« wurde er darum auch genannt, dieser Hort des Schreckens.

Die leidgeprüften Menschen der umliegenden Höhen und Täler flehten den Herrgott Jahr um Jahr inbrünstig an, er möge sie erlösen von diesem Übel, doch alles Beten war vergeblich!. Ja, ärger und ärger trieben es diese Bösewichte mit ihren Opfern von Mal zu Mal.

Eines sonnigen Sommertages waren sie erneut ausgeritten zu einem ihrer Beutezüge. Da kam es dem Anführer der Bande, obgleich die Packpferde schon dampften unter dem aufgebürdeten Raubgut, in den Sinn, noch ein nahegelegenes Kirchlein zu plündern. Gedacht, getan. Dem Priester, der sich ihm, um die heiligen Gefäße zu schützen, entgegenstellte, rief er, indem er ihn mit dem Schwerte niederstreckte, hohnlachend zu: »Auch ich will aus goldenen Bechern trinken, nicht nur ihr verdammten Pfaffen!«

Wieder in der Burg angekommen, nach dieser verruchten Tat, erwartete das Raubgesindel bereits eine mit köstlichen Speisen beladene Tafel. Ihre liederlichen Weiber hatten, wie üblich, angesichts eines fröhlichen Festes, gar reichlich aufgetragen. Da bog sich der Tisch unter gewaltigen Schüsseln und Pfannen, aus denen pralle Knödel gar fürwitzig herauslugten und Gesottenes und Gebratenes verlockend um die Wette dampfte und duftete. Auch köstlicher Wein in mächtigen Kannen war schon herbeigeschleppt. Und die Spielleute scharrten mit ihren Füßen schon ungeduldig, um dieser windigen Gesellschaft mit ihrem wilden Gefidel endlich tüchtig einheizen zu können.

Da ward dem obersten der Galgenvögel, nach Brauch, der erste Trunk feurigen Spanierweines – der blutmrot im geraubten Kelche funkelte – kredenzt. Totenstill wurde es da im Saale. Der Halunke erhob das ehrwürdige Gefäß, einen gotteslästerlichen Trinkspruch ausstoßend, um unter dem nun einsetzenden Beifallsgejohle und – geklatsche seiner Spießgesellen und Buhlerinnen, zum tiefen Zuge anzusetzen. Da wurde es finster im Raume, wie im Grab.

Eine Wetterwand, die sich aufgetürmt vom Zellberg her, hatte das Angerer Tal vom sonnlichten Tag in krähenschwarze Nacht verwandelt. Sturzbäche ergossen sich vom Himmel, Feuerschlangen, grausig anzuschauen, zuckten und züngelten unentwegt auf die Erde nieder, und ein so anhaltend fürchterliches Krachen erdröhnte dabei, dass selbst der Boden davon erbebte. Da vermochte niemand mehr daran zu zweifeln, dass der Jüngste Tag nun angebrochen.

Doch – es klarte auf! Als die verstörten Leute, um sich umzuschauen, sich noch zitternd vor die Türen wagten, war der Himmel blau und – die Juichzenburg verschwunden ! Da eilten sie hin und fanden das Teufelsnest zerborsten vor. Und begraben, unter einem gewaltigen Berg von Steinen, lagen all’ ihre Bewohner.

Da lösten sich auch von ihren Herzen die Steine der Bedrückung und aus den Augen die Tränen lauterer Freude. Und dem Herrgott dankten sie auf Knien dafür, dass sie nun wieder frohgemut ihrem Tagewerk nachzugehen vermochten. Seitdem tummeln sich Scharen von Krähen auf dem Juichzenfeld. Man sagt, es seien die verfluchten Ritter.

Den Kern dieser Geschichte hörte ich häufig in meiner Kindheit. Beim Kühe hüten – unser Feld liegt nur wenige hundert Schritte östlich des Juichzens – sah ich gerne hinüber zu dieser geheimnisumwitterten Höhe. »Ritterherrlichkeiten« erstanden da in meinem Bubenkopfe. Mir waren diese jedoch keine Träume, sondern nur Abbilder längst versunkener Wirklichkeiten. Als meine Großtante mir zudem erzählte, an dort herausragende Mauerreste könne sie sich noch gut erinnern und ein alter Feldnachbar mir gar versicherte, sein Häuschen habe er einst erbaut mit diesen Steinen, da war mir kein Zweifel mehr: »Die Raubritterburg hatte einmal bestanden!«

Ein gutes Dutzend Jahre später, drängte es mich dazu, meine Ansicht zu beweisen. Gerüstet mit einem Helfer und einer Eisenstange gelang es auch, die Fundamente – die sichtbaren Teile waren ja längst beseitigt – zweier Mauerzüge festzulegen. Der eine erstreckte sich zirka 60 Meter zum »Stern-Stadel« hin, der andere, im rechten Winkel dazu liegende, zirka 40 Meter Richtung Zellberg. Auch den »Keller«, von dem häufig die Rede war, weil einem längst verstorbenen Besitzer da einmal der Hivelstecken durchgefallen sein soll, gelang es zu bestimmen.

Eine Lageskizze davon sandte ich dem Landesamt für Denkmalpflege zu, um dort weitere Forschungen anzuregen. Mein Teil war getan: das vormalige Bestehen der »Juichzenburg« schien bewiesen, und weitere Schritte waren ohnedies der Behörde zu überlassen. Doch Zufälle änderten den Lauf der Dinge.

Warum sich die »Raubritterburg« in ein römisches Haus verwandelte

Der erste dieser Zufälle führte mich, gerade zur rechten Zeit, ins Bad Reichenhaller Museeum, wo mich bislang unbekannte rote Tongefäße – die mir der Museeumsleiter als Terra sigillata Geschirr, als römisches Porzellan, vorstellte – besonders fesselten. Die zweite »Fügung« lenkte meine Schritte kurz darauf erneut zum Juichzen: Die versiegende damalige Genossenschaftsquelle sollte durch Herbeileitungen erneut gestärkt werden.

Dies misslang zwar, doch von der Schaufel fielen, wie zum Trost dafür, drei rote Tonscherben, die mein museeumsgeschärftes Auge sofort als Bruchstücke römischen Luxusgeschirrs erkannte. Eine spätere Grabung förderte nochmal um die hundert, jedoch vorwiegend grau- und schwarzfarbige zutage, die das Landesamt für Denkmalpflege allesamt den drei ersten christlichen Jahrhunderten zuordnete.

Auch stellte man dort fest, dass die Sigillata-Ware der Westerndorfer (Rosenheim)-Manufaktur entstammte. Einige ziegelartige Stücke identifizierte man als Tubuli, Teile eines Hypokaustums, also einer Warmluftheizung. Rinder- und Pferdeknochen sind zeitlich nicht bestimmt worden. Herr Dr. Kellner vom Landesamt für Denkmalpflege erwies mir die Ehre, ihm den Platz zeigen zu dürfen. Er sagte mir: Nach Lage der Dinge sei hier zweifellos ein römisches Gebäude gestanden und ein großes Fragezeichen an dieser Stelle ihrer Karte könne, durch meinen Fund bedingt, nun beseitigt werden. Bislang sei das Zeichen berechtigt gewesen, weil mangels Urkunden darüber an dem Orte eine mittelalterliche Anlage völlig undenkbar erschienen sei.

Die sagenumwobene Burg hatte sich nun in ein nüchternes römisches Gebäude verwandelt! Ein schillernder Bubentraum zerstob zwar, der Heimatgeschichte jedoch erwuchs dafür: neue Erkenntnis. Doch nicht nur diese, denn auch ein anderes Geheimnis enträtselte diese Verwandlung.

Wie die Juichzenscherben mit dem Mithras-Stein zusammenhängen

Dass die Römer drei Jahrhunderte auf dem Juichzen saßen, klärten einige bescheidene Scherben auf. Jedoch auch die ursprüngliche Herkunft des berühmten Mithras-Steines, der Mitte des 19. Jahrhunderts im Westturm des Klosters Höglwörth entdeckt wurde, konnte dadurch geklärt werden.

Zwar wusste man, die Inschrift verriet dies: er war römisch. Er war eingemauert, daraus ersah man, er war Teil des klösterlichen Baumaterials gewesen. Doch wo dies Material herkam und somit der Gedenkstein, das wusste man nicht! In näherer Umgebung gab es nämlich keine antike Ruine, die den Klostererbauern einst als »Steinbruch« gedient haben könnte. Durch diese bescheidenen Scherben gilt nun auch der »Steinbruch« als aufgedeckt. Denn nur die damals riesige Hausruine auf dem Juichzen – die sich schon aufgrund ihrer Nähe und des günstig abfallenden Transportweges geradezu anbot – kam dafür infrage.

Den Bauleuten des Klosters mag der dem Sonnengotte Mithras geweihte Stein, der da vom Juichzen her angefahren kam, nur Stein unter Steinen gewesen sein. Doch eine begnadete Hand fügte ihn so, dass die Schrift sichtbar und uns Wissen – das im Brunnen des Vergessens sonst längst gelöscht wäre – erhalten blieb. Was den Maurern nur Baustoff war, ist uns »Geschichte« geworden.

Menschliche »Aura«

Doch nicht nur Geschichte verkörpert dieser Stein, auch menschliche »Aura« umgibt ihn. Die Namen dreier Bewohner des Juichzenhauses, dreier längst zu Staub gewordener Menschen, sind darauf verewigt. Marcus Lollius Priscus heißt der eine, damals schon verstorbene gute Schutzherr, dem die Freigelassenen (Sklaven) Januaris und Lupercus zum Danke (ihrer Freilassung) einen Gedenkstein setzen ließen.

Es berührt, auf dem Juichzen stehend, die Namen von Leuten zu kennen, die genau hier, vor nahezu 2000 Jahren, ihr Leben lebten und einem Gotte, der inzwischen längst vom Christengott verdrängt ist, Verehrung zollten. So öffneten uns, verehrte Leser, bescheidene Scherben, die der Zufall in meine Hände legte, ein Guckloch in eine verschleierte Vergangenheit. Fehlmeinungen vermochten wir dadurch zu berichtigen, Wissenslücken zu schmälern, Unzusammenhängendes zu verknüpfen und es so ein wenig durchschaubarer zu machen. Schlusspunkt ist keiner zu setzen: Es gibt keinen in der Heimatforschung ! Weitere Fragen werden sich uns stellen und nicht immer können »Zufälle« dazu beitragen, sie zu beantworten. Doch das Feld ist weit und jede Erkenntnis verlebendigt unsere Heimat, bringt sie zum Reden und so unserem Herzen näher.

HS



3/2005