Jahrgang 2005 Nummer 5

Die Pest wütete auch in Bergen

Der Pfannenflickertanz erinnert an die schwere Zeit

Der Zug der Pfannenflicker aus dem Jahr 1978. Der Vorreiter voran, dann die Tanzpaare mit den Werkzeugkisten auf dem Rücken, am

Der Zug der Pfannenflicker aus dem Jahr 1978. Der Vorreiter voran, dann die Tanzpaare mit den Werkzeugkisten auf dem Rücken, am Schluss des Zuges ein Pferdeschlitten, so ziehen sie auch am morgigen Faschingssonntag wieder von einem Bergener Ortsteil zum nächsten.
Tanzgruppe der Pfannenflicker aus dem Jahr 1909 vor dem Gasthaus zur Post. Der Vorreiter in einer nicht genau erklärbaren Unifor

Tanzgruppe der Pfannenflicker aus dem Jahr 1909 vor dem Gasthaus zur Post. Der Vorreiter in einer nicht genau erklärbaren Uniform. Die Musikanten mit kurzer, schwarzer Hose, weißen, an den Knien sichtbaren Unterziehhosen und Trachtenjoppen. Burschen und Madln mit flachen Dreherhüten mit Spielhahnfeder und Adlerflaum. Die Madl mit langem Rock, Schultertuch und Mieder ohne Talerbehang, aber schon mit Halsketten. Der Wirt und die Kellnerin in der alten Berufstracht, er mit der langen Pfeife und sie mit der umgehängten Geldtasche. Die Fassade des Gasthauses zur Post noch in der alten Art mit vergitterten Sprossenfenstern. Auf einer Tafel bietet sich das Gasthaus als Touristenheim mit gutbürgerlicher Küche und mit Bier, Wein und Caffe an. Es sind auch Fremdenzimmer für 0,50 bis 1,50 Mark zu haben, außerdem stehen Ein- und Zweispänner zur Verfügung.
Die Pest war in alter Zeit eine der schlimmsten und gefürchteten Krankheiten, die sich durch Bakterien über weite Gebiete der Erde verbreitete und zur Ausrottung ganzer Völker führte. Von Ratten werden die Erreger über Flöhe auf den Menschen übertragen. Als Ursprungsgebiete gelten der Nordrand von Tibet und die ostafrikanischen Seen. Die Krankheit gibt es als die weniger gefährliche Beulenpest heute noch, zum Beispiel in der Mandschurei und auf Madagaskar. Sporadisch aber auch noch in Südrussland, Mittel- und Nordafrika, Indonesien, Indien sowie in Mittel- und Südamerika. In den Jahren zwischen 1346 und 1349 überzog der schwarze Tod ganz Europa und forderte Millionen von Opfern. Ganze Generationen starben aus und viele Ortschaften und Landstriche wurden entvölkert. Nach dem letzten Ausbruch in den Jahren 1720/21 erlosch die Seuche allmählich in Europa. Unmittelbar nach dem Aufhören der Seuche waren die Menschen naturgemäß lange Zeit immer noch ängstlich und bedrückt und mieden den Verkehr und das Zusammentreffen mit den Menschen aus den Nachbarländern und sogar aus den Nachbarorten. Aber auch im eigenen Ort war an gemeinsame Veranstaltungen oder Lustbarkeiten nicht zu denken. Aus einem solchen Verhalten entstanden eine ungute und bedrückende Stimmung, die sich lange Zeit im ganzen Ort und darüber hinaus bemerkbar machte. Es gab niemanden und keine Stelle, die das Erlöschen der Krankheit zuverlässig bestätigen konnte. Es war eine traurige, von Furcht und Misstrauen gekennzeichnete Zeit.

Erst nach und nach kamen die Menschen, nachdem längere Zeit keine neuen Krankheitsfälle mehr bekannt wurden, aus ihren Häusern und besuchten sich gegenseitig. Zum Dank an Gott für die Erlösung von dieser Seuche werden seither in Oberammergau, aber auch in Erl in Tirol aufgrund eines Gelübdes alle zehn Jahre die in der ganzen Welt bekannten Passionsspiele aufgeführt. In München waren es die Schäffler, die sich als erste auf die Straße trauten und den inzwischen berühmt gewordenen Schäfflertanz aufführten. In München wird er heute noch täglich am Rathausturm um 12 Uhr von mechanisch bewegten Marionetten zur Erinnerung an das Erlöschen der Pest gezeigt.

Aber auch Bergen hat seine Pestgeschichte, die früher alle 25 Jahre, in neuerer Zeit etwa alle 10-15 Jahre, durch den Pfannenflickertanz in Erinnerung gebracht wird. Dieser alte und originelle Brauch stammt aus der Zeit um die Mitte des 18. Jahrhunderts, als in der Gegend um Bergen die Pest herrschte und viele Menschen an dieser Krankheit starben. Besonders hart wurden die Bewohner des Maxhüttenareals betroffen. Noch heute steht am Eingang des Weißachentals im Mühlwinkl die Pestkapelle mit dem heiligen Antonius und dicht daneben soll sich ein großer Pestfriedhof befunden haben. Nach alten Erzählungen sollen von diesem Ortsteil nur mehr sieben Menschen am Leben geblieben sein. Alle anderen hat die Pest hinweggerafft. Sie gelobten, nach dem Aufhören der Seuche eine Wallfahrt nach Altötting zu machen, um ihre Dankbarkeit für die Errettung aus dieser Katastrophe zu zeigen. Als sie nahe an den Gnadenort kamen, warteten sie vergeblich auf das Geläute, mit dem sonst normalerweise Pilgerzüge empfangen wurden. Sie erfuhren erst später, dass es der Mesner nicht der Mühe wert fand, für die sieben Bergener die Glocken zu läuten. Nach einer frommen Sage fingen aber die Glocken von selbst zu läuten an und die Pilger konnten zufrieden in das Gotteshaus einziehen und ihre Danksagung verrichten.

Das große Unglück, das in der Pestzeit die Leute getroffen hat, machte sie missmutig, ängstlich und scheu. An Lustbarkeiten wurde viele Jahre nicht mehr gedacht. Erst ganz allmählich kam wieder Leben in die Dörfer. Der Verkehr mit den Nachbarorten wurde aber so weit wie möglich eingeschränkt, um jede Wiederbelebung und Ansteckungsgefahr zu vermeiden. Lange Zeit blieben auch die sonst regelmäßig kommenden Wanderhandwerker, wie Besenbinder, Korbflechter, Scherenschleifer und Pfannenflicker aus. Diese auf bestimmte Fertigkeiten spezialisierten Handwerker mussten zur Erhaltung ihrer Existenz von Ort zu Ort ziehen und ihre Leistungen anbieten und erbringen. Die Einwohnerzahlen der Dörfer waren viel zu klein, um solche Spezialisten an einem Ort sesshaft zu machen und sie mit genügend Aufträgen für ein ganzes Jahr zu versorgen. Sie mussten daher als Wanderhandwerker über Land ziehen, um das schadhaft gewordene Metallgeschirr und Metallgerät mit ihren speziellen Kenntnissen und Werkzeugen wieder instand zu setzen und ihren Lebensbedarf zu sichern. In der Regel kamen sie mit einem Pferd und dem Planwagen, um die notwendigen Werkzeuge und das für ihre Arbeit erforderliche Zubehör mitzubringen und für die Nacht einen Unterschlupf zu haben. Sie meldeten sich meist schon am Abend des Vortages an, indem einer hoch zu Ross mit einem Helm auf dem Kopf und mit einer Glocke in der Hand läutend durch das Dorf ritt und die Einwohner lautstark aufforderte, ihre schadhaften Wasserkessel, Bratreinen, Nudel- und Schmarrnpfannen zum Flicken und Ausbessern zu bringen. Andere Gruppen gingen von Haus zu Haus, sammelten die reparaturbedürftigen Geräte und Geschirre ein, setzten sie instand und brachten sie wieder zurück, um auch gleich ihren Lohn zu kassieren. So wie das zum Teil Messer- und Scherenschleifer heute noch, allerdings mit anderen Werkzeugen und Hilfsmitteln, tun.

Die Pfannenflicker waren als fröhliche Menschen bekannt, brachten durch ihre Späße Leben in das Dorf und konnten von vielen interessanten Begebenheiten, die sie auf ihrer Wanderschaft erlebt hatten, erzählen. Sie waren aber auch die ersten, die nach der Pestzeit auf öffentlichen Plätzen und in den Gasthäusern ihre eigenartigen Tänze und Späße, ähnlich wie die Schäffler in München, vorführten, den Leuten wieder Frohsinn vermittelten und wieder Mut zum Leben machten. Sie wollten, dass die Menschen wieder lachen und die Angst und Not der Pestzeit vergessen.

Dieser Tatsache ist es wohl zuzuschreiben, wenn sich später, als die Pfannenflicker wegen der inzwischen veränderten Herstellungs- und Instandsetzungstechnik, nicht mehr kamen, junge Menschen in Bergen zusammentaten, um die von den Pfannenflickern vorgezeigten Tänze gewissermaßen zum Andenken nach eigenen Ideen umzuformen und in der arbeitsruhigeren Zeit der Wintermonate zur Freude der Bewohner öffentlich vorzuführen. Nach dem Vorbild einer Gruppe aus Reichenhall entwickelte sich der Pfannenflickertanz, der, obwohl er in die Faschingszeit fällt, durchaus keine Gaudi, sondern eine Erinnerung an die Erlösung in der Zeit der Pest und ein Andenken an die mutige Tat der Pfannenflicker ist. Um seine Bedeutung und den Seltenheitswert zu unterstreichen, wird der Tanz nur etwa alle 10 Jahre eingeübt und vorgeführt. Das letzte Mal im Jahre 1994. Wieder fanden sich junge traditionsbewusste Burschen zusammen, um den alten Brauch zu wiederholen und den historischen Tanz zu zeigen. Dabei handelt es sich um eine Mischung von Tanz, Gesten und Gesang. Zwischen den fünf Strophen eines uralten Liedes, die das Leben und die Tätigkeit der Pfannenflicker schildern und beinhalten, werden Figurentänze mit entsprechenden Gesten vorgeführt, die in humorvoller Weise erlaubte Unarten, wie Füße umschlagen, Arsch packen, Läuse abbeuteln, Ohrfeigen geben, Ausspucken, bei den Ohren nehmen, Kniestoßen, Seitenstoßen, Handschlagen, Maulgattern, Schneuzen und Honeur-machen, enthalten.

Das interessante an diesem alten Spiel und Brauch ist, dass die acht Paare, die sich an dieser Vorführung beteiligen und bei der Männer und Frauen die alte Bergener Tracht ohne den klingenden Schmuck an den Miedern der Frauen und die Männer lange Hosen (Bundhosen mit Kniestrümpfen), kurze Hosen gab es zur Zeit der Pest noch nicht, tragen, alles Männer sind. Manche lustige Geschichte, die sich im nachhinein um diese Tatsache abgespielt haben soll, rankt sich um den alten Brauch. Jedenfalls konnten die dargestellten Unarten in aller Derbheit und ohne Scheu gegenüber den als Frauen verkleideten Teilnehmern zur Freude der Zuschauer gezeigt werden. Die Teilnehmer hatten auch eine alte Werkzeugkiste mit einem Hammer bei sich, mit dem sie den Takt zum Gesang und zur Musik auf ein Haferl schlugen. Sie trugen die Werkzeugkiste während des Gehens auf dem Rücken und stellten sie während des Tanzes hinter sich ab. Die Gruppe wurde außerdem von einem Wirt und einer Kellnerin begleitet, die Bier aus einem Fass, das auf einem Pferdeschlitten mitgeführt wurde, an die Zuschauer ausschenkte.

Die Tanzgruppe wird von einem Reiter hoch zu Ross angeführt und wandert durch den Ort. In früheren Jahren war es Brauch, zuerst vor dem Haus des Bürgermeisters zu singen und zu tanzen. Dann kamen die verschiedenen Gasthäuser an die Reihe. Dazwischen auch noch andere Bürger- und Bauernhäuser, deren Besitzer sich diese Ehre etwas kosten lassen. Heute dienen die verschiedenen Ortsteile von Bergen, dort meist immer in der Nähe bekannter Bauernhöfe oder Gasthäuser, als Tanz- und natürlich auch als willkommene Raststationen. Wirt und Kellnerin, ebenfalls je ein verkleideter Bursche, sind dabei stilecht altbayerisch angezogen. Der Wirt mit Türkenmütze, schwarzer Jacke, langem weißen Schaber (Schurz) und mit dem Masskrug und dem Bierschlegel in den Händen. Die Kellnerin mit schwarzem Mieder ohne Geschnür, mit Kopftuch, umgehängter Geldtasche, langem Rock, Schürze und derben Schuhen. Drei Musikanten, zwei Klarinettisten und ein Trommler, begleiten die Pfannenflicker. Hutform und Hutschmuck, aber auch die sonstige Bekleidung ändern sich im Laufe der Zeit entsprechend der fallweise unterschiedlichen Auffassung über das alte Herkommen. Die Tänzerinnen und Tänzer tragen in der Regel Dreherhüte, die Dirndldarsteller mit Adlerflaum, die Burschen mit Spielhahnfeder. Neuerdings kommen bei den Burschen eigens angefertigte, schwarze Hüte mit breiter Krempe zur Verwendung. Die ebenfalls nur für dieses Ereignis geschneiderten Joppen sind an die »alten Bergener Tracht« angelehnt.

Geblieben ist in jedem Fall die Sprache, die sich noch weitgehend im altbayerischen Dialekt kenntlich macht. Sie in ihrem Originalton darzustellen ist schwierig, weil sie zahlreiche Mischlaute enthält, für die es keinen »Duden«, also keine verbindlichen Regeln gibt. Die Strophen des Pfannenflickerliedes sind nachfolgend nicht in Lautschrift abgedruckt, da dies das Lesen unnötig erschweren würde. »Muttersprachlern« dürfte es trotzdem nicht schwer fallen, die fünf Verse des Gesangstextes im altbayrischen Dialekt vorzutragen.

Pfannenflickerlied

Ein Pfannenflicker der’s versteht, leidt nie an Arbeit Not. Wenn nur a bissl a Handwerk geht, hat er des beste Brot. Da mach i mir ja gar nix draus, schrei: »Pfannenflicker!« Haus für Haus. Da bringens Pfannen groß und klein, i flicks weil’s muass geflicket sein.:| Den Werkzeug trag ich stets bei mir, das bringt mei Handwerk mit. Ein jedes Haus ist mein Quartier, wo’s was zu flicken gibt. Da mach i mir ja gar nix draus, i flick a jede Pfanna aus.:| Und wenn’s vom Feuer aa durchbrennt, und jeder Fleck vom Fleck weghängt.
Die Pfannen sehn oft gfährlich aus, wenn sie der Rost durchfrisst. Es is halt oft a rechter Graus, wenn gar koa Niet ned schließt. Da aber weil ich Meister bin, so setz ich Fleck auf Flecke hin. Und das bringt mich so ins Kredit, weil ich so meisterlich verniet. Z’nachst ging ich in die Arbeit aus, da kam ich in die Au.
Da schreit aus einem schönen Haus, a oide, dicke Frau: He, Pfannenflicker, da herein! Es wird schon was zum flicken sein.:| Und i ruckte dann meinen Huat, und sprach: »Madam, es is scho guat!«
Die Pfannen schaun beim Schlapprament, oft ganz gefährlich aus. De flick ich nicht um teures Geld, Madam do werd nix draus. Und für den Rat a paar Mass Wein, da müasst i scho a Hundsfott sein. Da lass i meine Niat’n drin, geh hin woher i kemma bin.
Adjö!

Zwischen jedem Vers werden dabei zur Musik im Dreivierteltakt die erlaubten Unarten in rhythmischen Bewegungen demonstriert. Der Reihe nach kommen:
Füaß ummischlagn: Die Innenseiten der Füße mit denen des Partners zusammenschlagen.
Knia stessn: Mit dem linken und rechten Knie gegen das des Partners stoßen.
Arschbacka: Mit den Arschbacken rückwärts mit dem Partner zusammenstoßen.
Seitn stessn: Mit dem Partner mit der Seite zusammenstoßen.
Läus abbeitln: In den Haaren des Partners wühlen und die Läuse raus schütteln.
Händ schlagn: Gegenseitig dem Partner in die Hände schlagen.
Feign gebn: Dem Partner eine Ohrfeige geben.
Maulgattern: Dem Partner in die Backe zwicken.
Ausspeim: Links und rechts auf den Boden spucken.
Schneizen: Mit der Hand laut schneuzen.
Ohrwaschln: Den Partner bei den Ohren nehmen.
Honeur machen: Vor dem Partner eine Verbeugung machen.

Wer das Ereignis selbst erleben will, der nimmt am morgigen Faschingssonntag, den 6. Februar, den Weg nach Bergen auf sich und wartet an einer der Tanzstationen in den Bergener Ortsteilen auf die Pfannenflicker. Es wird für viele Jahre die einzige Möglichkeit sein, sie zu Gesicht zu bekommen. Denn wann sie das nächste Mal in Bergen tanzen werden, das wissen nur die Pfannenflicker selbst. (Alternativ: ...wird noch viel Wasser die Weißachen runter fließen!)

Originaltext von Josef Ober, Bergen erschienen in den Chiemgaublättern am 21. März 1981. Bearbeitet und aktualisiert von Martin Heigermoser, Bergen/Enthal.

JO



5/2005