Jahrgang 2019 Nummer 49

Die Leidenschaft Seiner Königlichen Hoheit

Herzog Franz von Bayern beschenkte großzügig das Münchner Design-Museum

Im Parterre der Pinakothek der Moderne: In fluss-ähnlicher Anordnung sind Prachtstücke der exzellenten Sammlung Seiner Königlichen Hoheit Herzog Franz von Bayern aufgereiht. (Fotos: Hans Gärtner)
Magdalene Odundo mit SKH Herzog Franz von Bayern vor einer ihrer spektakulären Arbeiten der »Asymmetrischen Serie« von 2017.
Ritualfigurengruppe der Igbo-Kultur, Nigeria.
Medizinische Seelenfigur, Shambaa-Kultur, Tanga-Region, Tansania.
Weibliche Altarfigur aus Togo, die einen lockigen Vierbeiner reitet.

Wer Herzog Franz von Bayern sagt, denkt Kunst gleich mit. Denn Seine Königliche Hoheit, Chef des Hauses Wittelsbach, ist bekanntlich kein gelegentlicher, sondern ein gezielter und leidenschaftlicher Sammler zeitgenössischer Kunst in Europa. Auch seine in die Hunderte gehende, bislang kaum einmal Eingeweihten geläufige, nun aber einesteils der wissenschaftlichen Forschung, andernteils der interessierten Öffentlichkeit, anvertraute afrikanische Keramik-Kollektion ist hochmodern und hochkarätig.

Die insgesamt 1300 Objekte haben internationales Ansehen. Sie gehören ins späte 19., 20. und 21. Jahrhundert. Eine mit seiner Beraterin Barbara Thompson getroffene Auswahl von gut 250 Objekten hat SKH bereits im Juli 2017 ans Münchner Design-Museum der »Neuen Sammlung« unterm Dach der Pinakothek der Moderne gegeben. Nun ist diese Auswahl dort zu bestaunen.

Der Titel der von dem renommierten Londoner Architekten Asif Khan auf einem fluss-ähnlichen Langtisch installierten, ungeschützt präsentierten Schau, die im 2. Obergeschoß fortgesetzt wird: »Anders gesehen«. Er weise, so die Museumsleitung, auf die Einordnung der mit großem Stolz gezeigten Stücke von Weltgeltung hin. In einem Museum für Design könnten die Objekte afrikanischer Keramik unter gestalterischen und künstlerischen Aspekten und aus unterschiedlichen Perspektiven gesehen werden.

Ausschließlich Gefäß- und figürliche Keramik wird gezeigt. Sie stammt aus einem großen geografischen Raum des afrikanischen Kontinents. Auf einer leider versteckt bleibenden Landkarte wird das, mit Fotos aller Exponate, anschaulich gemacht. Der Schatz besteht aus Originalen, die Herzog Franz in vier Jahrzehnten ohne den Ehrgeiz des Systematikers, aber mit des Kenners untrüglichem Spürsinn für Qualität und Einzigartigkeit zusammenführte. Was »harmlos« bei dem Münchner Galeristen Fred Jahn begann, weitete sich mit der Zeit aus. Die Sammlung ist nicht, wie anzunehmen ist, direkt aus Afrika, sondern auf dem Weg von Galeristen in Europa zu dem vermögenden Sammler auf Schloss Nymphenburg gekommen.

Sieht man sich Stück für Stück an, ähnlich unsystematisch wie der Sammler vorging, stellt man fest: Die Exponate pendeln zwischen, sagen wir, Altar und Wirtshaustisch. Will heißen: Es gibt sowohl solche tiefreligiösen Kult- wie alltäglichen Gebrauch-Charakters. Zu den erstgenannten meist anonymen zählen die Altarfiguren, zu den zweitgenannten die zahlreichen Biergefäße, einige aus Künstlerhand. Von Ritualen der afrikanischen Völker sind die Bücher voll, von Besäufnissen aber ist nie die Rede. Die Biertöpfe, -eimer, -fässchen lassen den Bayern ganz schön staunen. Krüge ja, Masskrüge? Nein. Die sind nicht zu sehen. Auch keine Humpen. Eher dickbauchige, meisterlich geformte, dekorativ und symbolkräftig ornamentierte Häfen und Bottiche, die mehrere »Mass« fassen. Was die Altarfiguren angeht, ob aus der Igbo-Kultur Nigerias oder der Fon-Kultur Togos, so sind sie allesamt von phantastischer, oft anthropomorpher und lustig anmutender Ausarbeitung in Aufbautechnik.

Neben Behältnissen für Wasser, Milch, Bier, Palmwein bestechen medizinische »Seelengefäße« (mit »nix« drin) und »Begräbnisgefäße« (mit dunklem Zubehör). In einem Begleitprogramm wird auf Besonderheiten des herzoglichen Schatzes eingegangen: in Sonntags-Gesprächen mit Jugendlichen, Führungen »aus erster Hand«, Vorträgen, Keramikworkshops (mit Jabulile Nala oder Clive Sithole) und Dialogen zur Gegenwartskunst (7. März, 15.30 Uhr), wozu man sich in der Markus-Kirche trifft.

Zur Eröffnung der Ausstellung, zu der SKH Herzog Franz von Bayern, mit seinen 86 Jahren topfit und wie immer von gewinnendem Wesen, einlud, waren neben dessen Beraterin Barbara Thomson, ehemals University of Iowa und University of Northern Iowa, seit 2014 freiberuflich arbeitende Kuratorin, Architekt Asif Khan und die 1950 in Kenia geborene, in Großbritannien lebende Magdalene Odundo, die »Grande Dame« der afrikanischen Keramik anwesend.

Die Schau dauert bis 29. März, täglich außer Montag 10 bis 18, Donnerstag bis 20 Uhr.

 

Hans Gärtner

 

49/2019