Jahrgang 2005 Nummer 29

Die Heilige Lanze, ein Siegeszeichen

Sie gehörte zu den Reichsinsignien des Heiligen Römischen Reichs

Das Reichskreuz mit der Heiligen Lanze im Querbalken.

Das Reichskreuz mit der Heiligen Lanze im Querbalken.
Die Reichsinsignien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Kupferstich, 16. Jahrhundert.

Die Reichsinsignien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Kupferstich, 16. Jahrhundert.
Engel mit den Leidenswerkzeugen Christi, darunter die Lanze. Holzschnitt, 1520.

Engel mit den Leidenswerkzeugen Christi, darunter die Lanze. Holzschnitt, 1520.
An den Außenwänden von Kirchen, aber auch von Bauernhäusern, sieht man zuweilen Nachbildungen der Leidenswerkzeuge Christi, die sogenannten »Arma Christi«. Zu diesen früher weit verbreiteten Zeugnissen der Volksfrömmigkeit gehören die Dornenkrone und die Geißelrute, das Kreuz, der Essigschwamm, ein Hammer und die Nägel, mit denen Jesus am Kreuz angenagelt war. Einen besonders wichtigen Bestandteil der Leidenswerkzeuge bildet die Lanze, mit der ein römischer Soldat nach dem Bericht des Evangelisten Johannes die Seite des Heilandes öffnete, sodass Blut und Wasser herausflossen. Von allen Leidensreliquien erlangte die Lanze das höchste Ansehen und war sowohl für die Kulturgeschichte des Abendlandes wie für den Reliquienkult von herausragender Bedeutung.

Als die heilige Helena, die Mutter des Kaiser Konstantin, bei ihrer Wallfahrt nach Jerusalem das Kreuz Christi entdeckte, fand man nach der Tradition an der gleichen Stelle auch die Lanze auf. Sie wurde sofort ein Gegenstand hoher Verehrung, und der mit dem Blut des göttlichen Erlösers in Berührung gekommenen Reliquie wurden wundersame Kräfte zugeschrieben. Im Laufe der Zeit erlebte auch die Gestalt des Soldaten, der den Lanzenstoß ausgeführt hatte, eine Aufwertung indem sie mit dem römischen Hauptmann Longinus verschmolz, der angesichts der erstaunlichen Naturphänomene beim Tod Christi zum Glauben an den Messias fand, sich taufen ließ und als Märtyrer sein Leben hingab.

Die Geschichte der heiligen Lanze, wie sie bald genannt wurde, lässt sich durch literarische Zeugnisse aus verschiedenen Jahrhunderten relativ genau zurückverfolgen, auch wenn sie im Lauf der Zeit mit legendenhaften Ausschmückungen angereichert wurde. Im Mittelalter galt sie als das Herrschaftszeichen des rechtmäßigen Königs oder Kaisers, ihr Besitz garantierte den Anspruch auf den Königsthron. Später verehrte man sie als wichtigste Passionsreliquie und übertrug ihre Kraft durch Berührung auf Miniaturlanzen und Andachtsbildchen. Heute befindet sie sich als reines Schauobjekt in der Schatzkammer des Kunsthistorischen Museums in Wien.

Seit dem 11. Jahrhundert ist die Lanze in den Querbalken des edelsteingeschmückten Reichskreuzes eingefügt und wird erst nach der Öffnung der Abdeckung sichtbar. Das Reichskreuz wurde im 11. Jahrhundert unter König Konrad II. speziell als Reliquienbehälter für die Lanze geschaffen. Das Lanzenblatt misst 51 Zentimeter und hat ein Gewicht von 970 Gramm. Weil der Mittelteil im zehnten Jahrhundert zur Herstellung von zwei Repliken ausgestemmt wurde und dabei brach, ist er durch eine goldene Manschette gesichert.

Nach ihrer Auffindung durch die heilige Helena war die Lanze zunächst in Jerusalem verblieben, seit dem 7. Jahrhundert befand sie sich in Byzanz in der Kirche der heiligen Jungfrau zu Pharus. Am Weihnachtsfest des Jahres 800 wurde sie durch eine Gesandtschaft Karl dem Großen anlässlich seiner Kaiserkrönung in Rom als äußeres Zeichen für die kaiserliche Schutzherrschaft über Rom und Italien in feierlicher Form übergeben. Manche Forscher äußern die Vermutung, dass bei diesem Ritual die altgermanische Vorstellung des mit göttlichen Kräften ausgestatteten Wotanspeeres mit hereinspielte, wenngleich natürlich in verchristlichter Form. In der Folgezeit wurde der Lanze jedenfalls übernatürliche Kraft zugesprochen, die ihrem Besitzer im Kampf den Sieg verbürgte. Wer sie besaß, konnte sich unter den besonderen Schutz Gottes gestellt wissen und war legitimiert für die Königs- bzw. die Kaiserwürde.

Zeitgenössische Chronisten waren davon überzeugt, dass die heilige Lanze es war, die den ottonischen Herrschern im 10. Jahrhundert mehrfach zum Sieg über ihre Feinde verhalf, so auch bei der Schlacht auf dem Lechfeld im Jahre 955, wo die Ungarn vernichtend geschlagen wurden.

Im 14. Jahrhundert führte der Papst auf Bitten Kaiser Karls IV. sogar ein eigenes Kirchenfest ein, das Fest der Heiligen Lanze und der Nägel vom Kreuz Christi. Es wurde am zweiten Freitag nach Ostern in ganz Deutschland und in Böhmen abgehalten. Da damals die Reichsinsignien in Prag verwahrt wurden, fand am Tage des Lanzenfestes in Prag eine große Reliquienfeier statt in deren Verlauf die Lanze und weitere Kleinodien öffentlich zur Schau gestellt wurden. Karls Sohn Sigismund ließ in den Hussittenwirren die Reichsinsignien aus Sicherheitsgründen »zur ewigen Verwahrung« in die Reichsstadt Nürnberg bringen.

Probleme mit der Lanze entstanden im Zeitalter der Reformation, als sich die Stadtväter von Nürnberg für die lutherische Lehre entschieden. Jetzt galt die Reliquienverehrung auf einmal als »papistischer Aberglaube«, die heilige Lanze mutierte zu einer Kuriosität, für deren Besichtigung man Eintritt zahlen musste. Um diese Entwürdigung zu beenden, trug sich der stramm katholische Bayernherzog Wilhelm der Fromme allen Ernstes mit dem Plan, die heilige Lanze samt weiterer Reliquien aus Nürnberg entführen zu lassen und nach München in die Verwahrung eines »rechtgläubigen« Fürsten zu bringen; der Besitz der Lanze hätte sicher sein Ansehen erhöht. Zur Ausführung des Planes ist es jedoch nicht gekommen.

Die Bedrohung durch die französischen Revolutionstruppen war im Jahre 1796 der Grund, die Reichsinsignien nach Regensburg und schließlich nach Wien auszulagern. Sie fanden am Hof von Kaiser Franz II. in der Kaiserlichen Schatzkammer ihren Platz. Die vereinbarte Rückführung nach Nürnberg ist nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation mit dem Verzicht Franz II. auf die Kaiserkrone unterblieben, obwohl die Nürnberger das wiederholt forderten.

Die Rückkehr sollte erst hundertfünfzig Jahre später erfolgen, und zwar auf Befehl Adolf Hitlers im September 1938. Beim Festakt anlässlich der »Heimholung der Reichskleinodien in die Stadt der Reichsparteitage« hielt der Reichsstatthalter in Österreich Arthur Seyss-Inquart die Festrede. Ein Zeitungsbericht erwähnt speziell die Heilige Lanze, die mit dem Wotanspeer der Germanen verglichen wird, dessen Besitz den rechtmäßigen Herrscher legitimiert habe. Offenbar sollte damit auch für Hitler die Anerkennung als Führer des Dritten Reiches legitimiert werden. Eine religiöse Bedeutung der Lanze wird natürlich nicht erwähnt, sie hätte auch nicht zur NS-Ideologie gepasst. Davon abgesehen war der Nimbus der Lanze schon länger verblasst. Materialuntersuchungen hatten an den Tag gebracht, dass sie nicht aus den Tagen Christi stammte, sondern eine karolingische Schmiedearbeit aus dem 9. Jahrhundert war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Lanze zusammen mit den anderen Reichsinsignien erneut auf Reisen, und zwar in einem amerikanischen Militärflugzeug. Auf Anweisung der Militärregierung wurde sie nach Wien geflogen, dort dem damaligen Bundeskanzler Leopold Figl übergeben und in einem Tresor verwahrt, bis sie bei der Wiedereröffnung der Schatzkammer im Jahre 1954 ihren heutigen Platz erhielt.

JB

Literatur: Franz Kirchweger (Hg): Die Heilige Lanze in Wien. Schriften des Kunsthistorischen Museums
Wien, Band 9, Wien 2005.



29/2005