Jahrgang 2019 Nummer 32

Die ehemaligen Gipsbrüche von Bergen

Sie liegen in der Nähe des Eschelmooses und Wege oder Steige führen zu den beschriebenen Geotopen

Kartographische Uraufnahme von 1810 - 1830 mit Alabasterbruch und dem Transportweg orographisch rechts der Weißache.
Vermutliche Reste des Alabasterbruchs am Weißgraben. Der Weg zum Hochfelln verläuft am Bildrand oben rechts.
Kartographische Uraufnahme von 1810 - 1830 mit Gipsbruch zwischen Köstlkopf und Silleck und dem heute noch gut erkennbaren Transportweg zum Wasserwandl im Weißachental. Auf der rechten Seite der Weißache erkennt man den Weg zum Alabasterbruch an der Kaumalpe.
Reliefkarte mit deutlich erkennbaren alten Ziehweg vom Gipsbruch am Silleck, der den Weg zwischen Vorder- und Hinteralm quert.

Schaut man im Internet unter den Begriffen Geotop-Nummer 189G006 und 189G008, so stößt man auf den »Ehemaligen Alabasterbruch an der Kaumalpe unterm Hochfelln« und auf den »Ehemaligen Gipsbruch am Silleck SW von Bergen«. Beide ehemaligen Gipsbrüche liegen in der Nähe des Eschelmooses und es führen Wege oder Steige zu den beschriebenen Geotopen. Vor Ort wird man eher enttäuscht sein, denn es zeigen sich fast keine Anzeichen der ehemaligen Bergbautätigkeiten. Trotzdem ist die Geschichte um diese Gipslagerstätten nicht uninteressant.

Wandert man vom Weißachental zum Hochfelln auf dem Weg über Weißgraben und Thorauscharte, so sieht man kurz nach der Querung der Weißache ein tiefes Loch links des Wegs. Dies sind die Überreste des ehemaligen Alabasterbruchs an der Kaumalpe. Die schon seit längerer Zeit aufgelassene Alm ist fast vollständig locker bewaldet und auf die Reste des ehemaligen Kasers trifft man ca. 5 Minuten später an einer Lichtung. Er zeigt sich aber nur noch in spärlichen Mauerresten und dem Keller, der in Form einer Vertiefung neben dem Weg erkennbar ist. Die Kaumalpe ist auch erwähnt in den Beschreibungen und Geschichten, Sagen und Erzählungen der Anna Kroher »Im Bannkreis der großen Ache«. Die Sage erzählt, dass die Alm aufgelassen wurde, weil dort eine alte Sennerin, die vor Jahren auf der Alm gestorben sei, als Gespenst ihr Unwesen trieb.

Alabaster ist eine Varietät von Gips, die sich durch große Reinheit und gleichmäßige Körnung auszeichnet und oft mit weißem Marmor verwechselt wird. Im Gegensatz zu Marmor lässt sich Alabaster leicht mit Werkzeug bearbeiten und schnitzen, weshalb er oft von Künstlern zur Herstellung von kleinen Skulpturen verwendet wird. Chemisch gesehen, handelt es sich beim Alabaster um ein Calciumsulfat. Im Unterschied zu Marmor hat Alabaster eine geringere Wetterfestigkeit, weswegen der Stein in der Bildhauerei ausschließlich für Innenraumobjekte, also nicht für Kunstwerke, die der Witterung ausgesetzt werden sollen, genutzt werden kann. Seine Farbe kann, je nach Fundort, weiß, hellgelb, rötlich, braun oder grau sein.

Über die Entdeckung des Alabasters an der Kaumalpe schreibt der damalige Obergerichtsverweser Franz Michael von Wagner (1768 - 1851) im Eisenhüttenwerk zu Bergen 1802 im Churbaierischen Intelligenzblatt: »Der bayerische Alabaster wurde im Jahre 1795 im Landgericht Marquartstein, drey Stunden südlich von Bergen (wo ein churfürstliches Commun-Eisenhüttenwerk, und das Berggericht der zwoten Revier ist) bey Gelegenheit, da mehrerer Unterthanen erwähnten Landgerichts nah an einer Bergviehweide, die Kaumalpe genannt, und am Ursprung der Weißachen den daselbst vorkommenden Gips zu brechen unternehmen wollten, entdeckt«.(3)

Schon 3 Jahre später 1798 verfasste der Bergrat und Geologe Matthias Flurl die »Geologische Beschreibung der oberländischen Gipsflötze besonders des an der Kaumalpe Gerichts Marquartstein entdeckten Alabasters«, in der er den Alabasterbruch folgendermaßen beschreibt: »Schon in der Ferne von einer guten halben Stunde, wenn man den Bergrücken nach dem bekannten Eschelmoose überstiegen hat, erblickt man mitten im so betitelten Weißgraben eine hellweiße Wand, die in eben dieser Ferne noch als wie von frisch gefallenem Schnee bedeckt ins Auge fällt. ...Das Gypsflötz, in welchem dieser Alabaster nieren- und nesterweise eingewachsen vorkömmt, und dessen Mächtigkeit ich nicht zu bestimmen in der Lage war, .., schießt unter einem Winkel von 55˚ südlich ein, und streicht von Südost nach Nordwest in der Stunde 8 4/8.«(1) Flurl spricht von den »Putzen« des eingewachsenen Alabasters, die 7 bis 13 Fuß lang waren und 3 bis 9 Fuß breit (1 bayerischer Fuß = 29 cm). Jedoch waren die reinen und vollkommen dichten Stücke selten und meist kleiner als 1 Kubikschuh.

Wegen der Klüftigkeit des Materials und der Durchsetzung mit grauem blättrigen Gips war die Gewinnung von reinen Stücken relativ schwierig. Die Arbeitsbedingungen müssen entsprechend der Beschreibung des Obergerichtsverwesers Wagner hart und nicht ungefährlich gewesen sein: »Der vorliegende enge Graben gestattet nicht mehr als 3 oder 4 Steinbrechern Raum zum Arbeiten. Wenn einige Stücke gewonnen sind, so müssen sie theils des Wassers, theils des geringen Platzes wegen aus dem Graben geschafft werden. Hierzu sind meist 6 Mann nothwendig, weil selbe nicht nur allein aus dem 15 Klafter (15 Klafter = 80 Fuß = 26,25 m) tiefen Graben, sondern noch eine sehr beträchtlichere Strecke bergan getragen werden müssen, bis sie in der daselbst erbauten Hütte aufbewahret werden können.«(3)

Der gebrochene Alabaster wurde bis zum Winter vor Ort eingelagert. Der Transport erfolgte am Ende des Winters, da dann der in diesen Höhen bis zu 4 Meter hohe Schnee sich soweit gesetzt hatte, dass der Alabaster auf Schlitten von dem »eine volle Stunde hohen, steilen Berg« bis in die Ebene gebracht werden konnte. »Es versteht sich wohl von selbst, daß zu diesem Behufe im Herbst schon die Wege besonders vorgerichtet, hie und da mit Bäumen beleget, und im Winter selbst mit unglaublicher Mühe und Kostenaufwand entweder da, wo der Schnee nicht tief ist, mit Füßen zusammengetreten, oder gar mit Schaufeln ausgeworfen werden mußte. Ist nun der Alabaster unter hundert mannichfaltigen Hindernissen, vom Gebirge durch Menschenhand gezogen; so wird er abermal in einer Hütte in der Ebene aufbewahret, bis in dem 2 Stunden langen, engen Thale der Weißache, Schnee und Eis aufgetauet, und die Wege mit dem Wagen befahrbar sind.«(3)

Der Bergener Alabaster wurde offensichtlich von dem damaligen churbaierischen Eisenhüttenwerk in Bergen vertrieben. Er wurde in rohen Stücken nach dem Gewicht verkauft. Die größeren Stücke bis zu 50 Pfund kosteten 4 fl. der Zentner und die kleineren 3 fl. 30 kr. der Zentner. Für Stuckarbeiten und Gipsformereien wurde das Mehl aus den Zuschnitten und aus gemahlenen, kleinen Stückchen für 1 fl. 30 kr. der Zentner verkauft. Im Sommer 1803 lagen 300 Zentner große Stücke und 200 Zentner kleine Stücke im Lager, die im Winter davor vom Berg gebracht wurden. Der Bergener Alabaster wurde als sehr hochwertig in der Qualität eingeschätzt, der »die bisher bekannten deutschen Alabasterarten weit hinter sich lasse. Sein blendend Weiß übertrifft den berühmten italienischen Alabaster; eine etwas größere Härte gestattet eine brillante Politur, so dass man sagen kann, er mache in kleinen Figuren, bey Uhrkasten, Basreliefs, Potpourri, Vasen, Leuchten, Girandolen u. dgl. jenen nicht nur den Rang streitig, sondern er übertreffe ihn sogar.«(3)

Jedoch wurde er in Bayern scheinbar nur wenig verarbeitet, da er im Münchener Tagblatt im Jahre 1802 in einem ausführlichen Artikel beschrieben und beworben wurde. Dort beklagt sich der Autor, dass in ganz Bayern seit 6 Jahren nur 121 Zentner 8 Pfund verarbeitet wurden. Dagegen spricht er von einem reißenden Absatz ins Ausland und namentlich nach Wien: »Im Jahre 1799 schickte man 11 Zentner 50 Pfund als Probe dahin, und im 1800ten Jahre mußten schon mitten unter den Stürmen des Krieges 143 Ztr. Alabaster dahin versendet werden. Im verwichenem Jahre 1801 kamen volle 390 Ztr. dahin, und wie man von dorther berichtet wird, so ist die Liebhaberey für Arbeiten aus baierischem Alabaster bis zu den wohlhabenden Bürgern herabgestiegen«.(2)

Über das Ende des baierischen Alabasters gibt es keine genauen Unterlagen. Vermutlich hat ein Starkregenereignis im Jahre 1816 dem Gipsbruch im Weißgraben ein Ende dadurch bereitet, dass die alabasterführende Gipsschicht unter Schutt- und Geschiebe so tief begraben wurde, dass es nicht lohnte, sie erneut freizulegen. »Aber auch die hohe Lage im unwegsamen Gelände, die hohe Überdeckung von Schuttmassen, die Schwierigkeit des Transports und der Gewinnung brachten den Abbau des so vortrefflichen Materials zum Erliegen.«(4)

Der zweite Gipsbruch am Silleck liegt auf der Westseite des Schindeltales, wenn man vom Weg zwischen Vorderalm und Hinteralm nach Westen einen Steig neben dem sogenannten Gipsgraben weiterverfolgt bis zu seiner Quelle unter dem sattelartigen Übergang zwischen Silleck und Köstelkopf zur Brachtalm. Man kann auch versuchen, den alten Transportweg des Gipses, der im Luftbild und in alten Karten gut zu erkennen ist, bis zu seinem Ende zu verfolgen. Das eigentliche Gipsabbaugebiet auf der orographisch rechten Seite des Gipsgrabens ist durch mehrere Starkregenereignisse verschüttet und heute nicht mehr erkennbar.

Der Geologieprofessor Carl Wilhelm Gümbel beschreibt 1861 den Gipsbruch am Silleck als »Schichtpacket mit in Std 12 ½ mit 50˚ S einfallend, das zwischen Rauhwacken und breccienartiger Dolomit der Raibl-Formation eingelagert ist«. Der Wechsel in den Raibler Schichten, entstanden in der Obertrias vor 235 – 228 Mio. Jahren, ist durch eine mehrfache Abfolge aus Meeresrückzug und wieder einsetzender Überflutung verursacht. In flachen Meeresbereichen lagerten sich Sedimente ab, diese Meeresbereiche wurden immer seichter und zum Schluss salzhaltiger, es bildeten sich Kalke und Dolomite mit Salz- und Gipseinschlüssen.

Offensichtlich war der Gipsbruch zu Zeiten von Gümbel noch in Betrieb, da er eine Skizze mit dem Schichtverlauf der Gipsformation anfertigte. Der relativ gute Zustand des Ziehweges vom Wasserwandel im hintersten Weißachental bis zum Gipsbruch lässt auch vermuten, dass hier deutlich länger Gips abgebaut wurde, als im Alabasterbruch an der Kaumalm gegenüber. Im Gegensatz zum hochwertigen Material von dort, handelt es sich am Silleck aber um einfachen Gips zur Herstellung von Stuck, Gipsformen und Mörtel.

Der im Bruch gewonnene Gips wurde vermutlich wie der Alabaster im Winter über den Ziehweg mit Schlitten ins Weißachental gebracht und mit Pferdefuhrwerken im Sommer bis zum Ortsteil Maxhütte gefahren. Dort gab es vormals die Daburger Mühle, die neben Getreide und Ölfrüchten auch Gips gemahlen hat. Die Daburger Mühle wird im Topographischen Lexikon von Bayern 1812 als einschichtige Mühle mit 12 Seelen im Landgericht Traunstein, Vikariat Bergen, erwähnt. Ob der Gips dort gebrannt wurde oder als Rohware weiterverkauft wurde, konnte bisher nicht geklärt werden. Ebenso ist auch nicht bekannt, wann der Gipsabbau am Silleck zu Ende ging.

 

Dr. Kristian Krammer

 

Quellen:

1) Flurl Matthias, 1798: Geologische Beschreibung der oberländischen Gipsflötze, besonders des an der Kaumalpe des Gerichts Marquartstein entdeckten Alabasters. In Physikalische Abhandlungen der königlich baierischen Akademie der Wissenschaften vom Jahre 1802 bis 1805.

2) Bekanntmachung eines neuen Naturprodukts zum Gebrauche für Bildhauer und Steinarbeiter. In Münchner Tagblatt 1802.

3) F. M. von Wagner, 1803: Über das Vorkommen des baierischen Alabasters und seine dermalige Benutzung. In Churbairisches Intelligenzblatt, Juni 1803.

4) C. W. Gümbel, 1861: Geognostische Beschreibung des bayerischen Alpengebirges und seines Vorlandes. Verlag von Justus Perthes, Gotha.

 

32/2019