Jahrgang 2005 Nummer 48

Die Blaumeise – betriebsam, aber boshaft

Kritisches Urteil von Alfred Brehm über den nützlichen Insektenvertilger

Die Blaumeise ist eine unserer häufigsten Singvogelarten und ein regelmässiger Gast an den Futterhäuschen. Bis in eintausend Meter Seehöhe kann man sie fast überall antreffen. Kaum ein anderer Vogel hat eine derart kontrastreiche Färbung. Auf der Oberseite ist sie blaugrünlich, auf dem Kopf, den Flügeln und auf dem Schwanz blau, auf der Unterseite gelb. Ein weißes Band, das auf der Stirn beginnt und bis zum Hinterkopf reicht, grenzt den dunklen Scheitel ab, ein schmaler, blauschwarzer Streifen trennt ihn von der weißen Wange. Flügel und Schwanz sind überwiegend blau, die Steuerfedern schieferblau.

Blaumeisen besiedeln Laub- und Mischwälder jeder Art, Feldgehölze, Streuobstwiesen, Parkanlagen und Friedhöfe, aber auch dicht bebaute Wohnviertel bis in die Innenstädte, vorausgesetzt es sind alte Bäume vorhanden. Nur baumlose Agrarsteppen und dichte geschlossene Nadelwälder werden gemieden.

Für den Nestbau bevorzugt die Blaumeise Baumhöhlen und Mauerlöcher. Wenn andere Höhlenbrüter ihr den Nistplatz streitig machen wollen, setzt sie sich mit Mut und Ausdauer zur Wehr. Das Nest wird nur vom Weibchen gebaut, das dabei vom Männchen als Zuschauer begleitet wird. Den Unterbau bildet eine Moosschicht, darüber kommen dürre Halme und Tierhaare. Auf dieses Polster legt das Weibchen zwischen Ende April und Anfang Juni sieben bis zwölf weiße, rostfarben punktierte Eier. Das unvollständige Gelege wird zum Schutz mit Nistmaterial abgedeckt. Erst wenn alle Eier gelegt sind, beginnt das Weibchen mit dem Brüten. Es wird währenddesssen vom Männchen gefüttert. An der Aufzucht der Jungen, die nach etwa zwei Wochen schlüpfen, beteiligen sich beide Partner. Nach etwa 16 Tagen sind die kleinen Blaumeisen flügge und verlassen das Nest.

»In ihrem Wesen zeigt sich die Blaumeise einerseits betriebsam, gewandt und geschickt, andrerseits aber boshaft und zänkisch«, bemerkt Alfred Brehm in seinem »Tierleben«. Und er fährt fort: »Wenn sie die Kraft dazu hätte, würde sie manchem größeren Vogel eins auswischen, denn sie führt, wenn sie erregt ist, gewaltige Schnabelhiebe, beißt heftig auf ihren Gegner ein und hat dann, wenn sie ihr Gefieder aufbläht, ein recht bösartiges Aussehen.« Brehms lebendige Schilderung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass er das Verhalten des Vogels nach moralischen Massstäben (»boshaft, bösartig«) beurteilt, die für tierisches Verhalten natürlich unzulässig sind.

Wie alle Meisen ist auch die Blaumeise ein hervorragender Insektenvertilger. Sie kann Kleintiere und Ihre Eier und Larven an den verborgensten Stellen aufspüren. Im Winter nimmt sie sich auch mit pflanzlichem Futter vorlieb, obwohl Sämereien nicht ihre Lieblingsspeise sind.

Da die Blaumeise in unseren Haus- und Kleingärten immer weniger Nistmöglichkeiten findet, empfiehlt es sich, Nistkästen anzubringen. Ein solcher Meisenkasten sollte eine Bodenfläche von 12 mal 13 Zentimeter und eine Höhe von 25 Zentimetern haben. Für das Flugloch genügt ein Durchmesser von 2,6 Zentimetern. Man hängt den Nistkasten zwei bis drei Meter über dem Boden auf, am besten freischwebend an einem Draht zum Schutz vor Katzen und Mardern. Die Vorderwand sollte zur Reinigung herausnehmbar sein, kleine Abflusslöcher am Boden halten das Nest trocken. Die günstigste Zeit zum Anbringen eines Nistkastens ist der Herbst, damit der Kasten von der Blaumeise schon im Winterhalbjahr als Schlafstätte genutzt werden kann.

JB



48/2005