Jahrgang 2014 Nummer 44

Der Dichter, der seine »schöne Stadt« besang

Vor 100 Jahren starb das Salzburger Poesie-Genie Georg Trakl

Salzburg mit Festung im dichten Nebel, Ölgemälde von A. Binder, 1846 (Privatbesitz).
Im Friedhof St. Peter, Salzburg.
Gedenktafel der Salzburger Raimundgesellschaft, angebracht 1962.
Eine der 9 Salzburger Gedichte-Tafeln mit Trakl-Texten, Mönchsberg-Bastei.
Schaukasten der »Trakl-Gesellschaft« mit dem Trakl-Gedicht »Im Dunkel«.
Handbemalte Schatulle mit der Taschenuhr Georg Trakls, um 1900.

Geburts- und Wohnhaus, Garten an der Pfeifergasse 3, Schule, Christuskirche, Apotheke, Friedhof, Mönchsberg, Schloss Mirabell, Eisenbahnbrücke, Hellbrunner Park – was doch in Salzburg nicht alles an den Dichter Georg Trakl erinnert! »Wege mit Georg Trakl« – unter diesem Titel lud Hans Weichselbaum, der Leiter des Trakl- Forums der Salzburger Kulturvereinigung, schon vor etlichen Jahren ein, dem Frühvollendeten unter den großen Kulturschaffenden Österreichs – man denke nur an Mozart oder Schubert – wandernd oder radelnd nachzuspüren. Elf Lebensstationen Georg Trakls (1884 - 1914) hätte der Erkunder da zu absolvieren, nimmt er Anif mit hinzu. Er käme der Persönlichkeit, ihrer Ausstrahlung und Bedeutung als mehr dauerhaft verzweifeltem als irgendwie je glücklichem, expressionistischem Dichter nah. Anhand des beim Trakl-Forum erhältlichen bebilderten Flyers ist es leicht, sich auf den Weg zu machen.

Bis er 21 Jahre alt war, lebte Georg Trakl in seiner Geburtsstadt Salzburg. Später kehrte er immer wieder einmal dorthin zurück. In Prosa und Lyrik bannte er die Örtlichkeiten der Festspielstadt, mit denen er verbunden war. Die Stadt Salzburg besitzt und präsentiert, seit nunmehr beinahe drei Jahrzehnten, acht, mit Anif gar neun Tafeln mit Gedichten ihres berühmten Sohnes. Dazu hat auch, als willkommene Hilfe und informativen Tour-Begleiter, das Internationale Trakl-Forum der Salzburger Kulturvereinigung das schmale Heft: »Georg Trakl – die 'Salzburg'-Gedichte« mit Dichter-Porträts des Pariser Malers Jean-Paul Chambas und Skizzen von Alfred Kubin herausgebracht.

Die schöne Stadt

Gewiss hat der Trakl-Kenner und -Biograph Hans Weichselbaum Recht, Trakls 1909 veröffentlichtes Gedicht »Die schöne Stadt« an den Anfang zu setzen. Die Tafel an der Hof-Nordseite des Trakl-Geburtshauses am Waagplatz 1 a, schuf ein Schriftkünstler in Bronze. Was der junge Dichter in die sieben vierzeiligen Strophen dieser Huldigung auf seine Geburtsstadt einbringt, soll er, so Hans Weichselbaum, »vom Fenster der elterlichen Wohnung am Mozartplatz« aus, wo sich später Cafés (Glockenspiel, Deml) befanden, wahrgenommen haben. »Alte Plätze sonnig schweigen, / Tief in Blau und Gold versponnen / Traumhaft hasten sanfte Nonnen / Unter schwüler Buchen Schweigen …« So hebt das Gedicht an. Es eröffnet bereits den ganzen Kosmos der Dichtung Trakls: Lautlosigkeit, Versponnenheit, Traum, Schwüle …

Als Trakl diese Zeilen aus seiner Erinnerung niederschrieb, studierte er Pharmazie in Wien. Von hier aus sandte er wohl das Gedicht »St.-Peters- Friedhof«, Erstveröffentlichung 1909, an die Redaktion des »Salzburger Volksblatts«. Man darf sie sich in unmittelbarer Nähe des Waagplatz- Hauses vorstellen, in dem Trakl seine Kindheit verbrachte. Melancholisch und stets von Zweifeln geplagt, liebte Trakl die Stille und Verschwiegenheit dieses »traumverschlossenen Gartens« schon als Kind, wenn er an der Hand der Mutter durch den Friedhof schritt. Als Adoleszent sog er die Letalität der abseitigen Stätte zwischen Kloster und Kapitelplatz in sich ein. »Zur Nacht« sah er da »die Bäume blüh‘n«, wenn »unter den Arkaden … manch Licht« brannte, »das stumm für arme Seelen fleht«.

Am Mönchsberg

Ein Jahr vor Trakls Tod, 1913, entstand in Innsbruck das Gedicht »Am Mönchsberg«. Eine Tafel oberhalb des Klosters St. Peter, nahe der Edmundsburg, die man vom »Toscaninihof « über die Stiege anpeilt, hält den Text in Stein graviert fest. Dem Salzburg-Wanderer wird ein Stück Literatur vor Augen geführt, das sich unmittelbar auf den beschriebenen Ort bezieht. Dabei handelt es sich um die in der Zeitschrift »Der Brenner« (Ausgabe: 1. 11. 1913) abgedruckte Zweitfassung des für Adolf Loos bestimmten Originals. Herbststimmung, Verfallen, Niedersinken, Schlaf, Kühle, Dunkel, Wald, Krankheit, Klage, ein nur »spärliches Grün«, ein »versteinertes Haupt« … – alle diese Metaphern nehmen den Tod des Dichters durch Vergiftung bereits bildträchtig vorweg.

Todesnähe und Einsamkeit durchwirken denn auch die Trakl-Gedichte »Im Dunkel« (1914), in welchem der sich vollkommen selbst Gehörende »An kahler Mauer / Wandelt mit seinen Gestirnen« und »Musik im Mirabell « (öffentlich angebracht nahe dem Barockmuseum, im Schlosspark, östliche Gartenmauer) mit vom Dichter 1912 selbst geändertem Titel und neu geschriebener Schluss-Strophe:

Musik im Mirabell

Ein Brunnen singt. Die Wolken stehn
im klaren Blau, die weißen, zarten.
Bedächtig stille Menschen gehen
Am Abend durch den alten Garten.

Der Ahnen Marmor ist ergraut.
Ein Vogelzug streift in die Weiten.
Ein Faun mit toten Augen schaut
Nach Schatten, die ins Dunkel gleiten.

Das Laub fällt rot vom alten Baum
Und kreist herein durchs offne Fenster.
Ein Feuerschein glüht auf im Raum
Und malet trübe Angstgespenster.

Ein weißer Fremdling tritt ins Haus.
Ein Hund stürzt durch verfallene Gänge.
Die Magd löst eine Lampe aus,
Das Ohr hört nachts Sonatenklänge.

Ein Winterabend

In der Erzählung »Vom Podvelez« von Robert Michel, die Trakl kannte, stirbt ein Mann durch Erfrieren. Ob Trakl diesen Vorfall zum Anlass für sein Gedicht »Ein Winterabend« nahm? »Brot und Wein« erglänzen in diesem dreistrophigen Gedicht »in reiner Helle«. Die Christuskirche, in der Georg Trakl am 8. Februar 1887 getauft wurde, steht noch heute in unveränderter Gestalt, wie sie einst der Dichter erlebte, am Salzachufer. Neben der Kirchenpforte ist das Gedicht »Ein Winterabend« nachzulesen. Der Text gehört zu den geläufigsten, selbst für solche, die Trakl nur sporadisch kennen: »Wenn der Schnee ans Fenster fällt, / Lang die Abendglocke läutet, / Vielen ist der Tisch bereitet / Und das Haus ist wohlbestellt …« Man weiß, dass Georg Trakl den Text an den ihm viel bedeutenden Kulturkritiker Karl Kraus sandte.

Im Salzburger Stadtteil Lehen spielt Trakls sechsstrophiges Gedicht »Vorstadt im Föhn«. Entworfen wurde es 1911. Ludwig von Ficker, der den »Brenner« in Innsbruck herausgab, publizierte es in der ersten Mai-Ausgabe seiner Zeitschrift des Jahrgangs 1912. Von »rosenfarbenen Moscheen« phantasiert darin der Dichter, von bunt vom Föhn gefärbten Stauden, von der Röte, die langsam durch die Flut kriecht. Doch immer scheitert bei ihm alles. Nichts hat Bestand. Frauen treten aus der Dämmerung. Ihnen haftet ein »ekelhafter Zug voll Schmutz und Räude« an. Trakl erweist sich wieder als einer, der gern Untergangs-Phantasien nachhing und sich nicht im Geringsten am Positiven des Lebens zu erfreuen vermochte. Eine Art Stele bedeckt der lange Text des Gedichts »Vorstadt im Föhn«, zu finden an der neuen Eisenbahnbrücke, dem Fernheizwerk im Stadtteil Lehen gegenüber. Früher stand hier einmal der städtische Schlachthof. Verständlich also des Dichters Abneigung gegen die »Luft, von gräulichem Gestank durchzogen«, erklärbar auch die Frauen, die körbeweise Eingeweide tragen.

Im eisigen Wind

Hinaus also, rasch, in Richtung Anif, wo es entschieden nobler zugeht. Hier wohnte später beispielsweise, der große Dirigent und Opernregisseur Herbert von Karajan, der auf dem kleinen Kirchhof bescheiden begraben liegt. Hierher gelangt man – mit Trakl als Leitstern – über »Die drei Teiche in Hellbrunn« (wie das Gedicht überschrieben ist, welches innerhalb der Jahre 1909 bis 1914 immer wieder Modifikationen erfuhr) bis zu den »Mauern des Dorfes« südlich der Festspielstadt, in denen allerdings »ein eisiger Wind« weht. Dort stirbt, laut Trakl, das Laub, trifft man auf das »dunkle Wild« – alles sinkt hin ins Dunkel. Den Geborenen drückt, so sah es der Dichter, große Schuld –- das ist die Quintessenz des Trübsinnigen, der wie kein anderer die Nachtseite der in der Werbung stets so überschwänglich geschilderten dreifachen Festspielstadt (an Ostern, Pfingsten und im Sommer), der Stadt der Künste und des Frohsinns, der Wissenschaften und des noch immer barock verbrämten Lifestyles, den gerade der nach nur drei Spielzeiten scheidende Intendant Alexander Pereira zu betonen, nein: zu beschwören versuchte, indem er die Salzburger Festspiele mit einem prunkvollen Ball ausklingen ließ.

Doch bewegte der an die Mailänder »Scala« wechselnde Pereira auch die Salzburger Sommer-Festspiele ein Stück weit in die Besinnlichkeit hinein, indem er ihnen die »Ouvertüre Spirituelle« voranstellte: geistliche Konzerte und das Religiöse betonende Performances. Sie verweisen auf die von Georg Trakl grau umflort und düster beschatteten Seiten des menschlichen Daseins.

Bedauernswertes Schicksal

Der Gelehrte Walter Weiss gab zu bedenken, dass Georg Trakls Salzburg-Gedichte »kein Stadtlob im Stil der Humanisten« seien. Vielmehr böten sie »Abrisse der unverwechselbaren Trakl-Welt«. »Diese Welt«, schrieb Weiss, sei »jedoch nicht nur individuell – einmalig, sondern zugleich repräsentativ, sowohl für die moderne Dichtung im 20. Jahrhundert und ihre besondere Form, als auch für die Generation, den Raum und die Zeit, denen Trakl als Autor und mit seinem persönlichen Schicksal zugehört«.

Dieses Schicksal war bedauernswert. Gehen wir vom Ende an den Anfang, vom »Abschied« aus dem Leben am 3. November 1914 in Krakau – »Der Abschied« heißt das Bühnenstück des Salzburger Autors Walter Kappacher, das im Rahmen des diesjährigen Festival- Young Directors Projects als Trakl- Hommage mit Paul Herwig in der Rolle des Dichters uraufgeführt wurde – bis zur »Ankunft« im Leben am 3. Februar 1887 im Schaffnerhaus am Salzburger Waagplatz. Erst 27 Jahre alt, erlag Georg Trakl, als Kriegsteilnehmer in Galizien, eingesetzt in der Schlacht bei Grodek, traumatisiert durch die grauenerregenden Kriegsereignisse einer Herzlähmung. Grund: Übermäßiger Kokaingenuss. Das Rauschhaft-Vernebelte, die Motive der ständigen Besorgnis, der Trostsuche, der eingestandenen Hoffnungslosigkeit, auch des gerne ausgedehnten spazieren Gehens, der Verschlossenheit und Traurigkeit bis hin zu Depression und Todessehnsucht fügen sich zur Figur des genialen poetisierenden Frühvollendeten.

Herbstliche Wälder

Noch vor Abschluss des Gymnasiums entscheidet sich der Achtzehnjährige für den Apotheker-Beruf, praktiziert in Salzburg, studiert in Wien Pharmazie, schließt, im Todesjahr des Vaters 1910, mit dem Magister ab, wird »Rezeptuarius« in der Apotheke »Zum weißen Engel« in der Linzer Gasse, geht 1912 in die Garnisonsspitals- Apotheke Nr. 10 nach Innsbruck. Als er hier Ludwig von Ficker, den Herausgeber der Halbmonatszeitschrift »Der Brenner«, kennenlernt, hat er bereits, zunächst als Dramatiker, dann aber insbesondere als Lyriker, publiziert. In Wien verkehrt er mit Karl Kraus und Adolf Loos. Nach kurzer Venedig-Reise hält er seine einzige öffentliche Lesung in Innsbruck. In Berlin, wo er die nur allzu sehr geliebte Schwester Grete besucht, trifft er u. a. Else Lasker-Schüler. Mit seiner Bewerbung als Kolonialdienst-Angestellter scheitert er. Letztmals, Ende Oktober 1914, sieht er seinen Gönner L. v. Ficker in Krakau, zu welchem Trakl kurz vorher nach Igls/Tirol gezogen war … Unter den wenigen Relikten, die im Salzburger Trakl-Haus an den Dichter erinnern, befindet sich die mit dem farbigen Bild eines lustigen Pudels bemalte Schatulle mit der Uhr, die Trakl angeblich im Krieg bei sich trug.

»Grodek« ist Georg Trakls letztes Gedicht überschrieben. Robert Hammerstiel nahm die Eingangs-Zeilen in sein Werk »Österreichische Schriftsteller« (Wien 1995) auf:

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldenen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder,
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt,
Das vergossene Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung …

Diesem Text gegenüber ist Hammerstiels aussagekräftiges Trakl-Porträt, ein Holzschnitt vom Ausmaß 7,5 x 11 Zentimeter, eingeklebt.

»Bilder und Farbenreichtum, wohin man sieht«, kommentiert Erich Fitzbauer die Gedicht-Zeilen, »aber die düsteren Stimmungen überwiegen, der Herbst, die Jahreszeit des Verfalls: Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden. Trakl ist fast zeitlebens ein von Visionen Heimgesuchter, in Träumen Verlorener, von Alkohol und Drogen Abhängiger, Verzweifelter … Nur selten finden … finden wir Helligkeit in seinen Gedichten, Klarheit. Viele Bilder sind und bleiben dunkel, viele Symbole verschlüsselt, viele Inhalte scheinen unerreichbar. Gerade deshalb aber lohnt es, auf den vielen labyrinthischen Wegen seiner faszinierenden Verssprache nach Zugängen zu suchen.«

»Dear Mr. Grodek« betitelte der diesjährige Georg-Trakl-Preisträger für Bildende Kunst, Daniel Domig (Jg. 1983), seine mit 4000 Euro geehrte Arbeit, in der es ihm, der Jury zufolge, gelang, mit schnellem und leichtem Pinsel auf die Gedichte und die Biografie Georg Trakls einen visuellen Kommentar zu finden, ohne zu illustrieren«.


Dr. Hans Gärtner

 

44/2014