Jahrgang 2019 Nummer 52

»Der Aberglaube ist die Poesie des Lebens«

Bleigießen ein altes Orakelspiel – Der Talisman als Glücksbringer

Zu Silvester ist wieder die Zeit gekommen, wo Glückwünsche massenweise ausgesprochen werden und abergläubische Handlungen wie etwa Bleigießen und allerlei Orakel, also rätselhafte Weissagungen, den Blick in die Zukunft möglich machen sollen. Aberglaube, so wissen die Forscher zu berichten, beruht auf uralten Erfahrungen, die die Menschen einst machten. Das Wort leitet sich ab von »Abglaube«, was Nichtglaube und Unverstand bedeutet.

Mit Talismanen soll das Schicksal gnädig gestimmt werden, böse Geister sollen fern gehalten werden, die eigene Angst vor dem unwägbaren Schicksal soll gemeistert werden. Dabei ist es recht interessant, einmal ein paar der typischen Aberglauben ein wenig näher zu betrachten, denn der tiefere Sinn ist vielfach verloren gegangen.

Der Talisman als Glücksbringer, Amulett oder Fetisch ist arabischen Ursprungs. Mit »Tilasm« bezeichnete man dort ein Zauberbild oder geweihten Gegenstand, und Zauberkräfte, die Böses zum Guten wenden, erwartet manche und mancher von einem solchen Erinnerungsstück.

Bleigießen ist ein altes Orakelspiel, wie es einst für Göttersprüche verwendet wurde. Man wollte den Schiedsspruch nicht in Menschenhand legen, sondern außerirdische Mächte sollten ihn – mehr oder weniger unbeeinflusst – treffen. In der Kindheit machen wohl alle eine solche Entwicklungsphase durch, in der wir glauben, durch bestimmte Verformungen und Deutungen die Wirklichkeit beeinflussen zu können.

Vierblättriger Klee und Hufeisen sind verbreitete Glückssymbole in der Silvesterzeit. Ganze Berufszweige machen mit dem Glück einen nicht unerheblichen Gewinn, wobei nicht nur der zufällig gefundene vierblättrige Klee glücksverdächtig ist, sondern ebenso das Hufeisen, über das man ebenso zufällig stolpert.

Der Klee etwa soll auf die Vertreibung Evas aus dem Paradies hinweisen, die sich damit ein Erinnerungszeichen mitnahm. Beim Hufeisen ist es wohl die Ähnlichkeit mit dem aufgehenden Mond, der stets besseres Wetter ankündigte, oder es handelt sich um eine sehr alte Verehrung des Pferdes bei den Germanen, von der nur noch die Glücksbedeutung übrig geblieben ist.

Ein zerbrochener Spiegel in der Silvesternacht soll sieben Jahre Unglück bringen. Das mag daher rühren, dass Spiegel einst wertvolle Gegenstände waren, die man gut zu hüten hatte. Im Spiegel glaubte man die Zukunft erkennen zu können, aus Spiegeln sagte man wahr. Ein zerbrochener Spiegel bedeutete, sich nicht mehr sehen zu können.

Also klopft man lieber »toi, toi, toi« auf Holz, damit alles heil bleibt, auf Holz übrigens deswegen, weil einst die Bäume als Wohnung der Götter angesehen waren. Und die Götter wollte man zum Schutz herbeirufen, indem man auf Baumholz klopfte.

Schließlich sind da noch die vielen Glückwünsche, die wir zum Jahreswechsel austauschen. Sie entspringen echtem märchenhaftem Denken, nämlich dass Wünschen hilft. So können vielleicht Sprüche, Herzen, Hände, Darstellungen heiliger Dinge und fromme Zeichen das Böse bannen und das Gute hervorlocken. So kann ein bisschen Aberglaube sogar ganz nützlich sein, wenn man nur ein wenig daran glaubt. Denn schon der große Dichter Goethe war der Meinung: »Der Aberglaube ist die Poesie des Lebens«.

 

52/2019