Jahrgang 2019 Nummer 51

Das verschwundene Christkind

Das Rätsel eines Chiemgauer Krippen-Bildes löst die Vision einer heiligen Frau

Das aus dem Chiemgau nach München gelangte gut 500 Jahre alte Südtiroler Flügelaltärchen mit dem verlorenen Christkind. (Fotos: Hans Gärtner)
Das steinerne Denkmal der heiligen Birgitta von Schweden, die ihre »Visionen« nahe der Kirche von Altomünster, Oberbayern, an sich drückt.

Die Krippensammlung des Bayerischen Nationalmuseums ist für viele Liebhaber der Krippenkunst, aber auch ganzer Gruppen und Familien mit Sinn für religiöses Brauchtum. Unter den zahlreichen ausgestellten »Krippen-Bildern«, gemalt, bossiert, radiert, geprägt oder aus Holz geschnitzt, fällt vielleicht ein farbig gefasstes Relief auf, dessen Beschriftung besonders den Besucher aus dem Chiemgau nachdenklich stimmen dürfte. Er liest den Text zur »Inv(entar) Nr. MA 1948«: »Flügelaltärchen, Lindenholz, alte Fassung nur teilweise erhalten, Jesuskind verloren, Südtirol um 1500«. Leider erfährt er nur, dass das seltene Stück spätgotischer Schnitzkunst, einmal »im Kloster Frauenwörth im Chiemsee« stand, nicht aber auch, wo, von wann bis wann und warum, wie und wann es ins Bayerische Nationalmuseum kam. Dargestellt sind Szenen aus dem Marienleben.

Die auf das Exponat gerichtete Fotokamera lässt in das Geschehen im Stall zu Bethlehem blicken. Maria beherrscht es. Sitzt sie? Kniet sie? Ihr Blick ist skeptisch. Ein goldener, dunkelfarbig gefütterter Mantel hüllt sie ein, den sie über den Kopf gezogen trägt und zu einem beträchtlichen Teil vor sich auf den Boden gebreitet hat.

Im Vergleich zu Maria unbedeutend: Josef. Er wirkt in seiner Kleinheit zurückhaltend. Marginal erscheint auch ein Paar verhuschter Gestalten – hätten sie Flügel, wären sie als Beistell-Engel anzusehen. Sie schauen, wie Josef, ins Leere vor sich hin. Maria, in betender Haltung, fehlt eine Hand, einer der jungen Zuschauer hat beide Arme nicht mehr. Josef scheint einmal etwas gehalten zu haben, einen Stab vielleicht, eine Laterne.

Was weiter nicht verwundert. Beschädigt halt. Bedauert aber wird das fehlende Christkind. Man sucht es umsonst. Eine Krippe oder wenigstens ein Strohlager für das Neugeborene: Fehlanzeige. Wie aus der kurzen Objektbeschreibung hervorgeht, hat es mit ziemlicher Sicherheit auf dem Mantel der Gottesmutter gelegen. Armes Christkind. Bist abhandenkommen. Wie denn das? Entliehen? Entführt? Entwendet? Entsorgt? Wer weiß. Das wohl einst lose auf dem Mantelstück der Mutter Maria gelegene »Kindl« war, unbefestigt, leicht zu entfernen …

Hilfreich für die Behauptung der Kunsthistorie, das nackte Christkind habe einmal auf dem ausgebreiteten Mantelstück der Gottesmutter geruht, ist der Verweis auf eine der Visionen der heiligen Birgitta von Schweden (1303 bis 1373). Vor 20 Jahren erhob sie, eine der bedeutenden heiligen Frauen des Abendlandes, Papst Johannes Paul II. zu einer von drei Patroninnen Europas. Als Birgitta in ihrem vorletzten Lebensjahr nach Rom gepilgert war, soll sie den Hergang der Geburt Jesu geträumt haben: Vor der Niederkunft ihres Kindes zog die Mutter ihre Schuhe aus, streifte ihren Schleier ab, ließ ihr wallendes langes strohblondes Haar über die Schultern fallen und legte ihren Mantel neben sich, um ihr kniend angebetetes Neugeborenes, das in ihrer Imagination stärker strahlte als die Sonne, in seiner hellen Blöße darauf zu betten. Birgittas Vision im Kopf, dachte es sich der in Südtirol arbeitende Schnitzer des Chiemgauer Flügelaltärchens so und nicht anders aus.

Ein namentlich bekannter Kollege in Rom, Niccolò di Tommaso, malte, wohl überhaupt als erster bildender Künstler, etwa 125 Jahre früher, die gleiche Szene in Öl auf Leinwand – zu sehen in der Pinacoteca Vaticana, abgebildet in der »Freien Enzyklopädie« Wikipedia. Wie di Tommaso es schaffte, Birgittas intim empfundene Geburt Christi-Vision von 1372 in sein Werk aus den Jahren zwischen 1373 und 1375 einfließen zu lassen, ist schwer zu erklären. Dem Südtiroler Schnitzer, so ist anzunehmen, war Birgittas Vision aus ihrer ersten Publikation bekannt. Diese wird auf die Zeit 1475/1480 datiert und soll, in Venedig gedruckt, dort erschienen sein.

Di Tommasos Sicht der Geburt Jesu im Licht der Birgitta-Vision ist so klar wie schön: Maria hat ihre ausgezogenen Schuhe hinter sich gestellt und den Mantel geteilt: in eine spitz zulaufende goldfarbene Mandorla um ihre weiß gekleidete schlanke und das vor Kind anbetende Gestalt und eine verkleinerte Ausgabe dieser in Gold gefassten Umhüllung für das am Boden liegende nackte Jesuskind, quasi als sein Unterbettchen. Besonders klug und bedeutungsvoll nimmt di Tommaso auf die Garantin oder Referentin der seltsam anmutenden Krippendarstellung Bezug: Er setzte, ein wenig geschrumpft zwar, dennoch in aller Deutlichkeit, die heilige Mystikerin, als Nonne gekleidet – sie gründete ja den Erlöser-Orden – und mit Rosenkranz, rechts unten ins Bild. Dem anonymen Südtiroler Künstler mag das womöglich unwichtig gewesen zu sein. Oder gab es auch bei ihm mal ein Altarfigürchen, das die heilige Birgitta von Schweden sein könnte? Wenn ihm schon das Christkind fehlt – warum nicht auch seine Seherin.

 

Hans Gärtner

 

51/2019