Jahrgang 2019 Nummer 33

Das Kinderheim St. Josef am Salinenberg

Von der »Aufbewahrungsanstalt« bis zur Kinder- und Jugendbetreuung von heute

Alte Aufnahme vor dem Kinderheim St. Josef mit den Kindern und den Schwestern der Armen Franziskanerinnen von Mallersdorf. (Fotos: Giesen)
Gründungsurkunde aus dem Jahr 1894.
Auch die alte Kapelle musste abgerissen werden.
Der Traunsteiner Stadtpfarrer und Dekan Josef Heinrich Meixner gründete 1894 das Kinderheim St. Josef.
Karl-Heinz Oberhuber leitet seit November 2000 St. Josef.

Eigentlich wollte Karl-Heinz Oberhuber während seiner Ausbildung zum Erzieher nur ein Jahr im Kinderheim St. Josef in Traunstein verbringen. Inzwischen ist er schon seit 28 Jahren da und kaum mehr wegzudenkender Bestandteil des traditionsreichen Kinderheims am Salinenberg. Seit knapp 19 Jahren, seit November 2000, ist er selbst Leiter der Einrichtung. Während das Josefsheim ursprünglich 1894 von den Mallersdorfer Schwestern geführt worden war, übernahm 2004 das Kinder- und Jugendhilfswerk der Kapuziner in Bayern, das sogenannte Seraphische Liebeswerk Altötting (SLA), die Einrichtung, weil bei den Mallersdorfer Schwestern zu wenig Nachwuchs vorhanden war.

Die Traunsteiner Kinder- und Jugendeinrichtung am Salinenberg hat sich in den vergangenen 125 Jahren grundlegend geändert, ist aber doch in ihrem Leitmotiv, nämlich jungen Menschen eine Heimat zu geben, gleich geblieben. Leitspruch der Mallersdorfer Schwestern war »Caritas Christi urget nos« – die Liebe Christi drängt uns. Dieser Leitspruch ist geblieben. Den Grundstein für das Kinderheim Sankt Josef legte der damalige Traunsteiner Stadtpfarrer und Dekan Josef Heinrich Meixner 1894, als er das sogenannte »Asyl für arme Kinder« ins Leben rief. 1893 bekam er von einer Privatperson, die anonym bleiben wollte, 1000 Gulden für einen wohltätigen Zweck gestiftet. Dafür kaufte Meixner das frühere Autischler-Anwesen am Kraglberg, dem heutigen Salinenberg. Hier wollte er ein Heim für die oft unbeaufsichtigten Kinder in der Au schaffen, deren Eltern von früh bis spät in der Saline arbeiteten. Dekan Meixner übertrug die Leitung der Einrichtung den Armen Franziskanerinnen von Mallersdorf, denen er später die Kapelle, das Haus und drei Tagwerk Grund vermachte.

Am 7. November 1894 kamen die ersten drei Ordensschwestern aus dem Mutterhaus in Mallersdorf ins Josefsheim und fanden erstmal kaum etwas Brauchbares vor: »Anfangs war die Not sehr groß. Beim Eintreffen der ersten Schwestern gab es nicht einmal genügend Tassen, Teller und Betten. Bürgerfrauen aus der Stadt halfen, das ganze Haus auszustatten«, heißt es in der Hauschronik. In der »Erziehungsanstalt« für Knaben und Mädchen im Alter von drei bis 17 Jahren trafen sehr bald so viele Kinder ein, dass das Haus bald zu klein wurde. Durch das großzügige Vermächtnis des Oberlehrers Michael Stöckl und anderer privater Spender konnte aber schon 1908 ein neues Haus nahe beim alten mit Spielhalle, Dampfheizung, elektrischem Licht und fließendem Wasser gebaut werden. Das Kinderheim St. Josef galt deshalb damals als das modernste Kinderheim weit und breit.

Als das städtische Waisenhaus in Traunstein 1920 an das Asyl angegliedert wurde, lebten bis zu 80 Kinder im Haus. Alle schliefen in einem großen Schlafsaal. 1929 führte die damalige Oberin Schwester Jaromilla allerdings grundlegende Neuerungen ein. Die Buben kamen in den Altbau, und der große Saal wurde in zwei Zimmer für die kleinen und die großen Mädchen aufgeteilt.

Josefsheim als Lazarett bis 1945

Im Zweiten Weltkrieg diente das Asyl in den Jahren 1942/43 bis nach Kriegsende vorübergehend als Lazarett für verwundete Soldaten. In dieser Zeit wurden alle Kinder bei den Eltern, Verwandten oder in anderen Einrichtungen untergebracht. Laut Eintragungen im amtlichen Meldebuch kamen die ersten Kinder erst wieder am 26. Juli 1946 ins Haus.

Die Mallersdorfer Schwestern, von denen es 1945 noch 16 Schwestern in Traunstein gab, wie eine alte Fotografie aus dem Jahr zeigt, hatten aber keineswegs »nur« mit den Kindern zu tun, sondern eine ihrer Hauptaufgaben war es, alte und kranke Bürger der Stadt Traunstein zu versorgen. Aus der Statistik von 1932 geht zum Beispiel hervor, dass 108 Kranke an 272 Tagen gepflegt, 375 Nachtwachen bei Kranken und Sterbenden gehalten und 811 Dienstleistungen bei Hausbesuchen geleistet wurden. Erst um das Jahr 1985 beendeten die Mallersdorfer Schwestern wegen Nachwuchsmangels ihren Pflegedienst in Traunstein.

Familienähnliches Zusammenleben

Im Kinderheim änderte sich die Form des Zusammenlebens in den 1960er Jahren entscheidend. Um ein eher familiäres Zusammenleben zu ermöglichen, wurden die Kinder in gemischte, kleinere Gruppen zusammengefasst. Wegen neuer Vorschriften mussten in der Zeit auch erhebliche Baumaßnahmen erfolgen. 1966 wurde der große Querbau mit Hallenbad neu errichtet. Das frühere Privathaus wurde abgerissen und der Stadt der notwendige Grund für die Verbreiterung der Straße zur Verfügung gestellt. Die alte Kapelle musste abgerissen werden und eine neue wurde im neu erbauten Haus im Obergeschoß untergebracht.

Auch eine der Heimgruppen wurde 1987 aufgelöst und in diesen Räumen neben der bereits vorhandenen Kindergartengruppe die neu geschaffene Kinderkrippe eingerichtet. Eine großzügige Hilfe des Rotaryclubs Traunstein ermöglichte es, 1988 das weitläufige Spiel- und Freizeitgelände neu zu gestalten und seitdem ständig zu erneuern und zu ergänzen. Auch die Wohnkultur änderte sich. Heute hat jede Wohngruppe, in der acht bis zwölf Kinder wohnen, ein eigenes Ess-, Spiel- und Wohnzimmer, mehrere Schlafräume und eine Küche. Elternsprechzimmer und Bereitschaftsraum für die Erzieher sind selbstverständlich. Allen stehen ein Therapie-, ein Musik- und Malzimmer, dazu ein Gymnastikraum und ein großer Saal für Gemeinschaftsveranstaltungen zur Verfügung.

In St. Josef werden heute insgesamt 185 Kinder und Jugendliche von 70 Mitarbeitern betreut. Es gibt 65 Krippenplätze, 74 Kindergartenplätze, 9 Plätze in der heilpädagogischen Tagesstätte, 12 in der Heimgruppe mit sozialpädagogischer Betreuung für Jugendliche zwischen 10 und 18 Jahren, dazu vier Plätze Betreutes Wohnen für junge Frauen ab 16 Jahren. Außerdem können im ehemaligen Klausurschwesternbereich 14 Studenten oder Auszubildende in ca. 14 Quadratmeter großen, möblierten Einzelzimmern leben. Das ist auch eine gute Möglichkeit für die Jugendlichen, die mit dem Erreichen von 18 Jahren eigentlich das Heim verlassen müssten, aber dennoch gerne im vertrauten Zuhause weiterleben möchten. Etwa seit dem Jahr 2000 ist das Josefsheim keine Stelle für die sogenannte Inobhutnahme mehr, weil andere Einrichtungen wie die in Oberwössen diese Aufgabe übernommen haben.

Im Zeichen des Salinenjubiläums

»Die Einrichtung hat sich in den 28 Jahren, in denen ich nun hier lebe, sehr verändert«, erzählt Karl-Heinz Oberhuber. Er hat noch die heute schon sehr alten Schwestern Euberta und Ansberta erlebt und sprang immer dann ein, wenn Not am Mann oder der Frau war. Auch als Schwester Ansberta als Leiterin der Einrichtung im Jahr 2000 ging und keine Nachfolgerin vorhanden war, fanden es alle selbstverständlich, dass »der 'Karli' das schon macht«. »Mir macht es tatsächlich immer noch viel Freude, auch wenn ich mit zunehmendem Alter schon immer wieder an meine Grenzen komme«, erklärt Oberhuber. Auf jeden Fall herrsche im Josefsheim ein sehr gutes Arbeitsklima und jeder der 70 Beschäftigten komme dem anderen zu Hilfe, wenn es notwendig ist.

 

Christiane Giesen

 

33/2019