Jahrgang 2019 Nummer 38

Das Kärntner Joppenringen

Im weitläufigen Nockberggebiet ist der besondere Ringkampf heute noch beheimatet

Selbst im Sonntagsgwand wurde gerungen.
Blasius Moser (links) und Julius Zarre beim »Hagglziagn«. (Bilder: Repros Schick)
Der Speiker- oder Wuzelzuck.
Turnschuhe lösten die schweren Gnagelten ab.

Kärnten – lateinisch Carinthia – wer denkt beim Nennen dieser wohlklingenden Namen nicht zugleich an Urlaub, TV-Soaps wie »Hotel am Wörthersee«, Bussi-Bussi-Promi-Szene, PS-starke GTITreffen oder an den Villacher Fasching? Dabei hat das südlichste Bundesland Österreichs, zwischen den Hohen Tauern und den Karawanken gelegen, natürlich ganz andere, beschaulichere Seiten zu bieten. Abseits aller gängigen Klischees. Wie beispielsweise das relativ dünn besiedelte Gebiet der Nockberge, das zusammen mit den dazugehörigen Teilen Salzburgs und der Steiermark zu einem UNESCOBiosphärenpark zusammengefasst ist. Was die Kärntner Nockberge mit ihren grasbewachsenen Berggipfeln betrifft (Nock: gleichzusetzen mit Kuppe), konnten sich die Menschen rund um die wald- und wildreichen Höhenzüge mit den eingebetteten Talschaften ihre angestammte Lebensart weitgehend bewahren. Es hat fast den Anschein, als hätten die Bewohner die außergewöhnliche Gabe, Zeit und Zeitgeist zwar nicht aufzuhalten, aber zumindest verlangsamen zu können. Gerade so wie es in ihren bedächtig vorgetragenen und melancholisch anmutenden Liedern zum Ausdruck kommt. Trotz aller modernen Einflüsse. Durch das Bewahren überlieferter Traditionen, dem Festhalten an Heimat und liebgewordener Bräuche ergibt sich dadurch so manche Besonderheit, die historisch gewachsen und typisch für die jeweilige Region ist. Eine dieser Besonderheiten ist das Kärntner Joppenringen. Es ist eine interessante Art des Ringkampfs von Mann zu Mann, die sich speziell im Nockgebiet in seiner ursprünglichen Form bis in die heutige Zeit erhalten hat. Betrieben wird es von jungen Burschen und Männern in einem überschaubaren Landstrich, der sich über Deutsch-Griffen, Sirnitz, Wachsenberg, Himmelberg, Ebene Reichenau, St. Lorenzen, Arriach und Bad Kleinkirchheim erstreckt. Deren Vereine haben sich zur Brauchtumsgruppe des Kärntner Bildungswerkes »Ringer des Nockgebietes« zusammengeschlossen. Im 19. und bis Mitte des 20. Jahrhundert war das Ringen allerdings noch viel weiter verbreitet, nämlich im gesamten Oberkärntner Raum. Darüber berichten Aufzeichnungen aus dem Drau- und Liesertal, der Millstätter Alm, dem Gurk- und Mettnitztal und vielen anderen Ortschaften. Bei einem Ringen auf der Turracher Höhe bewunderten über zweitausend Zuschauer die schneidigen Burschen bis in die Abendstunden hinein. Ähnlich dem Hundstoa-Ranggeln im Pinzgau, das heute noch alljährlich um den Jakobi-Tag stattfindet und als sportlicher Olymp der Salzburger gilt.

Vergnügliches Treiben auf der Ringer-Tratte

Für die Bewohner bedeutete jeder kirchliche Feiertag, Almkirta oder jedes andere Fest eine willkommene Gelegenheit, die mühsame, bäuerliche Arbeit wenigstens für ein paar Stunden hinter sich zu lassen. Umso überschwänglicher ging es bald rund um die Ringertratte (Tratte = kärntnerisch: Wiese, Wettkampfplatz) zu und nicht selten diente selbige nach dem Wettkampf als Freitanzboden. Diese aufgelockerte Stimmung fängt ein authentischer Bericht vom jährlichen Almkirchtag auf der Millstätter Alm ein, in dem es heißt: »Vor der Hütte versammelten sich die Kirchtags-Geher, die in den frühen Vormittagsstunden aus den Tälern aufstiegen. Die einen kamen mit einer Ziehharmonika, andere mit einem »Fotzhobel« (Mundharmonika), die dritten kamen mit einem Jauchzer über die Schneid her, die vierten mit einem schönen Kärntnerlied. …Dem Sieger des Ringkampfs winken große Ehren, ein Siegespreis und weiche Dirndllippen. Nach der Siegerverkündung wird freimütig zum Tanz aufgespielt. Zum späten Nachmittag geht es jedoch wieder ins Tal, weil daheim das Vieh in den Ställen wartet. Noch lange hallen die Jauchzer zurück über die Schneid hin zur Kampfstätte.«

Ringen und Singen gehörten zusammen

Unverwechselbares kärntnerisches Lebensgefühl, zu dem die ureigenste Leidenschaft des Singens dazugehört wie Heiligenblut zum Großglockner, beschreibt eine weitere Schilderung, die hier in Auszügen Einblick in das Ringergeschehen früherer Zeiten gewährt.

»Ab der Pfingstzeit ziehen die Ringer mit dem ganzen Anhang – auch die Dirndln – zu den bekannten Ringplätzen. Hier trafen sich (z. B. am Annatag, am Bittmittwoch, an Johanni, Peter und Paul usw., der Verf.) die Besten aus dem ganzen Nockgebiet, begleitet von ihren erwartungsfrohen Anhängern, nach stunden- und nächtelangen Anmarschwegen. Es war ein herrliches Erlebnis, wenn die Ringer mit Spielhahnfedern, kurzen Lederhosen und Wadelstutzen und einem langgezogenen vielstimmigen Jauchzer eintrafen. Schon beim Übungsringen wurde kräftig gesungen. Es war beileibe kein wildes Geschrei oder ein Scharsingen, nein, uraltes Kärntner Liedgut klang auf, vierstimmig, ja sogar fünfstimmig. Es war ein Singen aus tiefem Herzen mit Wohlklang, auf den Höhen rauer, in den Tälern weicher. Ohne Noten, Stimmpfeiferl und Chormeister. Ein Ringer sang an, und alle anderen fielen ein. Es gab dabei auch Meister, von Haus aus ausgezeichnete Quintler, die es gut verstanden, den Gesang voller erklingen zu lassen. Sie hatten alle Akkorde und Zwischenstimmen in den Ohren, und oft erlebte man hier staunenswertes Können und harmonischen Gesang. Da war es schön auf den Ringtratten, und lustiges Leben – kärntnerisches Volksleben – beherrschte die Jugend der Berge, auch wenn der Platz noch so abgelegen war. So war es überall im Nockgebiet.«

Angesichts solch überschäumender Lebensfreude lässt sich wohl auch das innige Verlangen besser verstehen, wenn der Bursch seiner Angebeteten wie in der ersten Strophe des gern gesungenen Kärntner Volkslieds die Offerte aufmacht: » A schens Büschei kaaf i dir, a guats Bussei gaab i dir, wenn du über de ‚Zertrattn‘ hoam gehst mit mir. Beim Hören der eingängigen Melodie wird einem jäh wieder bewusst, wie viele bekannte Lieder und Volksweisen ursprünglich aus Kärnten stammen. Durch Liedersammler, Volkskundler, Kaufleute und fahrendes Volk fanden sie ihre Verbreitung nicht nur bei uns im Chiemgau, sondern man hört sie heutzutage im gesamten oberbayerischen Raum. Als »Zertrattn « bezeichnen die Ringer übrigens das Wiesenstück, auf dem gerungen wird, weiß Rudolf Obergrießnig, der Obmann der Ringergemeinschaft Fresach. Es wird durch Holzstempen (Pflöcke) und Hanfstricke eingegrenzt und hat einen Durchmesser von 8,5 Metern.

Das Wegzpeckn lernten schon die Kinder

Die Lust zu ringen, erwacht schon in der Kinderzeit. Die Jungen schaun den Älteren zu, versuchen es ihnen nachzutun und erlernen auf solche Weise diese Kunst unmerklich ebenso leicht wie jede bäuerliche Arbeit. Die Zeit der Ernte bot dabei unbewusste Trainingseinheiten, zumal es die Aufgabe der Burschen war, vom Reißmesser alles, was beim Fahren daran haften blieb, wie Wasn, Knittl, Wurzn, Mistkroasn (Äste von der Streu) mit dem Fuß wegzuschlagen.

Wegzpeckn, wie der Kärntner eben den Fußschlag bezeichnet, der ja die Hauptsache bei dieser Ringart ist. Alles andere ergab der Alltag. Ein ehemaliger erfolgreicher Ringer erzählt darüber im typischen, weichmelodischen Dialektklang: »Man hot holt schon angfongan vor da Schual, unter Umständn ah in der Klass, wonn der Lehrer ausegongan is. Ban Hoamgeahn, im Stodl, aufn Tenn – überoll holt homar umargebolgt.« Mit zwölf Jahren, erinnert er sich, hat er täglich die Knechte herausgefordert, so lange, bis er sein erstes Turnier gewann und die begehrten Krummpn (Doppelstoarz-Spielhahnfedern) auf den Hut gesteckt bekam.

Keltischer Ursprung wie beim Ranggeln

Ebenso wie das bei uns bekannte Ranggeln oder das Celtic Wrestling geht der Ursprung des Joppenringens vermutlich in die Zeit der keltischen Besiedelung (=Noricum) zurück. Im Unterschied zum Ranggeln, dem schweizerischen Schwingen oder vielen anderen Ringkampf-Formen muss hier der Gegner nicht geschultert werden, um als Sieger hervorzugehen. Der Gegner gilt bereits als besiegt, sobald er mit einem Körperteil vom Knie aufwärts den Boden berührt. Das kann eine Hand, der Ellbogen oder ein Oberschenkel sein. Solange ein Kontrahent nur auf den Knien landet, muss der Kampf fortgesetzt werden. »Afs Knia is so viel as wia nia,« heißt es dort im Volksmund. Bedingt durch diese Kriterien spielen sich die Duelle hauptsächlich im Stehen ab. Wichtigstes Textil ist der Rock aus reißfestem Stoff, auch »Janger« (=Janker) genannt, den sich beide Gegner über das Hemd überstreifen und so gewappnet die Ausgangsstellung einnehmen. Gehalten wird ausnahmslos am Rockkragen (rechte Hand) und am Rockzipf bzw. Ärmel an der Seite des Ellbogengelenks mit der linken Hand. Sobald der Schiedsrichter das Kommando gibt »Zammgreifn – Los«, gehen beide langsam im Kreis herum, immer den Blick abwärts auf die Beine des anderen gerichtet, um die beste Gelegenheit für einen Angriff auszuspähen, das heißt ihm blitzschnell einen Fuß »auszupeckn« oder »fürzschlagn«, um ihn aus dem Gleichgewicht und zu Fall zu bringen. Außer diesen beiden Varianten, der gebräuchlichsten Art zu ringen, sind noch andere Würfe üblich. So das »Reißn«, bei dem man dem Gegner ein Bein »fürhap« (vorhält), so dass er darüber stolpert oder das »Graggln«, eine Art Beinhakln mit verschiedenen Techniken, sowie den »Speikerzuck« oder das »übern Arsch drahn«, was man ganz pragmatisch mit einem Hüftwurf gleichsetzen kann. So gesehen finden sich bei diesem Brauchtumssport vom Kampfstil her mehr Parallelen zum japanischen Judo, das allerdings erst seit etwa 300 Jahren bekannt ist. Ähnlichkeiten dürften sich also rein zufällig entwickelt haben.

Vor zwanzig Jahren konnten einige Chiemgauer Ranggler beim traditionellen Hochrindl-Ringen mitmachen. Sie waren beeindruckt von der freundschaftlichen Atmosphäre und der ungewohnten Kampftechnik, mit der man den Gegner regelkonform zu Boden bringen muss.

Den Bewohnern des Nockberggebiets bleibt zu wünschen, dass dieser besondere, volkskulturelle Schatz in Kärnten auch in Zukunft weiterlebt.

 

Ludwig Schick

 

Quellennachweis: Hans Walcher/ Alois Huber: »Zammgreifn – Los«, Carinthia-Verlag, Klagenfurt Obmann Rudolf Obergrießnig, Ringergemeinschaft Fresach.

 

38/2019