Jahrgang 2005 Nummer 19

Dampfschiffe auf dem Chiemsee

Dem Pionier Wolfgang Schmid (geb. 1805 gest. 1873) zum Gedächtnis

Wolfgang Schmid mit seiner Familie, rechts neben ihm (sitzend) Sohn Wolfgang. Das Foto, im Privatbesitz von Frau Anna Rausch, Gr

Wolfgang Schmid mit seiner Familie, rechts neben ihm (sitzend) Sohn Wolfgang. Das Foto, im Privatbesitz von Frau Anna Rausch, Grassau, dürfte um 1870 entstanden sein.
Der erste Chiemseedampfer von Wolfgang Schmid im Modell

Der erste Chiemseedampfer von Wolfgang Schmid im Modell
»Dampfer vor der Fraueninsel« nach einem Ölgemälde von Willy G. Flingelli. Es handelt sich dabei um die »Ludwig Feßler«, den ein

»Dampfer vor der Fraueninsel« nach einem Ölgemälde von Willy G. Flingelli. Es handelt sich dabei um die »Ludwig Feßler«, den einzigen Raddampfer auf dem Chiemsee.
18. Juli 1841

Sechs Personen ertrinken an diesem Sonntag im Chiemsee. In der Ausgabe Nr. 205 berichtet der Bayerische Landbote darüber sechs Tage später folgendes: »Dass auch tragische Szenen auf diesem bei heftig wehenden Winden empörten Wasser verfallen, haben wir leider heute wieder ein höchst trauriges Beispiel. So vielfältig schon solche ähnlichen Vorfälle sich ereigneten, so scheinen selbe doch keine Warnung gegeben zu haben, sonst würden nicht 13 Personen es gewagt haben, in einem einzigen, und sehr gebrechlichen Fahrzeuge, bei dem heftigsten Winde und dem Tosen der Wellen vom sichern Lande zu stoßen.

Freilich mag das etwas im Übermaße genossene und auf der Herreninsel bekanntlich sehr gute Bier hieran einige Schuld tragen. Kurz das Unglück geschah auf einer Überfahrt von Herrenchiemsee aus nach Stock und von den 13 im Schiffe befindlichen Personen ertranken vier männliche und zwei weibliche Induvidien, alle noch in ihrem schönsten Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Besonders traurig war es, daß die sechs ertrunkenen Personen ganz nahe dem Lande schon waren, von den heftigen Wellen jedoch wieder fort gerissen wurden.

Der Aussage einiger nach, soll die eine Seitenwand des Schiffes durch das heftige Anschlagen der Wellen, verbunden mit der Ungeschicklichkeit des Schiffers, gebrochen seyn, und so diese traurige Catastrophe herbeigeführt haben. Daß die Schiffe, sogenannte Einbäume, aus einer einzigen Eiche gezimmert, hie und da sehr ruinös sind, indem sie aus Ökonomie immer wieder ausgeflickt werden, bedarf keiner großen Betheuerung. So ein Schiff bergt oft viele Menschen, die bei plötzlichen Bruche des Selben dem unvermeidlichen Tode ausgesetzt sind, daher von Zeit zu Zeit eine Nachsicht dieser Schiffe sehr zweckmäßig wäre.«

13. August 1841

Nach diesem Unglück war das königliche Landgericht Trostberg am 20. Juli sofort tätig geworden und gab einen Bericht an die königliche Regierung von Oberbayern, Kammer des Innern. Diese Behörde veranlasste in einem Rundschreiben an sämtliche Landgerichte, in deren Bezirke schiffbare Seen oder Flüsse vorhanden waren, eine sofortige Meldung, welche Schiffe im Einsatz sind. Erstaunlicher Weise lagen alle dieser Rückmeldungen termingerecht vor. Darauf hin wurden die nachgeordneten Behörden aufgefordert, künftig den Schiffsverkehr laufend zu überwachen.

22. Februar 1843
Möglicherweise hat der tragische Tod von sechs Personen im Juli 1841 Wolfgang Schmid, einen erfolgreichen Zimmermeister in Übersee, sehr betroffen gemacht. Seit Jahren mit vielfältigen Aufgaben vertraut könnte er sich Gedanken gemacht haben, dass die gebräuchlichen Einbäume für einen Personenverkehr auf dem Chiemsee nicht mehr geeignet sind. Vielleicht ist ihm auch bekannt geworden, dass der Schweizer Fabrikant Johann Casper Bodmer für den Bodensee ein Dampfschiff hatte erbauen lassen, das 1818 fertig gestellt wurde. (Stephanie, Vorname der badischen Großherzogin).

Kurzum, Wolfgang Schmid hatte sich bestimmt seit Jahren überlegt, wie ein seetüchtiges und dampfbetriebenes Schiff gebaut werden könnte, wobei er als Zimmerer bei Holz als Material für den Schiffskörper geblieben ist. Beim königlichen Landgericht Trostberg gab er darauf hin sein Vorhaben zu Protokoll und führte im Wesentlichen folgendes aus:

»Ich bin willens, nach anliegenden Plänen ein Dampfschiff zu bauen, um mit dem selben auf dem Chiemsee nach allen Richtungen hin Fahrten zu machen und auf das selbe Personen zu Überfahrten oder auch Lustfahrten aufzunehmen, mitunter auch Lasten zu transportieren, in dem ein niederes Schleppschiff an das selbe angehangen wird.

Der Dampfkessel und die Maschinerie wird der königliche Hofbrunnmeister Höß in München in der Art besorgen, dass er die Maschinerie selbst verfertigt, den Dampfkessel aber durch den Kupferschmid Feßler in München verfertigen lässt.

Das Dampfschiff selbst will ich als Zimmermeister selbst aus Fichtenholz herstellen... Die Leitung dieses Dampfschiffes will ich selbst übernehmen... Ich stelle daher die Bitte, mir die Erbauung eines Dampfschiffes gnädigst zu gestatten und mir die Lizenz zu erteilen...

... Daß das Dampfschiff selbst eine Länge von 70 Schuhen (entspricht 20,44 Meter) und an der Stirne eine Breite von circa 12 Schuhen und in der Mitte von 14 Schuhen erhalten soll.«

13. Juli 1843

Durch eine Entschließung der Kammer der Finanzen an das königliche Rentamt Trostberg (das als Hoffischmeisteramt beteiligt war) wird die Dampfschifffahrt auf dem Chiemsee bewilligt. Darin sind allerdings einige Auflagen enthalten, unter anderem die:

1. Dass dem Unternehmer bei weiterem Verfolgen seines Versuches zu bedenken werde, ob nicht an statt der Konstruktion des Schiffkörpers aus Fichtenholz eine solche vom Eichen- oder anderem harten Holz oder von Eisen zu wählen sei.

2. Dass Schmid nur solche Bedienungen bei der Dampfmaschine aufstellt, welche sich über die erforderliche Befähigung ... ausweisen.

3. Dass endlich Schmid den Fahrtarif für jedes Fahrjahr jedes Mal vor Beginn der Fahrten der vorgesetzten Behörde zur Genehmigung vorlege.

5. Mai 1845:

Von Feldwies aus wird mit dem neugebauten Schiff eine Probefahrt zur Fraueninsel durchgeführt. Das war natürlich für die einheimische Bevölkerung ein besonderes Ereignis und Grund, sich mit dem neuartigen Seefahrzeug zu messen.

In einer Aufzeichnung der Benediktinerinnen auf der Fraueninsel heißt es dazu: »Heute landete zum ersten Male mittags 12 Uhr das Dampfschiff von der Feldwies kommend auf seiner Probefahrt dahier beim Klostersteg an; um 2 Uhr fuhr es nach Herrenchiemsee ab. Es ging sehr langsam, sodass ihm die gewöhnlichen hiesigen Schiffe leicht nachfuhren und es einholten.«

12. Mai 1845

Das von Schmid erbaute Schiff, ausgestattet mit einem Dampfkessel der Firma Feßler, Kupferschmiedemeister, aus München und der Dampfmaschine der Firma Höß, Hofbrunnmeister, ebenfalls aus München sticht zur ersten Linienfahrt von Feldwies aus in See. Ziel sind die Herreninsel und Stock bei Prien.

29. Juli 1845

Das Gräflich Preysing’sche Herrschaftsgericht Hohenaschau erteilt für den regelmäßigen Schiffsbetrieb ein Patent, das folgende wesentliche Punkte beinhaltet:

Abfahrten
Täglich 7 Uhr früh von Feldwies nach Prien, von dort um 10 Uhr früh über Herren- und Fraueninsel nach Arlaching...
Preise mit 25 Pfund gepäckfrei
Von Feldwies nach Stock 24 K, von Feldwies nach Herreninsel 18 K, von Feldwies nach Fraueninsel 12 K...
Die königliche Gendamerie und das Gerichtsdienerpersonal wird hiervon mit der Weisung in Kenntnis gesetzt. Abweichungen in der Einen oder Anderen Beziehung zur Anzeige zu bringen.

Als Kapitän hatte Wolfgang Schmid von Anfang an laufend Schwierigkeiten. Immer wieder gab es Schäden im Maschinenteil, die von Handwerkern der Firma Feßler behoben werden mussten. Aber auch der hölzerne Schiffskörper, von der Dampfmaschine und den noch starren Schaufelrädern ständig erschüttert, wurde schadhaft. Die Brennholzbereitstellung an den Ufern bei den Haltestellen klappte nicht, weshalb das Schiff, dessen Dampfmaschine eine Menge an Holz verschlang, kaum voranzubringen war. Als er einmal – dem Fahrplan entsprechend – mit seinem Schiff von Arlaching zur Fraueninsel unterwegs war, kam heftiger Herbststurm auf. Plötzlich war alles heizbare Material verbraucht, das rettende Ufer aber lange nicht erreicht. Kurzer Hand ordnete Schmid an, die Sitzbänke des Schiffes abzubauen und zu verheizen. So gelang es ihm, mit seinen Passagieren die Anlegestelle zu erreichen. Das alles war für den Pionier auf dem Chiemsee möglicherweise Anlass, an den Bau eines zweiten Dampfers zu denken, der dann 1846 den Fahrbetrieb aufnahm.

März 1847

Auch mit dem zweiten Raddampfer blieb Wolfgang Schmid ein wirtschaftlicher Erfolg versagt. Vor allem die laufenden Reparaturen an den Maschinen und am Dampfkessel durch Fachleute der Firma Feßler und Maffei verschlangen beträchtliche Kosten. Zudem war verständlicher Weise während der Wintermonate der Schiffsverkehr von vornherein ein Geschäft zum Draufzahlen. Alle diese Umstände haben Schmid wohl bewogen, mit dem Inhaber der Firma Feßler wegen der Übernahme des Fahrbetriebs zu sprechen und zu verhandeln.

25. Februar 1848

Seine Majestät der König hat aller gnädigst geruht, Alois Sedelmeier, Chieming, und Joseph Feßler, München, die Bewilligung erteilt, die Dampfschifffahrt fortzusetzen. In diesem Erlass sind wiederum etliche Auflagen enthalten.

11. Juni 1849

Joseph Feßler übernimmt von Wolfgang Schmid das Dampfschiff 2 samt Holz und alles was zum Schiff gehört zu einem Kaufpreis von 2300 Gulden. Ein entsprechender Eintrag findet sich im Schreibkalender von Joseph Feßler, mit dem Wolfgang Schmid fortdauernd geschäftlich verbunden war. Die Zeit als Schiffseigner und Kapitän ist für Schmid nun endgültig vorbei. Der »Dampfwoferl« ist damit auch die finanziellen Sorgen los, die ihn seit 1845 ständig begleitet hatten. Inzwischen in Grassau im Ortsteil Kucheln ansässig ist er wieder als gefragter Zimmermeister tätig.

1859

Das hölzerne Dampfschiff Nr. 3 wird aus dem Verkehr genommen. Seit dem Mai durchpflügt nun ein Dampfschiff aus Eisen, die Herzog Maximilian I, hergestellt von der Firma J. A. Maffei, München, den Chiemsee.

Quellennachweis:
Bayerischer Landbote, Ausgabe 1841, Bayerische Staatsbibliothek München,
Staatsarchiv München,
Firmenarchiv Feßler, Prien,
Privatarchiv Arno Berleb, Starnberg,
Die Schiffahrt am Chiemsee, von Arno Berleb, Rosenheimer Verlag 1995,
Chiemseeschiffe, Arbeit und Vergnügen, Ausstellung im Jahr 1995 zum 150-jährigen Jubiläum der Chiemsee-Schifffahrt in Prien.


Zu diesen mit Schriftstücken belegten Tatsachen sind ergänzend folgende Anmerkungen notwendig:

1. Der Standort der einstigen Zimmererwerkstatt von Wolfgang Schmid in Übersee konnte nicht ausfindig gemacht werden. Trotz Nachforschungen in Archivunterlagen der Gemeinde Übersee und im Grundstückskataster von 1854 für diese Gemeinde war darüber nichts zu entdecken.

2. Die in der Niederschrift vor dem Landgericht Trostberg (22. Februar 1843) genannten Planunterlagen zum Bau des Schiffes waren laut Heimatforscher und Autor Arno Berleb schon bei den Archiveinsichten für sein Buch »Schifffahrt am Chiemsee« in den Jahren 1992/93 nicht vorhanden. Ein Versuch, diesen Unterlagen möglicher Weise im Archiv des Deutschen Museums auf die Spur zu kommen, blieb ergebnislos. Es fand sich dort leider nur ein Schiffsbauplan von 1854, der natürlich mit dem Vorhaben von Wolfgang Schmid nichts zu tun hatte. Um sich das erste Dampfschiff des Chiemsees überhaupt vorstellen zu können, entschied die Vorstandschaft des Vereins für Industrie- und Technikgeschichte im südlichen Chiemgau e. V., den Nachbau in einem Modell nach den bekannten Maßen anfertigen zu lassen. Dabei kann es sich nur um einen Versuch handeln.

3. Im Gedenkblatt zum 60 jährigen Bestehen der Chiemsee-Dampfschifffahrt fanden sich Hinweise, dass das erste Schiff von Wolfgang Schmid im Ortsteil Hagenau an der Ostseite des Chiemsees gebaut wurde. Daraufhin wurde versucht, den Schiffsbauplatz im Gebiet der früheren Gemeinde Oberhochstätt, jetzt Gemeinde Grabenstätt, ausfindig zu machen. In verschiedenen Planunterlagen vom Chiemsee aus den Jahren 1850 bis 1890 waren keine, aber auch nicht die geringsten Hinweise, zu finden.

Deshalb wurde vor Ort gesucht, an welcher Stelle dieses Uferbereichs vor jetzt über 160 Jahren womöglich der Platz war, an dem das Holzschiff mit einer Länge von gut 20 Metern gebaut werden konnte. Erschwert wurde dieses Unterfangen allerdings durch die Tatsache, dass der Chiemsee im Jahr 1904 um ca. 1,00 m tiefer gelegt wurde und sich damit die Uferlinie völlig verändert hat. Nach eingehendem Augenschein fand sich – verbunden mit einer jetzt noch vorhandenen Uferzufahrt – ein Stelle, die vielleicht schon damals Wolfgang Schmid ausgesucht hatte. Neben dem sanft abfallendem Gelände zum See sind ausgedehnte Fichtenwaldungen vorhanden. Das war genau das Holz, das Schmid zum Schiffsbau verwendet hatte. Bestimmt war ein solcher Holzbestand in diesem Gebiet auch damals vorhanden, sodass sich für die beträchtliche Menge an Bauholz keine Transporte ergaben. Hagenau war übrigens der Heimathafen für die Schmid’schen-Dampfer wohl auch deshalb, weil dort gleich das Brennmaterial für den Dampfkessel verfügbar war. Übrigens finden sich an der ganzen Ostseite in unmittelbarer Nähe des Chiemsees keine größeren Waldungen wie solche bei Hagenau.

4. In allen Veröffentlichungen über Wolfgang Schmid ist von ihm als Grassauer die Rede. Das ist auch zutreffend, nachdem er in Mietenkam im November 1805 zur Welt gekommen ist. Über seinen Lebensweg bis zum selbständigen Zimmermeister in Übersee, also in der Nachbargemeinde, ist aber nichts bekannt. Fest steht, dass er dort eine Werkstatt hatte und auch als Schifffahrtskapitän zu Hause war (Anlegestelle in Feldwies).

Zu dieser Zeit wollte er mit Handwerksbetrieb und Familie nach Grassau zurück. Die damalige Gemeindeverwaltung versuchte das zu verhindern. Entsprechende Schreiben an das königliche Landgericht Traunstein aus den Jahren 1845 und 1847 lassen deutlich werden, wozu Geschäftsneid oder andere Gründe führten, um Schmid schlecht zu machen. Ungeachtet dessen ist es ihm dann durch Erwerb des sogenannten Sieglgütls in Kucheln im September 1847 gelungen, ortsansässig zu werden. Von hier aus konnte der erfahrene und tüchtige Zimmermeister weiter tätig werden. Das belegen z. B. ein Plan zum Neubau der Sagmeistermühle in Rottau von 1851 und die Zeichnung zum Bau einer Winterhütte für das Dampfschiff von Joseph Feßler (1854). Im 20. Jahrhundert hat die Gemeinde Grassau ihren einstigen Mitbürger Wolfgang Schmid nicht vergessen. Es wurde eine Straße nach ihm benannt und im Erdgeschoß des Rathauses eine Gedenktafel angebracht.

CDH


Quellennachweis:
Archiv des Marktes Grassau
Gründstückskataster des Vermessungsamtes Traunstein für die Gemeinden Übersee (1854) und Grassau (1855) Claus Dieter Hotz



19/2005